Das Verhältnis von Meinung und Wissen im Lehrgedicht des Parmenides


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aufgabenstellung
1.2 Zielsetzung der Arbeit
1.3 Methodische Vorgehensweise

2 Überblick über das parmenidesche Lehrgedicht

3 Doxa und Episteme als Meinung und Wissen
3.1 Episteme und aletheia
3.2 Doxa

4 Das Verhältnis von Meinung und Wissen
4.1 Empirie und Logik
4.2 Thematisierung der doxa
4.3 ‚Die drei Wege’, Zuordnung von doxa und episteme

5 Die Verschlossenheit der episteme
5.1 Charakteristika des Wissenden
5.2 Über das ‚Nichtgelangen-Können’ zum Wissen
5.3 Über das ‚Nichtgelangen-Wollen’ zum Wissen

6 Fazit

Verzeichnis griechischer Begrifflichkeiten

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Versicherung

1 Einleitung

1.1 Aufgabenstellung

Das Verhältnis von Meinung und Wissen im Lehrgedicht des Parmenides wird von den griechischen Begriffen „ doxa “ (Meinung) und „ episteme “ (gesichertes Wissen) abgebildet. Beide werden innerhalb des Gedichtes thematisiert, die doxa als Schein-Wissen der Vielen (polloi) aufgedeckt und die episteme, als das Wissen um die Wahrheit (aletheia) und Unverborgenheit der Dinge beschrieben. Wie sich Meinung und Wissen abgrenzen, ergänzen oder widersprechen ist nicht nur eine gewichtige Frage innerhalb des Proömiums vor mehr als 2500 Jahren, sondern besitzt auch heute noch große Aktualität.

1.2 Zielsetzung der Arbeit

Die Arbeit wird Meinung und Wissen im Proömium des Parmenides untersuchen und aufzeigen, welche große Wirkung damit erzielt wurde. Es wird dargelegt, wie das Verhältnis von Meinung und Wissen unter dem Aspekt der Erkenntnistheorie zu betrachten ist. Darüber hinaus wird gezeigt, wie sich die doxa unter den Menschen verbreiten konnte, obgleich sie im Gegensatz zur episteme kein gesichertes Wissen darstellt.

1.3 Methodische Vorgehensweise

In Kapitel 2 wird zunächst ein Überblick über das Proömium des Parmenides „Über die Natur“ gegeben, wobei die Auseinandersetzung eng mit dem Originaltext verbunden ist. Folgend wird eine Abgrenzung und tiefere Begriffserklärung von doxa und episteme erfolgen. Im vierten Kapitel wird Meinung und Wissen im Verhältnis von Empirie und Logik untersucht, warum Parmenides der doxa in seinem Lehrgedicht einen hohen Stellenwert zu geben scheint, und welche Wege des Wissens oder Nichtwissens sich dadurch ergeben könnten. Diese Untersuchungen beziehen sich sowohl auf den Primärtext als auch auf Sekundärliteratur. Abschließend wird aufbauend auf dem Erörterten eine Überlegung dargelegt, wie sich die doxa gegenüber der episteme behaupten konnte; warum sie so überlebensfähig ist. Die Arbeit schließt mit einem Fazit.

2 Überblick über das parmenidische Lehrgedicht

In dem parmenidischen Lehrgedicht ‚Über die Natur’ wird ein Mann auf eine Reise geschickt, die ihn von den ausgetretenen Pfaden der Meinung der Vielen weg, hin zu der allumfassenden Wahrheit (aletheia) führt. Diese Bildungsreise, welche dem Mann zu Teil wird, bringt ihn schließlich zu einer ‚Göttin’, die ihn in die Geheimnisse des unverborgenen Wissens (episteme) einweiht. Sie zeigt ihm „der wohlgerundeten Wahrheit nie erzitterndes Herz“[1], wie auch die Missverständnisse und das bloße ‚Glauben-zu-Wissen’, die doxa, welche aus falschen Vor-stellungen der Sterblichen geboren ist.[2]

Die Reise zeigt entscheidende Charakteristika der altgriechischen Kultur auf. Wissen zu erlangen wurde nicht nur durch die Anstrengungen des Menschen beeinflusst, sondern war vielmehr eine göttliche Gabe, die nicht jedem zu Teil wurde. Sich aus eigener Kraft auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben, war im Selbstverständnis der griechischen Antike nicht möglich. Es bedurfte der göttlichen Fügung, des Wohlwollens der Götter. Ein Mensch kann sich selbst nicht in einen Zustand der Wissbegierde versetzen, er muss durch göttliche Inspiration ‚wissbegierig’ werden.

