Erzählen über Europa. Die Rekonstruktion von europäischer Identität in autobiografischen Erzählungen von Mitgliedern der Volt-Partei


Bachelorarbeit, 2022

271 Seiten, Note: 2.1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Uberlegungen
2.1 Identitat und kollektive Identitat
2.2 Identitat in Erzahlungen

3. Operationalisierung
3.1 Narrative Interviews
3.2 Rekonstruktion von Identitat in Erzahlungen

4. Methodische Vorgehensweise
4.1 Bestimmung der Zielgruppe
4.2 Die Kontaktaufnahme und Auswahl der Befragten
4.3 Die Fragestellung
4.4 Der Ablauf der Interviews
4.5 Die Aufbereitung des Interviewmaterials

5. Interviewergebnisse
5.1 Fallgeschichte Katja: Eine Erzahlung uber die Vorteile Europas
5.2 Fallgeschichte Gabriela: Eine Erzahlung uber die Erlebbarkeit von Europa
5.3 Fallgeschichte Lars: Eine Erzahlung uber ein liberales Europa
5.4 Fallgeschichte Tim: Eine Erzahlung uber Europa als Kategorisi erung

6. Zusammenfassung und Abschluss

7. Literaturverzeichnis

Anhange

1. Einleitung

Seit einem halben Jahrhundert erlebt Europa eine bedeutende Transformation (Meinhof; Rollo; Armbruster 2003: 885). Die politische Integration Europas fuhrte zu radikalen Veranderungen der politischen und okonomischen Strukturen vieler Lander und damit zu groBen Veranderun- gen im Leben von Millionen von Burger:innen (ebd.). Damit ging die Annahme einher, dass eine politische Integration Europas auch zur Genese und Entwicklung einer europaischen Kul- tur und Identitat sowie zu einer Abnahme der regionalen und nationalen Identitaten fuhren werde (Westle 2003: 454). Doch wahrend Bettina Westle schon im Jahr 2003 konstatierte, dass diese (neo-) funktionalistische Annahme sich als verfruht herausgestellt habe, da sich nationale und regionale Identifikationen hartnackig haben behaupten konnen (ebd.), scheinen aktuelle Ereignisse in Europa darauf hinzudeuten, dass sich die Krise des europaischen Gemeinschafts- gefuhls sogar zu verscharfen droht. Diese Vermutung liegt nahe, da in den letzten Jahren rechts- populistische antieuropaische Parteien europaweit einen starken Zuwachs verbuchen konnten (Schellenberg 2018). Und nicht zu vergessen ist auch der Brexit, welcher eine tiefe Wunde in das europaische Selbstverstandnis der Unumkehrbarkeit und Unwiderstehlichkeit geschnitten habe (Adam 2019: 5). „Statt „mehr Europa“ gibt es am 30. Marz 2019 zum ersten Mal „weniger EU“. Mit dem Ausscheiden GroBbritanniens steht die EU vor existenziellen Zukunftsfragen“ (vgl. Adam 2019: 6). Demnach scheint die Frage nach einer gemeinsamen europaischen Iden- tifikationsbasis so aktuell wie schon lange nicht mehr zu sein.

Die folgende Untersuchung wird sich auf diese europaische Identifikationsbasis fokussieren. Dabei steht der ,Inhalt‘ dieser Identitat im Vordergrund. Das heiBt, mit welchen Vorstellungen und Selbstbildern wird diese europaische Identitat ,gefullt?‘ Vereinfacht gesagt, werden Ant- worten auf die Frage gesucht, was „Europaisch sein“ ausmacht. Damit das gelingen kann, wur- den fur diese Untersuchung Menschen befragt, die sich mit dem politisch integrierten Europa und ihrer Institution der Europaischen Union identifizieren.

Dazu wurden autobiografisch-narrative Interviews mit Mitgliedern der paneuropaischen Volt- Partei durchgefuhrt. Dahinter stand die Annahme, dass die Volt-Mitgliedschaft Ausdruck einer besonders starken Identifikation mit Europa sein konnte und dass somit in den lebensgeschicht- lichen Erzahlungen dieser Zielgruppe viele Vorstellungen von einer europaischen Identitat re- konstruiert werden konnen. Fur die Untersuchung wurden autobiografisch-narrative Interviews ausgewahlt, da angenommen wurde, dass diese qualitative, intensive Vorgehensweise erlaubt, anhand der Lebensgeschichte zu rekonstruieren, wie es zur Identifikation mit Europa gekom- men ist und welche Erfahrungen und Erlebnisse dieser Identifikation zugrunde liegen. Anhand dieser Erzahlungen kann anschlieBend rekonstruiert werden, welche Vorstellungen und Selbst- bilder mit dieser europaischen Identitat verbunden werden also was fur die Befragten Europa- isch sein ausmacht. Und das ist das Hauptvorhaben dieser Forschungsarbeit.

Begonnen wird diese Untersuchung mit der Darlegung der zugrunde liegenden theoretischen Uberlegungen. Zuerst wird das Konzept der kollektiven Identitat erarbeitet. Darauffolgend wird aufgezeigt, weshalb sich autobiografische Erzahlungen zur Rekonstruktion von Identitat eignen und wie das Konzept der kollektiven Identitat mittels narrativer Interviews operationalisiert wurde. Im zweiten Abschnitt der Arbeit werden der Ablauf des Forschungsprozesses beschrie- ben sowie die Interviewergebnisse prasentiert, welche abschlieBend zusammengefasst, aufei- nander bezogen, bewertet und reflektiert werden.

2. Theoretische Uberlegungen

Damit eine methodische Vorgehensweise zur Rekonstruktion von kollektiven Identitaten in au- tobiografischen Erzahlungen entwickelt werden kann, mussen die theoretischen Grundannah- men benannt werden. Begonnen wird daher mit einer Begriffsbestimmung von kollektiver Iden- titat und narrativer Identitat.

2.1 Identitat und kollektive Identitat

Identitat werde als ein vielschichtiges Phanomen betrachtet, welches sich in personale, soziale und kollektive Identitaten unterteilen lasse (Westle 2003: 455). Unter der personalen, also in- dividuellen Identitat werde dabei ein Prozess verstanden, durch den ein Individuum Koharenz und Kontinuitat mit sich selbst uber verschiedene Lebensphasen und -bereiche hinweg gewinne (ebd.). Die soziale Identitat gehore ebenfalls zum Selbstkonzept eines Individuums, beziehe dabei aber das Verhaltnis des Individuums zu seiner Umwelt und anderen Akteuren mit ein (Kaina 2009: 40). Sie sei das „[...] Resultat unterschiedlicher Rollen und sozialer Interaktions- prozesse, in denen Menschen andere Menschen identifizieren und von diesen identifiziert wer- den (vgl. Kaina 2009: 40). Somit umfasse sie typisierte Vorstellungen eines Individuums uber sich selbst in sozialen Situationen und seine Beziehungen zu anderen Akteuren als Reprasen- tanten gewisser sozialer Kategorien (ebd.). Kollektive Identitaten seien eine Teilkategorie so- zialer Identitaten und wurden das Zugehorigkeitsgefuhl eines Individuums zu einer menschli- chen Gruppe, also einem Kollektiv meinen (ebd.).

Bei einem Kollektiv „[...] kann es sich um raumlich abgegrenzte, politisch oder administrativ definierte Einheiten handeln (etwa die Kommune — also Stadt, Dorf, Stadtteil —, die Region, die Provinz oder die Nation). Es kann sich aber auch - um nur einige der gelaufigsten zu nennen — um ethnisch-kulturell definierte Kollektive drehen (Stamm, Volk, Kontinent oder Kultur- kreis), um soziookonomisch oder rechtlich bestimmte (Klassen und Stande) oder um religios- konfessionell charakterisierte (Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften).“ (vgl. Trunk 2007: 38).

Diese Zugehorigkeitsgefuhle zu einem Kollektiv seien jedoch nicht gegeben und einfach da (Duschnese 2008: 403). Die Identitatsbildung musse viel mehr als ein Prozess verstanden wer- den (ebd.). Das heiBt, Identitat werde abweichend von der ursprunglichen Bedeutung nicht im Sinne volliger Gleichheit verstanden, sondern als ein Prozess des Identifizierens, beziehungs- weise der Identifikation (Trunk 2007: 36). Des Weiteren seien diese Zugehorigkeitsgefuhle auch nicht statisch oder exklusiv (ebd.: 47). Vielmehr seien sie dynamisch und wurden auch mit- oder nebeneinander existieren konnen (ebd.). Beispielsweise konnte sich demnach ein In- dividuum mit einem europaischen als auch einem nationalen Kollektiv identifizieren.

Wie sich gezeigt hat, werden kollektive Identitaten als „[.] Form eines emotionalen Teilas- pekts der Selbst-Kategorisierung von Individuen [.]“ betrachtet (vgl. Kaina 2009: 41). Diese Betrachtung von kollektiven Identitaten auf individueller Ebene habe den Vorteil, dass sie auch auf individueller Ebene untersucht werden konnten (ebd.). Und explizit das wird in dieser For- schungsarbeit angestrebt. Dennoch darf nicht auBer Acht gelassen werden, dass kollektive Iden- titaten auch als eine Kollektiveigenschaft aufgefasst werden mussten, da kollektive Identitaten nicht nur in einzelnen Individuen, sondern vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen beheimatet seien (ebd.). Es gehe dabei vor allem um geteilte Selbstbilder von Kollektiven, an- hand dessen sie sich auch als Gemeinschaft darstellen und auch wahrgenommen wurden (ebd.). Bei den Kollektiveigenschaften kollektiver Identitat lassen sich folgende analytische Schlus- selbegriffe festmachen:

Kollektive und kollektive Identitaten seien nichts Substantielles, sondern stets Konstruktionen (Delitz 2018: 11). Sie seien Imaginationen, die diskursiv, aber auch symbolisch durch kulturelle Artefakte, politische Praxen, Erzahlungen und Legenden aktualisiert werden mussten (ebd.). Daraus resultiert, dass kollektive Identitaten als kulturelle Systeme, beziehungsweise sozial konstruierte kollektive Deutungsmuster verstanden wurden (Trunk 2007: 35). Die Basis eines solchen kulturellen Systems sei immer eine Gruppe, mit der sich eine Zahl von Individuen si- multan gleichsetze (ebd.: 37). AuBerdem sei es in seiner Gesamtheit dazu in der Lage, eine Antwort auf die Frage „Wer sind wir?“ zu liefern und setze sich aus einer Reihe von Denkbil- dern zusammen, welche die Wahrnehmung der sozialen Wirklichkeit strukturieren wurden (ebd.).

Des Weiteren wurden sie nur in einer kontrafaktischen Vorstellung einer Identitat in der Zeit bestehen (Delitz 2018: 24). Das heiBt, jedes Kollektiv erzeuge und erzahle eine Geschichte, eine Herkunft sowie eine Zukunft und imaginiere etwas Unveranderliches, etwas, das identisch bleibt innerhalb der Zeit und uber Generationen hinweg, obwohl sich die Gesellschaft, ihre Institutionen und Praxen, ihre Sprache und auch das Kollektiv stetig verandern (ebd.: 25). Des- halb wurden kulturelle Artefakte sowie Mythen und Narrative eine wichtige Rolle spielen (ebd.). Daraus resultiert auch, dass die Erinnerungen, welche Mitglieder eines Kollektivs teilen, bei der Konstitution von kollektiven Identitaten relevant seien (Trunk 2007: 37).

AuBerdem wurden sich kollektive Identitaten uber die Vorstellung einer Gemeinsamkeit, etwas Geteiltem, mit dem sich Individuen gleichsetzen und vereinheitlichen, konstituieren (Delitz 2018: 25). Zu analytischen Zwecken konne deshalb zwischen zwei formierenden Elementen kollektiver Identitat unterschieden werden: die Homogenitat und die Differenz (Trunk 2007: 39). Die Homogenitat basiere auf der tatsachlichen oder vorgestellten Gleichheit und Gleichar- tigkeit der Mitglieder eines Kollektivs, wahrend die Differenz das reale oder imaginierte An- derssein dieses Kollektivs im Vergleich zu fremden Kollektiven zur Grundlage habe (ebd.). Homogenitat bedeute eine kollektive Ubereinstimmung in Fragen grundsatzlicher Eigenschaf- ten. Diese vorgestellte Gleichartigkeit erlaubt den Vergleich und die Abgrenzung von anderen Kollektiven (ebd.). Nach Anthony D. Smith konstituieren sich Homogenitat und Differenz von nationalen, also kollektiven Identitaten, vor allem im Namen, der Sprache, der Religion, der Konfession, der Alltags- oder Hochkultur, gemeinsamen Wertesystemen, geschichtlichen Er- innerungen sowie Mythen, Identifikationen mit Institutionen und gemeinsamen Rechts- und Wirtschaftsraumen (ebd.: 41f).

Des Weiteren sei noch auf die Notwendigkeit der Fabulation eines fundierenden, konstitutiven AuBen hingewiesen. Mit fundierenden, konstitutiven AuBen sei eine Bedeutung gemeint, die alle anderen begrundet, ohne selbst begrundbar zu sein oder begrundet werden zu mussen. Das gelte zum Beispiel fur die Berufung auf Gott oder auf die Menschenrechte in verschiedenen Gesellschaften (Delitz 2018: 28).

