Imagerekonstruktion konkreter Orte

Wahrnehmung und Bewertung der Stadt Jena als Hochschulstandort


Hausarbeit, 2006

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Imagekampagnen als marketingpolitisches Instrument
1.2 Aufbau der Arbeit: Theorie – Empirie – Ergebnisse

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Forschungsstand der Wahrnehmungsgeographie: Leistungen und Grenzen
2.2 Konzeptionelle Schwächen der klassischen Wahrnehmungs-geographie
2.3 Neuere Ansätze der Wahrnehmungsgeographie
2.4 Begriffsdefinitionen: Kategorisierung und Operationalisierung
2.5 Image zur (Un-) Möglichkeit einer De finition
2.6 Zur Begriffsdefinition von Image
2.7 Geographische Bedeutungsdimensionen des Images
2.8 Raumbezogene Images: Eine Arbeitsdefinition

3 Empirische Grundlagen
3.1 Datenerhebung: das Problemzentrierte Interview
3.1.1 Zur Möglichkeit einer unvoreingenommenen Betrachtung
3.2 Der Gesprächsleitfaden

4 Auswertung der qualitativen Interviews
4.1 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
4.2 Arbeitsschritte der Qualitativen Inhaltsanalyse
4.2.1 Bestimmung des Ausgangsmaterials
4.2.2 Fragestellung der Analyse
4.2.3 Ablaufplan der Analyse
4.2.4 Induktive Kategorienbildung
4.3 Kategoriendefinitionen zur Materialstrukturierung
4.3.1 „Soziales“
4.3.2 „Universität“
4.3.3 „Infrastruktur“
4.3.4 „Erscheinungsbild“
4.4 Drei Grundformen des Interpretierens

5 Ergebnisse der inhaltlichen Strukturierung
5.1 Materialinterpretation in Richtung der Forschungsfragen
5.2 Leistungen und Grenzen der Analysemethode

6 Schlussfolgerung und Zusammenfassung
6.1 Erkenntnisse und Fazit der Forschungsarbeit
6.2 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1- Auswahl studien- und ortsbezogener Faktoren Jenas

Abbildung 2- Ablaufmodell der Analyse

Abbildung 3- Prozessmodell induktiver Kategorienbildung

1 Einführung

1.1 Imagekampagnen als marketingpolitisches Instrument

„Willkommen in der Denkfabrik“, so lautet der Slogan einer Imagekampagne, die bereits seit 2001 zahlreiche Werbebotschaften – innerhalb und außerhalb Thüringens – schmückt. An- satzpunkt dieser, durch die Thüringer Landesregierung initiierten, Kampagne bildete eine erkennbare Diskrepanz (nach eigenen Bekunden) zwischen dem Bild von Thüringen in der öffentlichen Wahrnehmung und den tatsächlichen Eigenschaften und Stärken des Freistaates als Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort.

„Das Image Thüringens ist in Ost und West hauptsächlich geprägt durch Assoziationen wie "schöne Landschaften, herrliche Natur, reiche Geschichte und Kultur, große Musiker, Dich- ter und Denker und natürlich gutes Essen und Trinken". Dabei hat Thüringen noch mehr zu bieten. Mitten in Deutschland liegt eine Denkfabrik von der Größe eines Bundeslandes. Hier werden ständig neue Ideen und Gedanken geliefert und umgesetzt.“

(http://www.denken-willkommen.de)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vor dem Hintergrund anhaltender Standortkonkurrenzen ist Thüringen dabei kein Einzelfall. Imagekampagnen stellen in diesem Zusammenhang ein marketingpolitisches Werkzeug dar, was im Laufe der Zeit stetig an Attraktivität gewonnen hat. Auch auf städtischer Ebene ist eine wachsende Auseinandersetzung mit Rahmenbedingungen und Einflussfaktoren für die Imagebildung bzw. deren Veränderung zu erkennen. Häufig werden mit solchen Kampagnen Zielvorstellungen verbunden, das existierende Image zu verändern, um als Konsequenz die wirtschaftliche Situation einer Region zu verbessern. Auch im thüringischen Fall lässt sich die Motivation vermuten, ein durch das Zitat verdeutlichte touristisch geprägte Bild von Thürin- gen als das bekannte „grüne Herz Deutschlands“ zu aktualisieren, um vorhandene wissen- schaftliche und wirtschaftliche Stärken zu unterstreichen und ein Bild von Thüringen als Bundesland voller Ideen, Innovation und Wissenspotential zu vermitteln und aufrecht zu er- halten.

