Introduction to dystopian literature: "The Giver"

How can we convince Jonas to stay?


Unterrichtsentwurf, 2008
18 Seiten

Leseprobe

1. Lerngruppe

1.1 Beschreibung der Lerngruppe

Seit Februar 2007 unterrichte ich die Klasse 10c eigenverantwortlich mit drei Wochenstunden im Fach Englisch. Die Klasse besteht aus 17 Schülerinnen und 8 Schülern[1], wobei die Schülerinnen die Schüler allerdings nicht dominieren. Im Moment versuchen die Jungen, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ihre Beiträge in Unterrichtsgesprächen sind entweder äußerst angepasst oder sehr provokativ. Dennoch herrscht in der Klasse ein angenehmes Arbeitsklima, da die SuS trotz Verhaltensunterschieden gut miteinander interagieren können. Insgesamt ist die Gruppe sehr leistungsstark, insbesondere im schriftlichen Bereich, jedoch haben sich nahezu alle SuS im Verlauf des Schuljahres auch mündlich quantitativ und qualitativ verbessert.

Es lassen sich drei unterschiedlich leistungsstarke Gruppen feststellen. Zur leistungsstärksten Gruppe zählen neun SuS. Insgesamt schätze ich diese SuS im guten bis sehr guten Bereich ein, wobei sich nicht alle SuS gleich aktiv beteiligen.S6, S11 und S25 hingegen bewegen sich sprachlich weit über dem Niveau der Klasse und ihrer Altersgruppe. Sie schreiben idiomatisch nahezu korrekt und abwechslungsreich und verfügen über ein sehr umfangreiches Vokabular. Diese drei SuS können sich zu den meisten Themen spontan und ausführlich äußern und beim Hörverstehen auch komplexeren Sachverhalten folgen. Die übrigen SuS aus dieser Gruppe liegen in allen Fertigkeiten nur minimal unter dem Niveau dieser drei SuS. Vor allem vier SuS beteiligen sich an nahezu allen Unterrichtsgesprächen: sie können weitestgehend flüssig und fehlerfrei sprechen. Drei SuS sind eher schwach. Sie haben große Lexikdefizite, ihre schriftliche Ausdrucksweise zeigt Interferenzen mit dem Deutschen und im Bereich der Grammatik bereiten ihnen Zeiten und Satzbau Schwierigkeiten. Die übrigen SuS bewegen sich in allen Fertigkeiten auf durchschnittlichem bis guten Niveau.

Der Lerngegenstand – die Lektüre „The Giver“ von Lois Lowry – wurde von den SuS selbst ausgewählt und die Themen für die Besprechung der Lektüre gemeinsam zusammengetragen. Die SuS geben sich die Struktur der Reihe demnach selbst vor.

Die Klasse ist mit allen Sozialformen vertraut, allerdings entwickeln die SuS in Gruppenarbeitsphasen besonders herausragende Ergebnisse, weswegen dies meine bevorzugte Sozialform ist.

Rollenspiele wurden bisher nicht mit der ganzen Klasse eingeübt, allerdings ist die Klasse mit Talkshows vertraut, so dass ich keine größeren Schwierigkeiten bei der Durchführung des Rollenspiels erwarte. Weiterhin bringt ein Großteil der Klasse großes Empathievermögen mit. Dies ist wichtig, um sich in andere Positionen hineinzudenken. Auch die neue viereckige Sitzform soll bei gemeinsamen Diskussionen helfen, da die SuS einander anschauen und somit besser kommunizieren können.

1.2 Lernvoraussetzungen

Lernstand. Inhaltlich haben sich die SuS auf die Erarbeitung der Lektüre allein vorbereitet, da sie zunächst den Roman lesen sollten, bevor die Besprechung begann.[2] Da die Gruppe sehr leistungsstark ist, erschien mir dieser Weg sinnvoll, da die Gruppe so auf die häufig sehr analytische Arbeit mit Ganzschriften in der Sekundarstufe II vorbereitet wird. Die gemeinsame, kleinschrittige Erarbeitung und Erschließung einer Lektüre hat zwar den Vorteil, dass die SuS an verschiedenen Stellen antizipieren können, wie es weitergeht, allerdings besteht auf diesem Wege auch die Gefahr, dass man den Spannungsbogen des Romanes zerstört.[3]

Der Zugang zur Reihe erfolgte affektiv mit der „Zitatenteppich“-Methode, wobei alle SuS sich einmal zu dem Roman äußern konnten. So wurde auch die Themenfindung erleichtert. Gemeinsam wurde festgelegt, über welche Themen des Romans die SuS gern sprechen wollen. Weiterhin wurden Charakterisierungen der Hauptpersonen und eine Beziehungsanalyse derselben vorgenommen. Diese Charakterisierungen sind wichtig für die heutige Stunde. Die SuS benötigen Vorwissen zu den einzelnen Charakteren, um im Rollenspiel überzeugend argumentieren zu können. Die Beschreibung der Prinzipien der Community im Roman erfolgte als Gruppenpuzzle. Auch diese Prinzipien dienen als Grundlage für das Rollenspiel. Nachdem heute erarbeitet wurde, warum Jonas flieht und welche Gründe es für das Bleiben geben könnte, sollen die SuS in der Hausaufgabe das System rechtfertigen, so dass in den nächsten Stunden Aspekte der Kontrolle besprochen werden können. Ziel hiervon ist nicht, dass die SuS dies von vornherein verurteilen, sondern den Sinn hinter der Kontrolle erkennen.

