Nietzsche als Religionskritiker in seinem Werk "Der Antichrist"


Seminararbeit, 2009

23 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Wichtige Stationen im Leben Friedrich Nietzsches
1.1 Kindheit und Jugend (1844-1864).
1.2 Studium und Lehrtätigkeit
1.3 Die späten Jahre

2. Nietzsches Philosophische Grundgedanken
2.1 Phasen seines Schaffens
2.2 Auf Nietzsches Philosophie bezogene ausgewählte Begriffe

3. „Der Antichrist“
3.1 Entstehung und Stellung in Nietzsches Gesamtwerk
3.2 Religionskritik im Werk
3.2.1 Zum Begriff „Religionskritik“
3.2.2 Zum Begriff „Antichrist“
3.2.3 Kapitel 1-62 im Überblick

4. Resümee

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt.“[1]

So „einfach“ kann Nietzsche sein. Trotzdem ist er eine der umstrittensten, vielleicht auch am meisten missverstandenen Persönlichkeit der Geisteswissenschaft im 19. Jahrhundert.

Um mich in dieser Hausarbeit seinen Werken und somit seinem Denken nähern zu können, ist es ebenso wichtig, Nietzsche als Mensch (mit allen Einflüssen seines soziokulturellen Umfeldes) zu verstehen und sein Schaffen im biografischen Kontext zu erschließen. Das Eine bedingt das Andere und ist deshalb auch für meine späteren Betrachtungen von enormer Bedeutung. Immer wieder werde ich dabei auf Berührungspunkte Nietzsches mit dem Christentum und dem Glauben im Allgemeinen hinweisen, da diese zum besseren Verständnis von Nietzsches antichristlicher Haltung in den späten Jahren beitragen können.

Bevor ich zum eigentlichen Kernstück dieser Hausarbeit komme, werde ich versuchen auch seine anderen Werke und seine Philosophie übersichtlich darzustellen. Man muss den Weg Nietzsches als Verehrer z.B. Schopenhauers und Wagners bis hin zum kritischen, unabhängigen Philosophen nachvollziehen, um sein Werk Der Antichrist richtig einordnen zu können.

Den umfassendsten Punkt dieser Arbeit beginne ich mit der Entstehung des Werkes und dessen Stellung im Gesamtwerk Nietzsches. Darauf folgend werde ich versuchen, die Kritikpunkte Nietzsches am Christentum abschnittsweise zu untersuchen und zusammenfassend darzustellen. Aufgrund der Ausrichtung meines Hauptstudienganges ist es mir dabei nur bedingt möglich, diese Kritikpunkte zu werten, weshalb ich mich in erster Linie um eine gute Übersicht zu Nietzsche und dem Werk „Der Antichrist“ bemühe.[2]

In meinem abschließenden Resümee werde ich alle wichtigen Aussagen Nietzsches über das Christentum aufzeigen und mögliche Ansatzpunkte zum Umgang der Theologie mit diesem Text geben.

Die Komplexität und die Vielseitigkeit des Themas gänzlich darzustellen, ist mir im Rahmen dieser Hausarbeit leider nicht möglich, weshalb die ausgesuchten Schwerpunkte rund um Nietzsches Leben und auch die Darstellung seines Werkes subjektiv gewählt sind und keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben können.