Eine zentrale Rolle zur Positionierung Thüringens als erfolgreichen Wissenschaftsstandort übernehmen in diesem Zusammenhang die Thüringer Bildungseinrichtungen. Laut dem statis- tischen Bundesamt studierten im Wintersemester 2005/06 insgesamt 1.986.106 Studenten an deutschen Hochschulen (Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2006)[1]. Die Anzahl von Studie- renden an Thüringer Hochschulen betrug dabei 49.075. Im Vergleich dazu nahm Jena als Hochschulstandort eine dominierende Position ein. Von den insgesamt 49.075 Studierenden im Wintersemester 2005/06, studierten 24.731[2] Studenten in Jena. Anders: Über 50 Prozent aller Thüringer Studenten konzentrierten sich während dieses Zeitausschnittes am Hochschul- standort Jena. Damit gehört Jena bundesweit zu den Städten mit der höchsten Studentendich- te. Angesichts dieser zahlenmäßigen Dominanz erscheint eine Auseinandersetzung mit dem Image des Studienstandortes Jena aufschlussreich.

Jedoch ist für eine erfolgreiche Imageplanung (Soll-Zustand) die Kenntnis über das existie- rende Bild (Ist-Zustand) in der öffentlichen Wahrnehmung eine Grundvoraussetzung. An dieser Stelle findet unsere Untersuchung ihren Anknüpfungspunkt.

Unser konkretes Forschungsinteresse konzentriert sich auf die Frage, in welcher Art der Hochschulstandort Jena unter den Personen einer bestimmten Zielgruppe wahrgenommen wird und mit welchen subjektiven Bedeutungen und Bewertungen dieses Bild behaftet ist. Ob die Personen unserer Zielgruppe ein Bild von Jena als „Stadt der Wissenschaft“ wahrnehmen, wird im Folgenden noch genauer zu klären sein. Das Hauptziel dieser Studie ist, ein Bild von Jena zu rekonstruieren, dass den Äußerungen und den subjektiven Vorstellungen der unter- suchten Personen gerecht wird.

1.2 Aufbau der Arbeit: Theorie – Empirie – Ergebnisse

Die Untersuchung subjektiv wahrgenommener Räume bildet bereits seit Jahrzehnten den tra- ditionellen Forschungsgegenstand der klassischen Wahrnehmungsgeographie. Folglich finden auch in dieser Studie ausgewählte theoretische Grundlagen der Wahrnehmungsgeographie Verwendung. Zusätzlich dienen Imagetheorien einiger Autoren als Orientierungsrahmen für die Erarbeitung einer, in dieser Studie verwendeten, Arbeitsdefinition von Image. Durch den teilweise explorativen Charakter unserer Untersuchung orientiert sich der empirische Teil der Arbeit an den Grundgedanken qualitativer Sozialforschung. Denn rein quantitative Methoden, die gesellschaftliche Phänomene untersuchen, indem sie messen, testen und auf Basis statisti- scher Repräsentativität überprüfen, ohne zuvor den Gegenstand verstanden, dessen Qualität und die Angemessenheit der methodischen Verfahren erfasst zu haben, erscheint uns für eine Imageuntersuchung unangebracht (Mayring 1993, S.1).

Eine Kombination aus qualitativen Erhebungs- und Auswertungsmethoden bildet somit die empirische Basis unserer Untersuchung. Bevor wir also in den konkreten forschungsprakti- schen Teil dieser Arbeit einsteigen, werden wir einen kursorischen Überblick über die kon- zeptionellen Grundlagen, Entwicklungen und Kritikpunkte wahrnehmungsgeographischer Ansätze darstellen.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Forschungsstand der Wahrnehmungsgeographie: Leistungen und Grenzen

Seit den Anfängen der klassischen Wahrnehmungsgeographie bestanden starke Verbindungen zwischen geographischen und psychologischen Wahrnehmungskonzepten. Die konzeptionel- len Grundlagen des Behaviorismus und der kognitiven Verhaltenstheorie werden wir im Fol- genden kurz erläutern, weil sie sich teils „entschärft“, jedoch deutlich in Sichtweisen der klas- sischen Wahrnehmungsgeographie reproduzierten (Scheiner 2000, S.50).