Dieses Muster ist ebenso im parmenidischen Proömium ‚Über die Natur’ zu erkennen. Der Jüngling wird auf eine Reise geschickt, aber nicht er selbst sorgt für das Fortkommen, sondern ein Rossgespann. Hingegen kann der Jüngling den Pferden durch seinen Geist (nous) die Richtung der Reise vorgeben.[3] Es scheint sich also um eine geistige Reise zu handeln, denn sie ist ohne Grenzen.[4] Der Jüngling kann soweit gelangen, wohin sein nous ihn trägt. Demnach weit über Grenzen hinaus, die ein Rossgespann jemals erreichen könnte. Die Schranken der Außerweltlichen scheinen aufgehoben zu sein.

Die Fahrt ist indes eine Herausforderung, eine neue Erfahrung, die auch Gefahren in sich birgt: „…des Wagens Achse, von zwei wirbelnden Kreisen beflügelt…“.[5] In anderen Übersetzungen wird gar von ‚brennenden’ Achsen gesprochen.[6]

Als Schutzgeleit kann sich der Reisende den ‚Heliaden’, den Sonnenmädchen, gewiss sein. Sie führen den Wagen zu neuen Gefilden der Göttin. Die Gefahr der Reise besteht darin, die gewohnten Regionen menschlichen Daseins zu verlassen. Der Jüngling wird zu nie betretenen Pfaden gelangen, um dort Einblick in die aletheia zu erhalten, welche nur Wenigen zugänglich ist.[7]

Am Ende der Reise gelangt der Fahrer zu einem Tor, welches der Bewachung der Göttin ‚Dike’ obliegt. Nur sie hat die Möglichkeit, die Sterblichen einzulassen oder ihnen den weiteren Weg zu verweigern. Doch der Jüngling gelangt mit Hilfe der schmeichelnden Heliaden durch das Tor und wird von einer weiteren Göttin[8] sowohl über die aletheia als auch über die Meinung der polloi, die doxa, unterrichtet.[9]

3 Doxa und Episteme als Meinung und Wissen

Der Reisende wird von der Göttin zu reinem Wissen, der episteme, gebracht. Sie wird ihm das Scheinwissen der Menschen offenbaren, die doxa. Um eine Abgrenzung vornehmen zu können, werden folgend beide Begrifflichkeiten im parmenidischen Proömium untersucht.

3.1 Episteme und aletheia

Die episteme wird durch ‚Wissen’ oder ‚Wissenschaft’ übersetzt.[10] Episteme wird dem Seienden derartig zugeordnet, dass es das wahrhaft Seiende erkennt. Das wahrhaft Seiende wiederum ist ein weiterer zentraler Begriff im parmenidischen Proömium. Es drückt sich als aletheia aus. Offenkundig existiert eine enge Verknüpfung von episteme und aletheia. Die episteme ist das Mittel, um zur aletheia zu gelangen, um sie zu erfahren.

Die aletheia wird von der Göttin offenbart, sie zeigt die Wirklichkeit, die Wahrheit und im eigentlichen Sinne von lethos und der Vorsilbe „-a“, die Unverborgenheit.[11] lethos bedeutet zum einen ‚Verborgenes’, zum anderen das ‚Vergessene’. Durch die Vorsilbe ist die a-letheia demnach unverborgen und unvergessen. Eine treffendere Übersetzung wäre aus diesem Grund ‚gegenwärtig’, da dies sowohl temporal als auch lokal zu verstehen ist.[12] Die Metaphorik des Enthüllens, des Unverborgenen, ist durch das gesamte Lehrgedicht zu erkennen, so zum Beispiel das Enthüllen der Heliaden, welche ihre Schleier zurückschlagen[13] oder das sich öffnende Tor zur Erkenntnis.[14]

Die episteme, welche die aletheia kennt, ist im Gegensatz zur doxa ein fundiertes, gefestigtes Wissen. Hierbei werden die Dinge nicht nur hingenommen wie sie gesehen und erfasst werden, sondern es wird hinterfragt, es wird erschlossen. ‚Wissen’ bedeutet in diesem Sinne nicht nur das Erschließen des Erschließbaren, sondern auch die Kenntnis des Erschließenden der Erschlossenheit.[15]

