Inwiefern spiegelt das Arbeitsverständnis Hannah Arendts die antike Vorstellung Aristoteles' wider? Die Untersuchung möchte gezielt dieser Fragestellung nachgehen und analysieren, inwieweit sich die Definitionen Arendts und Aristoteles' hinsichtlich des Arbeitsbegriffes gleichen. Handelt es sich um eine einfache Reproduktion der antiken Texte durch die jüdische Publizistin oder zeigen sich Weiterentwicklungen und Ergänzungen?
Laut dem Politologen Klaus Schubert ist Arbeit „eine spezifisch menschliche – sowohl körperliche als auch geistige – Tätigkeit, die […] [primär] zur Existenzsicherung […] [dient.]“ Darüber hinaus konstatiert er, dass „Arbeit […] insofern ein gestaltender, schöpferisch produzierender und sozialer, zwischen Individuen vermittelnder Akt“ ist. Dieser komplex anmutenden, modernen Definition des Arbeitsbegriffes geht eine lange Entwicklungsgeschichte voran. So sahen beispielsweise die antiken Philosophen Arbeit als nicht erstrebenswerte Tätigkeit an, die vor allem den Sklaven und Frauen vorbehalten war.
Diese ursprünglich negativ behaftete Konnotation findet sich ebenso in der etymologischen Herkunft des Wortes wieder. So „leitet sich [der Ausdruck] vom indogermanischen Wortstamm orbho ab und erscheint gotisch als arbaiphs, althochdeutsch als arabeit und mittelhochdeutsch als arebit“ und steht für „Mühsal, Plage, Not oder Beschwerde“. Mit den Wortwurzeln rab beziehungsweise rabu („Fronarbeit, Sklave, Knecht“) im Slawischen, dem lateinischen Wort arvum, welches übersetzt einen „gepflückter Acker“ repräsentiert und dem im Französischen verwendeten travail, „was sowohl eine Vorrichtung zum Beschlagen von wilden Pferden wie auch ein Folterwerkzeug meinte“, finden sich weitere abwertende Charakterisierungen. Umso überraschender scheint, dass bei oberflächlichem Studieren der knapp 2000 Jahre jüngeren Werke Hannah Arendts, Aristoteles' überholt-wirkende Auffassungen breite Anwendung finden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Arbeit – Ein negativ konnotierter Begriff im Wandel der Zeit
1.2 Methode und Gang der Studie
1.3 Literaturbericht
2 Deskription
2.1 Aristoteles‘ „Politik“
2.2 Hannah Arendts „Vita activa oder Vom tätigen Leben“
3 Die Arbeit
3.1 Nach Aristoteles
3.2 Nach Hannah Arendt
4 Das Herstellen
4.1 Nach Aristoteles
4.2 Nach Hannah Arendt
5 Das Handeln
5.1 Nach Aristoteles
5.2 Nach Hannah Arendt
6 Fazit – Analogien und Divergenzen der politischen Theorien
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Arbeitsverständnis im Vergleich zwischen Aristoteles und Hannah Arendt, um herauszufinden, inwieweit Arendts Theorie eine bloße Reproduktion antiker Vorstellungen darstellt oder eigenständige Weiterentwicklungen aufweist.
- Analyse des Arbeitsbegriffs im historischen Wandel
- Vergleichende Untersuchung der Konzepte "Arbeit", "Herstellen" und "Handeln" bei Aristoteles und Arendt
- Gegenüberstellung von antiker Naturphilosophie und moderner Vita activa-Theorie
- Untersuchung der Bedeutung des öffentlichen Handelns und der Pluralität
- Diskussion arbeitskritischer Ansätze in der Moderne
Auszug aus dem Buch
3.2 Nach Hannah Arendt
Arendt sieht in der Arbeit eine natürliche Kraft, die dem zirkulären, unaufhaltsamen und nie endenden Rhythmus der Natur folgt. Jene, durch die Arbeit verbrauchte Kraft wird dabei durch das Produkt ihrer selbst genährt. So schreibt sie:
„Die Tätigkeit der Arbeit entspricht dem biologischen Prozeß [sic!] des menschlichen Körpers, der in einem spontanen Wachstum, Stoffwechsel und Verfall sich von Naturdingen nährt, welche die Arbeit erzeugt und zubereitet, um sie als die Lebensnotwendigkeiten dem lebendigen Organismus zuzuführen. Die Grundbedingung, unter der die Tätigkeit des Arbeitens steht, ist das Leben selbst.“
Dabei ist die Arbeit an eine unmittelbare Notwendigkeit gebunden und kennt weder Anfang noch Ende. Solange es das menschliche Leben gibt, wird der Kreislauf aufrechterhalten. Denn das Arbeiten um des Konsumierens Willens und umgekehrt, jenes Konsumieren um des Arbeitens Willens determinieren sich gegenseitig. Des Weiteren ist das Arbeiten laut Arendt eine sinnlose Tätigkeit, die aufgrund ihrer kontinuierlichen Wiederholungen aber wiederrum auch als „Segen“ interpretiert werden kann, da sie nicht hinterfragt werden muss.