AbschlieBend genannt, konne die Identifikation mit einem Kollektiv zu Handlungen im Namen der Gruppe fuhren (Landberg et al. 2017: 274). Dieser Punkt muss ausdrucklich betont werden, da die haufige Betonung der Konstruiertheit von kollektiven Identitaten in diesem Kapitel daruber hinwegtauschen konnte, „[...] daB solche Konstrukte sich nicht nur in einem Diskurs fassen lassen, sondern daruber hinaus ganz real die Lebenswirklichkeit der Menschen pragen.“ (vgl. Trunk 2007: 38).

Zusammenfassend lasst sich sagen, dass der Ausgangspunkt der theoretischen Annahmen ist, dass kollektive Identitaten auf individueller Ebene als Identifikation eines Individuums mit ei- nem Kollektiv betrachtet werden und somit auch auf individueller Ebene untersuchbar sind. Auf kollektiver Ebene werden kollektive Identitaten als sozial konstruierte Imaginationen be- trachtet, welche als hochwirksame und realitatserzeugende kollektive Deutungsmuster fungie- ren. Sie besitzen eine Vorstellung von etwas Unveranderlichem und Identischem in der Zeit, das den innergesellschaftlichen und innerkollektiven Veranderungen zum Trotz unveranderlich bleibt. AuBerdem konstituieren sie sich vor allem durch Vereinheitlichung und Abgrenzung. Des Weiteren benotigt ein jedes Kollektiv eine Bedeutung, die alle anderen begrundet, ohne selbst begrundbar zu sein. Aber was bedeutet dieses vielschichtige Konzept nun fur diese For- schungsarbeit? In dieser Forschungsarbeit wird die individuelle Identifikation der Befragten mit einem europaischen Kollektiv untersucht. Dabei steht vor allem die Beschaffenheit dieser Identitat im Vordergrund. Also welche Vorstellungen, Imaginationen, Mythen und Narrative von Europa lassen sich in den lebensgeschichtlichen Erzahlungen der Befragten finden? Wel­ches Selbstbild von Europa wird vermittelt? Was macht demnach „Europaisch sein“ und Eu­ropa aus? Welche Deutungsmuster konnen rekonstruiert werden? Und konnen Vereinheitli- chungen und Abgrenzungen gefunden werden?

Als Hilfsmittel, um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, wurden autobiografisch-narrative Interviews ausgewahlt. Um zu verdeutlichen, wieso die Wahl dieser Forschungsmethodik sinn- voll ist, muss der Identitatsbegriff in dieser Arbeit noch um den Begriff der narrativen Identitat erweitert werden. Warum eignen sich lebensgeschichtliche Erzahlungen so gut, um Identitat auf individueller Ebene zu rekonstruieren?

2.2 Identitat in Erzahlungen

Autobiografische Erzahlungen wurden Identitat stiften (Lucius-Hoene; Deppermann 2004a: 53). Um diese Aussage zu verdeutlichen, wird der Identitatsbegriff fur die Operationalisierung in dieser Arbeit um das Konzept der narrativen Identitat erweitert. Die Annahme hinter diesem Konzept ist, dass dem autobiografischen Erzahlen, als eine spezifische Form diskursiver Praxis, bei der Identitatskonstruktion eine besondere Rolle zukomme, da die sprachliche Darstellung von Zeiterfahrung, die Koharenzstiftung und das Re-Inszenierungspotenzial von Erzahlungen besondere Moglichkeiten der diskursiven Herstellung und Verhandlung von Identitat ermogli- chen wurden (ebd.).

Das liege vor allem an der narrativen Strukturierung, durch die alle Ereignisse als Teil einer Geschichte betrachtet werden (Kofler 2012: 45). Durch das Emplotment, also der Uberfuhrung von erlebten Ereignissen in die Darstellung einer Geschichte, werde ein Plot gestiftet, welcher die Identitat der Geschichte festlege, einen zeitlichen Rahmen arrangiere und die einzelnen Ele- mente zueinander ins Verhaltnis setze und deren Bedeutung fur Verlauf und Ausgang der Ge- schichte festlege (ebd.). Zentral sei dabei der Endpunkt einer Geschichte, denn das Erzahlziel bestimme den Verlauf der Erzahlung und die Auswahl der Ereignisse (ebd.: 48). Je nachdem, wie der Endpunkt einer Geschichte aussieht, wurden die fur den Endpunkt relevanten Ereig- nisse nicht nur ausgewahlt, sondern auch zeitlich miteinander verknupft (ebd.).

Deshalb liege in der Vermittlung der beiden Bedeutungsmomente von Identitat, der Permanenz und der Veranderung die genuine Leistung des Begriffs der narrativen Identitat (Kofler 2012: 57). Erst in der Erzahlung konne eine Verbindung von Permanenz und Veranderung dargestellt werden (ebd.). „Die Veranderungen, die der Erzahler im Fluss der Zeit an sich und um sich herum erfahrt, konnen in der erzahlten Geschichte kausal oder final aufeinander bezogen wer- den: Entwicklungen und Ereignisse finden in ihr auf Grund vorubergehender und verbundener Ursachen, Grunde und Bedingungen [...] mit Folgen und Wirkungen oder im Hinblick auf die Realisierung bestimmter Ziele statt [.]“ (vgl. Lucius-Hoene; Deppermann 2004a: 57).

Deshalb fungiere das autobiografische Erzahlen als ein Medium zur Selbstverstandigung und Interpretation der eigenen Erfahrungen (Lucius-Hoene; Deppermann 2004a: 47). Diese selbst- reflexive und kommunikative Leistung nehme auf das Bezug, was gemeinhin als personale Identitat bezeichnet werde (ebd.: 47). Die so genannte narrative Identitat sei demnach „[.] eine im Prozess des Erzahlens hergestellte Form der Selbstvergewisserung“ (vgl. Lucius- Hoene; Deppermann 2004a: 10). Erleben und Handeln habe an sich noch keine narrative Struk- turiertheit, sondern erst die Erzahlung uberforme, strukturiere und ordne Erleben und Handeln im Nachhinein (Kofler 2012: 51). Diese Strukturiertheit ermogliche die Vergewisserung von Identitat, also das Erzeugen von Kontinuitat, Verstehbarkeit und Konstanz (ebd.: 41). Somit sei das Erzahlen von Selbsterlebtem Selbstdarstellung als auch Selbstherstellung und konne als empirisches Konstrukt in Erzahlungen aufgesucht und mit gesprachs- und erzahlanalytischen Mitteln rekonstruiert werden (Lucius-Hoehne; Deppermann 2004b: 166).

Zusammengefasst besitzen autobiografische Erzahlungen aufgrund ihrer sprachlichen Darstel- lung von Zeiterfahrung, der Koharenzstiftung und dem Re-Inszenierungspotenzial vielfaltige Moglichkeiten zur Verhandlung und Konstruktion von Identitat. Erzahlungen liefern nicht nur Beschreibungen von Identitaten, sondern sind selbst Prozesse, in denen Identitat konstruiert wird. Dabei kann angenommen werden, dass sich innerhalb autobiografischer Erzahlungen nicht nur uber das eigene Leben vergewissert wird, sondern auch uber die individuelle Identi- fikation mit Kollektiven und die damit verbundenen Vorstellungen und Imaginationen, also uber den ,Inhalt‘ dieser Identitat. Aufgrund dessen werden autobiografisch-narrative Interviews durchgefuhrt, um auf der individuellen Ebene Identifikationen mit Europa und den damit ver- bundenen Vorstellungen zu untersuchen. Im nachsten Kapitel wird auf die Datenerhebung mit- tels narrativer Interviews eingegangen.

3. Operationalisierung

Im Folgenden wird aufgezeigt, wie die Datenerhebung und -auswertung mittels narrativer In­terviews gelingen kann.

3.1 Narrative Interviews

Das narrative Interview wurde Mitte der siebziger Jahre vom Soziologen Fritz Schutze entwi- ckelt und diene sowohl als Verfahren zur empirisch-sozialwissenschaftlichen Datenerhebung, als auch zu deren Interpretation (Heinze 2001: 166). Es soll soziale Wirklichkeit so erfassen, wie sie sich aus der Sicht der Befragten darstelle (Kleemann; Krahnke; Matuschek 2009: 65). Die Grundannahme hinter dieser Methodik sei, dass soziale Wirklichkeit nur im Rahmen von Kommunikation hergestellt werde und nicht auBerhalb des Handelns der Gesellschaftsmitglie- der existiere (Kusters 2006: 18). So gesehen konne sie nur im Rahmen der Analyse von kom- munikativen Interaktionen sinnverstehend erfasst werden (ebd.). Problematisch sei jedoch, dass der direkte Zugang, im Sinne eines Abfragens zu subjektiven Sichtweisen, Sinnbezugen, Deu- tungsmustern und Handlungsorientierungen verschlossen sei, da das Individuum nur sehr be- grenzt als Informant fur die subjektive Sicht auf die Welt fungieren konne (ebd.: 20). Deshalb habe Fritz Schutze die Notwendigkeit gesehen, eine Interviewform zu entwickeln, welche die Ausgestaltung des Interviews und der Thematiken weitestgehend dem oder der Befragten uber- lasst und ihm oder ihr somit aufgrund der Eigenschaften von Erzahlungen auch heikle Informa- tionen zu entlocken vermag (ebd.: 21). Der oder die Befragte werde nicht in distanzierter Weise zu einem Geschehen und seinem oder ihrem Handeln befragt, sondern konne zum Wiedererle- ben eines vergangenen Geschehens gebracht werden (ebd.).

Dazu wird im Interview zunachst nur eine einzige Frage gestellt, die eine spontane, unvorbe- reitete Erzahlung in Gang setzen soll (Kusters 2006: 21). Nach der sogenannten Erzahlauffor- derung wird der oder die Interviewte nicht mehr unterbrochen, um ihm oder ihr die Moglichkeit zu eroffnen, die Geschichte frei auszugestalten (ebd.). Erst nach einer Erzahlkoda, also einem deutlich gemachten Abschluss der Erzahlung, beginnt der Nachfrageteil (Schutze 1983: 285). Hierbei soll das Erzahlpotenzial ausgeschopft werden, in dem auf unklare, vage oder ubergan- gene Abschnitte eingegangen werden soll und detailliertere Erzahlungen zu einzelnen Teilen der Gesamterzahlung produziert werden sollen (ebd.). Es sei wichtig, dass die Nachfragen eben- falls narrativ sind (ebd.). Also soll darum gebeten werden, nachzufragen „Wie es dazu kam“ oder „Wie etwas weiterging“ anstatt nach dem „Warum“ oder nach Feststellungen, Bewertun- gen, Urteilen und Beschreibungen zu fragen (Lucius-Hoene 2004a: 297).

Im letzten Abschnitt des Interviews geht es darum, die „[...] Erklarungs- und Abstraktionsfa- higkeit des Informanten als Experte und Theoretiker seiner selbst“ (vgl. Schutze 1983: 285) zu nutzen und explizite Fragen zu stellen, welche Beschreibungen und Argumentationen erzeugen konnen (ebd.). Dabei kann explizit auf die Untersuchungsthematik eingegangen werden. Im Falle dieser Ausarbeitung wurde zum Beispiel am Ende der Interviews explizit gefragt, was „Europaisch sein“ fur die Befragten ausmacht. Im nachsten Kapitel wird darauf eingegangen, wie die Rekonstruktion von europaischer Identitat mithilfe autobiografisch-narrativer Inter­views gelingen kann.

3.2 Rekonstruktion von Identitaten in Erzahlungen

Um europaische Identitaten in Erzahlungen zu rekonstruieren, wird die Auswertungsmethodik aus dem Buch „Rekonstruktion von Narrativer Identitat - Ein Arbeitsbuch zur Analyse narra- tiver Interviews“ (vgl. Lucius-Hoene; Deppermann 2004a) verwendet, die sich dadurch aus- zeichne, dass sie die Verfahren, mit denen Identitat in Erzahlungen und damit im narrativen Interview hergestellt werde, auch zur Analyse des Interviewtextes nutze (Lucius-Hoene; Dep- permann 2004a: 95). Die Rekonstruktion narrativer Identitat beginnt mit einer makroskopi- schen, auf strukturelle Aspekte ausgerichteten Betrachtungsweise und geht dann in eine Feinanalyse zur Betrachtung der Identitatskonstitution uber (ebd.: 317). Dazu wird im ersten Schritt die Grobstruktur des Interviewtextes erarbeitet. Es wird untersucht, wie der oder die Erzahler:in seine oder ihre Erzahlung aufbaut. Dazu gehort beispielsweise die Gliederung der Erzahlsegmente und die thematische Gliederung (ebd.). AuBerdem werden Wechsel zwischen den Textsorten untersucht. Das heiBt, es werden Beschreibungen und Argumentationen von Erzahlungen abgegrenzt (ebd.: 318). Sobald die Grobstruktur des Textes erschlossen wurde, werden thematisch relevante Abschnitte ausgewahlt, die inhaltlich, handlungslogisch und er- zahlstrukturell abgeschlossen sind (ebd.: 319). Diese Abschnitte werden einer Feinanalyse un- terzogen, das heiBt, der Text wird Wort fur Wort und Satz fur Satz auf die Fragen untersucht: Was wird dargestellt? Wie wird es dargestellt? Wozu wird das dargestellt? Wozu wird es zu diesem Zeitpunkt dargestellt? Und Wozu wird es in dieser Art und Weise dargestellt? (ebd.: 321). Somit kann in der Analyse der erzahlenden Abschnitte, die Zeit- und Erlebensperspektive des oder der Erzahlenden, die Begrundung fur die Relevanz des Erzahlten, die Ereignisbeteili- gung und Verarbeitung des Erzahlten als auch die Einbindung des oder der Interviewenden analysiert werden (ebd.: 159). Dadurch konnen die Relevanzen und Deutungsmuster des oder der Interviewten als auch seine oder ihre Perspektive auf die Welt identifiziert werden (ebd.: 328).

