Wie Frauen in der Literatur dargestellt werden, spiegelt das Weltbild der Zeit und des Autors wider. Es verdeutlicht den Umgang und die Sicht auf die Frauen und inwieweit die Emanzipation zu der jeweiligen Zeit und dem Ort entwickelt war. Im Mittelalter war die Rolle der Frau die der Umworbenen und Angebeteten. Sie musste schön aussehen, um einem Mann oder sogar Ritter aufzufallen. Im Idealfall war sie von einem höheren Stand und damit unerreichbar für den Mann, sodass er sie nur von Weitem anhimmeln und über seinen Schmerz im Minnesang schreiben konnte.
Phyllis aus der Märendichtung ‚Aristoteles und Phyllis‘ und Laudine aus dem Artusroman ‚Iwein‘ sind zwei sehr unterschiedliche Figuren, für die jeweils unterschiedliche Herangehensweisen der Darstellung gewählt wurden. Dabei existieren zu der Figur Phyllis noch recht wenige Forschungsarbeiten, obwohl sie als „listige Frau“ eine interessante Grundlage bietet und zudem einen Kontrast zu den höfischen Damen wie Laudine und vielen anderen Frauen in Artusromanen darstellt. Hartmanns Laudine dagegen ist eine sehr beliebte Figur, auch in der Forschung. Ihre Schönheit ist genau wie Phyllis‘ in dem Roman ein sehr wichtiger Aspekt, der ganz besonders im Vordergrund steht. Bei beiden Frauen spielen dabei auch ihre Trauer und Wut eine große Rolle. Doch, wie wird ihr schönes Aussehen dargestellt und inwiefern unterscheiden sich diese Darstellungen voneinander? Und was sagt dies über das jeweilige veranschaulichte Frauenbild aus?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schönheit in der mittelalterlichen Literatur
3. Phyllis und Laudine
3.1. Die erste Beschreibung der Liebenden
3.2. Die Schönheit in der Trauer
3.3. Die listige Frau und die höfische Dame
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung weiblicher Schönheit in der mittelalterlichen Literatur anhand der gegensätzlichen Figuren Phyllis aus der Märendichtung „Aristoteles und Phyllis“ und Laudine aus dem Artusroman „Iwein“. Ziel der Untersuchung ist es aufzuzeigen, wie kontextuelle Faktoren sowie die Rolle der Frau innerhalb der Erzählung ihre Schönheitsdarstellung beeinflussen und inwiefern diese zur Konstruktion des jeweiligen Frauenbildes beitragen.
- Vergleich der ästhetischen Beschreibungsweisen in Märendichtung und Artusroman.
- Analyse der Wirkung von Erzählerperspektiven auf die Wahrnehmung weiblicher Schönheit.
- Untersuchung der Verknüpfung von Schönheit mit Trauer und emotionalem Zustand.
- Gegenüberstellung der „listigen Frau“ und der „höfischen Dame“ im Kontext gesellschaftlicher Ideale.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die erste Beschreibung der Liebenden
In „Aristoteles und Phyllis“ wird Phyllis ab Vers 85 vorgestellt, also eher zu Beginn der Märendichtung. Laudines erster Auftritt findet dagegen später stand, nachdem Iwein bereits einige Abenteuer überstanden hat (V. 1307ff.). Zunächst einmal sind die Umstände der Begegnungen grundlegend verschieden, was sich auch auf die Beschreibungen auswirkt. Phyllis wird in einer Art Wer-was-wann-wo-warum-Einleitung vorgestellt und die erste Begegnung wird in einer allgemeinen Beschreibung dargestellt. Laudine tritt dagegen mitten im Geschehen der Geschichte auf: Während Iwein aus einem Fenster in einer Gefängniszelle blickt, sieht er sie um den Verlust ihres Ehemanns trauern.
Durch die verschiedenen Umstände klingt auch der Ton der Beschreibungen sehr unterschiedlich. Phyllis wird zunächst von dem Erzähler selbst beschrieben („Diu künigîn het eine maget, diu was sô schœne, sô man saget […]“ V. 85-97). Es wird mehrere Male betont, dass sie schön ist und, dass sogar die anderen Frauen sie für schœne und lobebære (V. 92) halten. Dadurch, dass Phyllis erst von dem Erzähler beschrieben wird, klingt die Beschreibung sachlich und objektiv, als wäre sich jeder Mensch in dieser Meinung einig. Zunächst wird allerdings nicht näher darauf eingegangen, wie genau sie aussieht, vermutlich damit sich der Leser selbst die seiner Meinung nach schönste Frau vorstellen kann. Ebenfalls auffällig ist, dass Phyllis‘ Schönheit noch vor ihrem Namen oder ihrer gesellschaftlichen Stellung genannt wird („diu süeze vröudenschouwe was der künigin juncvrouwe und was Fillis genant.“ V. 95-97).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der weiblichen Schönheitsdarstellung in mittelalterlichen Dichtungen ein und stellt die Forschungsfragen bezüglich der Figuren Phyllis und Laudine.
2. Schönheit in der mittelalterlichen Literatur: Das Kapitel erläutert die literarischen und gesellschaftlichen Schönheitsideale sowie die Rolle der Frau und der Minnebeziehung im Mittelalter.
3. Phyllis und Laudine: Dieser Hauptteil widmet sich dem detaillierten Vergleich der beiden Figuren hinsichtlich ihrer ersten Beschreibung, ihrer Darstellung in der Trauer sowie ihrer Typisierung als listige Frau beziehungsweise höfische Dame.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der Ergebnisse, welche die unterschiedlichen Intentionen der Autoren zur Darstellung weiblicher Schönheit unterstreicht.
Schlüsselwörter
Mittelalterliche Literatur, Schönheit, Phyllis, Laudine, Minne, Aristoteles und Phyllis, Iwein, Märendichtung, Artusroman, Frauenbild, Erzählerperspektive, Trauer, Tugend, List, Geschlechterrollen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung weiblicher Schönheit im Mittelalter am Beispiel der zwei gegensätzlichen Frauenfiguren Phyllis und Laudine.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Schönheitsideale des Mittelalters, die Rolle der Minne, der Einfluss von Literaturgenres (Märendichtung vs. Artusroman) auf Frauenbilder sowie die erzählerische Gestaltung von Emotionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, wie die Absicht des Autors und die funktionale Rolle einer Figur innerhalb einer Erzählung deren Schönheitsbeschreibung maßgeblich bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der auf der Analyse der Primärtexte „Aristoteles und Phyllis“ sowie „Iwein“ und der Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Einführung der Figuren in den Text, ihre Darstellung in Trauersituationen und die Kategorisierung als „listige Frau“ oder „höfische Dame“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie mittelalterliche Literatur, Schönheit, Phyllis, Laudine, Minne, Märendichtung und Artusroman charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Schönheitswahrnehmung bei Phyllis und Laudine?
Während Phyllis' Schönheit vom auktorialen Erzähler objektiv und sachlich beschrieben wird, erfolgt die Wahrnehmung von Laudines Schönheit primär subjektiv und emotional aus der Perspektive des Ritters Iwein.
Welche Rolle spielt die Trauer für das Schönheitsbild der beiden Frauen?
Phyllis wird trotz ihrer Trauer als schön beschrieben, während Laudine gerade durch ihre emotionale Betroffenheit und ihren Schmerz in ein besonderes Licht gerückt und als ideal schön dargestellt wird.
- Quote paper
- Jacqueline Mikol (Author), 2021, Weibliche Schönheitsdarstellung in der mittelalterlichen Literatur am Beispiel von Phyllis und Laudine. Die listige Frau und die höfische Dame, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1309609