Internationale Seekreuzfahrten. Angebote, Entwicklung, Probleme


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

44 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Die Kreuzfahrt – ein touristisches Produkt
2.1 Definition
2.2 Struktur der Kreuzfahrtbranche
2.3 Geschichte des Kreuzfahrttourismus
2.3.1 Pionierjahre der Passagierschifffahrt
2.3.2 Von der Passagierschifffahrt zur ersten Kreuzfahrt
2.3.3 Die Zwischenkriegszeit und der Zweite Weltkrieg
2.3.4 Beginn des Düsenflugzeitalters
2.3.5 Die Ära der Traumschiffe und Entwicklungen in jüngerer Zeit

III. Angebotsstrukturen im Kreuzfahrtmarkt
3.1 Kreuzfahrtarten
3.1.1 Klassische Kreuzfahrten
3.1.2 Weltreise
3.1.3 Flug-/Schiffsreise
3.1.4 See-/Badereise
3.1.5 Fun Cruises
3.1.6 Segelkreuzfahrten
3.1.7 Expeditionskreuzfahrten
3.2 Ausgewählte Angebotsformen und Trends
3.2.1 Luxuskreuzfahrten
3.2.2 Billigkreuzfahrten
3.2.3 Themenkreuzfahrten
3.2.4 Studienkreuzfahrten
3.3 Schiffstypen und –klassifizierungen
3.4 Die Hauptreviere/-routen
3.4.1 Routentypen
3.4.2 Ostsee
3.4.3 Nordland mit Island und Grönland
3.4.4 Britische Inseln und europäische Atlantikküste
3.4.5 Atlantische Inseln und Westafrika
3.4.6 Mittelmeer und Schwarzes Meer
3.4.7 Karibische See, Süd- und Mittelamerikas Karibikküste
3.4.8 Ostküste der USA und Kanadas
3.4.9 Südamerika und Antarktis
3.4.10 Nordamerikas Westküste von Alaska bis Panama
3.4.11 Indischer Ozean, südliches Afrika und Dubai
3.4.12 Australien und Neuseeland
3.4.13 Südostasien und Fernost
3.4.14 Pazifischer Ozean, Südsee und Hawaii Jan
3.5 Veranstalter/Reedereien

IV. Aktuelle Marktsituation
4.1 Weltmarkt Freadom of the Seas
4.2 Der Markt in Deutschland
4.3 Aktuelle Probleme
4.3.1 Konkurrenz und Preiskampf auf dem deutschen Markt
4.3.2 Die neue Klasse der Gigaliner
4.3.3 Ökologische Probleme
4.3.4 Soziale und ökonomische Probleme

V. Persönliches Fazit

VI. Literatur
Bücher und Studien:
Internet:
Sonstiges:

VII. Anhang

I. Einleitung

In der Vergangenheit rief der Begriff Kreuzfahrt sofort Bilder im Kopf hervor, die sich wohl im Mythos der schwimmenden Paläste auf See ganz treffend zusammenfassen lassen. Die gängigsten Vorurteile sollen hier kurz Erwähnung finden: Kreuzfahrten sind pompös und luxuriös, das Publikum legt sehr viel Wert auf Etikette und Tradition wie Kapitänsdinner und Tischordnung. Aufgrund des hohen Preises und der langen Reisezeiten sind Kreuzfahrten deshalb auch nur etwas für alte Leute. Für Familien und Jugendliche kommen sie dagegen nicht in Frage. Dieser Mythos hat sich zwar lange Zeit sehr hartnäckig gehalten, doch heute gehört er wohl der Vergangenheit an, die Vorurteile haben ausgedient.

Die Kreuzfahrtindustrie steckt Mitten im Wandel und mittlerweile bietet der Markt ein gewaltiges Spektrum an: Egal ob Abenteurer, Genießer, Trendsetter, Partylöwe oder Sportfanatiker, die Kreuzfahrtunternehmen und Reedereien versuchen jede erdenkliche Zielgruppe anzusprechen. Immer umfangreichere Unterhaltungsprogramme und lockeres Ambiente ohne Krawattenzwang und Kapitänsdinner machen die Kreuzfahrt für ein immer breiteres Publikum attraktiv und locken auch Familien und jüngere Leute an Bord. Das Produkt Kreuzfahrt entwickelt sich auch durch die gesunkenen Preise vom einst elitären Luxusprodukt zu einer attraktiven Urlaubsform für „Jedermann“, denn mit Billigkreuzfahrten wird die Reise auf hoher See auch für die letzte Zielgruppe erschwinglich.

