Transformation des historischen Woyzeck in die literarische Figur Büchners

Mittel und Wirkung


Essay, 2004

12 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Historische Wirklichkeit und Büchners Drama im Vergleich

3 Transformation – Mittel und Wirkung
3.1 Prinzip der Entbrutalisierung
3.2 Prinzip der Brutalisierung
3.3 Kritik an Clarus’ Unterstellung von Kant’scher Willensfreiheit
3.3.1 Das Unterdrückungssystem
3.3.2 Die Sprache Woyzecks – Zwischen Wahn und Wahrheit

4 Büchners „Urteilsspruch“

1 Einleitung

„Am [2.] Juni 1821, 1/2 10 Uhr abends, sticht der arbeitslose Friseur

Johann Christian Woyzeck, 41 Jahre alt, in einem Hausflur der Sandgasse in Leipzig
die 46jährige Witwe Johanna Christiane Woost nieder.“

Diese Zeilen stammen aus den so genannten Clarus-Gutachten, welche Georg Büchner als Vorlage für sein Dramenfragment „Woyzeck“ dienten.

Hinsichtlich Stoff- und Motivwahl orientierte sich Büchner neben dem „Fall Woyzeck“ noch an zwei weiteren historischen Fällen. Sie ähneln sich insofern, dass in allen drei Fällen ein Mann niederen soziales Status seine Geliebte mit einem Messer ermordete. Auch wurde nach der Tat stets ein gerichtsärztliches Gutachten hinsichtlich der Zurechnungsfähigkeit des Täters eingefordert.

Da der „Fall Woyzeck“ die Hauptquelle Büchners darstellt, wird sich diese Arbeit allerdings ausschließlich auf diesen und die damit zusammenhängenden Clarus-Gutachten konzentrieren. Dabei gilt es zu beachten, dass die Gutachten nicht nur als bloßes Quellenmaterial verstanden werden dürfen. Denn durch die Transformation der historischen Gestalt in seine Dramenfigur „Woyzeck“ wendet sich Büchner gezielt gegen die Darstellung in den Gutachten und übt so gleichzeitig Kritik.

Wie diese Kritik im Einzelnen erfolgt, auf welche Weise Büchner durch Übernahme, vor allem aber durch Abwandlung, bestimmter Motive gegen die Clarus-Gutachten anschreibt, wird im Folgenden ausführlich untersucht.

Zunächst aber soll eine kurze Gegenüberstellung von den historischen Gegebenheiten in den Clarus-Gutachten und Büchner’scher Woyzeck-Figur einen grundlegenden Überblick über die Materie ermöglichen.

2 Historische Wirklichkeit und Büchners Drama im Vergleich

Im Juni 1821 erstach der 41jährige ehemalige Soldat und zum damaligen Zeitpunkt bereits arbeitslose Perückenmacher Johann Christian Woyzeck seine Geliebte, die 46jährige Witwe Woost. Als Motiv für die Tat wird Eifersucht genannt, denn Woyzeck war bekannt, dass die Witwe Umgang mit anderen Männern pflegte. Als Mordinstrument benutzte er eine abgebrochene Degenklinge, und nach der Tat ließ er sich sofort widerstandslos festnehmen. Sein Verteidiger warf nun die Frage auf, inwiefern Woyzeck zum Zeitpunkt der Tat überhaupt zurechnungsfähig gewesen sei, und regte so eine gerichtsärztliche Beobachtung von Woyzecks Geisteszustand an. Darauf folgten zwei Gutachten, die von Doktor Johann Christian August Clarus verfasst wurden.

Beim Lesen dieser Gutachten gewinnt man den Eindruck, dass sich Clarus sehr bemüht hat, die Frage gründlich zu erörtern. So führte er mehrere Gespräche mit Woyzeck, betrachtete dessen Äußeres, sowie dessen körperliche und geistige Gesundheit und beleuchtete unter anderem auch die Biographie Woyzecks, um zu klären, wie es hatte zu dem Mord an der Woostin kommen können. Auch hinsichtlich des Gemütes tätigte er breitflächige Untersuchungen.

Gleichzeitig wählte er unterschiedliche Zeitpunkte für die Befragungen, um ein möglichst umfassendes Bild abzuliefern, wodurch die Gutachten fast in die Nähe einer modernen psychologischen Längsschnittstudie rücken.