Sprachlich erarbeiteten sich die SuS das Kernvokabular der Lektüre mithilfe von diversen Semantisierungstechniken, so dass diese Vokabeln für die Erarbeitung der Lektüre bereit stehen sollten. Weiterhin erarbeiteten die SuS einen Redemittelkatalog[4], um zukünftig in Diskussionen besser aufeinander eingehen zu können. Diese Redemittel kamen bisher nur am Rande zum Einsatz, was sich heute ändern soll.

Als Hausaufgabe für die heutige 5. Stunde in der Reihe sollten die SuS eine Textstelle aus dem Roman noch einmal intensiv lesen und diese Textstelle in den Kontext des Romans bringen, sowie Jonas’ Gewissenskonflikt herausarbeiten. Da die SuS den Roman bereits gelesen haben, ist ihnen womöglich schon bei der Bearbeitung der Hausaufgabe bewusst, worum es in dieser Stunde gehen wird.

Lernausgangslage. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die SuS Vorwissen zum Genre dystopian literature an sich mitbringen, da diese Art von Literatur meist erst in der Sekundarstufe II gelesen wird. Den SuS ist sicherlich nicht bewusst, dass die Intention eines solchen Romans in der Regel Gesellschaftskritik ist, was wahrscheinlich einer der Gründe ist, warum die SuS den Roman ein wenig seltsam finden. Häufig werden in dystopischen Romanen totalitäre Staats- oder Gesellschaftssysteme dargestellt, welche zwar auf den ersten Blick sehr genau durchdacht scheinen, jedoch häufig Lücken haben, welche letztendlich die Stabilität des Systems bedrohen - so auch in „The Giver“. Aufgrund der Unkenntnis des Genres sollte den SuS die Problematik von totalitären Systemen daher nicht bewusst sein. Da sich außerdem das System in der Lektüre nur sehr langsam erschließt, haben evtl. noch nicht alle SuS die Problematik erkannt.

Während die SuS den Roman in den letzten Wochen selbstständig lasen, traten immer wieder einige von ihnen auf mich zu, um mir ihre ersten Eindrücke zu berichten. Die meisten finden den Roman aufgrund der Fremdartigkeit der Gesellschaft ein wenig seltsam. Allerdings empfinden sie den Roman als sehr spannend, da erst nach und nach alle Regeln und Prinzipien der Community aufgedeckt werden und man nach jedem Kapitel gespannt ist, wie es weiter geht. Aus Sicht der SuS erscheint es nur richtig und logisch, dass Jonas aus der Gemeinschaft flieht, da sie selbst sicherlich niemals freiwillig ein solches Leben akzeptieren würden. Aus dieser Voreinstellung ergibt sich die Vorgehensweise für die heutige Stunde.

Da die SuS außerdem sämtliche Charaktere des Romans intensiv analysiert haben, sollten sie keine Schwierigkeiten haben, den Gewissenskonflikt zu benennen, in welchem sich Jonas in der zugrunde liegenden Textstelle befindet. Folglich bringen die SuS für die heutige Stunde ein großes Problembewusstsein mit. Da die Klasse neue Methoden gern annimmt, erwarte ich keine Probleme beim Rollenspiel, auch wenn dies bisher nur in kleineren Gruppen durchgeführt wurde.

2. Didaktische Überlegungen

2.1 Didaktische Begründung des Themas

Romane aus dem Genre der dystopian literature haben immer einen Gegenwartsbezug, da die Intention der Autoren i. d. R. Gesellschaftskritik ist. Da die SuS mit dem Genre das erste Mal konfrontiert werden, empfinden sie die Geschichte als seltsam und abwegig und können sich nicht vorstellen, warum ein Autor einen solchen Roman schreiben sollte. Wenn die SuS erst einmal den Roman in seiner Komplexität durchdrungen haben, können sie die Autorenintention selbstständig erkennen.

