Warum waren die Ansichten Fischers für die Deutschen und die geschichtswissenschaftliche Forschung in Deutschland von solcher Bedeutung? Wie gestaltete sich die Kontroverse und welche Argumente, dafür als auch dagegen, führten Historiker an? Und schließlich, was hat Fischer mit seinen, teils radikalen, Thesen wirklich bewirkt?
Anhand ausgewählter Quellen, primär Fischers einflussreichen Monographien "Der Griff nach der Weltmacht - Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/1918" und "Krieg der Illusionen - Die deutsche Politik 1911 bis 1914", wird die Arbeit versuchen, einige dieser Fragen hinreichend zu beantworten. In diesem Zusammenhang soll gleichsam, unter Berücksichtigung einflussreicher Reaktionen und Kritiker, die Fischer-Kontroverse und ihr Nachwirken für die deutsche Geschichtswissenschaft bis in die Gegenwart aufgezeigt, zusammengefasst und eingeordnet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die „Fischer-Kontroverse“
2.1. Zentrale Thesen Fritz Fischers
2.2. Reaktionen und Ursachen der Debatte
2.3. Fischer und seine fachwissenschaftlichen Kritiker
3. Gegenwärtige Bedeutung und Einordnung in die geschichtswissenschaftliche Forschung
4. Schlussbetrachtung
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe, den Verlauf und die nachhaltige Wirkung des Historikerstreits um das Werk von Fritz Fischer. Dabei liegt der Fokus auf der geschichtswissenschaftlichen Aufarbeitung der deutschen Kriegsschuldfrage nach dem Ersten Weltkrieg und der Frage, wie diese Kontroverse das Selbstverständnis der deutschen Geschichtsschreibung in der Bundesrepublik Deutschland maßgeblich beeinflusste und veränderte.
- Die zentralen Thesen von Fritz Fischer zur deutschen Kriegsschuld und zum Septemberprogramm 1914.
- Die Analyse der heftigen Reaktionen und Kritik innerhalb der Fachwelt sowie der gesellschaftlichen Hintergründe der frühen 1960er Jahre.
- Die Untersuchung der fachwissenschaftlichen Gegenargumentationen renommierter Historiker zu Fischers Positionen.
- Die historische Einordnung der Debatte als Wendepunkt für eine kritische Aufarbeitung nationalsozialistischer und kaiserzeitlicher Geschichtsbilder.
- Die Bedeutung der Fischer-Kontroverse für die Etablierung moderner geschichtswissenschaftlicher Standards in Deutschland.
Auszug aus dem Buch
2.1. Zentrale Thesen Fritz Fischers
Mit seinem Werk „Griff nach der Weltmacht“ stellte Fritz Fischer gleich ein ganzes Spektrum neuer Thesen bezüglich der Kriegsschuld des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg auf. Von besonderem Interesse sind demgemäß die beiden einleitenden Kapitel, auf welche sich dann auch zunächst die Kritiker Fritz Fischers bezogen. In diesen beschreibt Fischer die Vorgänge, die sich auf den Kriegsausbruch in direkter oder indirekter Weise auswirkten, wobei er hierbei weitgehend auf subjektive Memoiren verzichtet und stattdessen in größerem Umfang auf Akten aus den Archiven zurückgreift.
In seiner übergeordneten These beschuldigt Fischer demnach das Deutsche Reich, den Weltkrieg bewusst und gewollt herbeigeführt zu haben. Es sei daher kein, wie ehedem behauptet, Verteidigungskrieg gewesen, sondern ein gewollter Präventivkrieg. So wertet er unter anderem das Abschlagen eines amerikanischen Friedensangebots am 9. September 1914 als Indiz für den Kriegswillen der Reichsregierung und betont darüber hinaus das Drängen auf einen Krieg gegen Russland. Generalstabschef Helmuth von Moltke spricht diesbezüglich von der „militärischen Übermacht“ Russlands, welche zu einem späteren Zeitpunkt zu groß wäre und deshalb „bliebe seiner Ansicht nach nichts übrig, als einen Präventivkrieg zu führen“, solange man den „Kampf noch einigermaßen bestehen“ könne. Des Weiteren unterstreiche das ständige Drängen Berlins auf Österreich, etwas gegen Serbien zu unternehmen, das aggressive Bild der deutschen Politik. Der deutsche Botschafter in Wien, Heinrich Leonhard von Tschirschky, schreibt in diesem Zusammenhang an den österreichischen Außenminister Berchtold, dass „man in Berlin eine Aktion der Monarchie gegen Serbien erwarte“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein und erläutert die Forschungsfragestellung bezüglich der Auswirkungen und Hintergründe der Fischer-Kontroverse für die deutsche Geschichtsschreibung.