Die Bemühungen der Veranstalter und Reedereien zeigen ihre Wirkung. Die Kreuzfahrtbranche weißt kontinuierlich hohe Wachstumsraten auf. Dabei liegt der US-Amerikanische Markt mit Umsatz und Passagiervolumen deutlich vor dem Rest der Welt. Allerdings zeigt auch der deutsche Markt vor allem in den letzten Jahren hohe Wachstumsraten. Vor allem seit dem Markteintritt der Aida Cruises wurde es mit geschicktem Marketing geschafft, das verstaubte Image der Kreuzfahrten zu erneuern und jüngeren Zielgruppen für diese Form des Reisens zu erschließen. Und das Wachstum scheint auch in den nächsten Jahren anzuhalten, zumindest das Angebot wird stetig um neue, größere Schiffe erweitert, die immer mehr Passagieren Platz bieten.

Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über den Markt der Internationalen Hochseekreuzfahrten. Sie geht zunächst auf die geschichtliche Entwicklung seit den Anfängen der Passagierschifffahrt ein und stellt in einem weiteren Teil den Markt der Kreuzfahrten mit den verschiedenen Kreuzfahrtarten, Schiffstypen und Revieren dar. Der letzte Teil der Arbeit widmet sich den aktuellen Entwicklungen auf dem weltweiten und dem deutschen Markt der Kreuzfahrt, dabei spielen auch ökologische, ökonomische und soziale Probleme eine Rolle. Zunächst soll allerdings erst einmal der Begriff „Kreuzfahrt“ definiert und die Hochseekreuzfahrt, die Gegenstand dieser Arbeit ist, von anderen Formen wie etwa der Flusskreuzfahrt abgegrenzt werden.

II. Die Kreuzfahrt – ein touristisches Produkt

2.1 Definition

Unter „Kreuzfahrten“ sind Pauschalreisen auf einem Schiff (Hochsee- oder Flussschiff) zu verstehen, die Verpflegung, Übernachtung, Animation, Entertainment und die Nutzung der meisten Schiffseinrichtungen einschließen. Dabei folgt die Reise einer vorher festgelegten Route auf der verschiedene Häfen angelaufen werden, die den Passagieren die Möglichkeit zu Landausflügen bieten. Um von einer Kreuzfahrt zu sprechen, muss mindestens eine Übernachtung an Bord stattfinden und neben dem Ein- und Ausstiegshafen mindestens noch ein weiterer Hafen angelaufen werden. Die Reisenden nutzen das Schiff nicht als Transportmittel, sondern als eigene Urlaubsdestination. Dabei dominieren meist Rundreisen. Weiter wird von einer Kreuzfahrt erst bei einer Mindesteilnehmerzahl von 50 Passagieren gesprochen, da dadurch zum einen viele kleine Schiffe ausgeschlossen werden können, aber auch Frachtschiffreisen, die in der Regel niedrigere Passagierkapazitäten aufweisen. Bei einer Kreuzfahrt stehen Route, Reisedauer und Reisepreis vorab fest. Dabei können die Passagiere aus einem breiten Spektrum an Schiffen wählen, die sich allerdings in Ausstattung, Rahmenangebot und Preis deutlich voneinander unterscheiden.[1]

Da sich diese Arbeit im Folgenden mit Hochseekreuzfahrten beschäftigt, soll kurz auch auf den Unterschied zu Flusskreuzfahrten eingegangen werden: Hochseekreuzfahrten sind theoretisch in allen Himmelsrichtungen möglich, während sich Flusskreuzfahrten nach dem Lauf eines Flusses richten müssen. Außerdem besteht ein wesentlicher Unterschied darin, dass die Passagiere von Flusskreuzfahrten die Landschaft während der Fahrt an sich vorüber ziehen lassen, während dagegen bei Hochseekreuzfahrten Landgänge im Vordergrund stehen. So ergibt sich bei den Liegezeiten der Unterschied, dass die Schiffe bei Hochseekreuzfahrten vor allem tagsüber im Hafen liegen während dies bei den Flusskreuzfahrten genau anderes herum ist. Grundsätzlich sprechen beide Formen der Kreuzfahrt eine unterschiedliche Klientel an: Passagiere der Flusskreuzfahrten sind wesentlich älter als die der Hochseekreuzfahrten.[2]

