Motive der Freud'schen Traumdeutung in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"


Hausarbeit, 2004

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Vorgeschichte der Psychoanalyse: Wien am Ende des 19. Jahrhunderts
2.1 Vorfreudianische Psychiatrie und Naturalismus
2.2 Das Junge Wien
2.3 Die Krise des österreichischen Liberalismus

3. Das Verhältnis Arthur Schnitzler/ Sigmund Freud
3.1 Gemeinsamkeiten
3.2 Unterschiede, Distanz und Annäherung

4. Zugang zur Seele: der Traum
4.1 Das Unbewusste
4.2 Die Traumdeutung nach Sigmund Freud

5. Psychoanalytische Elemente in der "Traumnovelle"
5.1 Vorüberlegungen
5.2 Fridolins Erlebnisse in der Geheimgesellschaft
5.3 Albertines Traum

6. Fazit

LITERATURVERZEICHNIS
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Es war im Jahr 1899, als "Die Traumdeutung" veröffentlicht wurde. Ihr Verfasser, der bis dahin mit nur wenigen nennenswerten Veröffentlichungen in Erscheinung getretene Sigmund Freud, hatte mit ihr das Initialwerk der modernen Psychoanalyse geschrieben, als deren Urheber er von nun an galt. Von ähnlich revolutionärer wie nachhaltiger Auswirkungen wie die Lehren Charles Darwins oder Kopernikus', strahlte die psychoanalytische Theorie Freuds ihren Einfluss auch in wissenschaftsferne Bereiche wie den der bildenden Künste, der Musik und natürlich den der Literatur aus (vgl. PERLMANN 1987; S. 32). Ihr Reiz lag und liegt darin begründet, dass sie faszinierende weil neue Einblicke in die Abgründe und Untiefen des menschlichen Seelenlebens ermöglichte. Was man dort erblickt, kann Staunen, Faszination, aber auch Abscheu und Grauen gleichermaßen hervorrufen. Der Begriff des Unbewussten, gleichwohl er nicht von Freud selbst geprägt wurde, ist inzwischen zu einem psychologischen Gemeinplatz geworden.

Ein Vierteljahrhundert später, im Jahr 1926, erschien die "Traumnovelle" von Arthur Schnitzler, der in ihr deutlich erkennbar Anleihen aus der Psychoanalyse nimmt. Dies mag als Grund dafür gelten, dass ihre Thematik auch noch in heutiger Zeit Künstler verschiedener Genres zu ihren Arbeiten angeregt hat, wie zuletzt geschehen in Stanley Kubricks filmischer Adaption "Eyes Wide Shut" aus dem Jahr 1999. Die Erzählung handelt von einem Ehepaar - Albertine und Fridolin - , das sich, ausgelöst durch in der Sache eigentlich nichtige Begebenheiten, aufs Äußerste entfremdet und am Ende doch wieder zusammenfindet, aber keineswegs in einem strahlenden Happy End. Wichtiger Bestandteil der Novelle und namensgebend ist die Nacherzählung eines Traumes von Albertine durch sie selbst, der in kryptischer Form das Schicksal der weiblichen Hauptperson illustriert und der natürlich der Entschlüsselung und Interpretation im Sinne Freuds bedarf.

Schon allein die Titelgebung lässt Gemeinsamkeiten zwischen den Werken vermuten. Dieser Eindruck wird noch verstärkt, wenn man sich vor Augen hält, dass Freud und Schnitzler Zeitgenossen waren, ja sogar in derselben Stadt lebten und beide eine medizinische Ausbildung absolviert hatten. In der Literaturwissenschaft galt lange Zeit die These, Schnitzler sei durch Freud beeinflusst, was man eindeutig an seinen Werken, und damit auch an der "Traumnovelle", ablesen könne. Die Aussage beinhaltet zweifellos richtige Momente, stimmt aber in ihrer Absolutheit nur in Teilen, denn die Einflussnahme folgte nicht unbedingt der Richtung einer Einbahnstraße, wie auch Freud bekennt: "[...] ihr Zeugnis ist hoch anzuschlagen, denn sie pflegen eine Menge von Dingen zwischen Himmel und Erde zu wissen, von denen sich unsere Schulweisheit noch nichts träumen lässt. In der Seelenkunde sind sie uns Alltagsmenschen weit voraus, weil sie da aus Quellen schöpfen, welche wir noch nicht für die Wissenschaft erschlossen haben." (vgl. FREUD 1940; S.33, zitiert bei PERLMANN 1987; S. 16)

