Fisch für Singapur - Ein indonesisches Fischerdorf am Rande des Weltmarkts


Magisterarbeit, 2000

106 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Danksagung

1. Einleitung

2. Der Forschungsprozess/Methoden

3. Die wirtschaftliche Gesamtsituation in Indonesien zur Zeit der Feldforschung

4. Tanjung Dua – ein Fischerdorf im Lingga Archipel
4.1 Die Provinz Riau und das Wachstumsdreieck Singapur-Johor-Riau
4.2 Das Lingga-Archipel und die Insel Selayar
4.3 Klimatische und ökologische Bedingungen in der Untersuchungsregion
4.4 Das Fischerdorf Tanjung Dua
4.5 Zusammenfassung

5. Die Fischerei als besondere Wirtschaftsform – eine theoretische Darstellung

6. Die Fischer von Tanjung Dua
6.1 Die Organisation der Fischerei
6.2 Technik und Ergologie
6.3 Die Vermarktung des Fanges
6.4 Das Einkommen der Fischer
6.5 Problemkreise
6.5.1 Überfischung
6.5.2 Arbeitskräftemangel und Migration
6.5.3 Nachhaltigkeit und Entwicklung
6.5.4 Weltmarktabhängigkeit
6.6 Zusammenfassung

7. Das Sozialgefüge der Gesellschaft und seine politische Dimension
7.1 Haushalt, Familie und Verwandtschaft
7.2 Wie stabil ist das Sozialgefüge? Unterschiede reicher und armer Haushalte
7.3 Der Islam im Dorfkontext
7.4 Dorf- und Weltpolitik – Die Wahrnehmung politischer Transformationsprozesse
7.5 Zusammenfassung

8. Die Nachhaltigkeit einer marktorientierten Fischerei auf Haushaltsbasis
8.1 Von der häuslichen Produktionsweise zur Verflechtung von Produktionssektoren
8.2 Ökologisch-ökonomische Vernunft oder Müßiggang?
8.3 Beständigkeit in der Krise
8.4 Bedrohungen und Hoffnungen
8.5 Zusammenfassung

9. Schluss

Literatur und Anhang

Danksagung

Mit sehr viel Geduld, Gastfreundlichkeit und Freude nahmen mich die Bewohner von Tanjung Dua auf und ließen mich an ihrem Leben teilhaben. Für die Dauer meiner Forschung gaben sie mir ein Zuhause, führten mich in die Fischerei ein und beantworteten mit viel Enthusiasmus meine Fragen. Ihnen allen gebührt mein Dank!

1. Einleitung

Tanjung Dua ist ein kleines Fischerdorf an der Peripherie eines der bedeutendsten Wirtschaftsräume Südostasiens im Südchinesischen Meer. Die Ökonomie des Dorfes beruht fast ausschließlich auf der konventionell betriebenen Fischerei, die zwar ökologisch nachhaltig, aber zum Teil wenig produktiv ist. Trotzdem erfreut sich das Dorf eines unvermuteten Wohlstands und einer prosperierenden Wirtschaft, die mir gerade angesichts der herrschenden Wirtschaftskrise in Asien einige Rätsel aufgab. Ich verbrachte im Sommer 1999 im Rahmen einer Feldforschung einige Wochen bei den Fischern und untersuchte die Bedingungen und Begrenzungen, die diese Wirtschaftsform kennzeichnen. Neben den natürlichen Ressourcen sind es vor allem die durch soziale Institutionen und Beziehungen geprägten Produktionsverhältnisse, welche das wirtschaftliche Verhalten ordnen und regeln. In der Wirtschaftsanthropologie spricht man daher von der „Einbettung“ der Wirtschaft in ihr sozialräumliches Umfeld. Problematisch ist die wirtschaftstheoretische Einordnung der Fischerei. Viele Autoren beschreiben zwar die Ökonomie der Fischer auf Dorfebene, lassen es aber an einer theoretischen Einordnung fehlen (Diamond 1969, Schömbucher 1986, Smith 1977), andere umgehen dieses Problem und verweisen in Vergleichen auf „bäuerliche“ Wirtschaftstheorien (Firth 1966, Fraser 1960, Johnson 1979, Brandtstädter 1994). Die Schwierigkeit, eine durch maritime Produktionsformen geprägte Gesellschaft in einer eigenen Theorie zu erfassen, zeigte sich auch in dieser Arbeit, da Elemente kapitalistischer und präkapitalistischer Ökonomie gleichermaßen die Organisation der Fischereiwirtschaft in Tanjung Dua bestimmen. Gerade die Einbindung der Fischereigesellschaft in den Weltmarkt und die besonderen Muster der Ressourcenaneignung, die auch einen eingeschränkten Privatbesitz an dem Allgemeingut Meer zulassen, führen zu Problemen in der verallgemeinernden Betrachtung der sozioökonomischen Organisation in dem vorgestellten Fischerdorf.

Unter der Annahme der von Marshall Sahlins aufgestellten Thesen zur häuslichen Produktionsweise und ihrer Modifizierung und Erweiterung für die Fischereigesellschaft von Tanjung Dua soll die besondere Form der maritimen Wirtschaftsweise in Tanjung Dua in einen theoretischen Bezugsrahmen gesetzt werden. Dieser Ansatz erlaubt die Verknüpfung wirtschaftstheoretischer Prinzipien und kultureller Gesichtspunkte, weist aber bezüglich der Dynamik und Transformationsfähigkeit ökonomischer Systeme einige Schwachstellen auf. Im Spannungsfeld zwischen subsistenzorientierter und marktorientierter Produktion ergeben sich Widersprüche und Gegensätze, die sich in der Darstellung verschiedener Produktionssektoren aufschlüsseln lassen und zu einer umfassenderen Bewertung ökonomischer Handlungsorientierung anleiten. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob die Fischereiwirtschaft von Tanjung Dua zukunftsfähig ist, ihre Bewährung und ihr Aufblühen in der Krise ein Zeichen für Nachhaltigkeit oder aber nur ein letztes, gerade durch die Wirtschaftskrise begünstigtes Erheben gegen den ökologischen Untergang oder die Industriefischerei ist.

Am Anfang der Arbeit sollen kurz die makroökonomischen Rahmenbedingungen in Indonesien angesprochen werden, von dort wird auf die Mikroebene der Region und des Dorfes geblendet. Nach einer Betrachtung der Fischerei als besonderer Wirtschaftsform wird diese im Kontext des Dorfes beschrieben. Zu diesem Zweck werden die natürlichen Voraussetzungen, die Technik und Organisation der Fischerei und die Vermarktung beschrieben. Im Anschluss daran soll die Einbettung der Wirtschaft in das Sozialgefüge des Dorfes dargestellt werden.

Zum Schluss folgt unter Einbeziehung der vorhandenen Literatur der Versuch einer Bewertung der Nachhaltigkeit und der Chancen dieser Form der Fischerei in ökonomischer und ökologischer Hinsicht.

2. Der Forschungsprozess

„Imagine yourself suddenly set down surrounded by all your gear, alone on a tropical beach close to a native village, while the launch or dinghy which has brought you sails away out of sight.“ (Malinowski 1961: 4)

Das Anliegen dieser Arbeit ist es, anhand einer wirtschaftsanthropologischen Untersuchung die Bedingungen und Entwicklungen einer Dorfwirtschaft aufzuzeigen. Es war daher erforderlich, aus erster Hand Daten auf der Mikroebene zu gewinnen und diese anschließend in den größeren makroökonomischen Rahmen einzuordnen. Anhand einer Feldstudie war es meine Absicht, vor allem qualitative Daten zu sammeln, die das soziale Umfeld der Dorfökonomie präsentieren.

Das Fischerdorf Tanjung Dua im Lingga-Archipel schien mir ein geeigneter Ort für diese Feldstudie, da er einerseits meinem besonderen Interesse entsprach, die Ökonomie einer dörflichen Fischereiwirtschaft zu untersuchen und zudem an der Peripherie der wirtschaftlichen Entwicklungszentren in Indonesien liegt und trotzdem in den Weltmarkt eingebunden ist. Das Zusammentreffen dieser Bedingungen schien mir äußerst reizvoll.

Eine freundschaftliche Aufnahme, kurz nachdem mich ein motor, ein Holzboot mit Diesel-Inboarder, an dem dem Dorf nahegelegen Strand abgesetzt hatte, ließ mir Tanjung Dua auch persönlich als angenehmen Forschungsplatz erscheinen.

Als Unterkunft wies man mir ein leerstehendes Kontorhaus am Hafen zu. Da ich die Mahlzeiten immer bei der Familie des stellvertretenden kepala desa, des Dorfvorstehers, einnahm, hatte ich zu dieser Familie einen intensiven Kontakt. Auch die Familienmitglieder von Auzar, meinem direkten Nachbarn, waren mir bald gute Freunde und Informanten. Da beide Familien immer ein wenig um mich konkurrierten, gelang es mir, innerhalb dieses Spannungsfeldes Informationen beider Seiten gegeneinander abzugleichen. Daneben hatte ich viele Kontakte mit der gesamten Dorfbevölkerung, die sich mir nach etwas längerem Aufenthalt offen und auch interessiert gegenüberstellte. Dabei war es möglich, sowohl Männer als auch Frauen in Interviews und Gespräche einzubeziehen.