2.2 Struktur der Kreuzfahrtbranche

In der Kreuzfahrtbranche reicht es im Normalfall für eine Reederei nicht aus, nur ein Schiff einzusetzen. In den Marketing-Konzepten gilt es vor- und nachgelagerte Aktivitäten zu berücksichtigen und vor allem auch den geeigneten Vertriebsweg zu wählen. So hängt der Erfolg einer Kreuzfahrt auch von den Transportleistungen zu und von den Schiffen ab (Fly & Cruise-Konzepte), aber auch die Kombination mit Hotelaufenthalten im Anschluss an eine Kreuzfahrt ist von Bedeutung. Dadurch erscheint es für einige Kreuzfahrtgesellschaften sinnvoll, sich nicht nur horizontal zu diversifizieren, sondern sich auch vertikal. Beteiligungen an Reiseveranstaltern oder die Unterhaltung einer eigenen Luftflotte sowie eigener Hotels bringen Vorteile im Wettbewerb. Doch vor- und nachgelagerte Leistungsträger alleine sind noch kein Garant für den Erfolg einer Kreuzfahrt. Die Gesellschaften sind ebenso auf Hilfs- und Nebenleistungen sowie unerstützende Einrichtungen und Institutionen angewiesen. Dazu lassen sich beispielsweise Hafen-, Ausflugsagenturen vor Ort, aber auch Versorgungs- und Catering-Unternehmen zählen. Will man die Kreuzfahrbranche in einem Strukturschema darstellen, so zeigt sich, dass sie ein komplexes System ist, in der die eigentliche Kreuzfahrt den Kern bildet.[3]

Abbildung 1: Strukturschema der Kreuzfahrtbranche

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: nach Schäfer 1998, S. 20, eigene Darstellung

2.3 Geschichte des Kreuzfahrttourismus

Um die heutige Entwicklung der Kreuzfahrtbranche besser zu verstehen, ist es wichtig, die geschichtliche Entwicklung zu kennen. Die Reiseform der Kreuzfahrt ist von technologischen Innovationen sehr geprägt und die Geschichte zeigt deutlich, dass Kreuzfahrtreedereien und –veranstalter immer auf neue Konzepte setzen mussten und müssen, um auf dem Markt weiter bestehen zu können. Die Entstehung der Kreuzfahrt als Vergnügungsreise geht dabei auf zwei wesentliche Entwicklungen in der Vergangenheit zurück: Zum einen auf den Rückgang der Transportfunktion der Schiffe in der Passagierschifffahrt und zum anderen auf die steigende touristische Nachfrage durch den zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung. „Erst das Zusammentreffen dieser beiden Entwicklungen ließ Kreuzfahrten zu einem massentouristischen Produkt werden.“[4] Diese Entwicklung soll im Folgenden beschrieben werden.

2.3.1 Pionierjahre der Passagierschifffahrt

Im 19. Jahrhundert erlebte die Seefahrt eine ihrer wichtigsten technologischen Innovationen: Dampfschiffe begannen, die bis dahin eingesetzten Segelschiffe allmählich abzulösen und machten es den Reedereien möglich, einen regelmäßigen Liniendienst – vor allem auf der Nordatlantikroute – einzusetzen. Im Jahre 1840 wurde der erste Dampferliniendienst von Europa nach Amerika eröffnet, immerhin war die Überfahrt mit nur 14 Tagen dreimal schneller als vorher mit einem Segler. Diese hatten unter normalen Bedingungen schon zwischen fünf und sechs Wochen gebraucht, die Abhängigkeit vom Wetter verlängerte die Reise nicht selten auf das Doppelte. Schon alleine durch die verkürzte Zeit hatte daher das Dampfschiff einen enormen Wettbewerbsvorteil. Zunächst war die Reise einer sehr wohlhabenden Schicht vorbehalten, doch bald wurde auch das Potenzial der Auswanderer erkannt, so dass Zwischendeckplätze eingerichtet wurden. Wie Tabelle 1 zeigt, stiegen die Auswandererzahlen ab der Mitte des 19. Jahrhundert stark an und trugen damit auch zum Erfolg der Passagierschifffahrt bei.[5]

