Sprachkontakte des Neurussischen im 19. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

9 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Historisch-kulturelle Hintergründe

3. Der sprachgestalterische Einfluss Puškins

4. Beispiele europäischer Entlehnungen auf -арь

5. Russische Anglizismen des 19. Jahrhunderts

6. Fazit

7. Beispieltext

Quellen:

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt einen Forschungsbericht zur Thematik der Sprachkontakte des Neurussischen im 19. Jahrhundert dar, und gibt gegenwärtig vorliegende Sekundärliteratur des aktuellen Forschungsstandes wider. Als aktuell gelten hier Essays der Neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts und jüngere Literatur. Der Begriff „Sprachkontakt“ umfasst hier in erster Linie Produkte interkultureller und politischer Beziehungen (Substrate), sowie Übersetzungs- und Entlehnungsvorgänge (Superstrate), die die Sprachnorm des 19. Jahrhunderts nachhaltig beeinflussten. Zur Ermittlung relevanter Sekundärliteratur wurde der Campuskatalog der Universität Hamburg, die online Bibliographie Linguistique, sowie die ebenfalls übers Internet zugängliche MLA Bibliographie zu Hilfe genommen.

2. Historisch-kulturelle Hintergründe

Wie bereits aus der behandelten Überblicksliteratur hervorgeht, kommt es durch die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen Russlands im 18. und 19. Jahrhundert zu einer deutlichen Erweiterung des lexikalischen Bestandes. Dabei spielen Entlehnungen aus westeuropäischen Sprachen eine entscheidende Rolle, und es kommt zur Entlehnung zahlreicher Lexeme, jedoch auch das russische Wortbildungssystem nimmt eine Reihe fremdsprachlicher Elemente auf.[1] Darüber hinaus kann gesagt werden, dass die im 18. Jahrhundert beginnende Europäisierung der russischen Sprache den russischen Wortbestand qualitativ und quantitativ stark verändert. Es kommt zur Erneuerung bestehender Begriffe und zu einer erheblichen Erweiterung des Wortbestandes mit gesellschaftlich-politischen, wissenschaftlichen und technischen Ausdrücken. Zu Beginn dieser Entwicklung wird ein großer Teil französischer Sprachkultur übernommen, wodurch auch Lexik und Syntax des Russischen nachhaltig beeinflusst werden.[2] Dieser verstärkte Einfluss der französischen Sprache wird auch durch die napoleonischen Kriege um 1812 nicht geschwächt.[3]

Auf einer komplexeren Ebene der russischen Sprachentwicklung lässt sich feststellen, dass sich im 19. Jahrhundert eine für das gesamte Schrifttum bestimmende Norm der Literatursprache auf nationaler Basis entwickelt, die maßgeblich durch Puškin beeinflusst wird. Neben Veränderungen im gesellschaftlich-politischen Leben und wissenschaftlichem Fortschritt können auch Formierungen ideologischer Strömungen als Ursachen dieser Entwicklung gesehen werden.[4]

3. Der sprachgestalterische Einfluss Puškins

Fedorov stellt sehr ausführlich die Funktion Puškins als Gestalter der russischen Literatursprache auf Basis der Volkssprache dar und macht unter anderem deutlich, inwiefern Puškin einen neuen literarischen Stil begründet und damit die Sprache vom Genre unabhängig macht. Entscheidend ist, dass Puškins stilistische Reform den kombinierten Umgang sprachlicher Mittel verschiedener Ursprünge einleitet.[5] Die Häufigkeit fremdsprachlicher Begriffe, die Puškin in künstlerischen und publizistischen Texten verwendet, verdeutlicht die kommunikative Notwendigkeit seiner Wortwahl. Den Autoren publizistischer und wissenschaftlicher Texte rät er, wissenschaftliche Termini zu übersetzen und zu paraphrasieren, um dem ungebildeten Volk das Lesen zu erleichtern und die entstehende Sprache zu fördern. Da Puškin bewusst ist, dass sich die Literatursprache noch in der Entwicklung befindet und in kürze eine Nationalsprache entstehen wird, versucht er durch den bewussten Gebrauch fremdsprachlicher Begriffe diese Entwicklung zu steuern. Ausländische Begriffe wie фрак oder панталоны, die mit dem kulturellen Verständnis eines anderen Landes verbunden sind und in der russischen Sprache keine Entsprechung finden, müssen notwendigerweise entlehnt werden.[6]

4. Beispiele europäischer Entlehnungen auf -арь

Wie bereits erwähnt haben besonders die Beziehungen und Kontakte im europäischen Bereich die russische Sprachentwicklung beeinflusst. Frau Sobieroj bietet eine ausführliche Untersuchung der russischen Nomina mit der Endung - арь und hat die Ursprünge der verschiedenen Begriffe untersucht. Demnach kann das Formans -арь auf die lateinische Form -arius zurückgeführt werden und hat in vielen europäischen Sprachen Parallelen.