Anfangs problematisch war die Feldforschung auf sprachlicher Ebene. Zwar hatte ich zuvor Bahasa Indonesia gelernt, nur wird das Lingga-Archipel hauptsächlich von Malaien bewohnt, deren Alltagssprache Malaiisch ist. Stehen die Sprachen auch in einem Dialektverhältnis zueinander (vgl.: Nothofer/Pampus 1992: XIV), ist es für einen Anfänger dennoch schwierig, das Malaiisch zu verstehen. Daher wurde mit mir immer Bahasa Indonesia gesprochen[1]. Ich mußte mich auf meine Sprachkenntnisse verlassen, da es im Dorf niemanden gab, der Englisch sprach.

Insgesamt verbrachte ich zehn Wochen in Tanjung Dua. Mit zunehmender Integration wurde mir immer weniger die Rolle des Touristen zugeschrieben, dies drückte sich unter anderem darin aus, dass immer seltener Extraarrangements (z.B. in Bezug auf das Essen) getroffen wurden oder Besucher, bevor sie in mein Haus kamen, immer häufiger fragten, was ich arbeiten oder lernen würde (kerja apa? belajar apa?). Allerdings wurde der Sinn und Zweck meines Aufenthaltes den meisten Leuten erst im Laufe der Zeit wirklich klar. Dies mag daran liegen, dass es sehr grotesk wirken muss, wenn jemand aus Deutschland anreist, um über ihr Dorf eine wissenschaftliche Arbeit (skripsi) zu schreiben. Das war für mich aber nur von Vorteil, da niemand Bedenken hatte, mir meine zahlreichen Fragen zu beantworten und mir eher Freude und Bewunderung über mein Interesse an Tanjung Dua entgegenkamen. Zugleich hatte ich aber doch den Status eines „offenen Beobachters“ (Girtler 1992: 45), da ich mich in meiner Tätigkeit durchaus zu erkennen gab.

Den überwiegenden Teil der Daten sammelte ich im Rahmen der teilnehmenden unstrukturierten Beobachtung (ebd.: 49ff). Was die Erfassung des sozialräumlichen Kontextes angeht, war mir eine weitgehende Integration und Teilnahme am Dorfleben sehr hilfreich. Die meisten Gespräche fanden beim Essen, am Hafen oder am Rande des Fußballfeldes und natürlich auf dem Fischerboot statt. Durch die zentrale Lage meiner Unterkunft direkt neben dem Pier hatte ich das Leben am Hafen im Blickfeld. Sämtliche Beobachtungen und Informationen hielt ich in einem Feldtagebuch fest. Auch die Mithilfe an außeralltäglichen Verrichtungen (vgl.: Elwert 1994: 19f), etwa das Sammeln von Bauholz aus dem Wald zur Errichtung eines Festplatzes für eine Hochzeit, zeigten mir einerseits Solidaritätsbeziehungen innerhalb der Gemeinschaft auf, machten mir aber genauso die Strapaze dieser Arbeit bewußt. Ein sehr nützlicher Nebeneffekt war der persönliche Prestigegewinn, der für die schmerzenden Arme belohnte. Arifin, der Bräutigam, gab mir anschließend wichtige Informationen zur Wirtschaftsstruktur der einzelnen Haushalte, nahm mich mit zum Fischen, und noch Tage später zeigten die Dorfbewohner auf die blauen Flecke auf meinen Armen, die Zeugnis meiner Mitarbeit waren.

Um mir selbst ein Bild von der Fischerei zu machen, fuhr ich mit hinaus zum Fischen. Dies gab mir Aufschluß über den Arbeitsprozeß, und ich konnte mir auf diese Weise selbst eine Vorstellung von der ungefähren Ausbeute machen. Beengtheit, Langeweile und die gelassene Atmosphäre auf einem Fischerboot waren mir ideales Umfeld für viele Gespräche.

Große Schwierigkeiten gab es bei der Bestimmung quantitativer Werte im Zusammenhang mit dem Fischfang. So verwiesen die Fischer immer wieder darauf, dass ihre Ausbeute von ihrem Schicksal (nasib) abhänge und sie mir daher keine Angaben über die Menge des durchschnittlichen Fanges machen könnten (vgl. Kap. 6.4). In semistrukturierten Einzel- und Gruppeninterviews konnte ich nach der Teilnahme an der Fischerei offene Fragen und Widersprüche aufklären.

Die ökonomische Struktur des Dorfes besprach ich in Einzelinterviews mit dem kepala desa Haji Ishaak, Mawardy und Auzar, sofern die Arbeit der Frauen betroffen war, war mir die Frau von Mawardy, Norijah, eine gute Informationsquelle. Aber auch andere Frauen aus dem Dorf zeigten großes Interesse an der Beantwortung meiner Fragen, wobei sie zumeist gleichermaßen über die Verhältnisse in meinem Land aufgeklärt werden wollten.

Von einem Teil der Hauptinformanten nahm ich zusätzlich die Lebensläufe auf, sie gaben mir Einblick in die historische Perspektive der Dorfentwicklung und verwiesen auf einige Muster der Lebensorganisation.

Die Begleitung der Fußball- und Volleyballmannschaften, die Teilnahme an einer Hochzeit auf Daik und Besuche bei Verwandten auf Lingga ermöglichten mir auch jeweils einen Einblick in die anderen Dörfer der Region.

John, ein in das Fischereigeschäft eines Nachbardorfes eingestiegener Singapurianer, gab mir Aufschlüsse über die Sicht eines außenstehenden, aber doch involvierten Fischers, er machte mich auf viele Besonderheiten der Fischerei in dieser Region aufmerksam und erklärte mir aus seiner Perspektive die Vermarktung der Fische. Besonders interessant war dabei seine abweichende Erwartungshaltung (er war gerade erst in die Fischerei eingestiegen und wollte sie als eine Art Alterssicherung betreiben) gegenüber den Dorfbewohnern bezüglich der Einträglichkeit der Fischerei.

Mein Aufenthalt in Tanjung Dua brachte mir - und ich hoffe, auch dem Leser dieser Arbeit - wichtige Erkenntnisse auch über die Alternativen der Herangehensweise an ein wirtschafts-anthropologisches Thema, und ich verdanke es vielleicht meinem nasib (Schicksal), in den Bewohnern von Tanjung Dua verständnisvolle und geduldige Partner bei der Durchführung der Feldforschung gefunden zu haben. Wer bezüglich einer wirtschaftsorientierten Arbeit eine Fülle von quantitatven Daten zur Beweisführung meiner Thesen erwartet, wird enttäuscht sein. Die absichtliche Form der Feldforschung beruft sich auf eine Betonung qualitativer Untersuchungsergebnisse, und sie steht damit in einem Sinnzusammenhang mit dem Anspruch dieser Arbeit, die interkulturellen Wesensmerkmale ökonomischer Überzeugungen und Prinzipien aufzudecken.

3. Die wirtschaftliche Gesamtsituation in Indonesien zur Zeit der Feldforschung

Da in dieser Arbeit auch die Frage nach der Bedeutung weltumspannender ökonomischer Strukturen für ein kleines Fischerdorf in Indonesien gestellt wird, scheint es mir unerläßlich, zuvor die ökonomischen Konditionen, in die letztlich auch Tanjung Dua eingebunden ist, darzulegen. Zu diesem Zweck soll kurz die wirtschaftliche Gesamtsituation in Indonesien 1999 zur Zeit der Feldforschung umrissen werden.

Seit dem Sommer 1997 ist Asien von einer ökonomischen Krise betroffen, die ein mehrere Jahrzehnte andauerndes wirtschaftliches Wachstum vorerst beendete. Mit der schnellen Ausweitung der Krise von Thailand auf fast den ganzen asiatischen Raum mit weitreichenden Folgen auch für die gesamte Weltwirtschaft wurde die Kritik an einer Wirtschaft, deren Antriebskräfte sich ungelenkt auf alle Bereiche der Ökonomie und Gesellschaft ausweiten, zunehmend lauter.

Wurde die Globalisierung der marktorientierten, kapitalistisch geprägten Weltwirtschaft zuvor als Voraussetzung für den Aufstieg der Tigerstaaten und den ihnen nacheifernden Schwellenländern, zu denen auch Indonesien gehört, angesehen, stellt man nun die Frage nach der Bedrohung dieser Prozesse für Aufbau und Entwicklung in den asiatischen Ländern (vgl.: Nieh 1998, Dieter 1999). Die heutigen Krisenländer galten jahrelang als mustergültig für die neue Weltwirtschaft, sie verfolgten eine Strategie der Öffnung zum Weltmarkt, und ihre Volkswirtschaften zeigten die nötige Dynamik, um den Anforderungen der globalen Wirtschaft zu genügen. Der plötzliche Zusammenbruch führt zu neuen Diskussionen über die Konsequenzen des globalen Kapitalismus und zeigte die fragile Basis des „asiatischen Wirtschaftswunders“ auf.