Tabelle 1: Strom der Auswanderer von Europa in die USA (1825-1914)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schäfer 1998, S. 26, eigene Darstellung

Die Reeder und Fachleute allerdings standen der neuen technologischen Entwicklung anfangs eher kritisch gegenüber: „Dampfschiffahrt über den Ozean ist Unsinn; denn es kann nicht die Aufgabe der Schiffe sein, nur Brennstoff über das Meer zu bringen.“[6] Durch diesen Mangel an Weitsicht waren die Anfänge der Dampfschifffahrt eher bescheiden. Doch sie steigerten sich schnell: Waren die Kabinen anfangs noch schlicht, so wurden sie bald „mit edlem Teak-, Mahagoni- oder Sandelholz und wertvollen Stoffen ausgestattet“[7]. Diese Entwicklung schuf die Basis für die spätere touristische Nutzung des Transportmedium Schiff: weg von der bloßen Passagierbeförderung hin zur Seereise, die sich vom notwendigen Übel zu einem Vergnügen wandelte. „Die Schnelldampfer der 90er Jahre [des 19. Jahrhunderts] verfügten über eine Atmosphäre wie in einem Grand Hotel.(...) Diese Zeit begründete den bis heute nicht vergangenen Mythos der ,schwimmenden Paläste auf See’, ohne den die Gestaltung des modernen Kreuzfahrtprodukts undenkbar wäre und der es immer wieder neu inspiriert.“[8]

2.3.2 Von der Passagierschifffahrt zur ersten Kreuzfahrt

Historisch betrachtet ist die Kreuzfahrt daher „ein ‚Kind’ der Passagierschiffahrt.“[9] Am Morgen des 22. Januar 1891 brach die Auguste Victoria der Reederei Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Aktiengesellschaft (Hapag) mit 241 Passagieren zu einer luxuriösen, reinen Vergnügungsreise ins Mittelmeer auf. Mit dieser „Großen Orient-Exkursion“ begründete sie die erste Kreuzfahrt der Geschichte. Die sechswöchige Reise, die 13 Landausflüge beinhaltete, war von Albert Ballin, Direktor der Hapag, perfekt organisiert worden. Er selbst begleitete sie mit einigen Journalisten, so dass in der Bordzeitung auf Höhe von Cuxhaven euphorisch geschrieben wurde: „Für zwei Monate bilden die Passagiere ein Gemeinwesen unter sich, abgelöst von den gewohnten Beziehungen, befreit von Sorgen und Lasten des Amts.“[10] Da die Reederei über ein dichtes Netz von Agenturen verfügte, war es möglich, in jedem angelaufenen Hafen ein Ausflugsprogramm zu organisieren (vgl. Tabelle 2). Damit wurde zum ersten Mal ein wesentliches Merkmal der modernen Kreuzfahrten erfüllt.

Tabelle 2: „Große Orient-Reise“ der Auguste Victoria im Jahre 1891

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Schäfer 1998, S. 48, eigene Darstellung

Hinter der Organisation der ersten Kreuzfahrt stand unternehmerisches Kalkül und einiges an Mut: Albert Ballin hatte bemerkt, dass die Atlantiküberquerungen in den Wintermonaten wenig Geld einbrachten und wollte die Schiffe nicht ungenutzt im Hafen liegen lassen. In Zeiten, in denen die See noch als lebensbedrohlich galt, bot er Vergnügungsreisen zu Schiff an und wurde von der Konkurrenz zunächst kritisch beäugt und belächelt.[11] Aufgrund des großen Erfolgs jedoch wurden nun mehrere Luxusreisen der ersten Klasse eingerichtet. Diese waren vor allem für die wohlhabende Oberschicht, was am Preis der Orient-Reise deutlich wird: Die Reise kostete in der billigsten Kabine 1.800 Mark. Zum Vergleich kostete die Atlantiküberfahrt im Zwischendeck der Deutschland etwa 170 Mark.[12]