1. Wichtige Stationen aus dem Leben Friedrich Nietzsches

1.1 Kindheit und Jugend (1844 – 1864)

Friedrich Wilhelm Nietzsches Geburtsdatum am 15. Oktober 1844 fällt mit dem Geburtstag des Königs Friedrich Wilhelm IV. zusammen und so ergab es sich, dass zu Nietzsches Geburtstag beflaggt wurde und auch schulfrei war. Ein vielleicht unscheinbares Detail, jedoch kann man sich als Kind schon darauf einbilden, etwas Besonders zu sein. Nietzsches Vater war ein intellektueller und auch sehr musikalischer Geistlicher und arbeitete als Pfarrer in Röcken bei Lützen. Mit seiner Frau Franziska hatte er drei Kinder: Friedrich, Elisabeth und Joseph. Bereits 1849 verstarb der Vater Nietzsches und die Familie siedelte nach Naumburg, wo die Großmutter mütterlicherseits wohnte. 1850 verstirbt auch sein jüngerer Bruder Joseph. Von nun an wächst Friedrich Nietzsche in einem Haushalt mit fünf Frauen auf: Großmutter, Mutter, zwei Tanten und die zwei Jahre jüngere Schwester Elisabeth. Dieses rein weibliche Umfeld gibt etlichen Forschern, vor allem aber Psychologen, Anlass zu teils wilden Spekulationen über sein dadurch entstehendes Frauenbild, aber auch über die vielleicht gestörte Entwicklung seiner Männlichkeit. Fakt ist, dass Nietzsche im Umgang mit Frauen sehr ungeschickt war und seine Anläufe zu Eheschließungen scheiterten, so dass er zeitlebens ledig blieb. Schulinspektoren des Landes Sachsen beobachteten Nietzsche im Unterricht und empfahlen ihn an die sächsische Landesschule Schulpforta, eine Eliteschule, zu deren Schülern z.B. Klopstock oder auch Novalis gezählt hatten. 1858 wechselte er als Vierzehnjähriger in das dortige Internat. In der Schule herrschte strenge Disziplin und es wurde viel Wert auf die Schulung in Religion und Altphilologie gelegt, schließlich wollte man für das Land Pfarrer, Beamte und auch Wissenschaftler heranbilden. Nietzsche war auch dort ein Musterschüler; seine zahlreiche Lektüre in dieser Zeit ist recht gut dokumentiert und enthält neben den wichtigen deutschen Klassikern auch viel französische Literatur. Der anerzogene christliche Glaube geriet hier wohl das erste Mal ins Wanken. Strauß, Feuerbach und die anderen Junghegelianer hatten die Religiosität bei den Intellektuellen im 19. Jahrhundert erschüttert. Das Christentum erschien nicht mehr als Erkenntniswahrheit, sondern als Herzensbedürfnis und damit war es schon weitgehend relativiert und außer Kraft gesetzt. Eine Aufzeichnung von Nietzsche (April 1862) lässt diesen philosophischen Einfluss besonders hervorleuchten:[3]

„Die Hauptlehren des Christentums sprechen nur die Grundwahrheiten des menschlichen Herzens aus; sie sind Symbole, wie das Höchste immer nur ein Symbol des noch Höhern sein muß. Durch den Glauben selig werden heißt nicht[s] als die alte Wahrheit, daß nur das Herz, nicht das Wissen, glücklich machen kann. Daß Gott Mensch geworden ist, weist nur darauf hin, daß der Mensch nicht im Unendlichen seine Seligkeit suchen soll, sondern auf der Erde seinen Himmel gründe; der Wahn einer überirdischen Welt hatte die Menschengeister in eine falsche Stellung zu der irdischen Welt gebracht: er war das Erzeugniß einer Kindheit der Völker.“[4]

Nietzsche war in der Schule herausragend in Deutsch und den alten Sprachen, jedoch hatte er Probleme mit Mathematik und anderen Nebenfächern, weshalb er sein Abitur nur knapp bestand.

1.2 Studium und Lehrtätigkeit

Mit 20 Jahren zog Nietzsche mit seinem Freund Paul Deussen nach Bonn, um sich dort in den Fächern Theologie und Philologie immatrikulieren zu lassen. Doch recht schnell warf er die Theologie nach einigen Diskussionen mit der Mutter über Bord und ging 1865 nach Leipzig und widmete sich nun seiner Philologie und der neu hinzugetretenen Philosophie. Der dortige Professor Friedrich Wilhelm Ritschl (1806-1876) erkannte Nietzsches Forscherbegabung und förderte ihn energisch. Nietzsche schrieb einige wissenschaftliche Abhandlungen, die später als Dissertation anerkannt wurden. Die Begegnung mit dem Werk von Arthur Schopenhauer (1788-1860) war das wohl wichtigste Ereignis während seines Studiums. Er studierte sämtliche Werke von ihm und bekehrte auch seine Freunde zu „Schopenhauerianer“. Nietzsche war auch ein eifriger Theater- und Konzertbesucher und machte so auch Bekanntschaft mit dem Komponisten Richard Wagner. Die Vater-Sohn ähnelnde Beziehung hielt mehr als 10 Jahre und endete alles andere als freundschaftlich.

