Ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma 95 - Problematik?

Dargestellt in Søren Kragh Jacobsens Film 'Mifune'


Hausarbeit, 2006

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Liebesbeziehungen im Film 'Mifune'
2. 1 Der Film 'Mifune' – ein kurzer inhaltlicher Überblick
2.2 Filmanalytische Interpretation der Szene „Krestens Vergangenheit“
2.3 Die zwei Liebeskonstellationen

3. Die Dogma Problematik
3.1 Dogma – ein Manifest
3.2 Die Nouvelle Vague
3.3 Ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma Problematik

4. Fazit

Medien – und Literaturverzeichnis

Primärmedium

Sekundärliteratur

Digitale Medien

1. Einleitung

„You can´t lie your way out of the past“– dieses Diktum beschreibt die Philosophie, des dritten offiziellen Dogma Films 'Mifune' von Søren Kragh Jacobson wohl am treffendsten.

In dieser Arbeit sollen die zwei im Film auftretenden Liebesbeziehungen zwischen den Protagonisten Kresten und Claire, sowie Kresten und Liva untersucht werden. Mit der Analyse der zwei Liebesbeziehungen sollen die extrem unterschiedlichen Arten der Liebe dargestellt und analysiert werden. Darüber hinaus soll auf die Frage eingegangen werden, ob eine ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma 95 Problematik stehen kann. Um die Konzeption der Liebe zwischen Kresten und Claire und die jeweiligen Machtpositionen innerhalb ihrer Beziehungen genau bestimmen zu können, wird zu Beginn aus dem Film 'Mifune' die zweite Szene „Krestens Vergangenheit“ filmanalytisch erläutert. Im Anschluss daran werden die beiden unterschiedlich vorherrschenden Liebesbeziehungen im Film in einem Vergleich einander gegenüber gestellt. An diesem Gegensatz sollen die unterschiedlichen Arten des Begriffs Liebe kurz verdeutlicht werden, um im Anschluss daran die Dogma 95 Problematik zu erläutern.

Eine kurze Übersicht über das Dogma Manifest leitet diese Arbeit ein. Ziele, Auslegung und Regelwerk sollen den Einstieg zur eigentlichen Fragestellung dieser Arbeit: „Ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma 95 Problematik?“ ermöglichen. Zudem wird ein kurzes Exzerpt zu einem ähnlich denkenden Vorgänger von Dogma 95, der Stilrichtung Nouvelle Vague aus dem Frankreich der 50er Jahre, gegeben, um darzustellen, dass die Dogma Problematik kein neues Modell in der Diskussion um das Medium Film ist.

Abschließend werden noch einmal eingehend die Ziele und Wünsche von Dogma 95 diskutiert. Schlussendlich wird die Frage aufgeworfen, ob das Ziel von Dogma 95 und seine Vertreter eine Befreiung des kommerziellen Kinos, eine Demokratisierung des Mediums Film durch eine Konzentration auf das Wesentliche, wirklich funktioniert hat. Darüber hinaus soll in den Fokus gestellt werden, ob die Kritiker von Dogma 95 nicht im Recht sind, dass Dogma „den Ausdruck der Krise des filmischen Erzählens [nutzt und] der konsequente Durchgang durch eine Ästhetik der Verweigerung [ist] und schließlich [in einer] Sackgasse [endet]“[1]. Ein ausführliches Fazit rundet die Arbeit ab.

2. Die Liebesbeziehungen im Film 'Mifune'

„Everyone is full of lies – some more than others“ – mit diesem Diktum lässt sich der Film 'Mifune'[2] in seiner Ganzheit exemplarisch charakterisieren. Die Liebesbeziehungen zwischen den drei Protagonisten des Films, Kresten, gespielt von Anders Berthelsen[3] sowie die beiden dänische Schauspielerin Sofie Gråbøl[4] in der Rolle der Claire und Liva, gespielt von Iben Hjejle[5] stehen im Fokus des folgenden Abschnitts.