Die bisher eingesetzten Linienschiffe, die mit unterschiedlichen Kabinenklassen auch für arme Einwanderer nach Nordamerika ausgestattet waren, waren für den Kreuzfahrtbetrieb nicht unbedingt geeignet. Wieder war es die Hapag, die deshalb bald darauf das erste Schiff einsetzte, das extra für den Kreuzfahrtbetrieb entwickelt wurde: 1901 stach die Prinzessin Victoria Luise mit dem Ziel Karibik in See. Als Vorbild dienten die Yachten der europäischen Herrscherhäuser, neben der kaiserlichen Suite gab es 120 Luxuskabinen für etwa 400 Passagiere. Seit diesem Zeitpunkt bis zum Beginn des ersten Weltkrieges folgten immer mehr Reedereien dem Beispiel der Hapag und nahmen ihre Schiffe in den Monaten geringer Nachfrage aus dem Linienverkehr oder gaben Kreuzfahrtschiffe in Auftrag.[13] Während des ersten Weltkriegs wurden diese Entwicklung allerdings jäh unterbrochen, da die Reedereien ihre Passagierschiffe zum Transport der Truppen umbauten. Nach Kriegsende wurden die Schiffe wieder im Linien- und Kreuzfahrtverkehr eingesetzt.

2.3.3 Die Zwischenkriegszeit und der Zweite Weltkrieg

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen mussten sich die Reedereien verstärkt auf das Kreuzfahrtgeschäft konzentrieren, da die Passagierschifffahrt nach Nordamerika durch die Einwanderungsgesetze der USA von 1921 deutlich an Nachfrage verlor. Einen weiteren Aufschwung vor allem für Kurzkreuzfahrten lieferten die Prohibitionsgesetze der USA. Mitte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts konkurrierten Reedereien aus Deutschland, England, Frankreich und den USA. Durch den Wettbewerb entwickelten sich die Schiffe zu regelrechten Luxuspalästen und Vergnügungs- und Erholungsreisen waren bei der wohlhabenden Oberschicht in Mode gekommen.[14] „Die Damen und Herren von Welt schlürften Austern und Champagner (...). Es gab den obligatorischen Fünf-Uhr-Tee und feierlich zelebrierte Galaabende. Eine feste Kleiderordnung und das mehrfache Umziehen am Tag waren Programm und gehörten zum Ritual dazu.“[15]

In Deutschland entstanden während der Zeit des Nationalsozialismus die ersten Massenprodukte des Kreuzfahrttourismus, da die Deutsche Arbeiterfront über ihre Reiseorganisation Kraft durch Freude (KdF) Ost- und Nordseefahrten anbot, die staatlich subventioniert wurden. Dies zeigte, dass günstige Kreuzfahrten sowohl auf Nachfrage stießen als auch im logistischen und technischen Bereich zur Zufriedenheit der Passagiere durchgeführt werden konnten. „Dies vorangestellt, erhält diese Episode der Kreuzfahrtgeschichte – unabhängig von einer politischen Würdigung – eine epochale Bedeutung.“[16]

2.3.4 Beginn des Düsenflugzeitalters

Im Jahre 1958 läutete der erste kommerzielle Düsenjet das Ende des Transatlantik-Linienverkehrs ein. Von nun an überquerten den Atlantik mehr Passagiere mit dem Flugzeug als mit dem Schiff. Während 1952 noch 85 Prozent der Passagiere das Schiff nutzen, waren es 1968 nur noch sieben Prozent. Ausschlaggebend waren neben dem Zeitfaktor – die ersten Boeings 707 verkürzten die Strecke auf acht Stunden – vor allem die rasch sinkenden Flugtarife. Mit dem Preis verlor das Schiff seinen letzen Wettbewerbvorteil, so dass der Linienschiffverkehr innerhalb weniger Jahre zusammenbrach.

Gleichzeitig erlebte die Hochseekreuzfahrt dadurch und durch das gestiegene Einkommen und Freizeitangebot ihren Durchbruch zum Massentourismus. Zwar herrschte Anfangs Unsicherheit in der Branche, in den 70er Jahren jedoch entstanden reine Kreuzfahrtgesellschaften und mit Um- und Neubauten wurden Schiffe geschaffen, die auf die Ansprüche der Kreuzfahrtgäste zugeschnitten waren.[17]

Abbildung 2: Entwicklung der Verkehrsmittel über den Atlantik 1946-1962

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Scholz, Betsy 1998, S. 19 nach Baumann E.

