Maurice Godeliers Versuch einer universalen Theorie der Wirtschaftsformen


Hausarbeit, 2005

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II.1) Maurice Godelier: Zur Person
II.2) Der Begriff einer ökonomischen Anthropologie bei Maurice Godelier
II.3) Von der Anthropologie zur Universalwissenschaft
II.4) Kritik an formalistischen ökonomischen Theorien
II.5) Der Einfluss Karl Polanyis auf Godeliers Theorie
II.6) Kritik am Funktionalismus

III. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis
Monographien
Aufsätze
Internet

I. Einleitung

„In meinen Augen hat sich die alte Zweiteilung oder gar Opposition zwischen Geistes- und Sozialwissenschaften überlebt und muss den Wissenschaften vom Menschen und der Gesellschaft Platz machen.[1] So wird der französische Anthropologe Maurice Godelier in einem Interview mit der Europäischen Komission Forschung zitiert. Die Wurzeln dieser Vorstellung einer umfassenden, allgemeinen Humanwissenschaft lassen sich auf Godeliers in den 70er Jahren anvisierten universalen Theorie der Produktionsverhältnisse zurückführen, einer Theorie, in der der direkte Schüler von Claude Leví- Strauss und indirekte Schüler von Karl Marx eine Synthese von Strukturalismus und Marxismus anstrebte.[2] Dieser universaltheoretische Syntheseversuch wurde auch von Pierre Bourdieu in seinem 1972 veröffentlichten Buch Theorie der Praxis unternommen, in dem er eine „allgemeine Wissenschaft der Ökonomie der praktischen Handlungen“ anstrebte. Karl Polanyi verweist in seinem 1944 veröffentlichten Werk Great Transformation darauf, dass das was allgemeingültig für das Zeitalter der Industrialisierung von 1750 - 1850 als ökonomisches Handeln gilt, in soziokulturelle Kontexte eingebettet war. Von Bourdieu grenzt sich Godeliers Werk dadurch ab, dass er seine ökonomische Anthropologie im Rahmen des klassischen marxschen Basis-Überbau- Modells entwickelt, dieses allerdings grundlegend verändert. Von Polanyi, dessen Theorien eher „recht unsystematische Generalisierungen aus empirischen Befunden“[3] darstellen, unterscheidet ihn die strenge theoretische Vorgehensweise.

In seinem Werk Ökonomische Anthropologie. Untersuchung zum Begriff der sozialen Struktur primitiver Gesellschaften[4] nennt Godelier zwei für die Erforschung verschiedener Produktionsweisen und des Güterverkehrs unterschiedlicher Wirtschaftsformen grundlegende Prinzipien:

1. Jenseits der äußerlich sichtbaren Logik muss eine unsichtbare zugrunde liegende Logik gesucht und entdeckt werden.
2. Die strukturellen und historischen Bedingungen ihres Auftretens, ihrer Reproduktion und ihres Verschwindens in der Geschichte müssen gesucht und entdeckt werden[5]

In der folgenden Arbeit soll nach ein paar biographischen Angaben zur Person Maurice Godeliers versucht werden, seinen theoretischen Entwurf kurz darzustellen.

II.1) Maurice Godelier: Zur Person

Maurice Godelier wurde am 28. Februar 1934 in Cambrai/ Nordfrankreich geboren. Nach dem Studium der Philosophie, Psychologie und der Neuphilologie in Saint Cloud, wurde er Projektleiter bei Fernand Braudel an der Ecole Pratique des Hautes Etudes. Anschließend wurde er Oberassistent von Claude Lévi-Strauss, damals Professor für Anthropologie am Collège de France. 1975 wurde Godelier zum Forschungsleiter an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales.

Der Geisteswissenschaftler Godelier interessierte sich sehr schnell für die Ökonomie. So veröffentlicht er bereits 1966 sein Werk Rationalität und Irrationalität in der Ökonomie. Hiermit gehörte er zu den Begründern der ökonomischen Anthropologie in Frankreich.

1975 wurde Godelier zum Forschungsleiter der Sonderklasse an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales ernannt.[6]

Die Forscherkarriere des Spezialisten für die Gesellschaften Ozeaniens wurde stark durch die Begegnung mit den Baruya geprägt, einer klassen- und staatenlosen Gesellschaft im Hochland Neuguineas, die 1951 von den Australiern entdeckt wurde und durch enorme Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und zahlreichen Einrichtungen zur Festigung männlicher Herrschaft gekennzeichnet ist. Bei ihnen betrieb er Feldforschung zwischen 1967 und 1988.

