„Wenn das Wohlergehen der Menschen vom Verhalten anderer Menschen beeinflusst wird, betreten wir den Bereich der Moral." (Oser und Althof, 1992. S. 11.)
Die Schlagworte der Moral und der Gerechtigkeit sind aus dem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Sei es in der politischen Diskussion, in der Berichterstattung der Medien oder im privaten Bereich. Doch wie entwickeln sich beim einzelnen Menschen eigentlich Vorstellungen von Moral - und damit die Fähigkeit zum moralischen Urteilen und Handeln - und in welchem Verhältnis steht die Gerechtigkeit dazu? Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg versucht, dieser Frage in seiner Theorie zur Entwicklung der zunehmenden Gerechtigkeit des moralischen Urteilens auf den Grund zu gehen.
In Anlehnung an Immanuel Kant stellt Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils die Gerechtigkeitsaspekte von Moral ins Zentrum seiner Untersuchungen. Die Entwicklung dieses Standpunktes stellt Kohlberg wie folgt dar: „Das Forschungsprogramm […] hat sich von einer Begrenzung der Untersuchung der Moralität auf die Untersuchung der Moralentwicklung bewegt, von dort erfolgte eine Beschränkung auf die Untersuchung des moralischen Urteilens (und seines Zusammenhangs mit dem Handeln) und schließlich auf die Form oder kognitiv-strukturelle Stufe des Moralurteils, wie sie in Gerechtigkeitsurteilen verkörpert ist.“ (Kohlberg, zitiert nach Oser und Althof, 1992. S. 47f). So bildet das moralische Urteilen in Bezug auf Gerechtigkeitsfragen für Kohlberg den Kern der Moral.
Die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit erklärt er in einem sechs Stufen Modell, welches in dieser Arbeit dargestellt werden soll. Dazu werden zunächst einige Einflüsse, die seiner Theorie zugrunde liegen vorgestellt, darauf aufbauend befasst sich das dritte Kapitel mit Kohlbergs Stufenmodell. Das vierte Kapitel geht auf die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Kohlbergs Theorie ein. Kurze Anmerkungen über die Bedeutung von Kohlbergs Arbeit und einige Kritikpunkte stehen am Ende dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ausgangspunkte von Kohlbergs Theoriebildung
2.1. Piagets Ansatz zur kognitiven Entwicklung
2.1.1. Stufen der kognitiven Entwicklung kindlichen Denkens
2.1.2. Stufen der Entwicklung moralischen Urteilens
2.2. Deweys Stufen des moralischen Urteilens
3. Lawrence Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens
3.1. Biographische Angaben
3.2. Kohlbergs Stufenmodell
3.3. Grundlegende Aspekte des Stufenmodells
3.4. Kohlbergs empirische Grundlage
3.5. Veränderung von Kohlbergs Standpunkt
4. Entwicklungen in der Praxis
4.1. Weiterentwicklung im praktischen Einsatz
4.2. Das Modell der Gerechten Gemeinschaft – Die Just Community
4.3. Mögliche Umsetzung von Kohlbergs Ideen in der Schule
5. Bedeutung von Kohlbergs Modell und abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht Lawrence Kohlbergs Theorie der moralischen Entwicklung, wobei sie insbesondere den Zusammenhang zwischen der Entwicklung kognitiver Strukturen und der zunehmenden Fähigkeit zu moralischem Urteilen mit Fokus auf Gerechtigkeitsfragen analysiert.
- Grundlagen der moralischen Entwicklung nach Jean Piaget und John Dewey
- Das sechsstufige Modell des moralischen Urteilens nach Lawrence Kohlberg
- Empirische Methodik und Validierung des Stufenmodells
- Transformation der moralischen Erziehung hin zum „Just Community“-Ansatz
- Praktische Implementierungsmöglichkeiten in den schulischen Alltag
Auszug aus dem Buch
3.2. Kohlbergs Stufenmodell
Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilsvermögens knüpft direkt an die Erkenntnisse von Piaget zur kognitiven Entwicklung an. Er geht von drei Hauptstufen oder Niveaus aus:
(1) Auf dem präkonventionellen Niveau bleiben gesellschaftliche Regeln äußerlich,
(2) auf dem konventionellen Niveau dagegen werden gesellschaftliche Regeln internalisiert.
(3) Das postkonventionelle Niveau demgegenüber ist durch eine Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Regeln aufgrund selbst gewählter Prinzipien gekennzeichnet.