Im slavischen Sprachraum verbreitet sich das Suffix -арь vor allem durch wirtschaftliche und kulturell-politische Beziehung zu den Germanen, doch auch die wachsenden internationalen Kontakte Russlands tragen hierzu bei. Dabei werden viele ursprünglich lateinische und griechische Begriffe durch die Vermittlung der deutschen oder polnischen Sprache in den russischen Wortschatz integriert.[7]

Folgende Begriffe gelangen aus dem Griechischen über deutsche oder polnische Vermittlung ins Russische:

- аптекарь (Apotheker, Farbenhändler)
- библиотекарь (Bibliothekar)
Direkt aus dem Deutschen oder durch Vermittlung des Polnischen werden entlehnt:
- блокарь (Arbeiter, der Blöcke bearbeitet, Steinmetz)
- бондарь (Büttner, Böttcher)
- бунтарь (Rebell, Aufwiegler, Empörer)
- друкарь (Drucker)
- крамарь (Kaufmann, Krämer, Händler)
- русарь (Ritter, Soldat, Krieger, Eilbote)
- слесарь (Schlosser)
- шинкарь (Schenkwirt)

Als polnische Entlehnungen gelten:

- пленипотенциарь (bevollmächtigter Minister, Bevollmächtigter)
- почтарь (Postbeamte)
- фиглярь (Possenreisser, Gaukler, Schwindler)
- штукарь (Possenreisser, schlauer Mensch, Künstler, Vorführer von Kunststücken)
Latinismen, die direkt oder durch deutsche, polnische oder französische Vermittlung ins Russische gelangen:
- ветеринарь (Veterinär, Tierarzt)
- комиссарь (Kommissar)
- референдарь (Referendar)
- секретарь (Sekretär, Geheimschreiber)
- школярь (Schüler, sich schlecht aufführender Schüler)
- эмиссарь (Agent, Emissar)
Türkische Entlehnungen, die weniger zahlreich vorliegen, sind:
- алемдарь (Offizier, der ein grünes Banner vor dem Sultan trägt
- гаснадарь (Verwalter des Staatsvermögens beim Sultan)
- мегмендарь (Hofdiener, der für den Empfang ausländischer Gäste zuständig ist)
Vorliegende tatarische Entlehnungen sind:
- барантарь (Teilnehmer eines Überfallkommandos)
- чапарь (Soldat im Kaukasus)
Eine geringe Zahl von Worten, die aus dem Persischen entlehnt werden:
- земиндарь (Steuereintreiber in Ostindien, Bezirksverwalter in Ostindien in der Mongolenzeit)
- цардарь (Hauptbefehlshaber der Armee in Persien, Ägypten und der Türkei)

Weitere Entlehnungen sind исфенидарь (Schutzengel der Sittlichkeit, Keuschheit) aus dem Armenischen, кобзарь (Kobsaspieler) aus dem Ungarischen, корзарь (Korsar, Seeräuber) aus dem Italienischen, сазандарь (Musiker und Sänger im Kaukasus) aus dem Grusinischen und юбилиярь (Jubilar) aus dem Jüdischen. Es werden jedoch nicht nur einzelne Lexeme entlehnt, sondern teilweise auch ganze Wortfamilien, was die Fortdauer der Entlehnungen im Russischen sichert und festigt. Ein Beispiel für eine solche Wortfamilie ist: библиотека, библиотекарь, библиография, библиографь,. библиология, библиологь, библиомания, библиомань, библиофильство, библиофиль, библиофобия, библиофобь usw.[8]

Frau Sobieroj geht in ihren Untersuchungen weniger auf die zeitliche Entstehung der Entlehnungen ein und datiert die Vorgänge lediglich auf das 18. und 19. Jahrhundert.

5. Russische Anglizismen des 19. Jahrhunderts

Neben der französischen Sprache nimmt auch das Englische starken Einfluss auf die russische Sprachentwicklung. In den Hauptstädten ist es besonders bei der Oberschicht stark verbreitet und mehr als ein Drittel der neuen Wörter des 19. Jahrhunderts basiert auf lexikalischen Entlehnungen aus dem Englischen, die in zwei Wellen vermehrt auftreten:

einerseits in den 30er und 40er Jahren, andererseits in den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Während dieser zwei Zeiträume werden insgesamt etwa 2000 Lexeme übernommen. Größtenteils handelte es sich hierbei um direkte Entlehnungen, die ihre Struktur beibehalten und ohne morphologische Veränderungen übernommen werden. Die Untersuchung verschiedener Wörterbücher des 19. Jahrhunderts ermöglicht eine präzise Analyse der zu jener Zeit übernommenen Anglizismen.

Im 1847 erschienenen „akademischen Wörterbuch der kirchenslavischen und russischen Sprache“ finden sich 30 Wörter englischen Ursprungs, unter denen Begriffe aus der Seefahrt dominieren. Beispiele sind порт, рыбина, стопор. Des weiteren findet sich eine Gruppe von Wörtern, die sich auf den englischen Alltag beziehen: ватерклозет, грог, сплин, тост ‚ Trinkspruch’.