Der Behaviorismus ist eine psychologische Forschungsrichtung, die von John. B Watson – in Anlehnung an den Sozialdarwinismus – zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde. Dieser orientierte sich an naturwissenschaftlichen Methoden, d.h. „… anhand von direkten Beobachtungen unter experimentellen Bedingungen [sollten] allgemeine Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens…“ aufgedeckt werden (Werlen 2000, S.271). Die Hauptthesen besagen einer- seits, dass die Umwelt für das Verhalten von Individuen von großer Bedeutung ist und ande- rerseits, dass sich verschiedene Individuen unter gleichen Umständen zu jedem Zeitpunkt gleich verhalten. In dem Modell der kognitiven Verhaltenstheorie werden verschiedene As- pekte wie z.B. Bedürfnisse und Motivation als Auslöser des Verhaltens betrachtet. Dabei wird Handlung als eine Reaktion gesehen, die dazu dient, Spannungen zwischen den verschiedenen Aspekten abzubauen. Die Ursachen für die Aspekte liegen aber in äußeren Faktoren, sprich in der Umwelt. Besonders herausgearbeitet wird diese Erklärung in psychologischen Motivati- onstheorien, mit ihren verschiedenen Zwischenschritten wie Aufforderung, Motivierung, Aus- führung und Selbstbewertung.

Wie schon oben erwähnt ist die Untersuchung des Mensch – Umweltverhältnisses sowohl für psychologische als auch geographische Wahrnehmungsforschung charakteristisch. Diesem Gegenstand schließt sich die Frage nach der Beziehung von objektivem Raum und subjekti- ven Verhalten an. Der Wahrnehmungsprozess nimmt in dieser Konstellation eine vermitteln- de Position zwischen Informationssender (Umwelt) und Informationsempfänger (Mensch) ein. Als Resultat einer Verarbeitungsleistung kann nicht der objektiv gegebene, sondern der subjektiv wahrgenommene Raum als Erklärungsfaktor für menschliches Verhalten angesehen werden (Scheiner 2000, S.47). Wobei psychologische Studien über Wahrnehmungsprozesse sich eher auf die kognitive Struktur von räumlichen Wissen (Kenntnisse) konzentrierten und die Geographie sich dagegen stärker darauf bezog, wie konkrete Räume (Orte) wahrgenom- men werden und welche Bewertungen und Bedeutungen mit einem bestimmten Ort in Ver- bindung stehen (ebd. S. 49). An dieser Stelle wird eine Verwandtschaft zu den konkreten For- schungsinteressen unserer Studie sichtbar.

Ausgangspunkt klassischer wahrnehmungsgeographischer Auffassung bildete der objektive Raum, „die reale Welt[3], die mittels sensorischer Prozesse zu einem subjektiven Abbild der Wirklichkeit transformiert wird. Unterschiedliche Erklärungsansätze sprachen in diesem Zu- sammenhang den sensorischen Wahrnehmungsprozessen des Menschen selektive Wirkung zu. Begründet wurde diese Filterfunktion damit, dass der Mensch in seinem Alltag unzähligen Reizen ausgesetzt ist und die Verarbeitungsfähigkeit ohne ein Auswahlkriterium sehr schnell an seine Grenzen geraten würde. Die Zusammensetzung des Filters besteht aus Persönlich- keitsvariablen wie „… Motivation, Bedürfnisse, Einstellungen und Werte [n]…“, die die Wahr- nehmung steuern. Das Ergebnis dieser schematischen Vereinfachung ist „… dann ein Vorstel- lungsbild des Individuums von der Realität, ein Image, eine „Mental Map“, eine mentale Repräsentation …“, welche das Verhalten des Menschen in irgendeiner Form leitet (Tzscha- schel 1986, S. 24; Werlen 2000, S. 281). In den klassischen Konzepten der Wahrnehmungs- geographie bestand Einigkeit darüber, dass eine Ambivalenz zwischen objektiv und subjektiv wahrgenommenem Raum besteht und dass die Raumwahrnehmung interindividuell variiert. Psychologische und geographische Wahrnehmungskonzepte der Vergangenheit waren jedoch von einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Determinismus geprägt. Die Basisannah- men der Umweltpsychologie bestanden z.B. darin, dass ein bestimmter Raum ein Gefühl aus- löst und dass das menschliche Verhalten von diesem Gefühl geleitet wird. Diese Vereinfa- chung fand auch in den Anfängen der Wahrnehmungsgeographie breite Verwendung. So do- minierte auch in der Geographie ein vom Behaviorismus geprägtes, mechanistisches Men- schenbild[4]. Gemäß dem Stimulus-Response-Modell wurde die Wahrnehmung als Response auf den Umweltreiz angesehen und das Verhalten als Response auf die Wahrnehmung. Der Mensch trat somit als passiver Rezipient in den Hintergrund. Alle kognitiven Prozesse wur- den mangels Nachvollziehbarkeit und Beweisbarkeit in der sog. „Black Box“ ausgeblendet (Scheiner 2000, S. 53).