Aufgabe dieser Hausarbeit soll nun also sein, nicht nur Elemente der Freud'schen Traumdeutungstheorie in der "Traumnovelle" zu identifizieren, sondern auch herauszuarbeiten, welche psychologischen Eigenleistungen von Seiten Schnitzlers möglicherweise in der "Traumnovelle" stecken.

In diesem Zusammenhang ist es nicht uninteressant, sich den Kreis an Wiener bzw. österreichischen Intellektuellen anzusehen, in dem psychoanalytische Ideen bereits über einige Jahre hinweg diskutiert wurden und der somit den argumentativen Boden bereitete, auf dessen Grundlage Freud später seine Theorie einer Psychoanalyse formulieren konnte. Arthur Schnitzler war ebenfalls Teilnehmer dieses Zirkels, und auch seine berufliche Tätigkeit als Nervenarzt lässt erkennen, dass die Leistungen, die er auf literarischem Gebiet erbracht hat mitnichten durch - wie Freud sich ausdrückte - pure Intuition zustande gekommen sein müssen.

An diesen Themenkomplex anknüpfend und erhellend in Bezug auf die Frage nach der, in welcher Weise auch immer erfolgten, Beeinflussung, ist die Betrachtung des persönlichen Verhältnisses zwischen Freud und Schnitzler. Erkenntnisse lassen sich auch aus einem Vergleich der jeweiligen beruflichen Biographie gewinnen, die ihrerseits Rückschlüsse auf die "Traumnovelle" ermöglichen.

Um bei der späteren Analyse des Textes die Gedanken Freuds klar kenntlich machen zu können, soll in einem weiteren Abschnitt seine Theorie der Psychoanalyse, speziell in Bezug auf die Traumdeutung, skizziert werden.

Kern der Arbeit ist die Untersuchung der "Traumnovelle" hinsichtlich des Vorkommens von Motiven der Psychoanalyse nach Sigmund Freud bzw. danach, inwieweit sich Schnitzler in seinen Vorstellungen von Freud entfernt. Betrachtet werden hier nicht nur jene Passagen, die eindeutig und im eigentlichen Sinne als Traum zu bezeichnen sind (gemeint ist Albertines Traum), sondern auch solche, die sich dem Rezipienten wie der männlichen Hauptfigur als surreal, nebulös, kurz: als traumhaft darstellen.

2. Die Vorgeschichte der Psychoanalyse: Wien am Ende des 19. Jahrhunderts

Obwohl Sigmund Freud als Begründer der modernen Psychoanalyse gilt, kann er doch nicht als ihr alleiniger Urheber bezeichnet werden. Mit seinem Werk "Die Traumdeutung" kommt ihm allerdings die Bedeutung zu, jene psychologische Denkweise systematisiert und verwissenschaftlicht zu haben, die in bestimmten Bewegungen am Ende des 19. Jahrhunderts virulent war. Deren Entstehung lässt sich als Reaktion auf den Naturalismus verstehen. Sie vereinigten verschiedene künstlerische Richtungen, zu denen z.B. der Impressionismus oder der Symbolismus gehörten, durch die gemeinsame Beschäftigung mit Introspektion und der Psychologisierung des menschlichen Daseins. Diese Tendenz zu Innenschau und Kenntnissen seelischer Dinge setzte in der europäischen Literatur etwa ab 1890 ein. Hugo von Hofmannsthal führte diese Entwicklung auf gesteigerte Empfindsamkeit unter den Schriftstellern zurück und erhob sie zum charakterisierenden Merkmal des Fin de siècle. Vorbereitet wurde diese "Wende nach innen" (vgl. WORBS 1983; S. 9) durch den im Naturalismus praktizierten Kult um Nerven und Krankheit. Hierbei gelangte die sich entwickelnde Psychiatrie zu größerer Bedeutung, da sie der nachromantischen Dichtergeneration die erwünschte Wissenschaftlichkeit (z.B. in Form von literarischen Experimenten) für die Fahrt ins Innere zur Verfügung stellte. Freud verstand es, genau diese Ideen in seinem Buch von der "Traumdeutung" aufzugreifen und erstmals methodisch zu entfalten (vgl. WORBS 1983; S. 7).