Die Wirtschaftskrise ist jedoch nicht nur als Währungs-, Banken- oder Schuldenkrise aufzufassen, vielmehr hat sie sich nicht lange nach ihrem Einbruch in drastischer Weise im Alltag der Bevölkerung dieser Region niedergeschlagen. Der Preis für Reis und andere Grundnahrungsmittel sowie für Konsumgüter vervielfachte sich innerhalb weniger Monate. Gleichzeitig verloren jeden Tag Tausende von Menschen ihren Arbeitsplatz. Durch den Verlust an Kaufkraft, Inflation und Massenarbeitslosigkeit ist die Verarmung und Marginalisierung von großen Bevölkerungsteilen innerhalb weniger Monate rasch fortgeschritten.

Indonesien gehört zu den am stärksten von der Asienkrise betroffenen Ländern, insbesondere die gewaltige Inflationsrate des Rupiah (1998: 70,6%, Far Eastern Economic Review 4, 1999: 44) und der Zusammenbruch der Börse führten zu einer Destabilisierung der Wirtschaft und zu einem gewaltigen Preisanstieg der Gebrauchsgüter. Die Krise trifft in erster Linie die urbanen Regionen der Insel Java, doch werden auch die Menschen auf den Außeninseln durch die Preiserhöhungen und das belastete Wirtschaftsklima in Mitleidenschaft gezogen. Dagegen profitieren vor allem die Exporteure landwirtschaftlicher Güter und auch der Fischereiprodukte von dem schwachen Kurs des Rupiah und den daraus erwachsenden Währungsgewinnen (ebd.: 3, 1998:.17ff).

Die Ursachen für die besonders schwere Krisensituation in Indonesien sind nicht nur im wirtschaftlichen Umfeld zu suchen, die politische Unsicherheit und der daraus erwachsende Vertrauensverlust verstärken die Angst ausländischer Investoren zusätzlich. Das von Bereicherung, Vetternwirtschaft und Korruption geprägte System des „Vaters des Aufbaus“, des ehemaligen Präsidenten Suharto, geriet 1997 endgültig ins Taumeln, endete mit dem offiziellen Rückzug Suhartos aus der Politik und führte zu den Wahlen im Juni 1999. Interimspräsident Habibie führte erste Reformen durch, und es gelang ihm eine vorläufige Stabilisierung der Wirtschaft. In den Augen der meisten Beobachter führten seine Ansätze jedoch nicht weit genug, und von einer Erholung der Wirtschaft kann noch keine Rede sein. Vor und nach den Wahlen kam es zu mehreren gewalttätigen Auseinandersetzungen in verschiedenen Provinzen des Staates, die teilweise mit dem Bestreben, die Unabhängigkeit von Indonesien zu erlangen, verbunden waren. Die Ursachen für die Konflikte der einzelnen Provinzen mit dem indonesischen Staat sind vor allem in der ungleichen Verteilung der Einnahmen aus den rohstoffreichen Provinzen zu sehen. Ein Grossteil der Profite kommt lediglich den Javanern zugute oder versickert im korrupten politischen System. Auch die Provinz Riau ist sehr rohstoffreich, doch die Gewinne fliessen nach Jakarta. In letzter Zeit äußern verschiedene Gruppen in Riau zunehmend ihren Unmut über dieses Ausbeutungsverhältnis (ebd.: 21, 1999: 14; 17, 2000: 24f).

Seit der Kolonialzeit kommt den ethnischen Chinesen in Indonesien eine besondere Rolle zu. Dank guter Beziehungen zu Verwandten und Bekannten in den südostasiatischen Wirtschaftsmetropolen bauten die ethnischen Chinesen ein weitverzweigtes Handelssystem auf und beherrschen noch heute zum großen Teil den nationalen und internationalen Warenaustausch. Die Dominanz der ethnischen Chinesen im Handel erklärt sich auch dadurch, dass es den Einwanderern sowohl aufgrund der niederländischen Kolonialgesetzgebung als auch später aufgrund indonesischer Bestimmungen untersagt blieb, Landwirtschaft zu betreiben (vgl. Menkhoff 1990). Während der gewaltsamen Auseinandersetzungen im Mai 1998 richtete sich der Volkszorn vor allem gegen diese chinesische Minderheit. Der Regierung wurde vorgeworfen, gegen das Gemeinwohl des Volkes und pro-chinesisch zu handeln, da sie die Machtstellung der Chinesen in der Geschäftswelt unterstütze. Die Ausschreitungen führten zu verminderter Investitionsbereitschaft der Chinesen in Indonesien, und viele Mitglieder der ethnischen Minderheit brachten ihr Kapital ins Ausland. Heute bemüht sich die indonesische Regierung, den chinesischen Geschäftsleuten wieder ein sicheres Investitionsumfeld zu schaffen, da eine Erholung der Wirtschaft ohne das Engagement der Chinesen ausgeschlossen scheint.

Auch Singapur wurde, insbesondere durch die Vorgänge in Indonesien, von der Krise betroffen. Der Stadtstaat ist durch Investitionen, Kredite und Warenaustausch eng mit Indonesien verbunden. Durch die Krise wurden die Beziehungen in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht gefährdet, Kreditausfälle und Vertrauensverlust zeigten ihre Wirkung, und es ist zu befürchten, dass Singapur dem wirtschaftlichen Aufbau Indonesiens in Zukunft vielleicht weniger Engagement zuteil werden läßt.

Größte Hemmnisse für die weitere Entwicklung und Erholung der Wirtschaft Indonesiens sind neben dem zusammengebrochenen Finanzsektor die hohen Auslandschulden der Privatwirtschaft, das mangelhafte Rechtssystem und die Korruption. Zusätzlich ergeben sich Schwierigkeiten aus dem Übergang von einem autoritären in ein demokratisches System. Ausländische Investoren werden erst wieder Vertrauen in die indonesische Wirtschaft haben, wenn politische Stabilität gewährleistet ist.

Die Wirtschaftskrise ist weder in den einzelnen Ländern behoben, noch sind die politischen Auswirkungen schon voll zum Tragen gekommen. Entscheidend für die weitere Wirtschaftsentwicklung in Südostasien werden nicht nur die Maßnahmen in den betroffenen Ländern sein, sondern vor allem auch die Entwicklung der Weltwirtschaft und die Unterstützung der westlichen Welt.

4. Tanjung Dua – ein Fischerdorf im Lingga-Archipel

Im vorigen Kapitel wurden einige Aspekte der Makroebene der indonesischen Volkswirtschaft, die im Zusammenhang mit dieser Untersuchung stehen, beleuchtet. Von dieser Ebene soll nun ein Blick auf die eigentliche Region der Feldforschung geworfen werden, um die Voraussetzungen für die Fischerei in Tanjung Dua darzulegen. Der Untersuchungsort liegt innerhalb des transnationalen Wirtschaftsraumes „Singapur-Johor-Riau-Wachstumsdreieck“ (SIJORI). Da dies einer der herausragenden ökonomischen Entwicklungsräume Indonesiens ist und ich in dieser Arbeit im weitesten Sinne die Zusammenhänge zwischen Weltmarkt und Dorfwirtschaft diskutieren werde, wird am Anfang dieses Kapitels eine kurze Darstellung des überregionalen Wirtschaftsstandortes stehen, bevor die konkrete Situation des Untersuchungs- ortes erläutert wird.

4.1 Die Provinz Riau und das Wachstumsdreieck Singapur-Johor-Riau

„I can visualize the day when

Batam will be another Singapur“

(Radius Prawiro, Minister für Handel und Kooperativen, 1980, zitiert nach Heintel/Spritzenhofer 1998: 36)

Die Provinz Riau umfasst zwei Hauptregionen, zum einen den Festlandteil auf Ost-Sumatra (daratan) und zum anderen das Archipel mit über 3000 Inseln südlich von Singapur (kepulauan). Schon im 15. Jahrhundert vereinigte das Königreich von Melaka diese beiden Gebiete unter seiner Herrschaft (vgl. Andaya 1997). Trotz vieler Differenzen bestehen seither historische und kulturelle Beziehungen, die auch bis heute die Zusammengehörigkeit dieser Provinz unterstreichen.

Weder unter Indonesiern noch unter ausländischen Touristen ist die Provinz Riau sonderlich bekannt. So weisen Chou und Derks darauf hin, dass ein Indonesier, danach gefragt, wofür „Riau“ stehe, häufig die Antwort „Caltex“ gebe, den Namen einer amerikanischen Ölfirma, der das summiere, was die Indonesier über diese Provinz wissen würden (Cythia und Derks 1997: 474).