Mithilfe der Analyse von Beschreibungen kann bestimmt werden, wie die Erzahlenden ihre Lebenswelten konstruieren, also was im Zusammenhang ihrer Erzahlungen zu ihren Welten gehort, wie sie beschaffen sind und wie sie funktionieren (ebd.: 160). Also welche Kategorien und Gegenstande die Wirklichkeitskonstruktionen der Erzahlenden zuganglich machen (ebd.: 162). In dieser Ausarbeitung wird deshalb angenommen, dass kollektiv geteilte Vorstellungen, Mythen und Narrative vor allem beschreibend wiedergegeben werden und deshalb in Beschrei- bungen rekonstruiert werden konnen.

Mithilfe der Analyse von Argumentationen kann ebenfalls auf die Deutungsmuster der Befrag- ten geschlossen werden, wie aber auch auf Selbst- und Fremdpositionierungen (ebd.: 171). Diese Positionierungen besitzen fur die Analyse von Identitat eine sehr hohe Wichtigkeit. Die Positionierung meine erstmal allgemein die diskursiven Praktiken, mit denen Menschen sich selbst und andere in sprachlichen Interaktionen aufeinander bezogen sowohl als Personen dar- und herstellen als auch die Attribute, Rollen, Eigenschaften und Motive, die sie mit ihren Hand- lungen in Anspruch nehmen und zuschreiben (Lucius-Hoene; Deppermann 2004b: 168). Das heiBt, ein:e Sprecher:in mache sich in Interaktion mit sprachlichen Handlungen zu einer sozial bestimmbaren Person und weise ebenso mit sprachlichen Interaktionen den Interaktionspart- nern eine soziale Position zu (Lucius-Hoene; Deppermann 2004a: 62). Mithilfe der Positionie- rung konnen also die Identifikationen der Interviewten als auch Vorstellungen uber Homoge- nisierungen und Differenzierungen von Kollektiven rekonstruiert werden.

Im letzten Schritt der Analyse werden die Ergebnisse der Struktur- als auch Feinanalyse in einer Fallstruktur zusammengetragen (ebd.: 326). Nachdem im ersten Teil der Arbeit die theoretischen Grundlagen aufgezeigt und die Operationalisierung dargelegt wurde, wird im nachsten Teil der Arbeit in die empirische Untersuchung eingestiegen.

4. Methodische Vorgehensweise

Um den Verlauf der empirischen Untersuchung darzustellen, wird in diesem Teil der Arbeit auf die Auswahl der Zielgruppe, auf die Kontaktaufnahme, auf die Fragestellung, auf den Ablauf der Interviews sowie auf die Aufbereitung des Interviewmaterials eingegangen.

4.1 Bestimmung der Zielgruppe

Fur die Analyse wurden Mitglieder der Volt-Partei befragt. Es wurde angenommen, dass somit Personen interviewt wurden, die sich mit der Volt-Partei und ihren Inhalten identifizieren. Die Volt-Partei sei die erste paneuropaische Partei, welche nach eigener Aussage grenzubergreifend Politik fur ein demokratisches, foderales und transparentes Europa machen mochte ( Generation Europa: Volt | Unser Magazin zur Bundestagswahl 2021 : 4). Das Ziel sei eine europaische Republik, die von ihren Burger:innen vereint gestaltet und demokratisch kontrolliert werde (ebd.). Das heiBt, das groBte politische Ziel der Volt-Partei ist eine Starkung der politischen Integration Europas und die Schaffung einer einheitlichen europaischen Politik. Zusatzlich mochte die Volt-Partei das europaische Zusammengehorigkeitsgefuhl starken (ebd.: 26). Die Idee von Europa sei die Idee der Solidaritat und der gemeinsamen Werte. Dazu wurden die Achtung der Menschenwurde, die Freiheit und Demokratie, die Gleichheit, die Rechtsstaatlich- keit und die Wahrung der Menschenrechte gehoren (ebd.). In der heutigen EU wurden nationale Interessen die gemeinsamen Ziele aller Mitgliedsstaaten und die Werte der EU untergraben (ebd.). Mit einem paneuropaischen Ansatz konne die EU reformiert werden und zu einem fo- deralen Europa mit parlamentarischer Demokratie umgestaltet werden (ebd.).

Zusammengefasst mochte Volt sowohl die politische Integration Europas vorantreiben als auch die europaische Identitat starken. Deshalb und auch weil der Begriff der kollektiven Identitat politisch relevant ist und zu Handlungen im Namen eines Kollektivs fuhren kann, wurde im Vorfeld vermutet, dass die Identifikation mit und die Mitgliedschaft in der paneuropaischen Volt-Partei als Ausdruck einer besonders starken Identifikation mit dem politisch integrierten Europa verstanden werden konnte. Deshalb wurde angenommen, dass sich in den Lebensge- schichten viele Vorstellungen uber die Zusammensetzung einer europaischen Identitat rekon- struieren lassen konnten.

4.2 Die Kontaktaufnahme und Auswahl der Befragten

Die Kontaktaufnahme zu den Interviewpartner:innen gestaltete sich als langwierig, da sich die Zeit der Kontaktaufnahme mit dem Wahlkampf zur Bundestagswahl 2021 uberschnitt. Anfang September wurde zuerst auf der Internetseite der Volt-Partei nach regional-aktiven Mitgliedern gesucht, was sich aufgrund des Aufbaus der Webseite als relativ einfach herausstellte. Auf der Webseite lieBen sich sehr leicht die E-Mail-Kontaktdaten von Mitgliedern der Volt-Partei fin- den. So konnte das Interview mit Katja vereinbart werden.

Um weiter fur Interviews zu werben, wurde beschlossen, in Prasenz zu einem Wahlkampfstand zu gehen. Die Termine uber Stande und Aktionen lieBen sich der Webseite von Volt Deutsch­land entnehmen. Dafur wurde im Vorfeld ein Flyer entworfen, der kurz und knapp die wich- tigsten Informationen und Kontaktdaten des Interviewers enthielt, um eine ,Visitenkarte‘ zur Weitergabe zu haben. Beim ersten Versuch lieB sich jedoch kein Wahlkampfstand zur angege- benen Zeit und Adresse finden und die Flyer wurden in den Briefkasten der regionalen Rats- gruppe geworfen. Darauf gab es jedoch keine Ruckmeldungen. In der folgenden Woche wurde erneut ein Wahlkampfstand besucht. Diesmal lieB sich an der angegebenen Zeit und dem Ort ein Infostand finden. Dort wurden die Mitglieder direkt und personlich angesprochen. Dabei erklarte sich Gabriela zum Interview bereit und gab ihre Kontaktdaten weiter. Weitere Inter- viewpartner:innen konnten nicht gewonnen werden. Auffallig war jedoch, dass die Mitglieder eine ,Gegenleistung‘ erwarteten. Als potenzieller Wahler sollte der Interviewer alle parteispe- zifischen Besonderheiten erklart bekommen und zusatzlich Flyer mitnehmen und an andere Personen verteilen, also Wahlwerbung fur die Partei machen.

In der darauffolgenden Woche wurde auf der Webseite von Volt Deutschland zu einem regio- nalen „Meet and Greet“ eingeladen, bei dem Interessierte dazu eingeladen wurden, mit Volt- Mitgliedern uber „Politik, Gott und die Welt“ (vgl. Muller; Connor 16.09.2021) zu sprechen. Dieses Meeting fand abends und digital statt. Um mogliche Mitglieder fur ein Interview zu gewinnen, wurde an diesem Treffen teilgenommen. Dort waren drei Mitglieder der Volt-Partei versammelt, unter anderem auch Katja und Gabriela, welche beide schon einem Interviewter­min zugesagt hatten. Durch diesen Termin konnten keine weiteren Interviewpartner:innen ge- wonnen werden. AnschlieBend wurde noch rund eine Stunde uber politische und gesellschaft- liche Themen gesprochen.

Des Weiteren wurden viele Ratsgruppen-Mitglieder von Volt per E-Mail und auf Facebook angeschrieben, die im Wahlkampf zuruckhaltend agierten. So konnte das Interview mit Lars und Tim vereinbart werden.

Die Auswahl der Befragten erfolgte vor allem durch Verfugbarkeit. Das lag vor allem an der wenig verfugbaren Zeit der Zielgruppe, aufgrund dessen mehrere Interviewtermine nicht statt- finden konnten oder wieder abgesagt wurden. Trotzdem konnte eine Variation in den soziode- mografischen Merkmalen erreicht werden. Es konnten jeweils zwei mannliche und zwei weib- liche Interviewpartner:innen gewonnen werden, welche sich im Alter zwischen 20 und 35 Jah- ren befanden. Des Weiteren besitzen alle Interviewpartner:innen mindestens die Fachhoch- schulreife und zwei der Befragten besitzen zwei Staatsangehorigkeiten.

Bei den Kontaktaufnahmen zu den Volt-Mitgliedern wurde nur auf den Aufbau der Interviews eingegangen und das Interesse an der Lebensgeschichte von Volt-Mitgliedern wurde kommu- niziert. Dabei wurde explizit nicht auf den Themenschwerpunkt der Arbeit hingewiesen, da eine Bezugnahme auf das tatsachliche Untersuchungsthema vermieden werden sollte, damit sich nicht auf die Interviewthematik vorbereitet werden konnte. Das lag an der Befurchtung, dass, falls das Interesse an einer europaischen kollektiven Identitat offengelegt wurde, die In- terviewten weniger auf autobiografische Erzahlungen, sondern auf vorgefertigte Darstellungen der Partei zur europaischen Zusammengehorigkeit zuruckgreifen konnten. Deshalb wurde er- klart, dass das Forschungsinteresse die Lebensgeschichte der Befragten ist und wie sie mit ih- rem Engagement in der Partei zusammenhangt.

4.3 Die Fragestellung

Der Erzahlstimulus war bei allen Interviews identisch. Nach einer kurzen Einfuhrung, Vorstel- lung und Aufklarung uber die Aufnahme und den Datenschutz sowie der Testung des Aufnah- megerates folgte der Erzahlstimulus. Danach sollten die Interviewten ihre Lebensgeschichte erzahlen und wie es zu ihrem Engagement in der Volt-Partei gekommen ist. Die Rahmung mit dem Engagement in der Volt-Partei wurde bewusst gewahlt, um das Erzahlziel auf das Enga­gement auszurichten. Wird den erzahltheoretischen Grundlagen gefolgt, kann so erreicht wer- den, dass lebensgeschichtliche Aspekte genannt werden, welche fur die Befragten bedeutsam sind, um das Zustandekommen des Engagements in der Volt-Partei zu veranschaulichen. Wie bereits erlautert wurde, wurde angenommen, dass das Engagement in der Volt-Partei mit einer starken Identifikation mit Europa korrelieren konnte. Deshalb war die Hoffnung, dass viele lebensgeschichtliche Aspekte, die mit Europa zu tun haben, genannt werden, um zu erzahlen, wie es zum Engagement in der Volt-Partei gekommen ist. Der Erzahlstimulus lautete:

„Ich interessiere mich fur die Lebensgeschichten von Mitgliedern der Volt-Partei. Dabei wurde ich gerne in Er- fahrung bringen, wie es zum Engagement in der Volt-Partei, die sich als paneuropaische Partei fur einen grenz- ubergreifenden politischen Ansatz fur Europa stark macht, gekommen ist. Da Du Mitglied in der Volt-Partei bist, wurde ich dich gerne darum bitten, Dich zuruckzuerinnern und Deine Lebensgeschichte zu erzahlen. Es gibt dabei fur mich kein richtig oder falsch. Auferdem bitte ich dich darum, dir so viel Zeit zu nehmen, wie du brauchst. Ich werde mich die meiste Zeit zuruckhalten, dir ab und zu vielleicht Fragen stellen, wenn ich etwas nicht richtig verstanden habe oder mich etwas besonders interessiert. Ansonsten halte ich mich im Hintergrund und mache mir gelegentlich Notizen. Ich wurde gerne damit beginnen, dich zu bitten, Dich zuruckzuerinnern, Deine Lebensge- schichte zu erzahlen und nach und nach zu schildern, wie es zum Engagement in der Volt-Partei gekommen ist, also wie eins zum anderen gekommen ist.“

4.4 Der Ablauf der Interviews

Im Folgenden wird auf den Verlauf der Gesprachssituationen eingegangen. Die Beschreibun- gen und Einschatzungen der Gesprachssituationen in diesem Kapitel basieren dabei auf Inter- viewprotokollen, welche am Abend nach den Interviewterminen ausgefullt wurden.

