In diesem Essay wird kurz die Leitfrage bearbeitet, ob der diakonische Auftrag der Diakonie mit den Regeln des Sozialmarktes vereinbar ist.
Konkret beschränkt sich die Frage also auf die Diakonie, die als ältester und zweitgrößter Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege, auf der einen Seite ihren intern begründeten normativen diakonischen Auftrag (Selbstverständnis) erfüllen muss, um authentisch zu bleiben, gleichzeitig aber im Rahmen der externen Einflüsse des Sozialmarktes agieren muss (Ökonomisierung), um zukünftig in dem System etabliert bleiben zu können. Außer Acht gelassen werden darf in dieser Gegenüberstellung nicht die Rolle des Staates. Der Staat agiert auf der einen Seite als Auftraggeber und Geldgeber für die Wohlfahrtsverbände und gleichzeitig als Regulator oder Deregulator des Sozialmarktes.
Inhaltsverzeichnis
1. Beantwortung
1.1 Sozialanwaltschaft
1.2 Freiheit für wen soziale Dienstleistungen entstehen
1.3 Seelsorge/Verkündigung
2. Multirationales Management
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es zu untersuchen, inwieweit der normative diakonische Auftrag der Wohlfahrtspflege mit den ökonomischen Regeln des modernen Sozialmarktes und der staatlichen Budgetierung vereinbar ist.
- Das diakonische Leitbild und seine Umsetzung in der Praxis
- Die Rolle des Staates als Finanzier, Regulator und Auftraggeber
- Konfliktlinien zwischen Sozialanwaltschaft und ökonomischem Erfolgsdruck
- Das Konzept des multirationalen Managements als Lösungsansatz zur Balance von Rationalitäten
Auszug aus dem Buch
Sozialanwaltschaft
Eurich formuliert vier Aspekte der Sozialanwaltschaft als Prinzip diakonischen Handelns. Erstens beschreibt er, dass diakonisches Handeln nicht nur persönliche Glaubenspraxis sein sollte, sondern, dass Teil des diakonischen Handelns auch öffentliches Eintreten für die Belange von Menschen in Notlagen ist (vgl. Eurich 2016, S. 193). Zweitens führt er aus, dass Anwaltschaftlichkeit als Prinzip diakonischen Handelns auch bedeutet, diakonisches Handeln auf Dringlichkeit, Notwendigkeit und Angemessenheit zu überprüfen und an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten (vgl. ebd., S. 194). Der dritte Aspekt schließt an den ersten Aspekt an und konkretisiert dahingehend, dass Menschen in Notlagen durch diakonisches Handeln nicht nur aus den Notlagen herausgeführt werden sollen, sondern dass der diakonische Auftrag beinhaltet, dass „die sozialen Umwelten in Gestalt von Recht, Sicherheit, Politik, Organisation des Gesundheitswesens und der Wirtschaft“ (ebd.) beeinflusst werden sollen auf die Bedürfnisse der Menschen in Notlagen zu reagieren. Der vierte Aspekt betrifft die Mündigkeit bzw. das Subjektsein der Betroffenen. Anwaltschaftliches Verhalten darf die Selbstbestimmung und die eigene Vertretung der Interessen nicht ersetzen.
Die Ausübung/Umsetzung der Sozialanwaltschaftlichkeit kann in Teilen dazu führen, dass die anwaltschaftlich vertretenen Interessen entgegen den ökonomischen Interessen des Staates stehen. Die Diakonie kommt also in die Situation, dass sie Bedarfe wahrnimmt, diese aber nicht finanzieren lassen kann, oder dass sie aufgrund bestimmter Erfahrungen von Betroffenen, den Staat kritisieren muss bzw. vor Gericht gegen den Staat handeln muss (vgl. ebd.). Die gleichzeitige Abhängigkeit der Diakonie vom Staat kann nicht nur die Authentizität, sondern auch die finanzielle Handlungsfähigkeit gefährden (vgl. ebd., S.195).
Zusammenfassung der Kapitel
Beantwortung: In diesem Kapitel wird die Kernproblematik eingeführt, das diakonische Selbstverständnis skizziert und die Rolle des Staates sowie des Sozialmarktes als Rahmenbedingungen definiert.
Sozialanwaltschaft: Dieser Abschnitt analysiert das Spannungsfeld zwischen der parteilichen Vertretung von Notleidenden und den ökonomischen Interessen des Staates, denen die Diakonie finanziell unterworfen ist.
Freiheit für wen soziale Dienstleistungen entstehen: Hier wird thematisiert, wie die staatliche Budgetierung die Flexibilität der Wohlfahrtsverbände einschränkt und die Auswahl der Zielgruppen an staatliche Leistungsbereitschaften bindet.
Seelsorge/Verkündigung: Das Kapitel beleuchtet, wie der religiöse Auftrag der Diakonie durch den Druck zur Standardisierung und ökonomischen Optimierung in Bedrängnis geraten kann.
Multirationales Management: Hier wird ein theoretisches Modell vorgestellt, das durch Reflexion und Kontextsteuerung versucht, die diversen Rationalitäten innerhalb einer Organisation strategisch zu vereinbaren.
Schlüsselwörter
Diakonie, Sozialmarkt, Ökonomisierung, Wohlfahrtspflege, Sozialanwaltschaft, Multirationales Management, Staatliche Rahmenbedingungen, Budgetierung, Selbstkostendeckungsprinzip, Seelsorge, Verkündigung, Sozialunternehmen, Gemeinnützigkeit, Rationalitäten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Vereinbarkeit des christlichen diakonischen Auftrags mit den ökonomischen Anforderungen des modernen Sozialmarktes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind das diakonische Selbstverständnis, die ökonomische Steuerung durch den Staat und das Management konkurrierender Werte in sozialen Unternehmen.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Leitfrage lautet: Ist der diakonische Auftrag mit den Regeln des Sozialmarktes vereinbar?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorieanalyse, bei der Expertenmeinungen zur Diakonie und zu Managementtheorien in Beziehung gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Konfliktpotenziale in der Praxis, wie die Sozialanwaltschaft, die Finanzierung sozialer Dienstleistungen und die seelsorgerliche Arbeit unter ökonomischem Druck.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Diakonie, Sozialmarkt, Ökonomisierung und Multirationales Management charakterisiert.
Was versteht der Autor unter dem "multirationalen Management"?
Es ist ein Ansatz, der anerkennt, dass eine Organisation durch verschiedene Systeme (Rationalitäten) beeinflusst wird – etwa durch das ökonomische Prinzip und das religiöse Selbstverständnis – und diese strategisch steuert, ohne sie operativ gegeneinander auszuspielen.
Warum gefährdet die staatliche Finanzierung die diakonische Authentizität?
Da die Diakonie finanziell vom Staat abhängig ist, kann ihr kritischer Auftrag als "Anwältin für Notleidende" in Konflikt mit den Interessen des Staates geraten, was ihre Unabhängigkeit und ihr Profil gefährden kann.
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- Jonas Einck (Author), 2022, Ist der diakonische Auftrag mit den Regeln des Sozialmarktes vereinbar?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1305618