2.2 Konzeptionelle Schwächen der klassischen Wahrnehmungs- geographie

Die angedeutete Problematik des „Raumdeterminismus“ in den Anfängen der Wahrneh- mungsgeographie lassen sich auf einige zentrale Kritikpunkte zusammenfassen, die wir im Folgenden kurz darstellen werden:

- Die theoretische Trennung von objektivem und subjektivem Raum, die exemplarisch in dem Wahrnehmungsschema von Downs (1970) deutlich wird, führte zu einer Überbeto- nung eines Abhängigkeitsverhältnisses des Menschen vom physischen Raum.
- Der wahrgenommene Raum wird als Fehler, als Abweichung vom objektiven Raum defi- niert.
- Wahrnehmung wird als ein dem Handeln „vorgeschalteter“ Filter definiert, welcher durch das Kriterium der Selektivität eher ein beschränkenden (constraints) als ermöglichenden Einfluss auf das Handeln hat.
- Empirische Untersuchungen (psychologische wie auch geographische) konzentrierten sich hauptsächlich auf die Messung und Rekonstruktion von räumlichem Wissen, subjektive Aspekte wie Raumbewertungen und Präferenzen blieben weitgehend unbeachtet.

Vor diesem Hintergrund der Unhaltbarkeit des Umweltdeterminismus (verhaltenssteuernde Wirkung der physischen Umwelt) entwickelte sich die sog. Berkley-Schule der Landschafts- forschung, die in den 1920er Jahren von Carl Sauer begründet wurde. Hauptaussage dieser Entwicklung war, dass die „… Kultur die bestimmende Kraft für die menschliche Transforma- tion der Natur …“ sei (Werlen 2000, S. 278). Zwei wesentliche Erweiterungen dieser Kon- zeption bestanden darin, dass zum einen - so forderte John K. Wright - alle Arten geographi- scher Erkenntnisse in den Ansatz mit einfließen müssten. Und zum anderen erkannte William Kirk „… dass Individuen die Umwelt immer durch einen <<Filter>> hindurch wahrnehmen, der von sozialen Tatsachen und kulturellen Werten gebildet wird.““ (ebd. S. 279).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Möglichkeiten der Erkenntnisgewinnung durch die dargestellten Methoden und Konzepte, der traditionellen Wahrnehmungsgeographie sich für die Erforschung und Darstellung von räumlichen Kenntnissen eignet. Entsprechend unserer verfolgten Forschungsfragen (vgl. 4.2.2) ist es wichtig den klassischen Wahrneh- mungsansatz auf Grund der dargestellten Schwächen mit neueren Konzepten zu kombinieren.

2.3 Neuere Ansätze der Wahrnehmungsgeographie

Die passive Rolle des Menschen in dem oben beschriebenen Mensch-Umwelt-Verhältnis war jedoch Gegenstand zahlreicher Kritiken. Durch die „kognitive Wende“ veränderte sich dieses Verständnis in dem Sinne, dass zwischen Mensch und Umwelt eine Wechselwirkung besteht und dass der Mensch als aktiv und zielgerichtet handelnder Akteur und Gestalter seiner Um- welt aufgefasst wurde. Wahrnehmung wurde folglich nicht weiter als bloßes aufnehmen und einprägen von sensorischen Reizen in mentalen Bildern aufgefasst sondern trat mehr in den Bereich des Handelns. Die Abwendung vom Behaviorismus fand auch in der Wahrneh- mungsgeographie durch die Betonung subjektiver Bewusstseinsleistungen des wahrnehmen- den Individuums ihren Niederschlag. Wissenschaftstheoretisch führte diese Entwicklung zu einer Annäherung von physikalisch-ökologischen an handlungszentrierte Sichtweisen. Auf der einen Seite stellte die Entwicklung einer verhaltensorientierten Humangeographie eine Kritik an der mechanistischen und deterministischen Denktradition des „spatial approach“ dar, aber auf der anderen Seite führten einige konzeptionelle Schwächen zu einer impliziten Weiterführung der kritisierten Überbetonung physisch materieller Einflussfaktoren auf men- schliche Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen.