Verschiedene Wiener Autoren, zu denen u.a. Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler zählen, lösten sich vom Naturalismus bzw. entwickelten ihn weiter durch Wiederaufgreifen eigentlich romantischer Positionen. In der Kombination beider Elemente, also der naturgetreuen Abbildung der seelischen Innenwelt, gelang ihnen die Darstellung einer Realität des Unbewussten in bisher unbekannter Weise (vgl WORBS 1983; S. 8). Die literarischen Texte, die im Wien der Jahrhundertwende entstanden, sind charakterisiert durch die Synthese von Naturalismus und Romantik, Positivismus und Psychologie, Leben und Traum (vgl. WORBS 1983; S. 8).

Unter historischer Perspektive kann man die Entstehung der Psychoanalyse auch als Reaktion auf den rapide schwindenden Einfluss des Liberalismus in Österreich betrachten. In seiner Folge kam es zu einem Rückzug der Intellektuellen aus der Politik und der Flucht in die Ersatzwelt der Innerlichkeit (vgl. WORBS 1983; S. 8).

2.1 Vorfreudianische Psychiatrie und Naturalismus

Für die Literatur, die im Fin de siècle von der Schriftstellergruppe Das Junge Wien geschaffen wurde, lassen sich zwei wesentliche Quellen der Beeinflussung benennen. Zum einen standen die Autoren Wiens unter dem Einfluss einer maßgeblichen Strömung der europäischen Literatur, die in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts andere Strömungen dominierte. Der Naturalismus zielte auf eine naturgetreue Widerspiegelung der empirisch erfassbaren Realität ab und vollzog dabei eine Hinwendung zur sozialen Umwelt, vor allem der ärmeren Bevölkerungsschichten. Seinen Anfang nahm der Naturalismus in Frankreich und Skandinavien seinen Anfang. Wichtige Vertreter waren Émile Zola und Guy de Maupassant sowie in Skandinavien Henrik Ibsen und August Strindberg. Mit ihrer gesellschaftskritischen Tendenz gingen die Autoren des Naturalismus weit über die Bestrebungen des bürgerlichen bzw. poetischen Realismus hinaus. Bei der Schilderung der äußeren Lebensumstände orientierte man sich am Leitbild einer positivistischen Wissenschaft (vgl. WORBS 1983; S. 9)

Zum anderen bestand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Literatur wie in medizinischer Wissenschaft gleichermaßen ein starkes Interesse an der Psychopathologie: Schriftsteller griffen auf psychiatrische Quellen zurück, Mediziner wiederum fanden in der Literatur Belege für ihre Annahme einer Wesensgleichheit von Geisteskrankheit und Genialität einerseits und einer zunehmenden Degeneration der menschlichen Art andererseits. Zwischen Kunstproduktion und therapeutischer Medizin kam es zu verschiedenartigen Wechselwirkungen (vgl. WORBS 1983; S. 57). Das Interesse für die Psychiatrie und die von ihr beschriebenen Krankheiten, darunter besonders Hysterie und sexuelle Perversionen, war dabei naturalistischen wie gegennaturalistischen Strömungen gemeinsam.

Die Auswertung und Verarbeitung psychiatrischer Quellen für literarische Arbeiten setzte in Europa zuerst unter den französischen Schriftstellern ein, ist aber, mit einiger zeitlicher Verzögerung, auch für die skandinavische und deutschsprachige Literatur nachweisbar. Dass gerade Frankreich Ausgangspunkt der literarischen Auseinandersetzung mit Psychiatrie war, ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass die ersten umfangreichen Schriften zur Psychopathologie von Morerau de Tours, Prosper Lucas, Claude Bernhard und B.H. Morel stammen, also ausschließlich von französischen Wissenschaftlern (vgl. WORBS 1983; S. 58).

