Die vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich dem Begriff des Sprachverstehens. Es geht um die Frage, wie das Sprachverstehen, die Fähigkeit zur sprachlichen
Verständigung, zu charakterisieren ist. Mit der Bezugnahme auf Ludwig Wittgenstein und Hans-Georg Gadamer wird gleichzeitig der Versuch unternommen, eine Beziehung zwischen der für die sprachanalytische Philosophie zentralen Problematik des Verstehens sprachlicher Bedeutung und der Problematik des ‚hermeneutischen’ Verstehens herzustellen. Es werden also zwei Aspekte des Sprachverstehens thematisiert, die in der Philosophie des 20. Jahrhunderts eine deutlich hervorgehobene Rolle spielen.
In dieser Arbeit wird die Auffassung vertreten, dass Gadamer und Wittgenstein zwei Denker sind, die sich zwar beide mit dem Sprachverstehen befassen, jedoch mit unterschiedlichen Aspekten desselben – wodurch sich der Versuch eines direkten Vergleichs der Verstehenskonzepte erübrigt. Es ergibt sich jedoch die Möglichkeit der Differenzierung des Verstehensbegriffs und der Vermittlung der unterschiedlichen Ansätze in Form einer gegenseitigen Ergänzung. Diese Herangehensweise hat den Vorzug, dass Missverständnisse, die sich aus einer vorschnellen Parallelisierung ergeben, vermieden werden können.
Die Unterscheidung im Begriff des Sprachverstehens lässt sich treffen zwischen einem performativen Sprachverstehen eines Sprechers – der Beherrschung einer Sprache – und dem interpretativen Sprachverstehen eines Hörers. Das Vollzugswissen, das pragmatische Bedeutungsverstehen im Sinne Wittgensteins, wird in der Hermeneutik Gadamers nicht eigens thematisiert, sondern vielmehr vorausgesetzt. Gadamer konzentriert sich ganz auf die Interpretation, in der jedoch die sprachlichen Ausdrücke – Wörter und Sätze – in der Bedeutung verstanden werden müssen, die sie in der Sprache haben. Es ist also gefordert, die Hermeneutik Gadamers durch Ausführungen zum Bedeutungsverstehen zu ergänzen. Dazu sind die Arbeiten Wittgenstein bestens geeignet, da hier die elementare Sprachbeherrschung thematisch wird.
Zur Charakterisierung des Sprachverstehens werden zwei Bestimmungen hervorgehoben, die sich sowohl bei Wittgenstein als auch bei Gadamer finden lassen: die Bedingtheit des Verstehens und sein Praxischarakter. Dabei zeigt sich in der Thematisierung der Bedingungen des Verstehens eine deutliche Nähe zwischen beiden Denkern, in der Charakterisierung des Verstehens als praktische Fähigkeit hingegen ihre unterschiedliche Fragestellung.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Wittgensteins Konzeption des Bedeutungsverstehens
1.1 Wittgensteins Anliegen und Vorgehen in den Philosophischen Untersuchungen
1.2 Bedeutung und Verstehen in den Philosophischen Untersuchungen
1.2.1 Die Kritik der ‚Gegenstandstheorie der Bedeutung’ und der Rekurs auf den Gebrauch
1.2.2 Wittgensteins Konzeption sozialer Sprachspiele in Lebensformen
1.2.3 Das Auffinden von ‚Familienähnlichkeiten’ statt der Suche nach dem ‚Wesen’ des Verstehens
1.2.4 Die Regelhaftigkeit des Verstehens
1.2.5 Private Sprache – ein Widerspruch in sich
1.2.6 Der konkrete Verstehensvollzug
1.3 Bedingungen des Verstehens in Über Gewißheit
1.4 Zusammenfassung und Ausblick auf Gadamer
2. Gadamers Konzeption des Äußerungsverstehens
2.1 Grundzüge der Texthermeneutik Gadamers
2.1.1 Der Zirkel des Verstehens
2.1.2 Vorurteile als Bedingungen des Verstehens
2.1.3 Die Situiertheit des Verstehens und das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein
2.1.4 Tradition und Autorität
2.1.5 Der Anwendungs- und Fragecharakter des Verstehens
2.2 „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“
2.2.1 Sprache als Medium des Verstehens
2.2.2 Sprache im Gespräch
2.2.3 Hermeneutik: die Kunst, sich etwas sagen zu lassen
3. Charakterisierung des Sprachverstehens
3.1 Die Bedingtheit des Sprachverstehens
3.1.1 Die ‚Übereinstimmung in den Urteilen’
3.1.2 Wittgenstein: ein ungeschichtlicher Denker?
3.2 Das praktische Moment des Sprachverstehens
3.2.1 Das ‚Beherrschen einer Technik’
3.2.2 Die ‚Kunst des Zuhörens’
3.2.3 Der Bezug auf das Innere
3.3 Verhältnisbestimmung von Bedeutungsverstehen und ‚hermeneutischem’ Verstehen
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht den Begriff des Sprachverstehens unter Einbeziehung der philosophischen Ansätze von Ludwig Wittgenstein und Hans-Georg Gadamer. Ziel ist es, eine differenzierte Beziehung zwischen dem in der analytischen Philosophie zentralen Bedeutungsverstehen und dem hermeneutischen Verstehen herzustellen, um beide Ansätze als sich gegenseitig ergänzende Perspektiven auf das Sprachverstehen zu etablieren.
- Vergleich und Differenzierung der Sprachphilosophien von Wittgenstein und Gadamer.
- Analyse des performativen Bedeutungsverstehens (Wittgenstein) und des interpretativen Äußerungsverstehens (Gadamer).
- Untersuchung der sozialen und praktischen Dimensionen von Sprache und Lebensformen.