2.3.5 Die Ära der Traumschiffe und Entwicklungen in jüngerer Zeit

Mit der Ära der Traumschiffe wurden den Passagieren auf den Schiffen ausgedehnte Freizeit- und Sportangebote geboten sowie größere und bequemere Kabinen. Waren die Schiffe der 1960er und 70er Jahre noch mittelgroß und boten Platz für etwa 700 bis 1.200 Passagiere, so wurden ab den 1980er Jahren Großschiffe mit 80.000 Bruttoregistertonnen (BRT) gebaut, die bis zu 2.000 Passagieren Platz boten. Gleichzeitig zeigte sich im Luxussegment aber auch der Trend zu kleinen Schiffen.[18] In dieser Zeit fusionierten auch die beiden deutschen Reedereien Norddeutscher Lloyd und Hapag zu Hapag Lloyd und stellten den Bereich der Passagierschifffahrt endgültig ein. Es entstanden reine Kreuzfahrtgesellschaften. In den 1980er Jahren verlegten viele Reedereien ihren Firmensitz nach Florida, um die Abfahrtshäfen möglichst nah an die Ganzjahresmärkte der Karibik zu legen. Dadurch entwickelte sich Miami zur Kreuzfahrthauptstadt.[19]

Mit den bereits erwähnten Traumschiffen entwickelten sich die Kreuzfahrten vor allem auf dem amerikanischen Markt zu einem Sektor des Massentourismus mit hohen Wachstumsraten. Lag die weltweite Passagierzahl Anfang der 1970er Jahre noch bei etwa 500.000, stieg sie Anfang der 1990er Jahre bereits auf vier Millionen und hatte sich im Jahr 2000 mit sieben Millionen fast verdoppelt. Zahlreiche Neubauten in den 1990er Jahren führten zu einer Verjüngung der Flotte. Mehr als zwei Drittel der Nachfrager kommen aus Nordamerika, doch auch Deutschland weist in den letzen Jahren stetig hohe Wachstumsraten auf. Dabei liegt der Anteil der „First-Time-Cruiser“ bei etwa 45 Prozent. Das große Wachstum des Kreuzfahrtmarktes lässt sich auf einige Faktoren zurückführen, die im Folgenden kurz beschrieben werden. Durch die Gründung der Cruise Lines International Association (CLIA) der 25 größten US-Kreuzfahrtunternehmen wurde in den frühen 1970er Jahren ein Netzwerk geschaffen, das Marktforschung, Öffentlichkeitsarbeit und Marketingaktivitäten betreibt. Darüber hinaus wurde durch den steigenden Vertrieb der Kreuzfahrten durch Reisebüros ein leistungsfähiges Vermarktungsnetzwerk aufgebaut. Auf der anderen Seite hat sich aber auch das Angebot verändert: So bot die Einführung von „Fly & Cruise“-Paketen, die Hin- und Rückflug bereits im Kreuzfahrtpreis enthalten aber vor allem auch die Einführung des neuen Typs der Fun Ships durch die Carnival Cruise Line einem größeren Zielpublikum die Möglichkeit, diese Urlaubsform zu nutzen. Auf den Fun Ships wird bewusst mit der steifen Etikette gebrochen und auf Vergnügungs- und Animationsprogramme gesetzt, die ein jugendliches Publikum anziehen.[20] Auf diesen Kreuzfahrttyp wird unter 3.1 noch näher eingegangen.

III. Angebotsstrukturen im Kreuzfahrtmarkt

Der Kreuzfahrtmarkt hat sich stark diversifiziert. Heute verfügt er über 300 verschiedene Schiffe und eine Vielzahl von Routen und Zielen. Die Angebotspalette reicht von riesigen Megalinern bis zu kleinen und exklusiven Segelschiffen und Yachten, von der Ein-Sterne-Kreuzfahrt bis hin zur Luxusreise, aber auch von der klassischen Kreuzfahrt über Club- und Expeditionsfahrten bis zur speziellen Themenfahrt für Pferdefans. Damit werden die Ansprüche immer speziellerer Zielgruppen befriedigt.

Allerdings steht der riesigen Zahl der Schiffe und Kreuzfahrtarten eine relativ geringe Zahl von transnationalen Großredereien gegenüber, die meist auf die alten Dampfschifffahrtsgesellschaften zurückgehen oder in den Anfangsjahren des Kreuzfahrt-Massentourismus entstanden sind. Diese Unternehmen haben ihre führende Position durch eine Reihe von Fusionen, Übernahmen und Aufkäufe erreichen können, der Markt wird also von starken Konzentrationstendenzen beherrscht.[21]

Im Folgenden sollen nun Kreuzfahrtarten, -routen und Schiffstypen vorgestellt werden sowie ein Überblick über die Reedereien und Veranstalter gegeben werden.