Bis in die frühen 70er Jahre wurde die Region von der Regierung in Jakarta völlig vernachlässigt, und es fehlten die einfachsten Infrastruktureinrichtungen. Erst dann wurde begonnen, das enorme Ressourcenpotenzial dieser Provinz auszubeuten, insbesondere die Öl- und Gasvorräte, aber auch Forst- und Meeresressourcen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der südostasiatischen Staaten und der Bewußtseinswerdung globaler Prozesse erkannte man die strategische Position der Riau-Inseln, die in unmittelbarer Nähe zum Wirtschaftsgiganten Singapur liegen. 1978 wurde die Insel Batam (siehe S. 104) zur Freihandelszone erklärt, 1989 wurden auf Initiative von Singapur[2] Verhandlungen zur Gründung eines transnationalen Wirtschaftsraumes zwischen Singapur, Malaysia und Indonesien aufgenommen, es entstand das Konzept des Singapur-Johor-Riau-Wachstums-dreiecks (SIJORI).[3]

Nachdem diese Region im Vertrag von 1824 in zwei Machthemisphären geteilt wurde, der Johor und Singapur den Briten und Riau den Niederländern zusprach, und somit eine zuvor wirtschaftliche und politische Einheit auflöste, wurde nun die Verbundenheit dieses Gebietes quasi neu erfunden (Andaya 1996: 504). Dabei handelt es sich aber nicht um einen Zusammenschluß gleicher Partner. Aus der Sicht Singapurs baut sich das Konzept darauf auf, die Ressourcen der drei Länder zusammenzuführen, wobei Singapur aber ganz klar die wirtschaftspolitische Zentrale darstellen möchte. Johor und die Riau-Inseln gelten in erster Linie als Lieferanten für Rohstoffe, Boden, Arbeitskräfte und auch als Standorte für Tourismusparks und Golfplätze. Die Entwicklung auf den Riau-Inseln oder auch in Johor kann aber nur mit Investitionen aus Singapur vorangetrieben werden, und diese werden auf die Nutzbarmachung der verschiedenen Ressourcen für Singapur ausgerichtet:

„As a result of this power asymmetry, current development processes are generating unequal benefits and costs for different sectors of society. The social and ecological consequences of these processes are symptomatic of a global situation characterized by contradictions between growth and unsustainability and by new patterns of wealth and poverty.“ (Wee und Chou 1997: 532)

So wie die Investoren aus Singapur die Inseln der Provinz Riau hauptsächlich als Hinterland für das Wachstum des Stadtstaates ansehen, so hofft die indonesische Regierung, durch den Kapitalfluß eine Entwicklung in Gang zu setzen, die die Region zu einem eigenständigen Wirtschaftsfaktor macht, mit Impulsen auch für den Rest des Landes. An den Schnittpunkten von globaler Wirtschaft und regionaler Entwicklung stehen die Bewohner der Inseln, die den Fortschritt mittragen oder aber sich davon überrumpelt sehen und um ihre Lebensgrundlagen fürchten (vgl.: Mubyarto 1997).

Von den neuen Entwicklungen sind hauptsächlich die beiden größten Inseln des Riau-Archipels Batam und Bintan betroffen, deren Bild sich in den letzten Jahren rasch verändert hat. Dörfer wurden umgesiedelt, Container- und Industrieanlagen errichtet. Die Bevölkerung auf Batam wuchs von 38663 im Jahre 1980 auf 146785 Einwohner 1993 (Bappeda Propinsi Dati I Riau, zitiert nach Mubyarto 1997: 543). Eine Entwicklung dieser Größenordnung hat aber nicht nur Folgen für die Bewohner der direkt betroffenen Regionen, sondern auch für die im weiteren Umland der Wachstumsregion lebenden Menschen.

Die Fischer von Tanjung Dua werden nur teilweise von diesen Entwicklungen berührt, die mit der asiatischen Wirtschaftskrise zwar einen Einschnitt, nicht aber eine Unterbrechung erfahren haben. Auch sie geben ihre Ressource an den ungleichen Partner Singapur weiter, und sie profitieren von den Turbulenzen einer globalen Wirtschaft, ihre Produktionsweise aber hat wenig Innovation erfahren, und ihr Alltag hat, wie sich im Folgenden zeigen wird, wenig mit der Geschäftigkeit in den neuen Wirtschaftszentren Batams gemeinsam.

4.2 Das Lingga-Archipel und die Insel Selayar

An der Peripherie dieser „Boomregion“ liegt das Lingga-Archipel, etwa 150km südlich von Singapur in der Matuna See mit den Hauptinseln Pulau Lingga und Pulau Singkep (Karte: 105) . Die Verwaltungshauptstadt des Archipels ist Daik auf Pulau Lingga, eigentliches Zentrum war aber eigentlich immer Pulau Singkep, dort bauten die Niederländer bis vor einigen Jahren im Tagebau Zinn ab. Seit Aufgabe der Zinnfelder entvölkert sich die Insel zunehmend, da nicht alle vorherigen Arbeiter in der Holzwirtschaft oder Fischerei einen Arbeitsplatz finden. Die meisten ehemaligen Arbeiter wandern ins nördliche Riau-Archipel ab.

Zwischen den beiden Hauptinseln des Lingga-Archipels liegt die wenige Quadratkilometer große Insel Pulau Selayar[4]. An der nordwestlichen Spitze dieser Insel liegt das Untersuchungsdorf Tanjung Dua. Penuba, der Hauptort der Insel, ist Station des Schnellbootes (superjet) aus Tanjung Pinang im Riau-Archipel, der einzigen Verbindung zu den größeren Zentren in dieser Region. Zudem gibt es noch eine Fähre nach Daik (Lingga), Pulau Singkep kann in wenigen Minuten mit einem kleinen Motorboot (pongpong) erreicht werden. Auf der Insel gibt es keine Autos, ein etwa 10km langer Sandweg führt nach Tanjung Dua, ein weiterer Weg nach Selayar. Seit neuestem wird im Osten der Insel Sand abgebaut[5], für die Lastwagen wurde eine breite Sandpiste in den Wald geschlagen.

Der Ort Penuba hat etwa 1000 Einwohner (geschätzt), von denen viele chinesischer Abstammung sind. Hier befindet sich die Polizei und der Militärposten der Insel, und an der Hauptstraße gibt es mehrere chinesische Geschäfte mit Waren für den Alltagsbedarf und für die Fischerei. Auf der ganzen Insel gibt es weder eine Post noch ein Telefon. Die nächsten Einrichtungen dieser Art sind auf Pulau Singkep.

Der Hauptwirtschaftszweig in Penuba, wie auf der ganzen Insel, ist die Fischerei, die hier direkt im Ort mit kleinen Trawlerschiffen betrieben wird, die ausschließlich im Besitz der ethnischen Chinensen sind. Für diese Schiffe ist der Hafen mit einem Betonkai ausgerüstet und tief genug, um auch bei Ebbe den Betrieb der Schiffe zu ermöglichen. Der eigentliche Hauptumschlagplatz für den Fisch ist aber der an einem Flußhafen gelegene Ort Sungai Buluh auf der gegenüberliegenden Insel Pulau Singkep. Dort ist auch die für die Fischwirtschaft sehr wichtige Eisfabrik.

Neben der Fischerei wird auf Pulau Selayar Forstwirtschaft betrieben, wobei dies nicht in intensiver Wirtschaftsweise geschieht. Es gibt keine landwirtschaftlichen Produktionsflächen (abgesehen von vereinzelten privaten Gärten), lediglich die zahlreichen Kokosnüsse werden geerntet und verkauft. Außer dem industriell betriebenen Sandabbau und einer kleineren Werft für Holzschiffe gibt es kein produzierendes Gewerbe, der überwiegende Teil der Bevölkerung lebt auf die eine oder andere Art vom Meer.

Bevor das Untersuchungsdorf beschrieben wird, möchte ich noch kurz auf die für die Fischerei wichtigen klimatischen und ökologischen Bedingungen eingehen.

4.3 Klimatische und ökologische Bedingungen der Untersuchungsregion

Das Klima im Lingga-Archipel ist gekennzeichnet duch die Nähe zum Äquator, dementsprechend herrscht ein feucht-heißes tropisches Klima. Mit den meisten Regenfällen ist von Dezember bis Februar zur Zeit des Nordwest-Monsums zu rechnen, doch gibt es das ganze Jahr über Niederschläge, und die Region hat nie unter Trockenheit zu leiden. In dieser Zeit sind aber auch die Winde außerordentlich stark, so dass sie die Fischerei in dieser Zeit fast unmöglich machen und allenfalls mit der Leine gefischt wird.

Das Jahr wird der Windrichtung nach von den Fischern in Tanjung Dua dreigeteilt, wobei die jeweilige Jahreszeit (musim) nach der (Haupt-)Windrichtung benannt wird. Im Januar und Februar kommt der Wind aus dem Norden (musim utara), in den Monaten März bis Juli aus dem Osten (musim timur) und in den Monaten August bis Dezember aus dem Süden (musim selatan).

Die Wassertiefe im Schelfmeer der Matuasee ist fast überall sehr gering, und es gibt das typische Fischvorkommen tropischer Gewässer mit großer Arten-, aber geringer Individuenzahl.

Die Lage der Insel Selayar zwischen zwei größeren Inseln sorgt für günstige, windgeschützte Verhältnisse für die Anlage des Hafens und die Aufstellung von Fischfallen.