- Charakterisierung des Sprachverstehens als praktische Fähigkeit und als Teil einer gemeinsamen Praxis.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Das ‚Beherrschen einer Technik’
Wittgenstein geht es um die Frage, wie sprachliche Ausdrücke Bedeutung haben können und was es heißt, sie zu verstehen. Seine Antwort lässt sich zusammenfassen mit dem letzten Abschnitt des Paragraphen PU 199:
Einen Satz verstehen, heißt, eine Sprache verstehen. Eine Sprache verstehen, heißt, eine Technik beherrschen.
Nur im Zusammenhang der ganzen Sprache haben sprachliche Ausdrücke ihre Bedeutung. Was der Aussage voraus liegt, ist nicht das Vorsprachliche, sondern die Sprache als Bedeutungsganzes, als System. Aufgrund des innersprachlichen Verweisungszusammenhangs können die sprachlichen Ausdrücke im Gebrauch auf unterschiedliche Weise ihre Bedeutung haben.
Verstehen ist ein Können, ein praktisches Wissen, das an die Öffentlichkeit einer Sprechergemeinschaft gebunden ist. Durch implizite Regeln ist gegeben, dass sprachliche Zeichen immer wieder bedeutungsvoll verwendet und verstanden werden können. Es beinhaltet dabei keine Interpretation, die Bedeutungen der sprachlichen Ausdrücke zu verstehen. Dies geschieht weitgehend unreflektiert, indem wir ‚blind’ den Regeln der Sprachspiele folgen, die wir gelernt und verinnerlicht haben. Wir sprechen einfach und müssen unsere eigenen Äußerungen nicht deuten, um zu wissen, was wir meinen. Die Interpretation spielt erst dann eine Rolle, wenn wir versuchen, die Äußerungen eines anderen Sprechers als Hörer zu verstehen.
Die richtige Anwendung lernen wir in der Praxis, so dass uns abweichende Deutungen normalerweise gar nicht in den Sinn kommen. Die Grammatik der Sprache ist im lebendigen Sprechen meistens nicht bewusst, sie wird es erst dann, wenn einem etwas fremd oder merkwürdig vorkommt, wenn die Sprache nicht selbstverständlich ‚arbeitet’. Normalerweise fragen wir nicht nach der Bedeutung der Zeichen – dies ist nur dann nötig, wenn ein hinreichendes Verständnis nicht vorliegt. Dann muss die Bedeutung erklärt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wittgensteins Konzeption des Bedeutungsverstehens: Dieses Kapitel expliziert Wittgensteins Fokus auf das pragmatische Sprachverstehen als regelgeleitete Praxis innerhalb von Lebensformen und lehnt eine rein repräsentationale Bedeutungstheorie ab.
2. Gadamers Konzeption des Äußerungsverstehens: Hier wird Gadamers hermeneutische Philosophie vorgestellt, die Verstehen als einen geschichtlichen, durch Wirkungsgeschichte und Horizontverschmelzung geprägten Prozess begreift.
3. Charakterisierung des Sprachverstehens: Das abschließende Kapitel führt die Ansätze beider Denker zusammen, um das Sprachverstehen als gleichermaßen bedingte wie praktische Fähigkeit zu bestimmen und ein Verhältnis zwischen Bedeutungsverstehen und hermeneutischem Verstehen zu definieren.
Schlüsselwörter
Sprachverstehen, Wittgenstein, Gadamer, Bedeutungsverstehen, Hermeneutik, Sprachspiel, Lebensform, Wirkungsgeschichte, Horizontverschmelzung, Sprachlichkeit, Regelhaftigkeit, Praxis, Interpretation, Vorverständnis, Philosophie des 20. Jahrhunderts.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Sprachverstehen charakterisiert werden kann, indem sie die Ansätze von Ludwig Wittgenstein und Hans-Georg Gadamer kontrastiert und miteinander vermittelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die sprachanalytische Philosophie, die philosophische Hermeneutik, die Bedeutung von Sprache im sozialen Kontext sowie die Bedingungen menschlichen Verstehens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, eine Beziehung zwischen dem pragmatischen Bedeutungsverstehen (Wittgenstein) und dem hermeneutischen Äußerungsverstehen (Gadamer) herzustellen, ohne die Ansätze unzulässig zu vereinfachen oder zu parallelisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende philosophische Textanalyse und komparative Betrachtung der Hauptwerke von Wittgenstein (insb. Philosophische Untersuchungen) und Gadamer (Wahrheit und Methode).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung von Wittgensteins Fokus auf Gebrauch und Lebensform, Gadamers hermeneutische Zirkelstruktur und den Vergleich beider Theorien hinsichtlich ihrer praktischen und geschichtlichen Dimensionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sprachverstehen, Sprachspiel, Hermeneutik, Wirkungsgeschichte, Lebensform, Regelhaftigkeit und Vorverständnis.
Wie verhält sich die Sprache zu den ‚Dingen’ bei Gadamer?
Für Gadamer ist Sprache nicht bloß ein Werkzeug zur Benennung, sondern das universale Medium, in dem sich Welt überhaupt erst zeigt und Sein in seiner Verständlichkeit entfaltet.
Was versteht Wittgenstein unter einer ‚privaten Sprache’?
Wittgenstein argumentiert, dass eine Sprache, deren Bedeutung nur auf internen, privaten mentalen Zuständen basiert, unmöglich ist, da für sprachliche Bedeutung eine öffentliche, soziale Praxis und Kontrollierbarkeit notwendig sind.
- Arbeit zitieren
- Felix Denschlag (Autor:in), 2007, Die Kunst, sich etwas sagen zu lassen - Momente des Verstehens bei Gadamer und Wittgenstein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/128507