Auch in der konkreten forschungspraktischen Umsetzung zeigten sich Diskrepanzen auf. So äußerte sich diese Spaltung in der Geographie zum einem durch die Handhabung mit den theoretisch betonten subjektiven Daten (Einstellungen, Bewertungen), die in empirischen Studien häufig keine Beachtung fanden bzw. als „Restgrößen“ oder „statistische Störgrößen“ abgetan wurden (Scheiner 2000, S. 55). Genau diese subjektiven Daten werden wir jedoch in unserer Imageuntersuchung besonders beachten.

2.4 Begriffsdefinitionen: Kategorisierung und Operationalisierung

Ziel dieses Kapitels ist es, den theoretischen Rahmen unserer Arbeit zu spezifizieren und zentrale Begriffe zu definieren, um sie in ein Kategorienschema einzuordnen. Ausgangspunkt unserer Betrachtung bildet ein theoretisches Gedankenkonstrukt, was sich grob durch drei Schlüsselbegriffe kategorisieren lässt: Image, Identität und Stadt. Durch dieses „Dreierge- flecht“ wird deutlich, dass wir den Begriff des Images auf einer räumlich – lokalen Maßstabs- ebene betrachten und analysieren werden.

Der erste Schritt der Forschungsarbeit besteht in einer Erarbeitung eines Kategoriensystems, durch das das komplexe Konstrukt (Image von Jena) in einzelne, strukturelle Einheiten zer- teilt wird. Anschließend ist die Ermittlung von Beziehungsverhältnisse möglich. Elemente unseres Kategorienschemas sind zum einen das Imageobjekt, einzelne relevante Akteure und deren aus Wahrnehmung resultierenden, gedanklichen Repräsentation über das Objekt (Image).

Das Zentrum unseres Kategoriensystems bildet somit die Stadt Jena, die sich noch weiter in studienbezogene und ortsbezogene Attribute differenzieren lässt (vgl. Abb. 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1- Auswahl studien- und ortsbezogener Faktoren Jenas (eigene Darstellung)

Im Rahmen unserer Untersuchung ist eine vollständige Imageanalyse von Jena jedoch nicht zu leisten. Vielmehr erfolgt eine gruppenspezifische Untersuchung. Wie schon erläutert, be-

steht die Kategorie ,Akteure’ aus einer Vielzahl unterschiedlicher Personen. Der nächste Schritt besteht nun darin, aus dieser Gesamtheit, die für ein Image als Universitätsstadt rele- vanten Personen zu ermitteln und diese in Personengruppen zu kategorisieren. Als Ergebnis sind folgende drei Hauptpersonengruppen zu nennen, die sich noch in weitere Subkategorien untergliedern lassen:

- Lehrende innerhalb und außerhalb der Friedrich-Schiller-Universität (Gruppe A)
- Studierende innerhalb und außerhalb der Friedrich-Schiller-Universität (Gruppe B)
- Lehrer, Schüler und Eltern unterschiedlicher Schultypen (Gruppe C)

Unser Forschungsprojekt konzentriert sich auf die Gruppe der Lehrer, wobei wir uns zur wei- teren Differenzierung auf die Zielgruppe der Waldorfschullehrerinnen spezialisierten.

Unser Forschungsinteresse zielt jedoch nicht auf die besonderen Eigenschaften der Lehrform Waldorfpädagogik aus zwei Gründen: Einerseits würde die Vermutung eines Zusammen- hangs zwischen Pädagogikform und Image einen Vergleich implizieren, den wir in unserer Studie nicht ausreichend gerecht werden können und zum Zweiten entdeckten wir auf der Seite unserer Zielgruppe eine gewisse erhöhte Aufmerksamkeit und Skepsis gegenüber Stu- dien über die Waldorfpädagogik. Das äußerte sich vor allem in der Vorgabe der Schulleitung einer schriftlichen Stellungnahme unsererseits über den Hintergrund, das Forschungsinteresse und die Forschungsfragen der Studie[5].