3.1 Kreuzfahrtarten

In Literatur und Praxis werden die verschiedenen Kreuzfahrttypen unterschiedlich bezeichnet. Deshalb sollen im Folgenden die gängigsten Begriffe verwendet werden.

3.1.1 Klassische Kreuzfahrten

Die sogenannten klassischen Kreuzfahrten sind Rundreisen von mindestens drei Tagen Dauer, Abfahrts- und Ankunftshafen sind dabei der gleiche. Bei Variationen können diese beiden Häfen aber auch voneinander abweichen. Die meisten dieser Kreuzfahrten dauern zwischen zehn Tagen und drei Wochen, dabei ist eine Unterbrechung der Reise im Normalfall nicht möglich. Das Schiff dient den Passagieren vor allem als schwimmendes Hotel. Zielgebiet und Reiseroute spielen eine zentrale Rolle, denn die Motivation ist nicht nur Erholung, sondern vor allem das Kennlernen fremder Länder und Kulturen. Entsprechend steht bei dieser traditionellen Art der Kreuzfahrt das Animationsprogramm eher im Hintergrund. Das Klientel legt Wert auf die elegante Atmosphäre an Bord, deshalb gelten hier auch noch Kleiderordnung und Kapitänsdinner, ganz in der Tradition der Seereisen der ersten Generation.[22] Als Beispiel wäre hier die Deutschland der Reederei Peter Deilmannn zu nennen, allerdings zeigen sich auch hier Tendenzen, das Programm durch Themenkreuzfahrten aufzulockern, gleichwohl im gewohnt traditionellen Ambiente.[23]

[...]


[1] Vgl. Schäfer, Christian: Kreuzfahrten. Die touristische Eroberung der Ozeane. Nürnberg 1998. S. 7f.

[2] Vgl. Ebd. S. 11.

[3] Vgl. Schäfer 1998, a.a.O., S. 19f.

[4] Ebd., S. 25.

[5] Vgl. Schäfer 1998, .a.a.O., S. 26ff.

[6] Ebd., S. 27.

[7] Ebd., S. 40.

[8] Ebd., S. 41.

[9] Seitz, Erwin/Wolf, Jakob (Hg.): Tourismusmanagement und –marketing. Landsberg/Lech 1991. S. 139.

[10] http://www.hamburg.de/artikel.do?ok=15898&teaserId=465625&uk=21462&cid=6373313, Zugriff am 28. April 2006

[11] Vgl. Ebd.

[12] Vgl. Schäfer 1998, a.a.O., S. 49.

[13] Vgl. Steinbach, Josef: Tourismus. München/Wien 2003, S. 286.

[14] Vgl. Scholz, Betsy: Funshiptourismus in Deutschland. Ein Marketingkonzept für die amerikanische Kreuzfahrtgesellschaft Carnival Cruise Lines. Eichstätt 1998. S. 18.

[15] http://www.planet-wissen.de/pw/Artikel,,,,,,,064E881431556C05E0440003BA5E08D7,,,,,,,,,,,,,,,.html, Zugriff am 24. April 2006

[16] Schäfer 1998, a.a.O., S. 61.

[17] Vgl. Scholz 1998, a.a.O., S. 19.

[18] Vgl. Steinbach 2003, a.a.O., S. 287.

[19] Vgl. Scholz 1998, a.a.O., S. 20.

[20] Vgl. Steinbach 2003, a.a.O., S. 287f.

[21] Vgl. Ebd., S. 289.

[22] Vgl. Schäfer 1998, a.a.O. S. 187.

[23] Vgl. Kreuzfahrtprogramm der Deutschland, Katalog S. 2.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Internationale Seekreuzfahrten. Angebote, Entwicklung, Probleme
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Veranstaltung
HS Rundreisetourismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
44
Katalognummer
V126914
ISBN (eBook)
9783640329816
ISBN (Buch)
9783640331628
Dateigröße
1289 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreuzfahrt, Seekreuzfahrt, Hochseekreuzfahrt, Kreuzfahrtschiff, Schiff, AIDA, Cruise, Schiffstypen, Schwimmende Paläste
Arbeit zitieren
Diplom-Journalistin Univ. Cornelia Wolf (Autor), 2006, Internationale Seekreuzfahrten. Angebote, Entwicklung, Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/126914

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