Doch gerade wegen der methodisch gut durchdachten Untersuchungen erscheint deren Ergebnis umso überraschender: Woyzeck weise gemäß den Gutachten keinerlei Geistesstörung auf! – Trotzdem Woyzeck eindeutig unter einer schweren Psychose litt, die sich unter anderem durch Depressionen, Herzjagen, Zittern, Gedankenstillstand, Stimmenhören, Gefühlshalluzinationen und Verfolgungswahn äußerte, und trotzdem diese in den Gutachten von Clarus objektiv auch eingehend analysiert wird, vertrat dieser den Standpunkt, die Mordtat sei lediglich die Konsequenz von moralischer Verkommenheit und sexueller Zügellosigkeit gewesen.

Die Stimmen und Visionen Woyzecks erklärte er durch „Unordnungen des Blutkreislaufes“. Es gäbe deshalb keinen Grund anzunehmen, „Woyzeck habe sich vor, bei oder nach der Mordtat im Zustand einer Seelenstörung befunden oder dabei nach einem notwendigen, blinden und instinktartigen Antriebe und überhaupt anders, als nach gewöhnlichen leidenschaftlichen Anreizungen gehandelt“.1

Clarus’ großer Fehler besteht letztlich darin, dass er versucht, medizinisch-pathologische Erklärungen für psychologische Phänomene zu liefern. So ist z. B. das Stimmen-Hören in den Gutachten ein zentrales Thema, denn Woyzeck hört sehr häufig Stimmen. In Folge des Stimmen-Hörens kommt es auch stets zum Ausüben von Zwangshandlungen.

Nun geht Clarus zwar der Frage nach, ob Woyzeck Stimmen hörte und konstatiert dieses schließlich auch. Allerdings macht er die absurde Unterscheidung zwischen Hören der eigenen Stimme und dem Hören fremder Stimmen. Nur das Hören fremder Stimmen ist für Clarus Zeichen für eine vorliegende Geisteskrankheit. Das Hören der eigenen Stimme hingegen sei nicht krankhaft, sondern entspricht eher dem Tinnitus-Phänomen. So schlussfolgert Clarus, dass auch das Stimmen-Hören Woyzecks lediglich auf Sinnestäuschungen zurückzuführen sei. Er erklärt die Stimmen als eine Art déjà-vue-Erlebnis, bei dem sich Woyzecks eigene Stimme in seinen Gedanken immer wieder reproduziert. Da Woyzeck nun in seinem Zwangsverhalten nur einer Stimme gefolgt sei, die Ausdruck seines eigenen Inneren war, sei seine volle Zurechnungsfähigkeit und Schuldfähigkeit bewiesen. So unterstellt Clarus Woyzeck, dass dieser die Tat durch gänzliche geistige Willensfreiheit verübt habe.

Um zu zeigen, wie lächerlich diese Art von Erklärung ist, wird im Drama eine Erbsen-Diät für Woyzecks Stimmen-Hören zumindest mitverantwortlich gemacht. Auf diese Weise führt Büchner Clarus’ sämtliche Erklärungsversuche ad absurdum. Denn ganz egal, wie es hatte zu den Stimmen in Woyzecks Kopf kommen können, Fakt für Büchner ist, dass sie da waren, ob nun durch Unstimmigkeiten des Blutkreislaufes verursacht oder durch eine Erbsen-Diät.

[...]


1 Originallaut: „[...] da ft Woyzecks angebliche Erscheinungen und übrigen ungewöhnlichen Begegnisse als Sinnestäuschungen, welche durch Unordnungen des Blutkreislaufes erregt und durch seinen Aberglauben und Vorurteile zu Vorstellungen von einer objektiven und übersinnlichen Veranlassung gesteigert worden sind, betrachtet werden müssen, und da ft ein Grund, um anzunehmen, da ft derselbe zu irgend einer Zeit seinem Leben und namentlich unmittelbar vor, bei und nach der von ihm verübten Mordtat sich im Zustande einer Seelenstörung befunden, oder dabei nach einem notwendigen, blinden und instinktartigen Antriebe und überhaupt anders, als nach gewöhnlichen leidenschaftlichen Anreizungen gehandelt habe, nicht vorhanden sei.“

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Transformation des historischen Woyzeck in die literarische Figur Büchners
Untertitel
Mittel und Wirkung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Georg Büchner
Note
1,7
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V129529
ISBN (eBook)
9783640357697
ISBN (Buch)
9783640357956
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transformation, Woyzeck, Figur, Büchners, Mittel, Wirkung
Arbeit zitieren
Anonym, 2004, Transformation des historischen Woyzeck in die literarische Figur Büchners, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/129529

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