Nietzsche, so sehr er auch der Bewunderer der Philologie war, machte sich sehr kritische Notizen über die „Maulwurfsarbeit der Philologen“[5]. Es zeigt, dass Nietzsche trotz seiner scheinbar unbeschränkten Begeisterung für manche Dinge versuchte, seine Unabhängigkeit durch kritische Bemerkungen zu wahren. Als der Lehrstuhl für Klassische Philologie in Basel frei wurde, empfahl Ritschl den jungen Nietzsche für diese Stelle. Dafür erklärte man Nietzsche in Leipzig ohne Abschlussprüfung zum Doktor seines Faches und in Basel wurde er als außerordentlicher Professor eingestellt. Im Frühjahr 1869 zog er nach Basel und begann seine Zeit als Dozent an der kleinen Universität. Hier entwickelte sich, immer noch unter dem Einfluss Wagners, seine dionysische Weltanschauung[6]. Nietzsches Gesundheitszustand verschlechterte sich regelmäßig, weshalb er seine Lehrtätigkeit hin und wieder auf Eis legen musste, um sich im Urlaub ein wenig zu erholen. Auch wurden seine ersten Schriften wie Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik oder Griechentum und Pessimismus (1872) oder auch die Polemik gegen Strauß nicht überall positiv aufgenommen. Selbst sein ehemaliger Lehrer Ritschl hielt sich in einem Urteil darüber sehr bedeckt. Mit Richard Wagner in Bayreuth (1876) begann für Nietzsche auch die langsame Loslösung von dessen Idealen und antisemitischen Anschauungen. 1879 erschien mit Menschliches, Allzu-menschliches erstmals ein Nietzsche-Werk frei von Schopenhauerianischen oder Wagnerschen Einflüssen. Wissenschaft und Aufklärung waren die neuen Maximen, wohingegen Religion nur noch als Rückstand betrachtet wurde. Es folgten noch Morgenröte (1881) und Die fröhliche Wissenschaft (1882), ehe sein wohl populärstes Werk Also sprach Zarathustra (1883) entstand. In etwa jener Zeit machte Nietzsche Bekanntschaft mit der jungen Russin Lou von Salomé, der sehr intelligenten Tochter eines russischen Generals. Paul Rée (ein Freund Nietzsches) und Nietzsche buhlten gleichzeitig um die Liebe der jungen Frau, doch beide ohne Erfolg. Nietzsches Versuch über seine Schwester Elisabeth an Lou heranzukommen, scheiterte an deren Eifersucht und ihren Intrigen gegen Lou. Schließlich brach Nietzsche mit Rée und auch mit Lou. Nach all diesen Frustrationen entstand die Idee zu Zarathustra. Der letzte von vier Teilen wurde 1885 fertig gestellt. Eigentlich plante Nietzsche danach eine Pause; er wollte sich mehr den Studien widmen und seine Kenntnisse vervollständigen. Jedoch lagen ihm die Kernideen der Spätwerke schon im Sinn, daneben musste er sich aber wegen der Erfolglosigkeit seiner Publikationen einen neuen Verleger suchen.

1.3 Die späten Jahre

Im August 1886 erschien Jenseits von Gut und Böse; in diesem Buch klagt er die moralischen Hinterabsichten der Philosophen an. In seinen folgenden Schriften Zur Genealogie der Moral (1886), Götzendämmerung (1887) und Der Antichrist (1889) steigerte sich Nietzsche immer mehr in die Abneigung des Christentums herein. Religion sollte seiner Meinung nach durch ein realistisches Menschen- und Weltbild ersetzt werden. Mit Ecce homo (1888/89) schreibt er seine Autobiografie; die Kapitel-Überschriften „Warum ich so weise bin“, „Warum ich so klug bin“ und „Warum ich so gute Bücher schreibe“ (u.a.) beweisen den stetigen Weg zu seinem Größenwahn und seiner geistigen Umnachtung während der letzten Monate vor seinem Tod. An viele Freunde schrieb er alarmierende Briefe mit Inhalten wie etwa er wolle sich des jungen Kaisers Wilhelm II. bemächtigen, dann könne er seine verheerende Politik ändern. Er schreibt Erlasse an die Fürsten Europas und auch an den Papst, die er mit „Dionysos“ oder „Der Gekreuzigte“ unterschrieb. Jacob Burckhardt hat er brieflich mitgeteilt, er wäre lieber Basler Professor geblieben, als Gott zu werden. Burckhardt begriff die Ernsthaftigkeit der Lage und sorgte dafür, Nietzsche mit Freunden und Ärzten wieder nach Basel zu bringen. Mitte Januar 1889 bekam die Mutter Nietzsches die Erlaubnis ihn nach Jena in eine Klinik zu bringen und wenig später nahm sie ihn trotz des Widerstandes der Fachärzte zu sich nach Naumburg. Als seine Mutter 1897 starb, kümmerte sich die Schwester Elisabeth fortan um ihren kranken Bruder. Sie zogen nach Weimar in die Villa Silberblick. Am 25. August 1900 starb Nietzsche dort und wurde dann in seinem Geburtsort Röcken bei Lützen begraben.