Die Interviews fanden im Zeitraum zwischen dem 21.09.2021 und dem 22.10.2021 statt. Dabei wurden die Interviewtermine alle nachmittags durchgefuhrt und begannen entweder um 14:00 Uhr oder um 15:00 Uhr. Als Ort fur die Interviews wurden immer Cafes oder Restaurants aus- gewahlt, welche fur die Interviewpartner:innen gut erreichbar waren. Diese Orte wurden aus- gewahlt, um einen neutralen und gleichzeitig gemutlichen Gesprachsort zur Verfugung zu ha- ben, der erzahlgenerierend wirken soll. AuBerdem wurden diese Orte ausgewahlt, da den Inter- viewten im Vorfeld angeboten wurde, dass ihnen an diesen Orten ein Getrank ausgegeben wird. So sollte Dankbarkeit und Wertschatzung fur die Teilnahme am Interview ausgedruckt werden. Trotzdem hatten alle Etablissements den Nachteil, dass die Gerauschkulisse aufgrund von Mu- sik und Stimmen im Hintergrund relativ laut war. Was in den Interviews mit Katja, Gabriela und Lars den Gesprachsfluss nicht gravierend storte, artete im Interview mit Tim insoweit aus, dass Verstandnisprobleme und eine erhohte Anstrengung das Interview begleiteten. Des Wei- teren hatten alle Interviews gemein, dass beim ersten Aufeinandertreffen vor dem Start des Interviews ein lockeres Vorgesprach von rund 15 Minuten stattfand. Dabei sollte dieses Vor- gesprach zwei Funktionen erfullen. Zuerst sollte die Bestellung des Getranks und der Erhalt der Bestellung vor dem Interview stattfinden, damit es zu keinen storenden Unterbrechungen in der Stehgreiferzahlung kommt und zweitens konnten so im Vorfeld schon Sympathie und Ver- trauen gewonnen werden, also das ,Eis gebrochen‘ werden. Dabei wurde bewusst in Kauf ge- nommen, dass das Interview durch das Vorgesprach mit dem Interviewer beeinflusst werden konnte. Obwohl versucht wurde, das AusmaB der Beeinflussungen so niedrig wie moglich zu halten, wurde dieses Risiko in Kauf genommen, da das Wohlbefinden der Interviewpartner:in- nen und damit ihre Kooperations- und Erzahlbereitschaft deutlich hoher bewertet wurden. Nach den Interviews fanden noch Nachgesprache statt, welche aufgrund von Sympathie und Interesse zwischen 45 Minuten und zweieinhalb Stunden lang waren. Gemeinsam hatten alle Gesprache, dass im Anschluss das Forschungsinteresse an der kollektiven europaischen Identitat offengelegt wurde, nach den Eindrucken und Gedanken der Befragten zum Verlauf des Inter­views gefragt wurde und die Moglichkeit geboten wurde, Fragen an den Interviewer zu stellen, um die starke Gesprachsasymmetrie des Interviews zumindest aufzuweichen.

Das erste Interview wurde noch vor der Bundestagswahl 2021 mit Katja gefuhrt. Katja hatte ein freundliches und selbstbewusstes Auftreten und war von Beginn an frohlich und kooperati- onsbereit eingestellt. Die Gesprachsatmosphare war anfangs recht nervos, was durch die Ner- vositat des Interviewers bedingt war. Das fuhrte auch zu einigen Fehlern im Nachfrageteil des Interviews, da vor allem zu Beginn, anstatt erzahlgenerierender Fragen, Fragen gestellt wurden, die Beschreibungen und Argumentationen erzeugten. Verstarkt wurde dieser Aufbau zudem dadurch, dass Katja sehr reflektiert uber ihr Leben sprach und zu vielen Lebensabschnitten und Erfahrungen Begrundungen, Bewertungen und Zusammenfassungen mitlieferte. Dennoch konnten teilweise auch weitere narrative Passagen generiert werden. Die erste Stehgreiferzah- lung war mit rund elf Minuten sehr kurz und auch die kurzeste Stehgreiferzahlung aller Inter­views. Das Interview hatte eine Gesamtlaufzeit von rund einer Stunde und zwanzig Minuten und war damit mit Abstand das kurzeste aller Interviews. Auffallend war zudem, dass Katja von der Erzahlaufforderung irritiert war, da sie das Zustandekommen des Engagements bei Volt und ihre Lebensgeschichte als zwei voneinander getrennte Dinge betrachtete. Nach einer kur- zen Aushandlungsphase begann jedoch die lebensgeschichtliche Erzahlung, welche auf das ge- wunschte Erzahlziel ausgerichtet war.

Das zweite Interview fand nach der Bundestagswahl 2021 statt und wurde mit Gabriela gefuhrt. Gabriela war zuerst etwas zuruckhaltend, aber von Beginn des Interviews an freundlich und sehr erzahlfreudig. AuBerdem erzahlte sie im Interview, dass sie sich im Vorfeld Gedanken daruber machte, was sie gerne erzahlen mochte. Das zeigt sich auch in der ersten Stehgreifer- zahlung, die rund 45 Minuten lang ist und nur mit wenig langeren Pausen ,runtererzahlt‘ wurde. Zudem befanden sich viele Beschreibungen und Argumentationen uber die strukturellen Gege- benheiten und Vorteile der Partei in dieser ersten Phase. Im Nachfrageteil konnte Gabriela da- hingefuhrt werden, sich zuruckzuerinnern und auf viele weitere Erlebnisse und Erfahrungen erzahlerisch einzugehen. Das zeigte sich auch in langeren Pausen und einer geringeren Anzahl an gesprochenen Wortern. Zusatzlich ist bemerkenswert, dass sie im Interview dem Interviewer ein Bild auf ihrem Smartphone zeigte, welches Bezug auf eine erzahlte Situation nahm. Insge- samt hatte das Interview eine Laufzeit von rund zwei Stunden und vierundzwanzig Minuten. Die groBe Erzahlfreudigkeit von Gabriela wurde vor allem auch in der Anzahl der gesprochenen Worter deutlich, da das Interview mit Abstand die meisten gesprochenen Worter besitzt.

Das dritte Interview wurde mit Lars in einem Vorort durchgefuhrt. Dort empfing Lars den In­terviewer am Bahnhof. Auffallig war, dass er sich dafur einen Volt-Pullover anzog, um besser erkennbar zu sein. Lars war von Beginn an freundlich, offen und sehr kooperationsfreudig. Lars druckte sich insgesamt sehr ruhig und bedacht aus, was sich auch an vielen kleinen Pausen im Gesprachsfluss zeigt. Ansonsten verlief das Gesprach ohne besondere Vorkommnisse. Die erste Stehgreiferzahlung hatte eine Lange von rund einundzwanzig Minuten, wobei jedoch rund die Halfte der Stehgreiferzahlung sich nicht aus der Schilderung von Erlebnissen und Lebenspha- sen zusammensetzt, sondern aus Argumentationen zu den Vorteilen der Volt-Partei. Im Nach- frageteil konnte spezifischer auf einzelne Lebensphasen eingegangen werden und darauf auf- bauend die Schilderung von speziellen Erlebnissen gewonnen werden. Das Interview ging ins- gesamt zwei Stunden und siebenundzwanzig Minuten.

Das vierte Interview wurde mit Tim gefuhrt. Die Gesprachsatmosphare war insgesamt ange- strengt, was jedoch nicht durch das Gesprach selbst bedingt war, sondern durch die Lautstarke im Cafe, welche an einigen Stellen zu Verstandnisproblemen fuhrte. Ansonsten war Tim an- fangs zuruckhaltend und ernst, was sich aber im Verlauf des Gesprachs legte. Tim war von Beginn an sehr kooperationsbereit und erzahlfreudig, was sich auch darin zeigt, dass die erste Stehgreiferzahlung rund eine Stunde lang war und von vielen narrativen Passagen gepragt ist. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass das Interview in drei Teile unterteilt ist, die rund eine Stunde und funf Minuten, 54 Minuten und 31 Minuten lang sind. Die Unterbrechungen hatten eine Lange von jeweils rund drei bis vier Minuten, welche auf Toilettengange von Tim zuruck- zufuhren waren. Im Nachgesprach auBerte Tim noch seine Eigenmotivation an dem Interview. Ihm helfe es, da er seine Darstellung fur zukunftige Interviews trainieren konne.

4.5 Die Aufbereitung des Interviewmaterials

Um die Tonaufnahmen der Interviews fur analytische Zwecke verwertbar zu machen, mussten die Tonaufnahmen transkribiert werden. Diese Transkription erfolgte auf Basis des GAT-Tran- skriptionssystems (vgl. Selting et al. 1998). Zur Erlauterung der in dieser Arbeit verwendeten Zeichen wurde den Transkripten eine Legende beigelegt (vgl. Anh. 1). Aufgrund der Lange der Interviews wurde zu Beginn der Bearbeitungsphase beschlossen, fur die Interviews ein Inventar anzulegen, welches die Interviews hauptsachlich in strukturelle und thematische Aspekte un- terteilt. So sollten zu transkribierende Stellen ausgesucht werden. Fur die ersten beiden Inter­views wurde solch ein Inventar angelegt. Jedoch zeigte sich im weiteren Verlauf, dass im Vor- feld nur marginale Anteile der Interviews mit Sicherheit als irrelevant klassifiziert werden konnten, weshalb sich dazu entschieden wurde, die Interviews komplett zu transkribieren. Da sich die Arbeit intensiv auf wenige Falle konzentriert, wurde anschlieBend entschieden, alle Interviews komplett zu verschriftlichen. Bei der Transkription wurde darauf geachtet alle Na- men, Stadte und einzigartigen Orte zu anonymisieren, um den Schutz der Interviewten zu ge- wahrleisten. Diese Informationen wurden durch Pseudonyme oder abstrakte Umschreibungen ersetzt und im Transkript gekennzeichnet.

5. Interviewergebnisse

Im Folgenden wird inhaltlich und analytisch auf die Interviews eingegangen. Rekonstruiert wird, welche zentralen Aspekte die Befragten in ihrem Leben als ursachlich fur das Engagement bei Volt ausfindig machen, welche Stellung und Relevanz Europa dabeihat sowie welche Vor- stellungen sie mit Europa und Europaisch sein verbinden. Dabei wird hiermit ausdrucklich da- rauf hingewiesen, dass diese Rekonstruktionen keinen Anspruch auf Vollstandigkeit erheben. Vielmehr sind die folgenden Fallgeschichten als Interpretationsangebote zu verstehen. Die hier verwendeten Transkriptausschnitte wurden zudem geglattet, um die Lesbarkeit zu verbessern. Der Wortlaut ist aber gleichgeblieben. Diese Auszuge lassen sich in den Anhangen (vgl. An- hange 2.1-2.4) ohne Informationsreduktion nachlesen.

5.1 Fallgeschichte Katja: Eine Erzahlung uber die Vorteile Europas

Katja, eine 23-jahrige, kurzlich fertiggewordene Geologie-Bachelorabsolventin berichtet in ih- rer autobiografischen Erzahlung davon, wie das Zustandekommen des Engagements bei Volt vor allem aus einer „Selbstverwirklichung“ (vgl. Anh. 2.1: 196-197) nach einer Selbstverge- wisserung uber sich selbst, der Politisierung in der Schulzeit und personlichen Erfahrungen im Umgang mit Menschen resultiert. Dabei wird im Aufbau und Inhalt der Erzahlung deutlich, dass die Volt-Mitgliedschaft scheinbar vor allem auf personliche Lebensumstande und Erfah- rungen zuruckzufuhren ist. Aber was ist Europa fur Katja?

Europa kommt erst im expliziten Teil des Interviews deutlich zur Sprache. Katjas Verstandnis von Europa ist stark mit einem utilitaristisch-politischen Motiv und weniger mit einer affekti- ven Identifikation verbunden. In diesem zweckbezogenen Verstandnis erarbeitet sich Katja Eu­ropa vor allem uber die Vorteile der politischen Integration durch die Europaische Union. Die Vertiefung der politischen Integration Europas sei dabei ein „logischer Schritt“ (vgl. Anh. 2.1: 1075-1076) und ermogliche viele Losungen fur private als auch globale Problematiken. Im Mit- telpunkt steht dabei immer die Progressivitat, welche durch eine europaweite Politik erreicht werden konne.

Katjas Lebensgeschichte beginnt damit, dass sie in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen als eine von zwei Tochtern polnischer Eltern aufwuchs, die in den 1980-igern uber Osterreich „aus dem Kommunismus geflohen sind“ (vgl. Anh. 2.1: 46-47). Schon fruh lieBen sich die Eltern scheiden, was Katjas Aussagen nach groBen Einfluss auf die personliche Entwicklung hatte. Das Aufwachsen in einem reinen Frauenhaushalt habe dafur gesorgt, dass sie und ihre Schwes- ter fruh selbststandig und unabhangig waren. Trotzdem war und ist die GroBfamilie, von der weitere Teile uber die Jahre nach Deutschland nachzogen, immer ein wichtiger Bezugspunkt in Katjas Leben gewesen. Daran anschlieBend ist auch der polnische Hintergrund immer ein wich- tiger Aspekt in ihrem Leben gewesen, welcher im Kontrast zum Leben in der deutschen Ge­sellschaft zu einem identitaren Spannungsfeld fuhrte. Darauf aufbauend scheinen nationale Identifikationen in ihrem Verstandnis uberflussig zu sein, da ihr identitares Wohlbefinden nicht von Orten abhangig sei.