4.4 Das Fischerdorf Tanjung Dua

Auf dem Landweg ist Tanjung Dua[6] (Karte S. 105 und 106) von Penuba aus mit dem Motorrad oder zu Fuß über einen etwa zehn Kilometer langen Sandweg erreichbar. Fährt man entlang der Inselküste mit einem pongpong, benötigt man etwa eineinhalb Stunden, wobei der Weg bei Ebbe um eine Stunde länger ist.

Das Dorf wurde erst Anfang diese Jahrhunderts gegründet, als zwei Familien aus Selayar neue Standorte für ihre Fischfallen (kelong) suchten. Der Küstenabschnitt um Tanjung Dua ist für das Aufstellen der Fallen sehr günstig, weil das Meer extrem flach und durch kleinere vorgelagerte Inseln zusätzlich geschützt ist.

Schon bald folgten andere Familien nach, und das Dorf wuchs bis heute stetig. Im Jahre 1999 lebten fast 300 Einwohner in Tanjung Dua, diese teilen sich auf 80 Häuser auf (Angaben von Haji Ishaak). Die Bebauung des Ufers beginnt direkt auf dem Strand, wobei zwischen den Häusern immer kleine Unterstände sind, mit den Kochstellen (dapur ikan bilis) für den Fisch aus den Fallen (ikan bilis / ikan tri (malaiisch)). Die Aufstellung der Häuser weist keine besondere Ordnung auf, häufig aber wohnen verwandte Familien dicht beeinander. Das Bild des Dorfes ist vornehmlich von den Kokospalmen geprägt, die zwischen den Gebäuden stehen. Die Häuser sind in Größe und Material sehr unterschiedlich, wohlhabendere Familien haben relativ neue Häuser aus Stein mit Ziegeldach, die Häuser der Familien mit mittlerem Einkommen haben Holzwände und Wellblechdächer, und die der ärmeren Familien sind aus Holzwänden mit Dächern aus Palmblättern. Während die älteren Gebäude auf Stelzen stehen, haben die neueren Häuser ein Betonfundament. Das größte und mit blauem Ziegeldach auffälligste und prächtigste Haus ist das des Dorfvorstehers (kepala desa). Nur wenige Häuser haben einen Wasseranschluß und ein Bad im Haus. Meist teilen sich zwei oder mehrere Häuser einen Brunnen. Dieser Brunnen ist dann Trinkwasserreservoir, Bade- und Waschstelle in einem. Einige Brunnen haben eine Mauer oder einen Holzzaun als Sichtschutz. In der Nähe des Ufers stehen mehrere kleine Hütten auf Stelzen im Wasser, die als Toilette dienen.

Es gibt keinen ausgewiesenen Dorfplatz, was damit im Zusammenhang stehen könnte, daß es auch keinen Markt gibt. In Tanjung Dua gibt es fünf kleine Läden (warung) mit einer sehr bescheidenen Auswahl an Waren. Meist gibt es kaum Gemüse oder Früchte, der eine größere Laden führt neben den Grundnahrungsmitteln auch noch Kleinwaren wie Glühbirnen und Schreibwaren. Ein anderer Laden verkauft zusätzlich Treibstoff. Kurz bevor ich das Dorf verließ, wurde noch ein weiterer warung eröffnet, an dem auch kleinere Speisen zubereitet und Tee und Kaffee ausgeschenkt werden. Zuvor gab es keine einem Café gleichende Einrichtung, und auch dieser neue Laden hatte nur ein paar Tische und Stühle unter freiem Himmel.

Am Ortseingang befindet sich die Schule mit den Klassen eins bis sechs (sekolah dasar, Abk.: sd). Nur wenige Schüler besuchen danach eine weiterführende Schule, da der Weg nach Penuba zu weit ist und die Kinder auch früh in die Arbeit auf den kelong eingewiesen werden. Alle Einwohner Tanjung Duas gehören dem Islam an, aber nur die Kinder der wohlhabenderen Eltern nehmen zusätzlich noch am Koranunterricht teil.

Ein Weg aus Betonplatten zieht sich durch das Dorf, an diesem liegen auch die Moschee und ein Gemeindehaus, das aber nur noch als Proberaum für die Dorfband des kepala desa benutzt wird; kleine Versammlungen finden in Privaträumen statt. Am Rande des Dorfes ist hinter einem Volleyballplatz eine großzügige Krankenstation (rumah sakit), die aber nur von einer Krankenschwester betreut wird. Neben dieser Einrichtung gibt es bei gesundheitlichen Problemen auch die Möglichkeit, einen der beiden Heilkundigen (dukun) aufzusuchen, die im Dorf aber beide keinen besonders guten Ruf als Mediziner haben. In den meisten Krankheitsfällen gehen die Bewohner daher zumindest zusätzlich zur Krankenstation. Der leberkranke und wohlhabende kepala desa läßt sich von einem dukun auf Bintan versorgen. Es gibt aber auch im Nachbardorf Sebetik eine heilkundige Frau, deren Ruf bis nach Singapur reichen soll.

Weitere öffentliche Gebäude gibt es nicht, auch keine Polizeistation oder eine Post. Die einzige Möglichkeit, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, ist ein Funkgerät im Hause des kepala desa, das nächste Telefon oder eine Poststation ist erst auf den Nachbarinseln zu finden.

Seit drei Jahren gibt es von 18.00 Uhr bis 6.00 Uhr elektrischen Strom von einem Generator aus Penuba, allerdings gibt es (abgesehen von vier Wasserpumpen) keine Maschinen, die damit angetrieben werden könnten. So dient der Strom lediglich der Erzeugung von Licht und dem Betrieb der Fernseher und DVD-Player.[7]

Vom Strand aus geht ein 150m langer Holzpier ins Meer, der vor drei Jahren von der Regierung als Entwicklungsmaßnahme finanziert und gebaut wurde. Dieser ermöglicht das Anlegen der Boote unabhängig von den Gezeiten. Viele Fischer haben zusätzlich noch einen kurzen Privatpier mit einer Hütte, um ihre Gerätschaften zu lagern.

Um das ganze Dorf herum sind im Meer 50 kelong aufgebaut, stationäre Fischfallen, die überall im Lingga-Archipel zu finden sind, wenn auch selten in so hoher Anzahl.

Wie auf der ganzen Insel gibt es auch in Tanjung Dua keine landwirtschaftlichen Produktionsflächen für den Nahrungsanbau, nicht einmal kleine Gemüsegärten. Die wenigen Obstbäume (Bananen, Papaya) scheinen eher zufällig ihren Platz gefunden zu haben und erfahren keine gartenbaulichen Bemühungen. Die Früchte werden abgeerntet und meist selbst verzehrt.

Lediglich mit den zahlreichen Kokosnüssen und Durianfrüchten wird Handel betrieben, und die Bäume haben auch immer ihren jeweiligen Besitzer. Doch sind auch diese nicht in einer Plantage angepflanzt, sondern haben ihre natürlichen Standorte. Daneben gibt es vereinzelte Areale mit Parakautschukbäumen, an denen außerhalb der Fischersaison Naturkautschuk (karet alam) gesammelt wird. Abgesehen von wenigen Hühnern werden zudem auch keine Haustiere gehalten.

Neben der Fischerei wird nur noch die Forstwirtschaft betrieben, wobei der Wald als Allgemeinbesitz des Dorfes gilt, und der kepala desa die Einschlagerlaubnis geben muss. Neben den wenigen Holzarbeitern aus Tanjung Dua arbeiten besonders in der Monsumsaison auch einige Fischer in den Wäldern.

Auffälligstes Merkmal der Dorfökonomie bleibt die nahezu alleinige Ausrichtung auf die Fischerei und der völlige Verzicht auf landwirtschaftliche Tätigkeit.[8] Das Hauptnahrungsmittel ist aber Reis, und somit ist die Versorgung des Dorfes nur durch einen stetigen Warenaustausch gewährleistet.

4.5 Zusammenfassung

Seit zehn Jahren wird die Entwicklung der Provinz Riau entscheidend vom transnationalen Wirtschaftsraum Singapur-Johor-Riau-Wachstumsdreieck mitgeprägt. Mit Investitionen aus Singapur entstehen vornehmlich auf den Riau-Inseln teilweise gigantische Industrie- und Tourismusprojekte, die das Bild dieser Region nachhaltig verändern und aus einer einst von der indonesischen Regierung vernachlässigten Provinz einen globalen Wirtschaftsstandort machen. Während die Investoren aus Singapur die Entwicklung als ein „pooling“ von Ressourcen betrachten, werden zunehmend kritische Stimmen laut, die in dem Engagement Singapurs eher ein rücksichtsloses Ausbeuten von Rohstoffen und humanen Ressourcen erkennen (Marty 1996, Wee und Chou 1996, Mubyarto 1996).

Die asiatische Wirtschaftskrise führte auch hier, wie überall in Indonesien, zu einer Retardierung dieser Prozesse, auf lange Sicht aber sind die strategischen Wachstumsaussichten der Region als gut zu bewerten.