2. Die „Fischer-Kontroverse“: Dieses Kapitel erläutert den Ursprung und den Kontext der Auseinandersetzung um die Thesen von Fritz Fischer und beleuchtet die zentralen Argumente des Historikers sowie die zeitgenössischen Reaktionen darauf.
2.1. Zentrale Thesen Fritz Fischers: In diesem Unterkapitel werden Fischers Hauptargumente bezüglich der deutschen Kriegsschuld und des geplanten „Griff nach der Weltmacht“ im Detail dargelegt.
2.2. Reaktionen und Ursachen der Debatte: Dieser Abschnitt analysiert die gesellschaftlichen und historischen Umstände der 1960er Jahre, die zu der heftigen Ablehnung von Fischers Thesen durch konservative Historiker führten.
2.3. Fischer und seine fachwissenschaftlichen Kritiker: Hier werden die Gegenargumente namhafter Fachkollegen wie Hans Herzfeld, Egmont Zechlin und Gerhard Ritter systematisch gegenübergestellt und kritisch gewürdigt.
3. Gegenwärtige Bedeutung und Einordnung in die geschichtswissenschaftliche Forschung: Dieses Kapitel bewertet den langfristigen Einfluss der Kontroverse auf die Etablierung einer kritischen deutschen Geschichtsschreibung sowie deren fortdauernde Aktualität.
4. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und hebt Fischers Verdienst hervor, durch seine Thesen eine notwendige Enttabuisierung der deutschen Kriegsforschung und eine kritische Auseinandersetzung mit nationalen Identitätsmustern angestoßen zu haben.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis: Umfassende Zusammenstellung der für die wissenschaftliche Arbeit herangezogenen Primärquellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Fischer-Kontroverse, Fritz Fischer, Erster Weltkrieg, Kriegsschuld, Septemberprogramm, Weltmachtstreben, deutsche Geschichtsschreibung, Historikerstreit, Nationalismus, Geschichtspolitik, Aufarbeitung, Präventivkrieg, Bundesrepublik Deutschland, Kontinuität, Geschichtsbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Disput, der durch die Veröffentlichungen des Historikers Fritz Fischer in den 1960er Jahren ausgelöst wurde – der sogenannten „Fischer-Kontroverse“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kriegsschuldfrage des Ersten Weltkriegs, das deutsche „Septemberprogramm“, die Rolle des deutschen Imperialismus und der Wandel des deutschen Geschichtsverständnisses in der Nachkriegszeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Ursachen für die heftige Ablehnung der Fischer-Thesen zu analysieren und aufzuzeigen, wie maßgeblich diese Debatte zur Modernisierung und kritischen Selbstreflexion der deutschen Geschichtswissenschaft beigetragen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit arbeitet auf Basis einer Literatur- und Quellenanalyse, indem sie Fischers zentrale Monographien und die zeitgenössischen Reaktionen sowie die kritische Resonanz der Fachwelt systematisch auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die detaillierten Kriegsschuld-Thesen Fischers, die Hintergründe der konservativen Gegenreaktionen (insbesondere die Mentalität der bundesdeutschen Historikerzunft der 1960er Jahre) sowie die spezifischen fachlichen Kritiken von Historikern wie Ritter oder Zechlin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Kriegsschuld, Fischer-Kontroverse, Deutsche Geschichte, Imperialismus und historische Aufarbeitung charakterisiert.
Warum galt Fischers These vom „Griff nach der Weltmacht“ als so provokant?
Sie brach mit dem etablierten, apologetischen Geschichtsbild der Nachkriegszeit, das Deutschland als unschuldig in den Ersten Weltkrieg „hineingerutscht“ sah, und unterstellte der deutschen Führung eine bewusste und lang geplante Expansionspolitik.
Was bedeutet der Begriff „Septemberprogramm“ im Kontext der Arbeit?
Das Septemberprogramm beschreibt die von der Reichsleitung 1914 aufgestellten, weitgehenden Annexionsforderungen, die Fischer als Beleg für die deutsche Aggressionspolitik und den Griff zur Weltmacht wertete.
Wie bewertet der Autor Fischers Verdienste heute?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Fischer trotz methodischer Kritik eine fundamentale und notwendige Überprüfung der alten Kriegsschuldmythen erzwang und damit den Grundstein für eine kritische, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte legte.
- Citar trabajo
- Dipl. Geogr. Alexander Trabitzsch (Autor), 2018, Die "Fischer-Kontroverse". Reaktionen und Bedeutung für die geschichtswissenschaftliche Forschung der BRD, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1288225