Auszug 1.1

„[...] Familie war immer ein grofies wichtiges Thema bei uns und dadurch aber auch immer so der polnische Hintergrund (2) also (1) wir haben viel polnisch geredet und polnische Kultur gepflegt und (-) ahm keine Ahnung die Feiertage haben wir auf polnische Art ge/ und weise gefeiert und sowas und dadurch war halt (2) ja (-) meine Identitat so ein bisschen zwiegespalten weil ich naturlich in ner absolut deutschen Gesellschaft grof geworden bin mit deutschen Freunden in ner Schule und so weiter und (-) ahm (-) dadurch hab ich halt (-) ganz fruh einfach (-) so begriffen (-) dass ich (-) nicht irgendwo absolut hingehore sondern dass ganz viele Orte geben kann an denen ich mich wohlfuhlen kann und ahm (-) dass Identitat fur mich halt (1) in keiner Form mit Nationalismus irgendwie zusammenhangt (1)“ (vgl. Anh. 2.1: 86-99)

Nach der Grundschule besuchte sie eine Gesamtschule, die nach „schwedischem Modell ge- fuhrt“ (vgl. Anh. 2.1: 111-113) war und ihrer Aussage nach viel Wert auf „Personlichkeitsent- wicklung“ (vgl. Anh. 2.1: 114-115) legte. Die Erfahrungen im Politikunterricht und bei Jugend debattiert entwickelten erstmals ihr Interesse an Politik und politischen Diskussionen.

Auszug 1.2

„[.] Und da habe ich dann das erste Mal auch mhm (-) so politische Sachen kennengelernt (-) einmal so im (-) SoWi-Unterricht und Politikunterricht und auf der anderen Seite hab ich mich bei Jugend debattiert engagiert und hatte da voll Spaf dran (-) hab mehrere Jahre (-) debattiert und (-) ahm da dann auch Leute kennengelernt die so Spaf an politischen Diskussionen hatten und (-) ahm (1) wurd sagen da hat so mein politisches Interesse auf jeden Fall angefangen (1)“ (vgl. Anh. 2.1: 116-124)

Wahrend der Oberstufenzeit besuchte sie als eine der Klassenbesten eine Sommerakademie, was ihre Entscheidung studieren zu wollen, bestarkte. Daraufhin begann sie nach der Schulzeit ein Geologiestudium, welches sie als Interessenstudium bezeichnet, da sie gerne so viele natur- wissenschaftliche Facher wie moglich gleichzeitig studieren wollte. Zur Auswahl stand jedoch zuerst auch ein Studium im sozialen Bereich, welches sie jedoch weniger aus Interesse als auf- grund von idealistischen Beweggrunden aufgenommen hatte. Uber viele Jahre hinweg betreute Katja Ferienfreizeiten vor allem auch fur Kinder, deren Familien weniger finanzielle Mittel zur Verfugung hatten. Dieses gesellschaftliche Engagement und die Idee ein Studium im sozialen Bereich aufzunehmen, resultierten aus Fallgeschichten aus der eigenen Familie, wo Kinder entweder davon profitierten in sozialen Systemen aufgefangen zu werden oder komplett durchs Raster fielen.

Auszug 1.3

„Also es ware auch so die Idee gewesen dass ich vielleicht irgendwie die Welt nen bisschen besser hinterlassen wollen wurde und vielleicht irgendwie Kindern was geben wollen wurde (-) dass (-) dass bei denen Zuhause nicht gab oder ah so nen bisschen was wieder gut machen (2) weil ich es (-) auch irgendwie so ne Wut hatte zu sehen wie viele Menschen die mir nahestanden unter (-) dem Einfluss von Erwachsenen gelitten haben (-)“ (vgl. Anh. 2.1: 859-866)

Am Anfang des Studiums hatte Katja mit Problemen in ihrer damaligen Paarbeziehung zu kampfen, wodurch ihr Studium zur Nebensache geriet. Ein einschneidendes Erlebnis, welches zu groBen Umstrukturierungen in Katjas Leben fuhrte, sorgte dafur, dass sich Katja uber sich selbst vergewisserte und beschloss sich gesellschaftlich zu engagieren, um ihre Ideen und Vor- stellungen zu verwirklichen.

Auszug 1.4

„Und das war dann auch ahm (-) so der Zeitpunkt wo ich dann auch mit dem Studium problemlos klarkam wo ich beschlossen hab dass ich mich gerne auch gesellschaftlich engagieren mochte (-) weil ich das fruher ja auch schon immer gemacht hatte und (-) hab mir dann irgendwie nen Projekt gesucht (-) wo ich das verwirklichen kann (-) mein/ (-) meine Ideen und Vorstellungen und das war dann Volt (1)“ (vgl. Anh. 2.1: 966-972)

Wie die Rekonstruktion der autobiografischen Erzahlung zeigt, ist das Zustandekommen des Engagements bei Volt fur Katja vor allem auf die Politisierung in der Schulzeit, das gesell- schaftliche Engagement in den Ferienfreizeiten und aufgrund einer Selbstvergewisserung uber sich selbst: „weil ich das fruher ja auch schon immer gemacht hatte“ (vgl. Ausz. 1.4) und dem daraus resultierenden Wunsch, die eigenen Ideen und Vorstellungen zu verwirklichen, zuruck- zufuhren. Bei Volt ubernahm sie Funktionen im Mitgliedermanagement und kandidierte auch bei der Bundestagswahl 2021. Aber wo findet sich nun Europa in Katjas Erzahlung?

Katja positioniert sich auf explizite Nachfrage als Europaerin. Diese Kategorisierung nehme ihr ein personliches Problem ab, welches aus ihrem multikulturellen Hintergrund resultiere. Katja wies schon am Anfang ihrer Erzahlung daraufhin, dass ihre zwei kulturellen Zugehorigkeiten zu einem identitaren Problem fuhrten, welches durch die Bezeichnung „Europaerin“ zumindest entspannt werde.

Auszug 1.5

„[...] Das [Europaerin] fur mich die einfachste Antwort ist (2) also keine Ahnung man wurd (2) oder ich wurde als Kind (1) haufig gefragt ja sag mal bist du eigentlich Polin oder Deutsche (1) ich hab die Frage immer gehasst (2) weil das irgendwie bedeutet hat sich entscheiden zu mussen (1) und jede Seite war gekrankt gewesen wenn man was Falsches gesagt hatte so (3) ahm (1) aber aus beiden Kulturen ist halt gleichviel irgendwie in mir ver- ankert (1) mhm (2) und genau in beiden Kulturen finde ich gleich viel bescheuert (1) [.] jede Kultur hat (-) ihre Eigenheiten und ihre eigenen schonen Traditionen und genauso ihre eigenen Macken (2) und ahm (3) das sind (- ) total schone Sachen die wir ubereinander lernen konnen (-) wenn man irgendwie andere Kulturen ke/ (-) ken- nenlernt und so (1) aber die man auch uberwinden kann wenn man das mochte ((lacht)) [...]“ (vgl. Anh. 2.1: 1443-1464)

Europaisch sein ist fur Katja mit dem individuellen Vorteil der Problemlosung ihres identitaren Spannungsfeldes verbunden. Neben diesem individuellen Aspekt gibt dieser Auszug jedoch noch einen weiteren Hinweis auf Katjas Verstandnis von Europa, denn fur sie gabe es in jeder nationalen Kultur „schone Traditionen“ (vgl. Ausz. 1.5) und „eigene Macken“ (vgl. Ausz. 1.5), von denen man lernen oder die man uberwinden konne. Die einzelnen europaischen Nationen und Kulturen seien somit hochstindividuell und unterschiedlich und konnten voneinander ler- nen, progressive Eigenschaften ubernehmen und regressive Eigenschaften ablegen. Dadurch zeigt sich, dass Progressivitat stark mit Katjas Vorstellungen von Europa verbunden ist. Die Vorbedingung dafur ist aber eine implizite Betrachtungsweise, die scheinbar mit ihrer Vorstel- lung von Europaisch sein verknupft ist. Denn damit das Lernen von anderen nationalen Kultu- ren moglich ist, muss eine Betrachtungsweise eingenommen werden, die uber die eigenen na- tionalen Grenzen hinweggeht, also supranational ist. Katja scheint Probleme und Vorteile nicht nur aus einer regionalen oder nationalen Perspektive, sondern aus dem Blickwinkel einer euro- paischen Einheit zu betrachten. Diese Betrachtungsweise wird im weiteren Verlauf dieser Ar­beit als „Europaischer Blick“ definiert. Genau genommen ist damit eine Betrachtungsweise ge- meint, die sich nicht nur auf nationale Grenzen beschrankt, sondern aus dem Blickwinkel einer europaischen Einheit auf nationale und globale Thematiken schaut.

Diese Idee, dass die europaische Integration Fortschritt bedeutet und nationale Probleme losen kann, findet sich auch an anderen Stellen in Katjas Aussagen. Zum Beispiel beschreibt Katja wie sich das Leben ihrer GroBeltern seit dem EU-Beitritt Polens veranderte.

Auszug 1.6

Also ja fur mich war Europa (1) schon immer irgendwie das grofte Friedensprojekt dass ich kannte auf unserem Kontinent so (1) ahm (-) das zumindest was man mir in der Schule vermittelt hat (-) so das gewesen (2) ahm und ich hatte auch (-) dadurch dass ich halt polnische Familie habe (-) und wir viel Zeit in den Sommerferien immer in Polen verbracht haben (-) ahm gesehen was (-) die (-) EUfur Forderprojekte in Polen alles ermoglicht hat (1) ahm und was fur nen grofien Beitrag zur Infrastruktur das da geleistet hat also (1) fur mich (-) ist die EU eigentlich (-) nen (-) ne mega grope Stutze gewesen zu sehen wie (-) wie schnell sich Polen entwickeln konnte (-) [...]“ (vgl. Anh. 2.1: 1057-1068)

Auszug 1.7

„Es gab kein (-) kein fliefendes Wasser was man trinken konnte es gab Wasser aus der Leitung aber das war rot (-) ahm also das durfte man nicht Mal zum Zahneputzen verwenden (2) ahm (-) also man musste immer in den Ort um Wasser aus dem Brunnen zu holen (2) ahm (1) ganz viel wurde im Garten angebaut (1) weil (-) halt (1) die Generation von meinem Grofeltern vor allem (-) im Kommunismus so grof geworden ist in Armut dass die alle Selbstversorger waren und das haben die beigebra/ (-) also beibehalten (2) ahm (1) genau (-) es gab (2) Autos die aus irgendeinem Grundgefahren sind aber so aussahen als wenn sie nichtmehr fahren sollten ((lacht)) [...]“ (vgl. Anh. 2.1:1109-1119)

Katja kann aus eigenen Erfahrungen berichten, wie sich Polen seit ihrer fruhen Kindheit wei- terentwickeln konnte und die hier aufgezeigte Armut des sowjetischen Kommunismus uber- wunden habe. Diese Erfolge fuhrt sie auf Forderprojekte der Europaischen Union zuruck. In ihrem Verstandnis brachte die europaische Integration fur Polen viele Vorteile mit sich, die dabei halfen, das nationale Problem der Ruckstandigkeit und Armut in Polen zu losen.

Des Weiteren sei die Europaische Union „das groBte Friedensprojekt“ (vgl. Ausz. 1.6). Hinter dieser Aussage steckt die implizite Annahme, dass ohne die Europaische Union der innereuro- paische Frieden in Gefahr ware. Katja verbindet die politische Integration Europas also mit dem Vorteil, dass das Problem der Gefahr von innereuropaischen Kriegen auf ein Minimum redu- ziert werde. Ermoglich wurde der Frieden dadurch, dass man sich als „groBes Ganzes“ (vgl. Anh. 2.1: 1477) verstehen wurde. Diese Aussage nimmt wieder auf die bereits definierte euro- paische Blickweise Bezug. Denn sich als europaische Einheit zu betrachten, ist notwendig, um uber nationale Grenzen hinwegzusehen und als Europa oder Europaer:in auf nationale und glo­bale Thematiken zu blicken. Auch hier zeigt sich, dass das Verstandnis von einer europaischen Einheit und der damit verbundenen europaischen Blickweise der Ausgangspunkt fur die Vor- teile und Progressivitat der Europaischen Union ist, da ein kontinentaler Frieden gesichert werde. Des Weiteren gibt es Katja nach:

Auszug 1.8

„[...] Themen die vielleicht auf grofier Skala einfach jetzt angegangen werden mussen in unserer (-) Generation

(1) ahm (1) einfach nen logischer Schritt so (1) ah (2) also (-) ich weifi nicht ich beschaftige mich privat mit dem Thema Klimawandel (-) schon auch sei/ (-) seit der Schulzeit und (1) ahm damit verbunden ist auch irgendwie schnell so ne/ (-) nen Frust und so ne Angst und (-) ne Wut dass irgendwie es eigentlich auch schon zu spat sein konnte (2) und (2) es gibt einem irgendwie auch Hoffnung oder nen besseres Gefuhl wenn man sich zumindest auf ne Art auch engagiert dass vielleicht noch irgendwas gerettet werden kann so (1) wenn wenn man was dazu bei- tragt und ahm (2) ja hoffentlich auch ne Veranderung bewirken kann (4) “ (vgl. Anh. 2.1:1073-1085)

Dieser Auszug verdeutlicht, dass Katjas Verstandnis von einem progressiven, vereinten Europa, nicht nur fur Losungen in der Vergangenheit gesorgt hat, sondern ihr auch Hoffnung auf die Losung zukunftiger Probleme macht. Sie hofft, dass der globale, existentielle Kampf gegen den Klimawandel als europaische Einheit Vorteile mit sich bringt. Die europaische Integration ist dabei in ihrem Engagement bei Volt ein Losungsansatz fur das Problem der Klimakrise und „einfach nen logischer Schritt“ (vgl. Ausz. 1.8). Diese Vorstellung nimmt wieder Bezug auf die Vorteile und die Progressivitat, die eine europaische Vereinigung mit sich bringen.