An der Peripherie der unmittelbaren Wachstumszone liegt das Fischerdorf Tanjung Dua, ein Idyll unter Kokospalmen, dessen Bewohner fast ausschließlich mit der Fischerei beschäftigt sind.

Bevor ich auf die Fischereitechnik in Tanjung Dua eingehe, möchte ich in einem Exkurs die allgemeinen Bedingungen der Fischereiwirtschaft darlegen, da diese die Voraussetzung für die Basis der Dorfökonomie abgeben.

5. Die Fischerei als besondere Wirtschaftsform – eine theoretische Annäherung

„There is no fixed relationship between how much a man has worked and how much he earns, and the range of variations is enormous – from nothing to a relative large sum.“ (Johnson 1979: 248)

Generelles Kennzeichen des Fischereiwesens ist die extraktive Bewirtschaftung einer Ressource. Anders als in der Landwirtschaft wird bei der Fischerei nicht der Ertrag einer zuvor geleisteten Arbeit geerntet; der Fischer kann an der Ressource selbst keine direkte Arbeit leisten. Aufgrund dieser Sachlage gelten für die Fischerei einige grundlegend andere Produktionsbedingungen, als dies bei anderen Wirtschaftsformen der Fall ist. Häufig werden die Fischer daher zur Kategorie der Jäger und Sammler gezählt, für die ähnliche Bedingungen gelten (Smith 1977: 17). Firth aber setzt sie eher mit Bauerngesellschaften in Verbindung, da diese eine ähnliche Organisation hätten (Firth 1966: 5). Eine weitere Differenzierung wird von Johnson vorgenommen Er spezifiziert „primitive fishing societies“, die wirtschaftlich autark sind, „peasant fishing societies“, die einen Absatzmarkt bedienen und Nahrungsmittel zukaufen, und „modern industrialized fishermen“, die für den kommerziellen Markt produzieren (Johnson 1979: 241). Die Fischerei in Tanjung Dua ließe sich unter die Kategorie der „peasant fishing society“ einordnen, wobei der Begriff „peasant“ meines Erachtens zu sehr auf eine Agrargesellschaft mit ihren Bezügen zu Landbesitz hinweist und ich daher die von der FAO aufgestellte Kategorie der Kleinfischerei (small scale fishery) im weiteren bevorzuge:[9]

„Small scale fisheries are labour-intensive and are conducted by artisanal craftsmen whose level of income, mechanical sophistication, quantity of production, fishing range, political influence, market outlets, employment and social mobility and financial dependence keep them subservient to the economic decisions and operating constraints placed upon them by those who buy their production.“ (FAO 1975: 4)

In der theoretischen Betrachtung soll vordergründig diese Kategorie beschrieben werden, wobei viele der zu erwähnenden Punkte auch auf die Großfischerei oder die Subsistenzfischerei zutreffen.

Einer der Hauptfaktoren bei der ökonomischen Betrachtung der Fischerei ist die Tatsache, dass der Ozean und damit auch der Fisch Allgemeingut sind. Werden auch bestimmte Hoheitszonen den einzelnen Staaten rechtlich zugeordnet, ist außerhalb dieser Zonen jedem das Recht gegeben, die Ozeane für seine Zwecke zu nutzen. Die Meere werden wie meist alle von der Öffentlichkeit besessenen Ressourcen übermäßig ausgebeutet, weil der Schutz durch einen privaten Besitzer nicht gegeben ist. Der nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung arbeitende Fischer wird daher so viel wie irgend möglich fangen, da eine Erhaltung der Meeresfauna zwar in seinem Sinne ist, er andererseits aber damit rechnen muss, dass auch seine Kollegen versuchen werden, möglichst viel aus der Ressource zu gewinnen. Würde er eine nachhaltige Fischerei betreiben, würde das vielleicht anderen Fischern zugute kommen, die von seiner Schonung der Ressourcen profitieren; an der Gesamtbelastung des Meeres würde es aber kaum etwas ändern. Der Erfolg des einzelnen Fischers ist immer auch von dem Verhalten seiner Kollegen abhängig. Der Allgemeinbesitz der Ressource Meer verhindert die Möglichkeit der individuellen Schonung oder Ausbeutung. Auf lange Sicht lebt ein Fischer mit der Gewißheit, dass sein Einsatz die endgültige Vernichtung der Fischbestände zur Folge haben kann (Acheson 1981: 277).

Die Überfischung der Meere trifft am härtesten die kleineren Fischer, da sie vorwiegend als Küstenfischer (inshore-fisheries) arbeiten und ihre Fischgründe räumlich durch die ihnen zur Verfügung stehende Technik eingegrenzt sind. Hinzu kommt die Gefährdung der Ressource Meer durch externe Wirtschaftsfaktoren, wie die Verschmutzung der Meere durch Industrieeinleitungen, Landwirtschaft oder Tankerunglücke. Die meisten Umweltbelastungen betreffen wieder vornehmlich den Küstenraum und damit die Küstenfischer.

„Traditional fishing communities are then being exposed to a scenario where resources that have supported them for generations are being rapidly degraded and depleted. The issue then has also to be seen in the context of property right regimes in fisheries. The sea is regarded as an ‚open access‘ resource and traditional fisher communities do not have the right to exclude others and to manage their resources.“ (SHARMA 1997: 52)

Diese speziell die Ressource Meer betreffenden Problemkreise sind ein Faktor, der die maritime Wirtschaftsweise beeinflußt, auf den der einzelne Fischer aber an sich keinen direkten Einfluß hat, ebensowenig wie auf die meteorologischen Bedingungen, die weiterhin seine Arbeitsumwelt bestimmen. Das Wetter kann ihn von der Arbeit abhalten, und die ständige Bedrohung durch Unwetter sind ein nicht zu unterschätzendes Risiko. Andererseits wird häufig auch die Gefährlichkeit der Arbeit der Fischer überbetont und teilweise romatisch verklärt: „The sea is a dangerous and alien enviroment, and one in which man is poorly equipped to survive“ (Acheson 1981: 276). Und Schömbucher sieht in der „Gefahr und deren Handhabung durch die Fischer“ das wichtigste Merkmal der „extremen“ Lebenssituation der Fischer (Schömbucher 1986: 211). Eine solche Ansicht verschweigt meiner Erfahrung nach die Vertrautheit der Fischer mit ihrer Umwelt und ihren Arbeitsgeräten. Das Meer ist für den Fischer keine so fremdartige, unberechenbare Umwelt, und kaum ein Fischer würde sein Boot als eine armselige und unsichere Ausrüstung bezeichnen. Auch die Wetterlage ist in den meisten Fällen vorhersagbar, und bei drohenden Unwettern bleibt das Boot am Strand. Schon bei aufkommenden stärkeren Winden blieben die Fischer von Tanjung Dua mit ihren Booten im Hafen.

Das Risiko, welches den Fischer wirklich jeden Tag beschäftigt, liegt vielmehr in der Unmöglichkeit einer wirtschaftlichen Vorhersage eines Erfolgs oder Mißerfolgs des Fischfangs. Der Zufall ist ein entscheidender Faktor im Leben der Fischer (Schömbucher 1986: 212), die tägliche Ausbeute ist nicht prophezeihbar, und saisonale Schwankungen müssen berücksichtigt werden. Letztere können sehr unterschiedlich ausfallen, da das Populationsvolumen von Fischen von verschiedenen, auch klimatischen Faktoren abhängig ist. Entsprechend ist es Fischern kaum möglich, eine ökonomische Langzeitplanung vorzunehmen.

Da Fisch nur nach aufwendigen Konservierungsmaßnahmen eingelagert werden kann, und auch dann nur begrenzt haltbar ist, wird der Großteil der Fische frisch an die Märkte geliefert. Es ist dem Fischer also nicht möglich, seine Ware einzulagern und auf eine Nachfrageanstieg und damit Preisanstieg, zu warten. Vielmehr kann es passieren, dass er trotz eines guten Fangs ohne einen Gewinn den Markt verläßt, da die Nachfrage nicht gegeben war.

Viele Fischer gehen daher eine feste und dauerhafte Beziehung zu einem Mittelsmann ein, der als Zwischenhändler agiert (Acheson 1981: 281f). Auch wenn sie dann meist niedrigere Preise als auf dem freien Markt akzeptieren müssen, garantiert der Zwischenhändler zumeist die Abnahme, und so bleibt es dem Fischer erspart, sich näher mit dem Marktgeschehen zu befassen. Außerdem bietet der Zwischenhändler oft die einzige Möglichkeit für die Fischer, Kredite aufzunehmen. Damit treten beide Parteien in eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit, die aber letztendlich das Risiko vor allem für den Fischer reduziert. Für den Zuwachs an ökonomischer Sicherheit wird ein niedrigerer Preis und damit niedrigere Gewinnerwartung in Kauf genommen, eine verständliche Handlung bei Berücksichtigung aller anderen Risikogrößen.