Nebenbei stellte Godelier Überlegungen zu verschiedenen für die Sozialwissenschaften bedeutende Bereiche an. So etwa zu den „ideellen“ Komponenten sozialer Beziehungen[7], dem Unterschied zwischen Bilder- und Symbolwelt, zum Anteil des Körpers an der Konstituierung des sozialen Subjekts,[8] und zuletzt zum Unterschied zwischen Dingen die man gibt, solchen, die man verkauft, und solchen, die weder verkauft noch gegeben werden können.[9]

Außerdem stellte die Wissenschaftspolitik einen bedeutenden Teil seiner Aktivität dar. So war Godelier von 1982 bis 1986 verantwortlicher Direktor für die Human- und Sozialwissenschaften am CNRS (französisches nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung). Momentan ist er Mitglied des nationalen Wissenschaftsrats und Vizepräsident des nationalen Rats zur Koordination von Human- und Sozialwissenschaften.[10]

II.2) Der Begriff einer ökonomischen Anthropologie bei Maurice Godelier

Die ökonomische Anthropologie ist eine in den 20er und 30er Jahren ausgebildete Subdisziplin der Ethnologie oder Anthropologie. Sie wird heute neben Maurice Godelier mit Namen wie Pierre Bourdieu, Marshall Sahlins oder Karl Polanyi, auf den später noch näher eingegangen wird, verbunden.[11]

Godelier definiert die ökonomische Anthropologie in seinem gleichnamigen, 1973 erschienenen Werk als die Frage nach dem Verhältnis von Ökonomie, Gesellschaft und Geschichte.[12]

Unter Verwendung klassischer marxistischer Unterscheidungen wie zwischen Basis und Überbau, zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und Ideologie sowie zwischen Produktionsverhältnissen und Produktionsweisen, versucht Godelier darzulegen, dass sich solche Unterscheidungen in Bezug auf nichtkapitalistische Ökonomien nicht auf Institutionen, sondern auf Funktionen im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext beziehen können.[13]

Diese, die Produktionsverhältnisse bestimmenden Funktionen, die die Aneignung und die Kontrolle über die Produktionsmittel (Grund und Boden, Arbeitsgeräte, Rohstoffe, Arbeitskraft) bestimmen, und somit das gesellschaftliche Verhältnis von Menschen in Form von Produzenten und Nichtproduzenten regeln, können sich laut Godelier entweder in Form von Verwandschaftsverhältnissen oder in Form politischer oder religiöser Unterordnungsverhältnisse vollziehen.[14]

[...]


[1] http:// europa.eu.int/comm/research/rtdinfo/37/article_61_de.html <Stand: 15.05.2005 16:01>

[2] Vgl. Groh, Dieter: Maurice Godelier: Verwandtschaftsstrukturen, Religion und Politik als Elemente von Produktionsverhältnissen. In: ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt 1992, S. 27- S.34, hier S. 27

[3] Vgl.: Ebd., S. 28

[4] Godelier, Maurice: Ökonomische Anthropologie. Untersuchung zum Begriff der sozialen Struktur primitiver Gesellschaften, Reinbek 1973.

[5] Godelier (1973), S. 34

[6] http://www.virginia.edu/anthropology/events7godelier-bio.html <Stand: 16.05.2005 18:53>

[7] Godelier, Maurice: L’idéel et le matériel. Paris 1986

[8] Godelier, Maurice. Panoff, Michel (Hg.): La Production du corps. Approches anthropologiques et historiques et le Corps humain, supplicié, possédé, cannibalisé. Amsterdam 1998

[9] Godelier, Maurice: Das Rätsel der Gabe: Geld, Geschenke, heilige Objekte. München 1999

[10] http://www.artetv.com/de/wissen/Die_20Welt_20der_20Papuas/Partner/2587.html <Stand: 14.05.2005 19:30>

[11] Groh, Dieter: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt am Main 1992, S.7

[12] Godelier (1973), S.24

[13] Ders.: Maurice Godelier: Verwandtschaftsstrukturen, Religion und Politik als Elemente von Produktionsverhältnissen. In: ders.: Anthropologische Dimensionen der Geschichte. Frankfurt 1992, S. 28

[14] Godelier (1973), S.35

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Maurice Godeliers Versuch einer universalen Theorie der Wirtschaftsformen
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Volkskunde )
Veranstaltung
Proseminar (Wintersemester 2004/2005): Kulturtheorien
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V125980
ISBN (eBook)
9783640314287
ISBN (Buch)
9783640317868
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maurice, Godeliers, Versuch, Theorie, Wirtschaftsformen
Arbeit zitieren
Ulrich Ackermann (Autor:in), 2005, Maurice Godeliers Versuch einer universalen Theorie der Wirtschaftsformen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125980

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