Des Weiteren lasst sich noch festhalten, dass Katja den Vorteil der individuellen Freiheit mit Europa verbindet.

Auszug 1.9

„[.] Nen ICE-Ticket kostet jetzt siebendreifig Euro in ganz Europa ich kann halt (-) naturally mich (-) in nen Zug setzen und reisen und hab fast keine Hurden (-) ahm (3) was bedeutet Europaisch sein noch fur mich (-) mhm

(2) Unabhangigkeit auch so (-) also dass ich (1) so ne Gewissheit hab irgendwo in Europa kann ich arbeiten ohne Probleme in Zukunft ahm (-) also ich werde wahrscheinlich nen Job haben (-) in den Geowissenschaften zumindest in die Richtung in die ich mich jetzt so langsam spezialisiere wo ich nicht zwangslaufig in Deutschland bleiben muss und es aber auch nicht unfassbar viele Jobs hier gibt und es naturlich auch schon auch Gewissheit zu haben dass der europaische Arbeitsmarkt mir offensteht (3)“ (vgl. Anh. 2.1: 1482-1494)

Die europaische Integration bietet fur Katja die Vorteile der grenzenlosen Freiheit im Reisen und der Unabhangigkeit bei der Arbeitsplatzsuche. Durch die Europaische Union konnte ein zukunftiges Arbeitsplatzproblem gelost werden. Ausgangspunkt hierfur ist wieder die europaische Vereinigung und die europaische Blickweise, da durch sie die Arbeitsplatzsuche europaweit gedacht wird. AuBerdem benennt Katja auf Nachfrage noch eine Vorstellung uber die Entstehungsgeschichte, also Herkunft der Europaischen Union, denn sie sei das Resultat von der Macht der Wirtschaft.

Auszug 1.10

„[.] Ursprunglich war es nen Wirtschaftsbundnis (1) ahm (-) Kohle und Stahl innerhalb der Union (-) handeln zu konnen und (1) finde ich auch irgendwie sinnbildlich (-) sehr (1) sehr lustig dass es Kohle ist (-) <<lachend> und ich mich jetzt dafur engagiere> ((lacht)) [...] ahm und zeigt fur mich auch (-) irgendwie (-) so (1) die Macht die hinter Wirtschaft steckt (3) das Wirtschaft schon auch nen Friedenstreiber sein kann (2)“ (vgl. Anh. 2.1: 1545­1549)

Zuletzt lasst sich noch festhalten, dass Katja noch auf einige Dinge eingeht, die hypothetisch Bezug auf Europa nehmen. So lasst sich die explizite Nennung des schwedischen Schulmodells als Unterstutzung ihrer Vorstellung eines offenen, ganzheitlich betrachteten Europas verstehen, in dem man progressive Ideen voneinander lernt und umsetzt. AuBerdem konnte die Nennung der Flucht vor dem Kommunismus und das Uberwinden der durch den Kommunismus beding- ten Armut auf ein implizites demokratisches Verstandnis von Europa hinweisen, zumindest aber ausdifferenziert sie Europa als etwas nicht-kommunistisches.

Zusammenfassend lasst sich festhalten, dass eine starke, affektive Identifikation mit Europa und der Europaischen Union hochstwahrscheinlich nicht der Ausgangspunkt fur das Engage­ment in der Volt-Partei bildet. Vielmehr scheinen personliche Beweggrunde und Erfahrungen dafur verantwortlich zu sein. Katja identifiziert sich mit ihrer Partei und den dazugehorigen europaweiten Zielen, was nicht zuletzt durch Handlungen im Namen Volts, wie dem Engage­ment und der Kandidatur erkenntlich wird. Katja erschlieBt sich Europa uber eine Argumenta­tion von den Vorteilen der europaischen politischen Integration. Die politische Integration ist als politisches Ziel immer eine logische Konsequenz und bringt Vorteile zur Losung nationaler als auch globaler Probleme mit sich. Deshalb ist Europa fur Katja vor allem mit der Vorstellung von Fortschritt verbunden. Damit das gelingen kann, ist aber die Vorstellung von einer europa- ischen Einheit notwendig, sich also als groBes, europaisches Ganzes zu verstehen. Aus diesem Verstandnis von einer europaischen Einheit resultiert zudem der bereits definierte Europaische Blick, durch den aus dem Blickwinkel einer europaischen Einheit auf nationale und globale Thematiken geschaut wird. Diese Blickweise ermoglicht Problemlosungen als auch groBere Freiheiten, wie zum Beispiel eine europaweit gedachte Arbeitsplatzsuche oder grenzenlose Rei- semoglichkeiten. Demnach ist Europa in ihrem Verstandnis vor allem eines: Eine politisch in- tegrierte Einheit, die Vorteile und Fortschritt mit sich bringt.

5.2 Fallgeschichte Gabriela: Eine Erzahlung uber die Erlebbarkeit von Europa

Gabriela, eine 25-jahrige Philosophie- und Mathestudentin, erzahlt in ihrer Lebensgeschichte davon, wie ihre starke Identifikation mit Europa und der Europaischen Union zum Engagement in der Volt-Partei fuhrte. Ihre Identifikation mit Europa und der Europaischen Union ist dabei hochkomplex, vielschichtig und vor allem gefuhlsbetont.

Ubergreifend ist, dass Europa und die Europaische Union sehr zentrale Orientierungspunkte in ihrem Leben und ihrem Handeln sind. Besonders wichtiger Bestandteil in ihrem Verstandnis von Europa ist dabei die Freiheit, welche durch durchlassige Grenzen und die Vielfalt der Spra- chen gegeben ist, sowie die Erlebbarkeit, Nahbarkeit und Menschlichkeit der Europaischen Union als auch die Erlebbarkeit Europas durch den supranationalen, kulturellen Austausch der Menschen in Europa. Und deshalb ist Gabrielas Geschichte in Bezug zu Europa vor allem eine Erzahlung uber Freiheit und affektiv-erlebbare supranationale Verbundenheit durch und in Eu­ropa.

Gabrielas lebensgeschichtliche Erzahlung beginnt mit einer Positionierung, denn sie stellt zu- erst heraus, dass sie die deutsche als auch die italienische Staatsangehorigkeit besitzt. Das habe zu einer Identitatskrise in der Pubertat gefuhrt, die sie durch die Bezeichnung „Europaerin“ gelost habe.

Auszug 2.1

„So (-) dann war schon lange also gerade so in der Pubertat wenn man so die allgemeine Identitatskrise hat (-) was bin ich jetzt Deutsche oder Italienerin (2) ahm und weil ich ungefahr in der Zeit nen Referat in Gemeinschafts- kunde uber die EU gehalten habe (-) kam dann so der Moment so ja gut dann bin ich jetzt einfach Europaerin dann <<lachend> dann muss ich mich gar nicht entscheiden> (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 32-38)

Gabriela rahmt ihre lebensgeschichtliche Erzahlung direkt zu Beginn mit einer Positionierung als Europaerin, was darauf schlieBen lasst, dass eine starke Identifikation als Europaerin aus- schlaggebend fur das Zustandekommen des Engagements bei Volt ist. AuBerdem scheint der Begriff Europaer:in in ihren Vorstellungen stark mit der Europaischen Union verbunden zu sein.

Ihre Lebensgeschichte beginnt nicht mit einem Zeitpunkt in der Kindheit, sondern erst mit ei- nem Referat uber die Europaische Union auf der weiterfuhrenden Schule. Dieser erste intensive Kontakt mit der Europaischen Union scheint fur sie der erste relevante lebensgeschichtliche Punkt zu sein, um das Zustandekommen des Engagements bei Volt zu verdeutlichen. Doch dieses Kapitel weicht vom Aufbau ihrer ersten Stehgreiferzahlung ab und behandelt die Le- bensgeschichte Gabrielas und ihr Verstandnis von Europa moglichst chronologisch im Zeit- strahl.

Gabriela wird mit einer Zwillingsschwester als Tochter von zwei Kunstler:innen geboren. Ihr Vater ist italienischer und ihre Mutter deutscher Herkunft. Sie wuchs nach eigenen Aussagen im „Theatermilieu“ (vgl. Anh. 2.2: 1234) auf, welches viel von Musik, politischen Diskussio- nen und liberalen Einstellungen gepragt gewesen sei. Des Weiteren sei da dieses „gelebte Eu­ropa gewesen“ (vgl. Ausz. 2.2).

Auszug 2.2

„Ahm (-) ja und dann halt dieses (-) gelebte Europa weil eben meine deutschen Grofeltern kein Italienisch konnten und meine italienischen Grofeltern kein Deutsch (-) und beide aber quasi (-) gegenseitig das total spannend fan- den so die Kinderlieder in der anderen Sprache (-) auch wenn sie kein Wort verstanden haben (1) ahm (-) das heifit so dieses Zweisprachige [...]“ (vgl. Anh. 2.2: 1244-1249)

Mit dieser Beschreibung und Einordnung ihrer Kindheit zeigt Gabriela, dass fur sie ihre fami- liare Herkunft fur das Zustandekommen des Engagements bei Volt relevant ist. Zum einen scheint das kunstlerische Umfeld zu ihrer Politisierung beigetragen zu haben, und andererseits hatte sie das Gefuhl, schon im innersten familiaren Umfeld durch die zwei Kulturangehorigkei- ten und die Zweisprachigkeit eine Erlebbarkeit Europas erfahren zu haben. Die Multilingualitat scheint nicht als Hindernis, sondern als etwas Spannendes und Bereicherndes empfunden wor­den zu sein. Somit scheinen das Kunstlerisch-Politische sowie auch die Erlebbarkeit Europas zentral fur das Zustandekommen des Engagements in der Volt-Partei und ihrer Identifikation mit Europa zu sein. Auf beide Punkte wird im weiteren Verlauf noch haufiger zuruckgekom- men.

Schon in der Kindheit erlebte Gabriela den Einfluss der Europaischen Union auf ihr Leben beziehungsweise auf das Leben ihrer Eltern, welcher positiv von ihr bewertet wird.

Auszug 2.3

„[.] So und dann halt immer irgendwie (-) nach Italien fahren und ich kann mich auch noch sehr lebhaft erinnern als der Euro eingefuhrt wurde obwohl ich da ja noch echt klein war (-) [.] Das ist so meine erste Erinnerung an irgendwas was die EU gut gemacht hat (1) <<lachend> den Euro einzufuhren> ((Lachen vom I)) dass halt ir- gendwie man zumindest in Deutschland und Italien nichtmehr das Wechselproblem hatte (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 1330­1349)

Gabriela betrachtet die Europaische Union und ihre Entscheidungen als relevant fur ihr Leben und bewertet sie positiv, da das Leben ihrer Familie durch die Einfuhrung des Euros einfacher wurde. Somit kann angenommen werden, dass Gabriela die Europaische Union mit Lebenser- leichterungen und deshalb mit progressiven Entwicklungen verbindet.

Ein pragendes Ereignis aus Gabrielas Kindheit gibt weiterhin Aufschluss uber ihr Europaver- standnis.

Auszug 2.4

„[.] Ahm und meine letzte Erinnerung an eine innereuropaische Grenze ist halt die nach Tschechien (1) weil wir nen Babysitter hatten (1) so weil meine Eltern halt beide irgendwie am arbeiten warn (1) ahm (-) und dann wollten wir die mitnehmen nach Prag weil mein Vater da dirigiert hat (-) [.] und dann kam die aber an der Grenze nicht weiter weil die nur nen Visum fur Deutschland hatte (2) ahm und da war so der einzige Moment quasi wo ich noch gesehen hab wie Grenzen funktionieren ((lacht)) (1) weil ansonsten war ich ja viel zu jung quasi um Europa vor Schengen zu kennen (1) ahm aber das war dann krass da mussten wir die tatsachlich zum nachsten Flughafen fahren und dann musste die sich in den (-) also zuruck (-) also zu unserer Wohnung quasi in @@Stadt in Baden-Wurttemberg mit 200T-350T Einwohnern## dann bewegen (1) weil dann sind wir ohne sie in den Urlaub gefahren (1) ahm und dann da war ich noch echt noch klein so das heifit ich ha/war auch nen bisschen erschrocken und was ist das jetzt und so (1) aber (1) das war dann quasi so da hatte ich dann personlich auch nen Bezug dazu als dann wegen Corona die Grenzen wieder dicht gemacht wurden aus Coronaschutzgrunden und dann so boah (-) jetzt ist diese Grenze plotzlich wieder da (1) wo ich mich noch dran erinnern kann wie cool das eigentlich war als die dann weg war und das Visum halt einfach fur ganz EU ausgestellt wurde und fertig (1) (vgl. Anh. 2.2: 1355-1381)

In Gabrielas Vorstellungen war Europa seit dem pragenden Erlebnis in ihrer fruhen Kindheit immer frei von nationalen Grenzen und damit mit Freiheit in der Bewegung verbunden. Ein VerschlieBen der nationalen Grenzen ist fur Gabriela schockierend. Dass dieses Verstandnis von Europa fur sie nach wie vor aktuell ist, zeigt die Bezugnahme auf die CoronamaBnahmen.