Neurose, Nervosität und seelische Krankheit aber sind mitschwingende Bedeutungen eines weiteren Begriffs, der seit der Nennung in einem Text Hofmannsthals auch als Bezeichnung für diese Epoche firmiert: die Rede ist vom Fin de siècle. Zum ersten Mal taucht diese Formulierung wohl in Emile Zolas Künstlerroman "L'Œvre" aus dem Jahr 1886 auf (vgl. WORBS 1983; S. 54). Der Journalist und Mediziner Max Nordau versuchte als erster, das Fin de siècle als Phänomen zu erfassen und systematisch zu beschreiben. Das seinerzeit vielgelesene Werk wurde 1882 unter den Titel "Entartung" veröffentlicht. Nordau, ein dem Naturalismus nahestehender Österreicher, vertritt darin eine Degenerationshypothese, worunter er, dem französischen Psychiater Morel folgend, die krankhafte Abweichung von einem ursprünglichen Typus versteht. Insbesondere die zeitgenössischen, dekadenten Künstler (also die des Fin de siècle) und ihr Publikum seinen von Degeneration bzw. Entartung - so die deutsche Übersetzung - betroffen. Pathologischer Ausdruck der Degeneration seien Krankheitsbilder wie Hysterie oder Neurasthenie (vgl. NORDAU 1886; I, S.30, zitiert bei: WORBS 1983; S. 55). Verständlicherweise erfuhr Nordaus "Entartung" unter den Dichtern Wiens, die ja indirekt angesprochen waren, keine positive Resonanz; die Degenrationshypothese wurde von ihnen einhellig zurückgewiesen (vgl. WORBS 1983, S.56). Trotz der Ablehnung des Werkes und seiner Kernaussage, wurden Nordaus psychiatrischen Quellen aber keineswegs ignoriert oder geringgeschätzt. Für Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Herrmann Bahr lässt sich im Gegenteil sogar eine außergewöhnlich gute Kenntnis auf diesem Gebiet nachweisen. Mit der Betrachtung und Analyse durch diese Autoren ging allerdings auch eine Akzentverschiebung einher: nicht mehr eine naturwissenschaftlich- biologisch untermauerte Schicksalsidee war von Interesse, sondern das Phänomen der Geisteskrankheit selbst (vgl. WORBS 1983; S. 59). Von nun an tauchen in den Werken der Autoren vermehrt Hysteriker, Neurastheniker und Psychotiker als Momente einer seelischen Erkrankung auf, aber, anders als im Naturalismus üblich, sind sie nicht nur bloßes Anschauungsmaterial, sondern bestimmen selbst die Struktur der dichterischen Arbeiten.

Mit dem Studium psychiatrischer Schriften einhergehend ist auch eine zunehmende Selbstbetrachtung zu beobachten, mit der Folge, dass auch zunehmend persönliche Erfahrungen in die Texte einfließen. Hofmannsthals Briefe beispielsweise zeugen häufig von schweren Nervenkrisen, die ihn an der künstlerischen Produktion und dem Teilnehmen am öffentlichen Leben hinderten; Schnitzler bezeichnete sich selbst als Hypochonder, sein Tagebuch dokumentiert darüber hinaus Stimmungsschwankungen und innere Unausgeglichenheit (vgl. WORBS 1983; S. 60). Der Blick des Dichters ist also nicht mehr nur nach außen gewandt, dient nicht mehr ausschließlich der Wahrnehmung und Beschreibung sozialer und politischer Gegebenheiten, sondern richtet sich auf sein Inneres: "Der "Nervöse" ist der Typ des Dichters im Wiener Fin de siècle, seine Feder folgt den Schwingungen seines sensiblen Nervensystems. Nicht l'art pour l'art, sondern das - so Hofmannsthal - "furchtbare Autobiographische" bestimmen sein Werk". (vgl. WORBS 1983; S. 62)

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Motive der Freud'schen Traumdeutung in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Seminar "Arthur Schnitzler"
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V129196
ISBN (eBook)
9783640343645
ISBN (Buch)
9783640343201
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Motive, Freud, Traumdeutung, Arthur, Schnitzlers, Traumnovelle
Arbeit zitieren
Sebastian Körtels (Autor), 2004, Motive der Freud'schen Traumdeutung in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129196

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