Bei bäuerlichen Gesellschaften ist häufig das Eigentum an der Ressource Boden über mehrere Generationen hinweg grundlegend für die Akkumulation von Reichtum (Schömbucher 1986: 166). Das Meer ist aber eine nicht vererbbare und nicht veräußerbare Ressource, und so weist Schömbucher (1986: 166) bei den Vadabalija auf den fehlenden Privatbesitz am Faktor „Boden“ hin, der diese Form der indirekten Kapitalvermehrung verhindere. Das fehlende Eigentum an der Ressource stützt die Theorie des egalitären Charakters maritimer Gesellschaften Schömbuchers. Diese Aussage ist aber schwer zu verallgemeinern, da das Eigentum an Produktionsmitteln zum entscheidenden Faktor wird, sobald die Ausrüstung über einen bestimmten Umfang hinausgeht. Zumeist ist die wirtschaftliche Organisation in Kleinfischereien von Eigentümern und Nicht-Eigentümern an Produktionsmitteln geprägt, was zu einer wirtschaftlichen Stratifikation der Gesellschaft führt. Die Differenzen, die in Tanjung Dua anhand des unterschiedlichen Reichtums der Fischer deutlich werden, treten dagegen in den Beziehungen untereinander in den Hintergrund. Fehlendes Spezialistentum und geteiltes Risiko führen zu egalitären Beziehungen zwischen Bootseigentümern und der Crew, doch bezieht sich diese Form der Gleichstellung und geringen Ausprägung von Hierarchien keinesfalls auf die materielle Basis. Die Wohlstandsunterschiede zwischen den Fischern sind evident, auch wenn der Umgang miteinander über diese Tatsache häufig hinwegtäuscht.

Die Unsicherheit bezüglich des möglichen Ertrags führt in der Fischerei zu Strategien der Risikoverteilung. Die nicht selbstständigen Fischer bekommen in den seltensten Fällen einen festen Lohn, sondern werden meist anteilsmäßig ausbezahlt. Aufgrund der oben erwähnten egalitären Strukturen auf den Booten ist die Beziehung zwischen Arbeitgeber (dem Besitzer der Fischereiausrüstung) und Arbeitnehmer (dem vom Besitzer abhängigen Lohnarbeiter) aber nicht vorwiegend als eine einseitige Abhängigkeit anzusehen, sondern vielmehr als eine Partnerschaft in einem unsicheren Geschäft.

6. Die Fischer von Tanjung Dua

Nachdem ich zuvor die allgemeinen Bedingungen von Fischerei innerhalb von „small scale fisheries“ dargelegt habe, soll nun die wirtschaftliche Basis des Untersuchungsortes analysiert werden. Zunächst werden hier die organisatorischen und arbeitstechnischen Grundlagen sowie die Vermarktung des Fischfangs erläutert, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu anderen Fischergesellschaften aufzuzeigen und um auch einige Problemkreise dieser Wirtschaftsform darzulegen. Diese Informationen sind grundlegend, um im Weiteren die Einbettung der Produktionsformen in die Gesellschaft darzustellen und schließlich zum Schluss eine theoretische Einordnung vorzunehmen.

Bei meinem ersten Kontakt mit dem Dorf war ich von dem unerwarteten Wohlstand dieses abgelegenen Fischerortes beeindruckt. Unerwartet deshalb, weil Fischereidörfer in der Literatur zumeist zu den schwächsten ländlichen Ökonomien gezählt werden (FAO 1997: 3) und zudem Berichte über das in die Turbulenzen der Asienkrise geratene Indonesien eine desolate Wirtschaftslage erwarten ließen. Doch entgegen meiner Erwartung stellte sich die Dorfökonomie als äußerst stabil dar, und gerade der Wirtschaftskrise verdanken die Fischer ungewöhnlich hohe Profite.

Was macht die Fischerei von Tanjung Dua also so erfolgreich, dass sich dieser Fischerort an der Peripherie einer ins Taumeln geratenen Nationalökonomie mit althergebrachten Produktionsmethoden eines Booms der Dorfökonomie erfreuen kann?

6.1 Die Organisation der Fischerei

In vielen anthropologischen Arbeiten über die Fischerei spielt die Zusammensetzung der Netzgruppen und dadurch auftretende Konflikte eine gewichtige Rolle (vgl. Diamond 1969: 15, Fraser 1960: 39ff, Acheson 1981: 279f). Die Netzgruppe wird als wichtiges Element der Organisation der Fischerei und teilweise auch als soziale Einheit dargestellt. Ähnlich kompliziert wie die Zusammensetzung der Netzgruppen ist dann meist auch die Technik der Fischerei, oder aber sie bedarf extrem vieler Arbeitskräfte (Eichborn 1999: 14). Beides trifft auf die maritime Arbeitsweise der Fischer von Tanjung Dua nicht zu, ein maximaler Arbeitskräfteeinsatz von zwei bis drei Männern reicht aus, und so bedarf es keiner ausgesprochen Formung einer größeren Arbeitsgruppe. Zumeist tritt ein Haushalt als Arbeitseinheit auf, und bei Bedarf wird ein weiterer Fischer angestellt, der entweder aus dem Familienumkreis oder aus einer Familie kommt, die nicht im Besitz einer Fischfalle (kelong) oder eines Bootes (motor) ist.

In Tanjung Dua werden drei verschiedene Formen der Fischerei praktiziert. Die wirtschaftlich wichtigste Methode, und einst auch Anlass, hier ein Dorf zu gründen, ist das Aufstellen der Fischfallen (kelong) in den flachen Gewässern um das Dorf herum. Zu dem Dorf gehören 50 kelong, die im Besitz von 37 Haushalten sind. Fast die Hälfte der 80 Haushalte einen eigenen kelong und damit eine autarke Erwerbsquelle. Die wohlhabenden Familien besitzen zwei bis vier kelong. Die Plätze für die kelong bezeichnet man als jalar (von: schleichen, kriechen), sie sind im Besitz des Dorfes und werden vom Dorfvorsteher (kepala desa) den Besitzern zugewiesen. Dabei haben die alteingesessenen Familien die besten Standorte, neu hinzugezogene Bewohner haben kaum noch die Möglichkeit, einen günstigen Standort zu bekommen.[10]

Die zweite Form der Fischerei ist das Fischen mit Booten und Treibnetz (gillnet) im Küstenbereich. Die zehn Fischerboote des Dorfes sind im Besitz verschiedener Familien, allerdings ist diese Form der Fischerei im Dorf noch recht jung, 1974 wurde der erste Dieselmotor für ein Boot gekauft, und erst seitdem wird Fischfang mit dem Netz (jaring) in größerem Rahmen betrieben.

Neben dem Treibnetz gibt es keine anderen Netze, die eingesetzt werden, alle Fischer (nelayan) arbeiten auf die gleiche Art und Weise. Durch die fehlenden Alternativen ist die Fischerei saisonal eingegrenzt, und es können nur bestimmte Arten von Fisch gefangen werden.

Hauptsächlich für den Eigenbedarf wird hin und wieder auch noch mit der Leine gefischt, und gelegentlich suchen die Frauen und Kinder bei Ebbe den Strand nach Muscheln, Schnecken und Krebsen ab.

6.2 Technik und Ergologie

Im Folgenden werden die verschiedenen Techniken der Fischerei vorgestellt:[11]

Die Fischerei mit dem kelong

Ein kelong ist eine für diese Region sehr typische, große Fischfalle aus Palmhölzern. In Tanjung Dua wird die einfachste Form[12] dieser Fallen angewendet, sie besteht aus einer Kammer und wird ohne Beleuchtung betrieben, d.h. der Fisch (ikan bilis, eine in Schwärmen auftretende, kleine Sardellenart) wird nicht extra angelockt. Daher ist der richtige Standort für einen kelong ausschlaggebend für den späteren Fangerfolg. Die Küste vor Tanjung Dua ist gut für die Aufstellung geeignet, weil das Meer sehr flach ist und die Gezeitenunterschiede daher groß und die Fischschwärme auch nicht durch Schiffsverkehr verscheucht werden.

In die Nähe eines Felsens oder einer Insel, die in der Nähe des Dorfes zahlreich vorhanden sind, wird eine etwa 30m lange Barriere aus Hölzern quer zur Strömung in den Meeresboden gerammt. Die sogenannte jaja kelong fängt den Fisch ab, obwohl sie im Prinzip für den kleinen Fisch durchlässig wäre. Von dieser Wand getäuscht sucht der Fischschwarm einen Ausweg, schleicht entlang der Barriere, die in die eigentlichen Falle führt. Die Falle ist eine begehbare, rechteckige Konstruktion aus verstrebten Palmhölzern, mit einer Auslassung als Durchlass für den Fisch. In dem etwa 7 x 10m großen Inneraum hängt ein engmaschiges Netz (kadut, malaiisch), dass von oben heraufgezogen und dann in ein kleines Boot (sampan) entleert werden kann. Nicht selten sind zwei kelong direkt hintereinander, so dass der Fisch, der der einen Falle entwischt ist, eventuell in der zweiten gefangen wird.