Ihre Schulzeit verbrachte Gabriela in einer GroBstadt in Baden-Wurttemberg, wo sie nach ei- gener Aussage neben dem „Turkenviertel“ (vgl. Anh. 2.2: 1297) wohnten. Ihre Lebensumge- bung war demnach schon immer viel „Multi-Kulti“ (vgl. Anh. 2.2: 1302) gewesen. Das auBerte sich auch in einer pragenden Situation in der Kindheit, bei der sie auf dem Weg zum Italie- nischunterricht war, welcher vom italienischen Konsulat in Deutschland angeboten wurde. Wahrend der FuBball WM ging sie mit einem Italientrikot durch das besagte Viertel, wofur sie angefeindet wurde. Diese explizite Situation zeigt, dass Gabriela als zehnjahriges Madchen ne­gative Erfahrungen mit Ausgrenzung aufgrund nationaler Identifikationen machte. Ahnliche Erfahrungen machte sie auch in ihrer Schulklasse, wodurch sie das Gefuhl bekam, nicht dazu- zugehoren.

Auszug 2.5

„Aber (1) also es jetzt nicht wirklich was (-) passiert oder so (1) ahm (1) aber das (1) hat naturlich schon dann quasi so dieses verstarkt so okay also irgendwie gehor ich ja auch nicht so hundert Prozent (-) in meine deutsche Klasse so (-) ich war jetzt nicht die Einzige mit Migrationshintergrund da (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 1752-1756)

Deshalb kann vorsichtig interpretiert werden, dass die Fokussierung auf nationale Identifikati- onen von Gabriela als trennend empfunden wird und statt den Gemeinsamkeiten die Unter- schiede betont. Die Nennung dieser Situation lasst sich dann auch als implizite Kontrastfolie zu ihrem Verstandnis von Europa interpretieren. Wenn sie nationale Identifikationen mit Trennun- gen verbindet, konnte sie eine Identifikation mit Europa als verbindend empfinden.

In ihrer Schulzeit war auBerdem besonders pragend die Teilnahme an einem Deutsch-Franzo- sisch-Austausch nach Nancy, welcher von ihrem Franzosischlehrer und Chorleiter organisiert wurde. Diese Erfahrungen haben scheinbar auch dazu beigetragen, dass Gabrielas Interesse an dem Thema Europa verstarkt wurde. Der Austausch hatte das Ziel, zusammen mit einem fran- zosischen Profivokalensemble in Nancy, als auch an einem spateren Zeitpunkt in Deutschland, ein Konzert zum funfzigjahrigen Jubilaum des Elysee-Vertrages zu spielen. Dort bemerkte Gabriela viele kulturelle Unterschiede, die sie aber als interessant und teilweise belustigend empfand. Fur Gabriela waren diese Erlebnisse des kulturellen Austauschs „gelebte deutsch- franzosische Freundschaft“ (vgl. Anh. 2.2: 1409).

Auszug 2.6

„Ah und dann haben wir da halt so (-) anstatt heute feiern wir Geburtstag haben wir funfzig Jahre Deutschland Frankreich gesungen so ((Lachen vom I)) und ah (1) das also das war dann auch so die Kombi mit der Musik die halt schon immer durch meine Eltern (-) durch die allgemeine Musikfamilie irgendwie (-) immer da war war das auch so die Kombi aus (-) aus Musik und irgendwie (-) grenzubergreifend was machen (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 1432­1438)

In diesem Abschnitt zeigt sich, wie wichtig internationaler kultureller Austausch und Nahbar- keit, also mit Emotionen verbundene paneuropaische Erfahrungen und Erlebnisse, in Gabrielas Verstandnis von Europa sind. Damit verbunden ist aber auch der musikalische und kunstleri- sche Aspekt. In Gabrielas personlichem Verstandnis von Europa ist Musik als verbindendes Mittel pragend, um zusammenzukommen als auch politische Botschaften zu verteilen. „Da soll mal einer sagen Kunstler sind nicht politisch ((lacht))“ (vgl. Anh. 2.2: 1470-1471). Europaer:in sein ist in ihrem Verstandnis nicht nur mit der Identifikation mit dem politisch-integrierten Eu­ropa und seiner Institution der Europaischen Union, sondern auch mit politischem Handeln verbunden.

Als nachstes wichtiges Ereignis in ihrem Leben wird auf das Referat vom Anfang zuruckge- kommen. Das Referat und die folgenden Ereignisse sind Teil der ersten Stehgreiferzahlung und damit fur Gabriela besonders relevant, um ihre starke Identifikation mit der Europaischen Union und damit ihre Motivation der Volt-Partei beizutreten, zu veranschaulichen. In der Se- kundarstufe eins musste Gabriela ein Referat halten. Dafur hatte sie verschiedene Themen zur Auswahl, aber am interessantesten fand sie das Thema „Entscheidungsprozesse in der europa- ischen Union“ (vgl. Anh. 2.2: 367). Da das Schulbuch aber nur uralte Inhalte enthalten habe, suchte sie sich die Informationen auf der Homepage der Europaischen Union zusammen, die eine „einzige Katastrophe“ (vgl. Anh. 2.2: 389) gewesen sei.

Auszug 2.7

„[.] So Leute ihr braucht euch nicht zu wundern dass alle die EU scheifie finden wenn man dann auf Europa Punkt EU geht (-) erstmal nix findet> ((lacht)) (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 413-415)

Dieser Auszug verdeutlich zwei Vorstellungen, die Gabriela von der Europaischen Union hat. Einerseits war ihre Internetprasenz, der Gabriela eine hohe Bedeutung beimisst, schlecht und wenig informativ. Die Europaische Union bewertet sie als unnahbar und fur die meisten Men- schen nicht einmal erschlieBbar, da im Internet keine leicht erreichbaren, offiziellen Informati- onen zu finden seien. Zweitens scheinen die Personen, die sich mit der Europaischen Union identifizieren, laut Gabriela in der Minderheit zu sein, da „Alle“ (vgl. Ausz. 2.7), also die Mehr- heit, die Europaische Union „scheiBe“ (vgl. Ausz. 2.7) finden wurde. Weiter fuhrt sie aus:

Auszug 2.8

„[.] Ahm und da war mir das dann halt aufgefallen weil ich mich dann halt in diese Institutionen wust irgendwie reingelesen hab dass irgendwie das einzige direkt gewahlte Organ (2) eigentlich kaum mitentscheiden kann (2) und das fand ich (-) damals halt schon scheife entschuldige den Ausdruck ((lacht)) (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 435-440)

Gabriela verbindet das Europaparlament und damit die Europaische Union mit einem Demo- kratiedefizit, da das Europaparlament als einzig direkt gewahlte Organ kaum mitentscheiden konne. Somit kann interpretiert werden, dass die Europaische Union in Gabrielas Verstandnis nicht ausreichend demokratisiert ist. Ihre Vorstellungen von Europa und der Europaischen Union sind somit stark mit Demokratie verknupft. AuBerdem zeigt sich erneut, dass Europaer:in sein in ihren Vorstellungen mit politischem Handeln verbunden ist, da sie ihre Unzufriedenheit uber die geringe Wirkmacht des direkt gewahlten Europaparlaments und damit ihres politischen Handelns als Europaer:in deutlich macht. Dass die Demokratie und damit politisches Handeln stark in ihren Vorstellungen von Europa verhaftet sind, zeigt sich auch im spateren Verlauf des Interviews, wo sie auf ihre Vorstellung von der kulturellen Geschichte Europas eingeht.

Auszug 2.9

„[.] Die antike Demokratie dass das in Griechenland entstanden ist so (-) das ist ja etwas (-) was irgendwie einfach selbstverstandlich zur europaischen Geschichte dazugehort dass sich ja einfach doch alle europaischen Demokratien (1) irgendwie darauf zuruckfuhren (-) “ (vgl. Anh. 2.2: 3696-3701)

Dass die Demokratie und das politische Handeln als Europaer:in Leitvorstellungen in ihrem aktuellen Europaverstandnis und von der Geschichte Europas sind, wird auch dadurch deutlich, dass die Beseitigung des Demokratiedefizits in der Europaischen Union fur sie eine wichtige Motivation ist, sich politisch bei Volt zu engagieren.

Auszug 2.10

„[.] Konkret war tatsachlich das Thema (1) Initiativrecht furs Europaparlament (1) weil ich dachte boah da gibts ne Partei die sich da (-) wirklich fur einsetzen will das is cool (1) (vgl. Anh. 2.2: 356-359)

Als nachste wichtige Lebensereignisse fur die Identifikation mit der Europaischen Union be- ziehungsweise dem Beitritt bei Volt nennt Gabriela die Besuche von mehreren „Pro-EU-De- mos“ (vgl. Ausz. 2.11) im Jahr 2017.

Auszug 2.11

„So ahm (1) und dann gabs ab (-) zweitausendsiebzehn ungefahr ja dann Pulse of Europe (-) diese (2) di/ di/ die mit EU pro EU Demos jeden Sonntag irgendwie in verschiedenen Stadten in Deutschland standen (-) weif nicht ob du die kennst (2) und ah da hab ich mir dann zum ersten mal ne EU Flagge gekauft und ah bin da hingegangen und (1) wusste erst <<lachend> nicht so viel mit mir anzufangen> (-) [.] weil das auch so eine meiner ersten Demos ever war und so (-) [.] jetzt steh ich hier und (1) ahm und dann haben wir am Ende aber zusammen die Europahymne gesungen und da wurde ich dann voll emotional und das war dann der Moment wo ich dann (1) wirklich dann hundert Prozent Europaer wurde so (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 42-61)

Die Erlebnisse auf den Pro-EU-Demos beeinflussten stark ihre Identifikation mit Europa und der Europaischen Union. Im Zuge dessen wird deutlich, dass Europa in ihrem Verstandnis klare Symbole hat, da sie mit der Prasentation von offiziellen Symbolen der Europaischen Union, wie der EU-Flagge und dem Singen der EU-Hymne, ihre Identifikation ausdrucken mochte. AuBerdem ist ihre Identifikation stark emotionalisiert. Ihre affektive Identifikation wird deutlich, als sie einen emotionalen Moment beschreibt, bei dem sie „wirklich dann hundert Prozent Europaer wurde“ (vgl. Ausz. 2.11).

Angespornt von diesen Erlebnissen gab sie auf Facebook die Begriffe Europa und den Stadtna- men ein und fand eine lokale Hochschulgruppe, die sich fur Europa einsetzt. Dort wurde sie Mitglied und organisierte Veranstaltungen. Dieses „Europajahr 2018“ (vgl. Anh. 2.2: 101-102) wurde auch durch zwei Reisen gepragt, die von der Hochschulgruppe durch und mit Bezug zu Europa organisiert wurden. Die erste Reise ging nach Brussel. Dort besuchte sie mit der Hoch- schulgruppe das Europaparlament, die Kommission, einen Lobbyverband und das Auswartige Amt. Besonders eindrucklich war diese Reise fur sie aber vor allem, weil sie die Europaische Union nicht als etwas abstraktes, weit entferntes, sondern als nahbar, real und menschlich be- greifen konnte.

Auszug 2.12

„Ahm (-) aber einfach da rumzulaufen und zu sehen so okay man kann von der Kommission (-) zum Parlament laufen (-) [.] die stehen nicht direkt nebeneinander aber man kann dahinlaufen und dann (2) so (-) da versteht man quasi doch auch quasi dieses Zusammenarbeiten dann irgendwie so ganz real wie das aussieht so dass die Leute dann halt (-) mit nem fetten Briefumschlag von A nach B latschen vielleicht (-) und ah ((lacht))“ (vgl. Anh. 2.2: 2709-2720)

Die Nennung dieser Situation und die Vermenschlichung der Europaischen Union scheinen demnach wichtig fur die Festigung ihrer emotionalen Identifikation mit Europa zu sein. Zentral in ihrer Identifikation ist durchgehend das Erleben von Europa. Das zeigt sich auch, als sie das Erleben von Multilingualitat in Brussel beschreibt.

Auszug 2.13

„In diesem Brusseler Sprachenchaos weil auch einfach auf der Strafien in den Bars wo wir dann waren (-) Deutsch Englisch Franzosisch (1) Alles Mogliche durcheinandergequatscht wurde (1) und da da fuhle ich mich dann ein- fach Zuhause weil das halt Sprachenchaos wie Zuhause (-) nur halt potenziert nicht nur zwei Sprachen sondern dann vier ((lacht))“ (vgl. Anh. 2.2: 2925-2930)

Dieser Auszug nimmt wieder Bezug auf ihre Anfangsaussage, welche ein gelebtes Europa mit kulturellem Austausch und Mehrsprachigkeit verbindet.