Jedes dieser Moralniveaus beinhaltet zwei Stufen, wobei die zweite Stufe - wie im Folgenden dargestellt wird - jeweils eine fortgeschrittenere Version der ersten Stufe darstellt.
Da das Stufenmodell keinen Nullpunkt der Entwicklung enthält, d.h. dass die erste Stufe schon das Ergebnis einer moralischen Entwicklung ist, ist den 6 Stufen eine Stufe 0 vorangestellt, da Kinder schon in ihren ersten Lebensjahren ein egozentrisches System moralischer Beurteilung entwickeln.
„Kinder hören schon sehr früh »nein, das darfst du nicht« und sie machen sich schon in den ersten Lebensjahren Gedanken über >richtig< und >falsch<; sie gehen einen Schritt nach dem anderen in Richtung einer ersten systematischen Vorstellung über Moral (die wir dann >Stufe 1< nennen): sie machen sozusagen Babyschritte der moralischen Entwicklung. [Hervorhebung im Original]“(Oser und Althof, 1992. S.51).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Moral und Gerechtigkeit ein und erläutert die Zielsetzung der Arbeit, Kohlbergs Modell der Stufen moralischer Urteilsfähigkeit darzustellen.
2. Ausgangspunkte von Kohlbergs Theoriebildung: Das Kapitel beleuchtet die theoretischen Fundamente, insbesondere Piagets kognitive Entwicklungsstufen und Deweys moralische Stadien, auf denen Kohlbergs Forschung aufbaut.
3. Lawrence Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens: Hier wird das Kernstück der Arbeit präsentiert: das sechsstufige Stufenmodell, seine theoretischen Aspekte, die empirische Längsschnittstudie und die spätere Weiterentwicklung von Kohlbergs Standpunkt.
4. Entwicklungen in der Praxis: Dieses Kapitel behandelt die Transformation von Kohlbergs Theorie in die pädagogische Anwendung, insbesondere durch das Modell der „Just Community“ und die Umsetzung in schulische Kontexte.
5. Bedeutung von Kohlbergs Modell und abschließende Bemerkungen: Zusammenfassende Einschätzung der Relevanz von Kohlbergs Theorie, unter Berücksichtigung sowohl ihrer wissenschaftlichen Bedeutung als auch der geäußerten Kritikpunkte.
Schlüsselwörter
Moralische Entwicklung, Lawrence Kohlberg, Stufenmodell, Gerechtigkeit, moralisches Urteilen, kognitive Entwicklung, Jean Piaget, Just Community, moralische Erziehung, Sozialisation, konventionelle Ebene, postkonventionelle Ebene, Ethos, Dilemma, Werteerziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens nach Lawrence Kohlberg und analysiert, wie Menschen kognitive Strukturen entwickeln, um moralische Probleme, insbesondere Gerechtigkeitsfragen, zu beurteilen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die theoretischen Vorläufer (Piaget/Dewey), die detaillierte Darstellung der sechs Entwicklungsstufen der Moral, die empirische Basis sowie die praktische Anwendung dieses Modells in Schulen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit nach Kohlberg systematisch darzustellen und aufzuzeigen, wie sich das moralische Denken von einer äußeren Fremdbestimmung hin zu einem autonomen, prinzipiengeleiteten Urteilen verändert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse der maßgeblichen Forschungsliteratur, insbesondere von Oser und Althof, und diskutiert die Ergebnisse der von Kohlberg durchgeführten Längsschnittstudien.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, gefolgt von der genauen Erläuterung der sechs Stufen der Moralentwicklung sowie den Ansätzen zur praktischen Implementierung in der Pädagogik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Moralentwicklung, Stufenmodell, Gerechtigkeit, moralisches Urteilen, kognitive Entwicklung, Just Community und moralische Erziehung.
Warum spielt das Konzept der „Just Community“ eine so große Rolle?
Die „Just Community“ stellt eine Antwort auf die Kritik dar, dass rein hypothetische Dilemmata für moralische Erziehung nicht ausreichen; sie zielt darauf ab, Partizipation und Verantwortungsübernahme im schulischen Alltag praktisch erfahrbar zu machen.
Wie ist das Verhältnis zwischen moralischem Urteilen und moralischem Handeln laut Kohlberg?
Kohlberg revidierte seine anfängliche Annahme, dass das Urteil das Handeln direkt determiniert, und betonte später die Notwendigkeit von praktischen Elementen, da rein theoretische Diskussionen nicht ausreichen, um moralisches Handeln vollständig zu erklären.
- Quote paper
- Michael Kraus (Author), 2006, Die Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens nach Lawrence Kohlberg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128122