Die Saison für den Betrieb der kelong dauert von April bis Dezember. Das Netz wird zweimal am Tag ins Meer gelassen, jeweils etwa für 1-2 Stunden mit dem Höchststand der Flut, also frühmorgens und am späten Nachmittag. Der Weg zu den Fallen beträgt zwischen 10 und 30 Minuten mit dem Ruderboot, wobei die begehrtesten Plätze natürlich in der Nähe des Dorfes liegen. Während der bis zu zwei Stunden, nachdem das Netz ins Wasser gelassen ist, warten die Fischer auf dem Fallengestell. Gelegentlich wird das Netz an der Fallenöffnung ein wenig weiter nach oben gezogen, da sonst die an der Oberfläche schwimmenden Fische mit der heraufziehenden Flut wieder aus der Falle entweichen könnten. Die Arbeit auf dem kelong ist sehr entspannt und wenig anstrengend, auch das Einholen des Netzes bedarf keiner großen Kräfte.

Nicht immer sind alle Fischfallen besetzt, da die Familien, die auch ein Fischerboot haben, meist nicht genügend Arbeitskräfte aufbringen, um sowohl die Fischerei als auch die Fallen zu betreiben, da sich beide Aktivitäten zeitlich überschneiden. Auch bei Regen bleiben die Fallen oft unbesetzt.

Häufig arbeiten Vater und Sohn auf dem kelong zusammen oder es arbeiten die beiden Söhne, sofern vorhanden, miteinander. Bei Familien, die mehrere kelong besitzen, werden Arbeitskräfte aus den Familien ohne eigene Produktionsmittel angestellt, aber auch einige arbeitssuchende junge Männer aus anderen Dörfern sind als Arbeitskräfte eingestellt. Viele der Jugendlichen arbeiten schon zu Schulzeiten gelegentlich mit auf dem kelong und werden nach dem Absolvieren der Dorfschule im Alter von etwa zwölf Jahren voll beschäftigt. Den Angaben Auzars nach verhindert lediglich der Mangel an weiteren Arbeitskräften die Aufstellung weiterer kelong. Allerdings ist die Entlohnung für diese Arbeit eher gering, und die Arbeitsmigranten sind zumeist Verwandte aus anderen Dörfern, die bei einer Familie im Dorf leben können. Ramblih, einer der Arbeiter für den kelong von Auzar, arbeitet lediglich für Kost, Logis und Zigarettengeld. Die neuen Standorte wären auch weniger ertragreich, da die natürlich begünstigten Stellplätze bereits genutzt werden, und damit wäre auch der Lohn der Arbeiter geringer.

Während die Männer gegen Abend von den kelong heimkehren, entzünden die Frauen das Feuer unter den Kochstellen für den ikan bilis, das Brennholz wurde zuvor von den Männern herbeigeschafft. Die Kochstelle ist ein aus Lehm gemauerter Ofen, in dem eine Metallwanne eingelassen ist. Hier wird der Fisch für wenige Minuten gekocht, bevor er gesalzen und dann in der Sonne auf Palmmatten getrocknet wird. Häufig wird aber auch der frisch gekochte Fisch als Beilage sogleich verzehrt. Interessanterweise besitzt fast jeder Haushalt, der einen kelong besitzt, auch eine Kochstelle für den Fisch, lediglich verwandte Familien nutzen den gleichen Kochplatz. Dabei muß der Fisch allenfalls fünf Minuten kochen, und es könnten durchaus mit der Hitze von einem Feuer mehrere Wannen Fisch gekocht werden. Der Energieverbrauch und damit die Beschaffung des Holzes könnte reduziert werden. So aber kocht fast jeder Haushalt seinen Fisch an der eigenen Kochstelle. Der gesamte Produktionsprozess wird von den Haushalten autark organisiert, lediglich bei der Vermarktung arbeitet man gelegentlich zusammen (siehe Kap. 6.3).

Nach dem Trocknen (etwa 3-4 Stunden, getrocknet wird nur an sonnigen Tagen) sortieren die Frauen den Fisch nach Größe, auch Männer helfen gelegentlich dabei. Der Fisch ist zwischen zwei und fünf Zentimeter lang, wobei der Jungfisch den besten Preis erbringt. Die größeren Fische werden dann noch von den Fraunen von ihrer Hauptgräte befreit (cuci ikan = den Fisch waschen). Getrocknet und gesalzen ist ikan bilis etwa drei bis vier Monate haltbar.

Ein kelong hat eine Lebensdauer von etwa drei Jahren, dann ist das Holz derart angegriffen, dass die Stabilität des Baus nicht mehr gesichert ist und ein neues Gerüst aufgestellt werden muß. Was früher noch mit Nachbarschaftshilfe (gotong royong) geleistet wurde, wird heute noch immer so bezeichnet, ist aber vollkommen monetarisiert: ein „Nachbar“ wird entsprechend entlohnt. Die Aufstellung und Verbindung der Hölzer nimmt etwa fünf Tage in Anspruch, zuvor muß das Holz aber geschlagen und angespitzt werden, eine Arbeit, die sich über einen langen Zeitraum hinzieht.

[...]


[1] Die meisten emischen Begriffe werden daher in dieser Arbeit in Bahasa Indonesia auftauchen, also in der Sprache, in der ich sie von den Dorfbewohnern vernommen habe. Sollte das in Ausnahmefällen nicht so sein, wird dies angemerkt.

[2] In Singapur wurde erkannt, dass sich der expandierende Stadtstaat dringend neue Ressourcenquellen erschließen muss und es auf Dauer profitabler ist, das produzierende Gewerbe in Länder auszulagern, in denen Lohn- und Bodenkosten gering sind. Neben Industrie- und Tourismusprojekten wurde auch die Anlage von Trinkwasserreservoiren für Singapur auf den Riau-Inseln vereinbart (Wee und Chou: 534).

[3] Zum Wachstumsdreieck: Heng, Toh Mun und Linda Low 1993, Hill 1988, Kumar 1993, Mahiznan 1994, Pohl 1991.

[4] Auf Karten wird die Insel häufig auch fälschlich als Pulau Penuba bezeichnet. Selayar ist das kleinste, aber älteste Dorf auf der Insel, von dem der Name abgeleitet wird.

[5] Der Sand wird in riesige schwimmende Container geladen, die von Schleppern nach Singapur gezogen werden. Zurück bleiben riesige Baggerkuhlen, wo einst Wald war. Die ökologischen Folgen dieses Abbaus für diese relativ kleine Insel kann ich nicht abschätzen. Da der Abbau rein maschinell vorangetrieben wird und diese Maschinen nur von Fachkräften bedient werden können, kommt es kaum zur Schaffung von Arbeitsplätzen für die Inselbevölkerung.

[6] Der Name Tanjung Dua bedeutet „Zwei Kaps“, benannt nach einem westlichen und einem östlichen kleinen Felskap, zwischen denen das Dorf liegt.

[7] Die Ausstattung der wohlhabenden Familien mit Geräten der Unterhaltungselektronik war für mich sehr verwunderlich. Es stehen DVD-Player und Karaoke-Anlagen zur Verfügung, und der kepala desa hat für die Band des Dorfes ein komplettes (gebrauchtes) Equipment mit Keyboards, E-Gitarren und Verstärkern gekauft.

[8] Für diesen Verzicht gibt es mehrere Beweggründe, die in Kap. 7.1 näher dargelegt werden.

[9] Allerdings ist der Besitz der Standorte für die Fischfallen auch in Tanjung Dua ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor, wie sich noch im Laufe der Arbeit zeigen wird.

[10] Informationen von Bapak Auzar.

[11] Die Informationen zu Technik und Ergologie wurden von mir selbst durch Teilnahme an der Fischerei gesammelt, wobei ich mehrmals auf dem Boot von Arifin mitarbeiten konnte und den Kelong von Mawardy mitbesetzen konnte. Zusätzlich wurden gezielte Interviews zu speziellen Fragen vornehmlich mit Bapak Auzar geführt.

[12] In der Region der Straße von Malakka gibt es viele verschiedenen Formen von kelong genannten Fischfallen, viele davon werden nachts künstlich beleuchtet, um den Fisch anzulocken und es werden verschiedene Arten von Fisch gefangen (BURDON 1957: 18f). In den kelong von Tanjung Dua wird ausschließlich ikan bilis gefangen.

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Fisch für Singapur - Ein indonesisches Fischerdorf am Rande des Weltmarkts
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Ethnologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
106
Katalognummer
V1288
ISBN (eBook)
9783638108065
ISBN (Buch)
9783638942218
Dateigröße
918 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Wirtschaftsanthropologische Arbeit über ein indonesisches Fischerdorf und dessen Beziehungen zum Weltmarkt unter Einbeziehung der Theorien von Sahlins, Tschajanov und Elwert.
Schlagworte
Wirtschaft, Ethnologie, Fisch, Indonesien, Sahlins, Elwert, Wirtschaftsanthropologie, Volkswirtschaft, Dorf, FAO, Fischereiwesen, Riau, Sijori, Wessel, Acheson, Mikroökonomie, Feldforschung, Asien
Arbeit zitieren
Markus Böning (Autor), 2000, Fisch für Singapur - Ein indonesisches Fischerdorf am Rande des Weltmarkts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1288

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