Ahnliche Erfahrungen machte sie auch auf der zweiten Reise nach StraBburg, bei der sie das European Youth Event besuchte. Diese Reise trug ebenfalls zur Entwicklung ihrer Vorstellun- gen einer nahbaren und menschlichen Europaischen Union bei, weil sie dort die Arbeitsweise der Europaischen Union als menschlich wahrnahm.

Auszug 2.14

„[.] Also erstmal cool quasi durch das Parlament in Strafiburg zu laufen wenn man in der Woche vorher <<la- chend> das in Brussel gelaufen war> (2) wo man dann irgendwie auch versteht was das ist viel schoner in Strafi- burg wo man dann plotzlich auch versteht warum die sich an diesen zwei Standorten so festhalten weil man in Brussel besser arbeiten kann weil einfach alles in Brussel ist aber in Strafiburg halt einfach das Gebaude so geil ist ((lacht)) [.] und der Sitz ist ja auch in Strafiburg so (-) da konnte man das plotzlich sogar auf ner ganz menschlichen Ebene verstehen warum (-) warum es <<lachend> warum es zwei Standorte> ((Lachen von I)) fur das Parlament braucht (4) [.]“ (vgl. Anh. 2.2: 2793-2808)

Darauffolgend fragte eine Freundin von Gabriela, die damals das lokale City-Lead von Volt war, ob Gabriela sich bei Volt engagieren wolle. AnschlieBend besuchte Gabriela ein Meet and Greet von Volt. Das Treffen gefiel ihr gut, aber sie war sich noch unschlussig, ob sie langfristig dabeibleiben mochte. Diese Unschlussigkeit lasst sich darauf zuruckfuhren, dass sie sich noch unklar daruber war, ob ihre Vorstellungen von Europa mit dem Engagement bei Volt vereinbar sind. Das zeigt sich an der Schilderung der Begutachtung des Parteimitgliedschaftsantrags. Die Bestatigung ihrer Vorstellungen war „der finale Schubser“ (vgl. Ausz. 2.15).

Auszug 2.15

„Und weil ich dann halt angegeben hatte Deutsch Italienisch (-) und Sprachenkenntnisse und so wurden auch abgefragt (1) war dann halt das System so ja ok aber wo (-) also weil du ja (-) also du wirst ja Volunteer oder Mitglied von Volt Europa und dann aber wenn du Parteimitglied bist weil das Gesetz ja noch so ist dass das halt nationale Parteien sind dann ist ja ok ja wo wo willst du denn jetzt mitmachen (-) [.] und so dieser Moment (-) so einfach gefragt zu werden willst du zu Volt Deutschland oder Volt Italien so (-) den ha/ (-) den hat man ja bei keiner anderen Partei (1) und das war dann noch so der finale Schubser so (-) ey du machst das jetzt einfach (-) [.]“ (vgl. Anh. 2.2: 3176-3190)

Gabriela ist aktuell bei Volt als Eventplanerin aktiv. Sie organisierte bei der Bundestagswahl 2021 die Wahlkampfstande.

Zuletzt wird noch auf die expliziten Aussagen Gabrielas zu Europa eingegangen. Gibt es noch Erganzungen? Auf die Frage, wie ihre Positionierung als Europaerin zustande gekommen ist, erzahlt sie von einer Situation, in der sie im Gesprach mit einem israelischen Austauschschuler eine Differenzierung von Europaer:innen zu anderen Kulturkreisen bemerkte, da ihr klargewor- den sei, dass Europaer:innen sehr eurozentristisch seien.

Auszug 2.16

„Ahm (2) also das einerseits und andererseits hatte ich dann tatsachlich mal die Aufienperspektive weil ich ja doch auch sonst immer in Europa war auch im Urlaub und so (1) und dann hatten wir aber mal nen A ustausch- schuler aus Israel (1) bei uns (-) der halt tatsachlich mit nem israelischen Orchester in @@Stadt in Baden-Wurt­temberg mit 200T-350T Einwohnern## war und dann so (-) ne Musikerclique so und dann ((lacht)) (1) landete der halt bei uns (-) ahm (1) und das war dann so der erste aufereuropaische Kontakt so weil irgendwie die Freunde in Tschechien die waren schon auch noch so russlandorientiert aber die haben halt trotzdem irgendwie auch einfach viel (1) europaische Kultur auch schon mitbekommen (1) [.] und das war dann so der Erste der so (2) also wo man dann quasi gar nicht so druber nachdenkt dass es aber einfach bestimmte historische Personlichkei- ten gibt wo jeder in Europa grob weif wer das war (-) und dann fiel das irgendwie in so nem Nebensatz und dann guckte uns der Israeli da an und meinte so ha bitte wer ((lacht))“ (vgl. Anh. 2.2: 3671-3691)

Europaer:innen seien in dem Punkt homogen, dass sie die gleiche Sichtweise auf eine europai- sche Geschichte teilen wurden und sich somit von auBereuropaischen Kulturen abgrenzen wur- den. AuBerdem sei europaische Kultur abgrenzbar von der russischen. Das werde auch in der geographischen Lage deutlich. Ostereuropaische Staaten seien aufgrund ihrer Geographie auch anderen, nicht europaischen kulturellen Einflussen ausgesetzt.

Bei der Frage, woraus sich eine europaische Kultur zusammensetze, bestatigt Gabriela einen Punkt, der sich bereits an vielen Stellen ihrer Erzahlung finden konnte. Fur sie ist personlicher kultureller Austausch, also die emotionale Erlebbarkeit und Nahbarkeit Europas zentral.

Auszug 2.17

„Da ist quasi so viel Selbstverstandliches (1) europa/ europaweit vernetzt sein einfach durch Facebook durch Instagram und (1) durch (-) man war vielleicht irgendwie Erasmus da oder man hat irgendwo Urlaub gemacht da oder so (1) ahm (2) das heift viel europaische Identitat ist glaub ich einfach dieses (1) wir haben schonmal zu- sammen irgendwie (1) Alkohol getrunken und ((lacht)) (-) nen ((Lachen von I)) netten Abend gehabt so (1) find ich aber auch voll ok (-)“ (vgl. Anh. 2.2: 3770-3777)

Was lasst sich zusammenfassend festhalten? Gabrielas Engagement bei Volt ist ausdrucklich auf ihre affektive, starke Identifikation mit Europa zuruckzufuhren. Zentral in ihren Vorstel- lungen von Europa ist dabei die Europaische Union. Das wird dadurch deutlich, dass Europa in ihren Vorstellungen stark mit Demokratie verbunden ist und Europaer:in sein bedeute, politisch zu handeln. Basis ihrer Identifikation und ihrer Vorstellungen von Europa sind aber vor allem die Menschlichkeit und Nahbarkeit der Europaischen Union als auch die emotionale Erlebbar- keit des kulturellen Austauschs in Europa. Europa und die Europaische Union sind in ihrer Vorstellung nicht abstrakt, weit entfernt und unnahbar, sondern werden in ihrer Familie, im kulturellen Austausch zwischen Menschen in Europa und auf der politischen Ebene im Euro- paparlament ganz menschlich gelebt. Des Weiteren hat Gabriela die Vorstellung eines grenzen- losen freien demokratischen Europas, welches auch auf eine lange gemeinsame europaische Geschichte zuruckblicken konne.

5.3 Fallgeschichte Lars: Eine Erzahlung uber ein liberales Europa

Lars, ein 1988 geborener Doktorand der Chemie, erzahlt in seiner Lebensgeschichte davon, wie das Kennenlernen vieler „Lebensrealitaten“ (vgl. Anh. 2.3: 495; 776; 844; 2586), seine „liberale Weltanschauung“ (vgl. Anh. 2.3: 149-150), seine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung und der sorgengetriebene Wunsch die europaische Vereinigung zu starken, zu seinem Beitritt in der Volt-Partei fuhrten.

Europa erarbeitet sich Lars hauptsachlich uber die politischen Vorteile. Trotzdem scheint er Europa nicht rein zweckorientiert, sondern auch als Verkorperung seiner affektiven, liberalen Einstellung zu betrachten. Zentral in diesem Europaverstandnis scheint die Vorstellung einer liberaldemokratischen Europaischen Union zu sein, die liberale Ziele und Werte vertrete. Dazu zahlen der innereuropaische sowie globale Frieden, die liberale Demokratie, die Berufung auf die Menschenrechte, die grenzenlose Freiheit des Einzelnen zu leben, wie er oder sie mochte, Progressivitat und eine gemeinsame geschichtliche Verantwortung, den Frieden in Europa zu wahren und im Wohle aller Menschen zu handeln. Damit dieses liberale Europa bestehen und gestarkt werden konne, sei zentral, dass Europa sich als Einheit verstehe. Dabei tritt erneut das Phanomen auf, welches in dieser Arbeit bereits als „Europaischer Blick“ definiert wurde.

Lars Lebensgeschichte beginnt damit, dass er die Lebensumgebung, in die er hineingeboren wurde, beschreibt. Er wurde im Jahr 1988 als einer von drei Sohnen eines selbststandigen Zim­mermanns und einer Immobilienmaklerin in einer wohlhabenden Kleinstadt in Nordrhein- Westfalen geboren. Besonders war fur ihn der „Link zwischen GroBstadt“ (vgl. Anh. 2.3: 50) und dem „Dorfleben“ (vgl. Anh. 2.3: 51) in seiner Heimatstadt, da seine Heimatstadt Teil einer groBeren Nachbarstadt im Ruhrgebiet war. Nach der Grundschule bekam er zuerst eine Haupt- schulempfehlung, da er aufgrund einer Legasthenie nicht rechtschreiben konnte. Seine dama- lige Klassenlehrerin setzte sich trotzdem informell dafur ein, dass er eine Realschule besuchen konnte, da sein Intellekt dem Hauptschulniveau nicht entsprochen habe.

Die Realschule lag in der groBeren Nachbarstadt im Ruhrgebiet und war stark durch Menschen mit Migrationshintergrund gepragt. Dieser „Kulturunterschied“ (vgl. Anh. 2.3: 73) sei „emi- nent“ (vgl. Anh. 2.3: 592) gewesen und habe sein Bewusstsein fur verschiedene Lebensrealita- ten stark gepragt.

Auszug 3.1

„Naturlich auch zu (-) vielen politischen Debatten (-) in (-) im Schulalltag gefuhrt (-) was (-) naturlich auch schon (-) schon spannend war und auch (-) naturlich son bisschen die die Herausforderung andere Lebensrealitaten (-) ahm ((rauspert sich)) zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen (1) ahm (1) das war ja sehr (1) sehr span- nend so im Ruckblick ja (1) also das war (-) das war einfach anders (-) also (1) als ich ah ((schnalzt)) (1) aus der Grundschule kam aus meinem gutburgerlichen @@Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen## (1) ahm ((rauspert sich)) (-) hab ich erstmal ein (-) ein Jahr in der Realschule (1) fast nur wiederholt (-) [.] weil wir so viel weiter waren mit dem (-) ah Schulstoff (-) als die (-) @@ruhrgebietsstadtischen## Realschulen in (-) wo dann auch noch sehr viel Spracharbeit einfach geleistet werden musste (1) ahm (-) joa das war (-) das hat man doch deutlich (-) deutlich gemerkt ((rauspert sich)) (5)“ (vgl. Anh. 2.3: 492-510)

Nach der Realschulzeit, die er als „seltsam“ (vgl. Anh. 2.3: 91) bezeichnet, da er in den MINT- Fachern immer Klassenbester und in den sprachlichen Fachern immer versetzungsgefahrdet gewesen sei, begann er aufgrund seines naturwissenschaftlichen Interesses eine Ausbildung zum Chemielaboranten in einer nordrheinwestfalischen GroBstadt. Das Arbeiten in der Indust­rie und in der GroBstadt scharfte ebenfalls sein Bewusstsein fur verschiedene „Lebensrealita- ten“ (vgl. Anh. 2.3: 776).

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung beschloss er, sich zum Techniker weiterzu- bilden, der eine Weiterbildungsform beschreibe, die ungefahr dem Niveau eines Meisters ent- spreche. Diese Zeit war fur ihn sehr pragend, da er vier Jahre lang in Wechselschicht in Vollzeit arbeitete und gleichzeitig an der Abendschule den Techniker machte. In dieser Zeit war er „ab- getaucht“ (vgl. Anh. 2.3: 829).

Nachdem er die Technikerausbildung absolviert hatte, wurde in Nordrhein-Westfalen das Meis- terabitur eingefuhrt. Dadurch erlangte er durch den Abschluss der Technikerausbildung auto- matisch die Hochschulreife.

[...]

Ende der Leseprobe aus 271 Seiten

Details

Titel
Erzählen über Europa. Die Rekonstruktion von europäischer Identität in autobiografischen Erzählungen von Mitgliedern der Volt-Partei
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2.1
Autor
Jahr
2022
Seiten
271
Katalognummer
V1264597
ISBN (Buch)
9783346713933
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erzählen, europa, rekonstruktion, identität, erzählungen, mitgliedern, volt-partei
Arbeit zitieren
Julian Borchard (Autor:in), 2022, Erzählen über Europa. Die Rekonstruktion von europäischer Identität in autobiografischen Erzählungen von Mitgliedern der Volt-Partei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1264597

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