2. 1 Der Film 'Mifune' – ein kurzer inhaltlicher Überblick

Der männliche Protagonist Kresten, ein Karrierist tätig in der Stadt Kopenhagen, jedoch aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, erfährt nach seiner Hochzeitsnacht von dem Tod seines Vaters. Nur kurze Zeit später kehrt er in seinen Heimatort zurück, um sich dort um seinen behinderten Bruder Rud zu kümmern sowie um den väterlichen, stark heruntergekommenen Bauernhof. An den Ort seiner Kindheit kehrt er jedoch mit dem Gedanken zurück, diesen so schnell wie möglich wieder verlassen zu können, um in sein neues Leben – die liebgewonnene und geschätzte Yuppiewelt zurückzukehren. Dieser Gedanke besteht solange, bis er sich in seine neu angestellte Haushälterin Liva verliebt, ein ehemaliges Callgirl. Diese holt später kurzerhand noch ihren verzogenen frechen Bruder zu sich auf den Bauernhof. Nach einem überraschenden Besuch von Krestens Frau Claire und einer hitzigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Eheleuten – verlässt Claire Hof und Mann. Die Ehe ist damit gescheitert und mit ihr verliert Kresten seinen Job ebenso wie all die so lieb gewonnenen Annehmlichkeiten in seinem Leben in Kopenhagen. Eine Vielzahl an chaotisch amüsanten Szenen zeichnet den weiteren Verlauf des Filmes 'Mifune' aus und letztlich auch sein Happy End – eine erfüllte Liebe zwischen Kresten und Liva. Im Zentrum dieser Arbeit stehen die zwei Liebesbeziehungen rund um den Protagonisten Kresten und die Frage wie eine wachsende, aufrichtige und ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma 95 Problematik stehen kann.

Auf der einen Seite der Liebesbeziehungen der Hauptfigur Kresten, befindet sich Claire. Diese ermöglicht Kresten einen perfekten Zugang zur Yuppiewelt und damit ein Leben, dass geprägt ist von Ansehen und vielen Annehmlichkeiten. Auf der anderen Seite gewinnt Liva die Zuneigung Krestens. Durch das Fälschen der eigenen Referenzen erhält sie die Stelle der Haushälterin auf dem ehemals väterlichen Bauernhof. Offenherzig und heimatverbunden, wenn auch nicht frei von Fehlern repräsentiert Liva die bodenständige Seite Krestens.

Im nun Folgenden Teil der Arbeit wird eine filmanalytischen Erläuterung der zweiten Szene „Krestens Vergangenheit“ des Films folgen, um daran einerseits die Machtverhältnisse von Kresten, Claire und ihrer Familie darzustellen und andererseits die Liebesbeziehung der zwei frisch Verheirateten.[6]

2.2 Filmanalytische Interpretation der Szene „Krestens Vergangenheit“

Die Szene beginnt mit einer Kameraeinstellung in der Totalen, die dem Zuschauer die Szenerie einer Hochzeit offen legt. Begleitet wird der Auszug aus der Kirche der zwei frisch Vermählten und ihrer Hochzeitsgäste mit einem typischen Hochzeitsmarsch[7], welcher ganz nach dem Dogma Regelwerk live während der Aufnahme gespielt wurde.[8]

Beim Gang aus der Kirche bewegt sich die Kamera nicht von der Stelle, so dass eine Nahaufnahme der Eheleute erreicht wird. Auf diese Art und Weise werden ihre Reaktionen und ihre Mimik perfekt simultan eingefangen. Kresten und Claire schauen sich an, lächeln leicht verlegen und schauen dann zu Boden. Nachdem beide wieder den Blick heben, sieht man an Krestens Gesichtsausdruck, dass er nicht zufrieden ist, Beschwerlichkeit und Mühseligkeit spiegeln sich in seinem Blick – im Gegensatz dazu scheint Claire jedoch hochzufrieden zu sein. Die Kamera verfolgt das Brautpaar solange, bis sie sich in ihre offene Hochzeitskutsche setzen. Kresten hilft Claire ganz höflich in die Kutsche hinein, er öffnet ihr die Tür und ist ihr bei ihrem langen Hochzeitskleid behilflich.