Ein weit verbreitetes Wörterbuch der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts ist das „fremdsprachliche Wörterbuch A. D. Michel’sons“. Darin werden 77 englische Entlehnungen des 19. Jahrhunderts genannt. Beispiele sind: бедлам, виски, джентльмен, дог, комфорт. Es wird außerdem auf eine Gruppe von Begriffen aus dem gesellschaftlich-politischen Bereich eingegangen (дефендеры, етодисты, спикер), doch auch Begriffe des Alltags werden genannt: клоун, констебль, спортсмен, бульдог. Bei Michel’son finden sich einige Ausdrücke, die in keinem anderen Wörterbuch dieser Zeit genannt werden. Beispielhaft werden angegeben: батер-твист aus dem engl. water-twist, вулькорд aus dem engl. woolcord, кэстерд aus dem engl. custard, und пик- покет aus dem engl. pickpocket. Viele dieser wenig verbreiteten und seltenen Wörter haben keinen Platz im russischen Wortbestand gefunden.

Das „Wörterbuch Toll’s“ nennt 111 englische Entlehnungen des 19. Jahrhunderts. Abgesehen von einigen wenigen Seefahrtsbegriffen und Ausdrücken des alltäglichen Lebens, deckt sich der Inhalt der Anglizismen mit dem Wörterbuch Michel’sons. Bei Toll’ finden sich jedoch auch Wörter, die sich im Wortbestand des Russischen länger halten.

Das „erklärende Wörterbuch Dal’s“ beinhaltet insgesamt 800 entlehnte Lexeme, von denen 49 aus englischem Sprachgebrauch hervorgehen und im 19. Jahrhundert eingeführt werden. Da das „Wörterbuch Dal’s“ teilweise auf dem „Wörterbuch der kirchenslavischen und russischen Sprache“ basiert, finden sich einige Begriffe hier wieder. Dal’ macht jedoch besonders deutlich auf neue Entlehnungen des 19. Jahrhunderts aufmerksam und grenzt diese inhaltlich von den Entlehnungen des 18. Jahrhunderts ab.

Das „russisch-deutsche Wörterbuch von Pavloskij“ setzt sich intensiv mit jener Lexik des 19. Jahrhunderts auseinander, die ihre wissenschaftliche und praktische Bedeutung bis heute nicht verloren hat. Es werden 59 Anglizismen des 19. Jahrhunderts genannt, wobei jedoch der Großteil von Dal’ und dem „Wörterbuch der kirchenslavischen und russischen Sprache“ wiederholt wird. Es finden sich allerdings auch neue Begriffe wie билль, квакер, констаб(п)ель, манчестер, смуглёр und ярд.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Großteil der Entlehnungen aus dem Englischen aus Substantiven besteht, die durch direkte Kontakte ins Russische übernommen werden. Ihre phonetische Form macht dabei deutlich, dass sie meist auf schriftlichem Wege entlehnt werden. Eine deutliche Besonderheit der Entlehnungsprozesse des 19. Jahrhunderts ist die Stabilisierung von Übersetzungsprinzipien der phonetischen und graphischen Strukturen, sowie eine entsprechende Normalisierung dieser Vorgänge, die sich bedeutend weniger kompliziert darstellt als die Entlehnungsentwicklungen des 18. Jahrhunderts. Dies wird darin deutlich, dass die Entlehnungen im 19. Jahrhundert phonetisch und morphologisch weniger variieren und an Spontaneität verlieren. Die Variabilität der Vokale kommt nur noch in seltenen und wenig verbreiteten Worten vor.

Insgesamt finden sich in den verschiedenen Wörterbüchern 163 Anglizismen des 19. Jahrhunderts. Die deutliche Durchsetzung lexikalischer Entlehnungen aus dem englischen, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderst zusätzlich verstärkte, fördert die Entwicklung der russischen Literatursprache und dient als ein wichtiges Mittel zur Einbeziehung der russischen Kultur in die Europäische Zivilisation.[9]

[...]


[1] Sobieroj 1994. 187-191

[2] Vujtovič 1996. 187

[3] ebenda 188

[4] Kutina, Sorokin 1995. 79

[5] Fedorov 1993. 152-153

[6] ebd. 156-157

[7] Sobieroj 1994. 191

[8] Sobieroj 1994. 192

[9] Marian Vujtovič. Anglijskie leksičeskie zaimstvovanija v russkich slovarjach XIX veka. In: Studia Rossica Posnaniensia. 27 (1996). 188-193

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Sprachkontakte des Neurussischen im 19. Jahrhundert
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
9
Katalognummer
V128337
ISBN (eBook)
9783640348466
ISBN (Buch)
9783640347995
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkontakte, Neurussischen, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Jascha Walter (Autor), 2008, Sprachkontakte des Neurussischen im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128337

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