Die Gesellschaft, die in „The Giver“ dargestellt wird, ist totalitär. Sämtliche Bereiche des Lebens werden kontrolliert, von der Kleidung über die Sprache, bis hin zur Berufswahl sowie der Auswahl eines Ehepartners. Auch die Kinder werden einer „Familieneinheit“[5] zugeteilt. „Kontrolle“ ist demnach ein Leitmotiv in dem Roman, wobei die SuS am Ende der Reihe erkennen sollten, dass diese Art der staatlichen oder gemeinschaftlichen Kontrolle gar nicht so weit entfernt ist von der Kontrolle, die wir in unserer Gesellschaft bereits erleben. Für die SuS mag dies im Moment nicht von großer Bedeutung sein, da sie sich einigen Kontrollinstanzen freiwillig aussetzen. Für jeden SuS ist es mittlerweile praktisch Pflicht, auf einer oder mehrerer socialnetwork -Seiten im Internet[6] angemeldet zu sein. Dort geben sie offenherzig auch intime Informationen über sich preis. Sie gehen allzu sorglos mit vertraulichen Informationen über ihr Privatleben um, ohne sich der Konsequenzen bewusst zu sein. Sie sehen nicht, dass diese Offenheit auch Gefahren mit sich bringt und dem späteren Berufsleben womöglich Schaden zufügen kann. Die Zukunftsbedeutung des Themas ist demnach, den SuS zu verdeutlichen, dass unser Leben jetzt schon relativ stark kontrolliert wird und häufig empfinden wir dies gar nicht so schlimm. Wenn man sich aber darüber bewusst ist, dass die Privatsphäre schützenswert ist und man kritisch mit potenziellen Überwachungs- und Kontrollinstanzen umgeht, besteht unter Umständen die Möglichkeit, sich vor totalitären Staatssystemen schützen.

Dystopien als Anti-Utopien existieren seit Beginn der industriellen Revolution und sind eigentlich Gegenstand des Lehrplanes des Grundkurses in Jahrgangsstufe 13. Der hessische Lehrplan sieht unter dem Modul „The Dynamics of Change“ das Thema „Models of the future“ vor, worunter Utopien und Dystopien besprochen werden können.[7] Jedoch ist „The Giver“ sowohl sprachlich als auch inhaltlich bei weitem nicht so komplex wie die „klassischen“ Dystopien[8] und ist somit eher für die Sekundarstufe I geeignet. Durch eine erste Begegnung mit dem Genre können Synergieeffekte für die Sekundarstufe II geschaffen werden. Wenn den SuS in der Jahrgangsstufe 13 Dystopien als Genre bereits bekannt sind, fällt die Bearbeitung der umfangreicheren und komplexeren Klassiker leichter.

Auch mit dem Bildungsauftrag des hessischen Schulgesetzes lässt sich der Roman legitimieren. Die SuS sollen im Rahmen der schulischen Ausbildung befähigt werden, staatsbürgerliche Verantwortung zu übernehmen und die Demokratie zu wahren.[9] Am Verhalten der Mitglieder der Community in „TheGiver“ wird deutlich, was passieren kann, wenn sich niemand gegen ein totalitäres Staatssystem wehrt. Zwar sind die „Elders“ – die Regierung der Community – gewählt, allerdings leben die Menschen in einer Scheindemokratie, da diese durch Kontrolle und Überwachung ad absurdum geführt wird. Weiterhin vereinigen die Elders alle Staatsgewalten auf sich, so dass hier keine wechselseitige Kontrolle der Gewalten stattfinden kann. Die Menschen können zwar Petitionen gegen bestimmte „Regeln“ einreichen, es kann allerdings Jahre dauern, bis darüber entschieden wird – wenn überhaupt. Den SuS muss also laut Bildungsauftrag vor Augen gehalten werden, dass sie zur „demokratischen Gestaltung des Staates und einer gerechten freien Gesellschaft“[10] beitragen können. Außerdem gehört das kritische Hinterfragen zum Bildungsauftrag: Im Roman akzeptieren die Menschen alle Regeln, ohne sie zu hinterfragen. Sicherlich kann man nicht für sich selbst entscheiden, ob ein bestimmtes Gesetz sinnvoll und beachtenswert ist oder nicht, andererseits kann die kritiklose Hörigkeit Willkür der Regierung ermöglichen.

[...]


[1] im Folgenden: SuS

[2] Zum genauen Überblick über die Reihe siehe Anhang.

[3] vgl. Haß, F.: Fachdidaktik Englisch, 2006, S. 150

[4] vgl. „Fünf-Satz-Technik“ in: Brenner, Gerd: Fundgrube Methoden II, 2007, S.44

[5] In dem Roman finden sich diverse Wortneuschöpfungen der Autorin, welche zeigen, dass auch die Sprache in der Community strikt reguliert ist. Das Wort „family“ existiert demnach nicht, vielmehr wird von „family unit“ gesprochen.

[6] wie beispielsweise schülervz oder facebook

[7] vgl. Lehrplan Englisch (G9), S. 51

[8] „1984“ von George Orwell, „Brave New World“ von Aldous Huxley oder „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury

[9] vgl. §2 Abs. 2 HSchG

[10] §2 Abs. 2 HSchG

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Introduction to dystopian literature: "The Giver"
Untertitel
How can we convince Jonas to stay?
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V128284
ISBN (eBook)
9783640373017
ISBN (Buch)
9783640372973
Dateigröße
863 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Unterrichtsentwurf zur Examenslehrprobe
Schlagworte
Introduction, Giver, Jonas
Arbeit zitieren
Katrin Zielina (Autor), 2008, Introduction to dystopian literature: "The Giver" , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128284

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