Dieses Bild, Kresten und Claire in der Kutsche, davor die Hochzeitsgäste, wird aus der Vogelperspektive filmisch umgesetzt. Claire lässt sich freudestrahlend in der Kutsche nieder und Kresten setzt mit seiner, auf die Schwiegermutter, fixierten Rede noch im Stehen an. Erst bedankt er sich fröhlich bei seinen Gästen, die immer noch Reis in die Richtung des Brautpaares werfen. Danach lockert er die Szenerie mit einem „Wir haben es getan“ Spruch auf, und beginnt erst im Anschluss daran mit seiner eigentlichen Rede. In dieser Szene sind die Kameraführung und ihre Einstellungen besonders wichtig. Während Kresten spricht, ist die Kamera genau auf ihn gerichtet, er wird in der Nah- Großeinstellung abgefilmt, um seine Gestik und Mimik genau beobachten zu können. Sobald das Publikum, die Hochzeitsgäste, auf seine Rede mit Jubelgeschrei und Beifall reagieren, ändert sich die Kameraeinstellung zu einer in der Vogelperspektive liegenden Totalen. Man bekommt auf diese Art und Weise die ganze Handlung und die daran teilnehmenden Leute präsentiert. Interessant wird die Kameraeinstellung bei dem Teil von Krestens Rede, in dem es um die Schönheit seiner Schwiegermutter geht, und in der Claire nicht im Geringsten erwähnt wird[9]. Hierbei schwenkt die Kamera in der Nahaufnahme zu den einzelnen Personen, die angesprochen werden, um ihre Reaktion darauf genau mitzubekommen. Marianna, Claires Mutter, fühlt sich durch Krestens Ansprache sehr geschmeichelt und wirft ihm lächelnd einen Kuss entgegen. In dieser Szenerie kommt es dem Zuschauer so vor, als ob Kresten lieber Marianna geheiratet hätte. Die Rede von ihm wirft zwar unterschwellig auch ein, dass Claire sehr hübsch ist, aber explizit wird das von ihrem Mann nicht erwähnt. Nach Krestens Ansprache aus der Kutsche kommt es wenig später zur Hochzeitsrede von Claires Vater. Vorher wandelt das Brautpaar jedoch mit Glückwünschen gesegnet durch die Gäste hindurch[10], bis sie sich an ihrem Platz, an der unteren Seite der Treppe vor dem Haus der Feierlichkeiten, eingefunden haben. Bei dem Empfang und damit dem Beginn der Rede steht das Brautpaar im Erdgeschoss, die Eltern von Claire befinden sich am Geländer des 1. Stockes. Das heißt: die Rede wird aus zwei verschiedenen Perspektiven heraus gefilmt. Die Seite des neuen Brautpaares befindet sich in der Froschperspektive und die Seite der Eltern befindet sich in der Vogelperspektive, denn sie schauen auf das Paar hinab. Claire und Kresten müssen aus ihrer Position heraus den Blick angestrengt nach oben richten, wie die Kameraeinstellung in der Großaufnahme besonders deutlich macht. Diese Art der Positionsverteilung geht Hand in Hand mit der Machtverteilung der Personen. Diese Machtverteilung und auch die extreme Erwartung an Dankbarkeit Krestens gegenüber Claires Vater sowie der gesamten Familie, werden in dieser Rede einerseits, und in der bereits angesprochenen Positionsdarstellung andererseits besonders deutlich dargestellt.

[...]


[1] Seeßlen, Georg: Aufbruch in die die Sackgasse. Die dänischen Dogma-Filme: Radikaldilettantismus oder

Utopieverrat? Eine Zwischenbilanz. In: Die Zeit. 1999. http://www.zeit.de/1999/28/199928.dogma_.xml.

Letzter Besuch am 20. 03. 2009.

[2] Im Originaltitel Mifunes sidest sang. Vgl. Sudmann, Andreas: Dogma 95, Die Abkehr vom Zwang des

Möglichen. Hannover. Offizin-Verlag 2001. S. 199.

[3] Vgl. Stevenson, Jack: Dogme Uncut, Lars von Trier, Thomas Vinterberg, and the Gang That Took on

Hollywood. Santa Monica, Calif.: Santa Monica Press 2003. S. 108.

[4] Vgl. Sudmann, Andreas: Dogma 95, Die Abkehr vom Zwang des Möglichen. Hannover. Offizin-Verlag

2001. S. 200.

[5] Vgl. Stevenson, Jack: Dogme Uncut, Lars von Trier, Thomas Vinterberg, and the Gang That Took on

Hollywood. Santa Monica, Calif.: Santa Monica Press 2003. S. 108.

[6] Siehe Grafik

[7] Der Hochzeitsmarsch wurde von Felix Mendelssohn Bartholdy komponiert.

[8] Entsprechend dem 2. Gelöbnis der Keuschheit. Vgl. Sudmann, Andreas: Dogma 95, Die Abkehr vom

Zwang des Möglichen. Hannover. Offizin-Verlag 2001. S. 195.

[9] Ausspruch in Krestens Rede: „ Man sollte sich seine Schwiegermutter genau ansehen bevor man

heiratet. Meine ist wunderschön. Ehrlich Marianne.“ Vgl. Kragh Jacobson, Søren: 'Mifune' sidest sang.

Dänemark 1998/ 1999.

[10] Anmerkung: Der Gang des Brautpaares wurde konsequent in einer Großeinstellung gefilmt, um den

Schwerpunkt, die Glückwünsche, deutliche hervorzuheben.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma 95 - Problematik?
Untertitel
Dargestellt in Søren Kragh Jacobsens Film 'Mifune'
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Lars von Trier, Dogma 95 und die Filmkunst der Gegenwart
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V129402
ISBN (eBook)
9783640365173
ISBN (Buch)
9783640364909
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehrliche, Liebe, Synonym, Dogma, Problematik, Dargestellt, Søren, Kragh, Jacobsens, Film, Mifune
Arbeit zitieren
Susanne Barth (Autor), 2006, Ehrliche Liebe als Synonym für die Dogma 95 - Problematik?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129402

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