Wichtige Begriffe in diesem Zusammenhang sind zudem die Arbeitsteilung, Automatisierung und die daraus resultierende Produktivitätssteigerung. Die „ungeheure Verfeinerung der Arbeitsgeräte – [in Verbindung mit den arbeitskollektivistischen Prozessen] [...] – [habe] die Mühsal von Arbeit und Gebären, leichter gemacht, als sie je gewesen sind.“ Durch ihren Arbeitsbegriff impliziert Hannah Arendt zudem die resultierenden Gefahren für die Gesellschaft. So „bedrohen die entfesselten Naturkräfte grenzenloser Produktion und grenzenlosen Verzehrs alles andere, was je von Menschen errichtet wurde.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die historische Etymologie und negative Konnotation des Arbeitsbegriffs und definiert die zentrale Forschungsfrage der vergleichenden Studie.
2 Deskription: Dieses Kapitel stellt die primär untersuchten Werke, Aristoteles' "Politik" und Arendts "Vita activa", sowie deren inhaltliche Schwerpunkte und methodische Ansätze vor.
3 Die Arbeit: Der Vergleich zeigt, wie Aristoteles Arbeit als notwendige, aber minderwertige Tätigkeit betrachtet, während Arendt sie als zirkulären, biologischen Prozess analysiert.
4 Das Herstellen: Es wird untersucht, wie beide Denker das Herstellen von der Arbeit abgrenzen, wobei Aristoteles dies innerhalb der "poiesis" verortet und Arendt den "homo faber" sowie die Erschaffung einer beständigen Welt hervorhebt.
5 Das Handeln: Dieses Kapitel beschreibt das Handeln bei Aristoteles als eng mit der Tugendlehre und "praxis" verknüpft, während Arendt es als öffentliche, pluralistische und unvorhersehbare Tätigkeit identifiziert.
6 Fazit – Analogien und Divergenzen der politischen Theorien: Zusammenfassend wird festgestellt, dass Arendt zwar an antike Strukturen anknüpft, jedoch durch moderne arbeitskritische Analysen signifikant weiterentwickelt.
Schlüsselwörter
Arbeit, Aristoteles, Hannah Arendt, Vita activa, Herstellen, Handeln, Poiesis, Praxis, Politik, Pluralität, Zoon politikon, Arbeitsbegriff, Mensch, Philosophie, Weltlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht das Arbeitsverständnis der antiken Philosophie von Aristoteles mit der modernen Theorie der "Vita activa" von Hannah Arendt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Unterteilung des menschlichen Tätigseins in "Arbeit", "Herstellen" und "Handeln" sowie deren jeweilige soziale und politische Bedeutung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, inwieweit Hannah Arendt lediglich antike Vorstellungen von Arbeit reproduziert oder ob sie eigenständige Weiterentwicklungen und kritische Ergänzungen in ihrer Theorie vornimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine deskriptive sowie vergleichende Analyse der Primärtexte angewandt, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Autoren systematisch herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die drei Haupttätigkeitsbereiche (Arbeit, Herstellen, Handeln), wobei für jeden Bereich zuerst Aristoteles' Sichtweise und anschließend die Position von Hannah Arendt gegenübergestellt wird.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "animal laborans", "poiesis", "praxis", "homo faber", "Pluralität", "Naturprozess" und die Bedeutung der "polis".
Wie unterscheidet sich die Bewertung von Arbeit bei Aristoteles von der Arendts?
Während Aristoteles Arbeit aufgrund seiner Naturphilosophie als Sklaventätigkeit und notwendiges Übel betrachtet, analysiert Arendt sie als biologischen Kreislauf, der in der Moderne den öffentlichen Raum verdrängt.
Warum spielt die Unterscheidung von Handeln und Herstellen eine solch wichtige Rolle für Arendt?
Arendt betont, dass das Handeln im Gegensatz zum Herstellen keine materiellen Produkte, sondern zwischenmenschliche Geschichten und politische Gemeinschaft erschafft, was für sie die höchste Form menschlicher Tätigkeit darstellt.
- Arbeit zitieren
- Manuel Talarico (Autor:in), 2022, Das Arbeitsverständnis nach Aristoteles und Hannah Arendt im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1275224