Die folgende Arbeit will untersuchen, ob und inwieweit der Luftangriff von Kundus den im Bundestag vorherrschenden Diskurs zum Afghanistankrieg beeinflusste. Sie will verstehen, inwiefern er von den Parlamentariern ähnlich wie in der Öffentlichkeit und den Medien als Zäsur wahrgenommen worden ist - und wie sie sich gegenüber diesem Ereignis positionierten. Und die Arbeit will beantworten, ob der Luftangriff von Kundus für die Plenardebatten zum Afghanistankrieg als ein diskursives Ereignis zu verstehen wäre.
Wie Kundus bis heute nachwirkt titulierte die Tagesschau am 16.02.2021 einen Artikel über ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Ein afghanischer Vater, der am 04. September 2009 zwei Söhne bei dem Luftangriff bei Kundus verlor, hatte die Bundesrepublik Deutschland verklagt. Die Richter*innen wiesen seine Klage ab und entschieden zugunsten der BRD.
In dem Tagesschauartikel wird der damalige Oberbefehlshaber des Afghanistan-Einsatzes, Rainer Glatz, mit den Worten „In der Wahrnehmung der deutschen Politik hat Deutschland an diesem Tag seine Unschuld verloren“ zitiert. Diese oder ähnliche Aussagen finden sich im Zusammenhang mit Kundus immer wieder. Der größte von einem Deutschen befehligte Luftangriff seit dem zweiten Weltkrieg, wird vielfach als eine Zäsur und als ein Verlust der Unschuld verstanden. Seit dem Luftangriff sind mittlerweile zwölf Jahre vergangen, dennoch zeigt die Tatsache, dass weiterhin Gerichtsverfahren deswegen angestrengt werden, wie bedeutsam und präsent der Fall Kundus bis heute ist. Auf der Diskursebene der Gesellschaft veränderte sich durch den Luftangriff das Bild über den Afghanistankrieg. Zuvor als Brunnenbauer und Helfer bezeichnete deutsche Soldaten konnten auch Täter sein und die Frage nach der Rechtmäßigkeit und dem Hintergrund des Bundeswehreinsatzes wurde in der Gesellschaft diskursiv neu verhandelt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag vor dem 04.09.2009
3. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 08.09.2009
4. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 03.12.2009
5. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 26.02.2010
6. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 01.12.2011
7. Fazit
8. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht mittels einer qualitativen kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger, inwiefern der Luftangriff von Kundus am 04. September 2009 den parlamentarischen Diskurs zum Afghanistankrieg im Deutschen Bundestag beeinflusst und verändert hat.
- Kritische Diskursanalyse parlamentarischer Protokolle
- Wandel von Legitimationsstrategien und Terminologien
- Die Rolle des Kundus-Luftangriffs als diskursives Ereignis
- Verhältnis zwischen parlamentarischer Debatte und gesellschaftlicher Diskursebene
- Parteipolitische Diskurspositionen und deren zeitliche Entwicklung
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Wie Kundus bis heute nachwirkt titulierte die Tagesschau am 16.02.2021 einen Artikel über ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Ein afghanischer Vater, der am 04. September 2009 zwei Söhne bei dem Luftangriff bei Kundus verlor, hatte die Bundesrepublik Deutschland verklagt. Die Richter*innen wiesen seine Klage ab und entschieden zugunsten der BRD.
In dem Tagesschauartikel wird der damalige Oberbefehlshaber des Afghanistan-Einsatzes, Rainer Glatz, mit den Worten „In der Wahrnehmung der deutschen Politik hat Deutschland an diesem Tag seine Unschuld verloren“ zitiert. Diese oder ähnliche Aussagen finden sich im Zusammenhang mit Kundus immer wieder. Der größte von einem Deutschen befehligte Luftangriff seit dem zweiten Weltkrieg, wird vielfach als eine Zäsur und als ein Verlust der Unschuld verstanden. Seit dem Luftangriff sind mittlerweile zwölf Jahre vergangen, dennoch zeigt die Tatsache, dass weiterhin Gerichtsverfahren deswegen angestrengt werden, wie bedeutsam und präsent der Fall Kundus bis heute ist. Auf der Diskursebene der Gesellschaft veränderte sich durch den Luftangriff das Bild über den Afghanistankrieg. Zuvor als Brunnenbauer und Helfer bezeichnete deutsche Soldaten konnten auch Täter sein und die Frage nach der Rechtmäßigkeit und dem Hintergrund des Bundeswehreinsatzes wurde in der Gesellschaft diskursiv neu verhandelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Relevanz des Falls Kundus als Zäsur für den Afghanistaneinsatz und Vorstellung der Forschungsfrage sowie methodischen Vorgehensweise.
2. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag vor dem 04.09.2009: Analyse der Argumentationsmuster im Bundestag, die vor dem Luftangriff von Kundus den Diskurs prägten, insbesondere der Fokus auf Stabilisierung und Terrorismusbekämpfung.
3. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 08.09.2009: Untersuchung der unmittelbaren parlamentarischen Reaktion auf den Luftangriff, bei der trotz des Vorfalls keine neuen inhaltlichen Elemente den bestehenden Diskurs ersetzten.
4. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 03.12.2009: Analyse der Debatte zur Mandatsverlängerung, in der erste Verschiebungen hin zu stärkerer Forderung nach Aufklärung und zivilem Aufbau erkennbar werden.
5. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 26.02.2010: Beleuchtung der zunehmenden Frontenbildung zwischen den Fraktionen hinsichtlich der Mandatsverlängerung und der stärkeren Instrumentalisierung des Kundus-Falls in der Debatte.
6. Der Diskurs zum Afghanistankrieg im Bundestag am 01.12.2011: Bewertung des Diskurses im Kontext der Ergebnisse des Untersuchungsausschusses und der Einordnung des Luftangriffs als Zäsur durch die Parlamentarier.
7. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage über die diskursverändernde Wirkung des Luftangriffs von Kundus im Deutschen Bundestag.
8. Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primärquellen aus Plenarprotokollen und der herangezogenen Fachliteratur zur Diskursanalyse.
Schlüsselwörter
Kundus, Afghanistankrieg, Diskursanalyse, Bundestag, Bundeswehr, Luftangriff, Zäsur, ISAF, Mandatsverlängerung, Terrorismusbekämpfung, Diskursposition, Legitimation, Friedenssicherung, Zivilgesellschaft, Untersuchungsausschuss.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, wie sich der parlamentarische Diskurs im Deutschen Bundestag zum Einsatz in Afghanistan durch den Luftangriff von Kundus am 04. September 2009 verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die Entwicklung der Argumentationsmuster bei Mandatsverlängerungen, die Verschiebung von Legitimationsstrategien sowie die Rolle von Parteipositionen im parlamentarischen Diskurs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu beantworten, ob der Luftangriff von Kundus als diskursives Ereignis zu verstehen ist, das die Argumente, Definitionen und die Sprache des Bundestags zum Afghanistankrieg maßgeblich beeinflusst hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird die qualitative kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger angewandt, um Aussagen und Wissensbestände der Debatten systematisch auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert exemplarische Plenardebatten zwischen 2009 und 2011, um die diskursive Entwicklung von der Vorkriegszeit bis zur Berichterstattung des Untersuchungsausschusses darzustellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Diskursanalyse, Afghanistankrieg, Kundus, politische Kommunikation, Legitimation und parlamentarische Debatte beschreiben.
Inwiefern hat Kundus die Sprache der Politiker verändert?
Die Untersuchung zeigt, dass der Begriff des „Krieges“ – früher tendenziell vermieden – nach Kundus häufiger und über Fraktionsgrenzen hinweg zur Beschreibung des Bundeswehreinsatzes verwendet wurde.
Warum spielt die Parteiposition bei der Bewertung des Falls eine Rolle?
Die Autorin stellt fest, dass die Fraktionszugehörigkeit und die damit verbundene Regierungs- oder Oppositionsrolle die diskursive Haltung der Akteure oft stärker beeinflussen als das Ereignis selbst.
- Quote paper
- Deborah Rohne (Author), 2021, Kundus als Zäsur. Eine Diskursanalyse der Bundestagsdebatten zum Afghanistankrieg nach dem 04. September 2009, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1244527