Die intellektuelle Schicht Europas interessierte sich nun aber zusehends für Nietzsches Lehre und Philosophie und dies brachte die Schwester Elisabeth auf den Plan. Sie verwaltete geschickt seine Werke und seinen Nachlass. Sie hatte auch viel schriftliches Material aus Nietzsches Jugendzeit gesammelt und veröffentlichte 1912 eine umfangreiche Nietzsche-Biographie (Der junge Nietzsche; Der einsame Nietzsche). Die Forschung hat im Laufe der Zeit allerdings erwiesen, dass Elisabeth Förster-Nietzsche nicht davor zurückschreckte, Briefe und Texte zu verfälschen, wenn es ihren Ambitionen half. In ihren Darstellungen macht sie Nietzsche zu einem Propheten des Nationalismus und Imperialismus, was im aufstrebenden Faschismus Mussolini und später auch Hitler dazu veranlassten, Nietzsches Lehre für ihre eigenen ideologischen Ideen zu missbrauchen.

2. Nietzsches philosophische Grundgedanken

2.1 Phasen seines Schaffens

Eine Systematisierung der Philosophie Nietzsches ist nur schwer möglich, da diesem aufgrund seiner Vorliebe zur thematischen Vielfalt eine Schwerpunktsetzung weitestgehend fehlt. Die Reduktion auf ein zentrales philosophisches Thema kann deshalb nicht das Ziel der Herausarbeitung von Nietzsches Grundansichten sein.[7] Nietzsche zeigt selbst in Also sprach Zarathustra den idealen Weg der geistigen Entwicklung eines Menschen in drei Stufen auf: 1. Die Abhängigkeiten von Meistern und Vorbildern, 2. Losreißen von den Vorbilden und Erkämpfen der Freiheit, 3. Hinwendung zu eigenen Werten.[8]

[...]


[1] Schlechta, Karl: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Hanser, München 1954 ff., Band 2, S. 1165.

[2] Eine wesentlich detaillierte Ausarbeitung des Werkes bietet Andreas Urs Sommer in: Friedrich Nietzsches „Der Antichrist“ – Ein philosophisch-historischer Kommentar. In: Hoffmann, David Marc (Hrsg.): Quellen, Studien und Texte zu Leben, Werk und Wirkung Friedrich Nietzsches. Band 2. Schwabe & Co. AG, Basel 2000.

[3] Im folgenden Punkt stütze ich mich, sofern nicht anders angegeben, ausschließlich auf die Publikation von Josef Rattner: Nietzsche. Leben – Werk – Wirkung. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 9-83.

[4] Zit. nach: Rattner, Josef: Nietzsche. Leben – Werk – Wirkung. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 18. Woher Rattner dieses Zitat genommen hat, gibt er nicht explizit an.

[5] Gemeint ist, der unaufhörliche Drang der Philologen, einen berühmten Autor textkritisch herauszugeben und mit wissenschaftlichen Anmerkungen zu versehen.

[6] Im 2. Punkt werde ich genauer auf seine philosophisch-geistige Entwicklung eingehen.

[7] Vgl.: Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Fischer (Tb.), Frankfurt/Main 1999, S. 601.

[8] Vgl.: Schlechta, Karl: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Hanser, München 1954 ff., Band 2, S. 293ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Nietzsche als Religionskritiker in seinem Werk "Der Antichrist"
Hochschule
Universität Leipzig  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Dawkins, Hitchens und andere... eine neue Welle atheistischer Religionskritik
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V125239
ISBN (eBook)
9783640308767
ISBN (Buch)
9783640306862
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Der Antichrist, Religionskritik, Biographie, Philosophie, Theologie
Arbeit zitieren
Marie-Christin Heene (Autor), 2009, Nietzsche als Religionskritiker in seinem Werk "Der Antichrist", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125239

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