‚Das Herz der Wahrheit’, welches die Göttin ankündigt, ist indes still und nie erzitternd.[16] Es wird dadurch eine Vollkommenheit signalisiert. Die Vollkommenheit zeigt sich in der Ruhe, in dem Nicht-Werden. Denn solange sich etwas noch im Schaffens- oder Werde-Prozess befindet, so ist es noch nicht vollkommen. Die aletheia ist vollkommen und ruht.[17]

Besonders das ‚geistige’ Sehen stellt einen wichtigen Teil der episteme dar. Es werden nicht nur die reinen Sinneseindrücke aufgenommen, vielmehr kann das geistige Sehen sich von der Außenwelt emanzipieren und eine höhere Wahrheit anstreben. Die Welt wird als eine Reflexion des Denkens hinterfragt.[18] Die episteme findet sich nicht im Außerweltlichen, sie ist vielmehr geistig. Es ist das Denken in höchster Anstrengung und somit beinahe göttlich.[19] Parmenides wird als erster den Versuch unternehmen, die aletheia dem Menschen durch die episteme zugänglich zu machen.

In der griechischen Tradition war das reine Wissen den Göttern vorbehalten. Damit brach Parmenides. Durch Kontradiktion öffnet er den Weg zum gesicherten Wissen. Das ‚Sowohl-als-auch’ der doxa lässt er zurück und führt die Menschen durch ‚logischen Zwang’ und ‚evidenten Beweis’ näher an die Wahrheit heran.[20]

[...]


[1] Parmenides: Über die Natur, übersetzt von Riezler, K., Berlinger, R. (Hrsg.): Parmenides, 2. Aufl., Frankfurt: Klostermann 1970, S. 25, Fragment I v.22

[2] vgl. ebd., S. 25ff

[3] vgl. ebd., S. 25, Fragment I v.1

[4] vgl. Günther, H-C.: Aletheia und Doxa, Das Proömium des Gedichtes des Parmenides, Berlin: Duncker & Humblot 1998, S. 18

[5] Parmenides: a.a.O., S. 25, Fragment I v.6

[6] vgl. Bormann, K.: Parmenides, Untersuchungen zu den Fragmenten, Hamburg: Felix Meiner Verlag 1971, S. 29

[7] vgl. Parmenides: a.a.O., S. 25, Fragment I v.1 und I v.11

[8] Es ist umstritten, um welche Göttin es sich dabei handeln könnte. Der Text gibt keinen genauen Hinweis, eventuell ging das entsprechende Fragment auch verloren. ‚Dike’ ist es allem Anschein nach jedoch nicht. (vgl. Günther, H-C.: a.a.O., S. 57)

[9] vgl. Parmenides: a.a.O., S. 25

[10] vgl. Prechtl, P., Burkard, F-P.: Metzler Philosophie Lexikon, 2. Aufl., Stuttgart / Weimar: Metzler Verlag 1999, S. 139

[11] vgl. ebd., S. 16

[12] vgl. Heitsch, E.: Parmenides und die Anfänge der Erkenntniskritik und Logik, Donauwörth: Verlag Ludwig Auer 1979, S. 36

[13] vgl. Parmenides: a.a.O., S. 25, Fragment I v.6

[14] vgl. ebd., S. 25, Fragment I v.15

[15] vgl. Günther, H-C., a.a.O., S. 79

[16] vgl. Parmenides: a.a.O., S. 25, Fragment I v.22

[17] vgl. Bormann, K.: a.a.O., S. 64

[18] vgl. Günter, H-C.: a.a.O., S. 51

[19] vgl. ebd., S. 83f

[20] vgl. Heitsch, E.: a.a.O., S. 24

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis von Meinung und Wissen im Lehrgedicht des Parmenides
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Fakultät für Philosophie und Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar Fragmente der Vorsokratiker
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V124595
ISBN (eBook)
9783640297887
ISBN (Buch)
9783640303205
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verhältnis, Meinung, Wissen, Lehrgedicht, Parmenides, Proseminar, Fragmente, Vorsokratiker
Arbeit zitieren
Diplom Betriebswirt (FH) Frank Merkel (Autor), 2009, Das Verhältnis von Meinung und Wissen im Lehrgedicht des Parmenides, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/124595

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