2.5 Image zur (Un-) Möglichkeit einer Definition

Der Begriff des Images erfährt seit den Anfängen der 50er Jahre eine stetig wachsende Zu- wendung im öffentlichen wie auch wissenschaftlichen Diskurs. Aufgrund der Vielfalt von Kontexten und Forschungsbereichen fällt es auch einen aufmerksamen Betrachter nicht leicht, zu erfahren, was genau sich hinter dem Terminus verbirgt. So bezeichnet Rühl das Image als einen „multidiziplinären Omnibusbegriff“ (Rühl 1993, S. 55), dessen Gegenstand zahlreiche Untersuchungen in den Sozial- und Verhaltenswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, der Geographie und auch interdisziplinären Forschungsbereichen der letzten Jahre waren (Steg- mann 1997, S.1).

Angesichts der oben beschriebenen intensiven wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Imagefragen lässt sich vermuten, es herrsche Einigkeit über das Begriffs- und Bedeutungsver- ständnis, so dass wir unsere konkreten Fragestellungen in einen vorhandenen theoretischen Rahmen einbetten können. Da dem nicht so ist und um einem analytischen Durcheinander vorzubeugen, beginnen wir diesen Abschnitt damit, unsere zentralen Begriffe zu definieren, deren konzeptuellen Grundlagen genauer zu erläutern, um zuletzt eine Arbeitsdefinition von ,Image’ herauszuarbeiten.

2.6 Zur Begriffsdefinition von Image

Der lexikalische Ursprung des Begriffes Image liegt einerseits im lateinischen imago und zum Anderen im englischen image. Wobei sich ersteres mit Bild, Abbild oder Eindruck übersetzen lässt, liefert die Übersetzung des englischen Begriffes ein ähnliches Resultat. Die Liste von möglichen Bedeutungen ist lang und schwer auf einen Punkt zu bringen. Eines wird dadurch deutlich: Eine genaue Definition des Begriffes ist im Rahmen unserer Theorie wichtig und unvermeidbar. Sie wird jedoch durch eine lexikalische Ambiguität, aber vor allem durch mangelnde und z. T. unterschiedliche, theoretische Konzeptionalisierungen in verschiedenen Fachbereichen, erschwert. Man kann in der Literatur zur Imageforschung zwei Entwicklungen erkennen. Auf der einen Seite stehen Autoren, welche bestrebt sind, den Imagebegriff von synonym verwendeten Begriffen wie Einstellungen, Stereotypen oder Vorurteilen abzugren- zen (ebd. S.17). Eine andere Tendenz besteht jedoch darin, weniger den Begriff abzugrenzen, sondern die Mehrdimensionalität anzuerkennen und ihn als eine Art Sammelbezeichnung an- zusehen. „Der Begriff Image wird dann als eher variabler Terminus begriffen, der je nach vorliegendem individuellen Ausprägungsgrad des Images verschiedene Bedeutungen anneh- men kann.“ (ebd.). Volker Trommsdorff sieht darin jedoch ein Problem. Folglich kritisiert er begriffsanalytische Imagedefinitionen anderer Autoren, weil die Gefahr einer Verwechslung und Vermischung von Aussagen über die Merkmale von Image als Konstrukt und den Aus- sagen über das untersuchte Objekt (in unserem Fall Jena) groß ist (Trommsdorff 1975, S. 20). Auch die Tendenz, den Imagebegriff durch wertende und beschreibende Kriterien von ver- wandten Begriffen abzugrenzen, kann zu einer Idealisierung führen. „Diese wertenden Aus- sagen wie >>Images sind legitim<< haben ideologischen Charakter …“ und „… sind zur Kennzeichnung des Konstruktes >>Image<< nicht erforderlich.“ (ebd. S.23).

In der Geographie begann das Interesse für die Untersuchung von Images mit der revolutionä- ren Arbeit des Stadtplaners Kevin Lynch „The Image of the City“ (1960).

[...]


[1] Grundlage der Datenrecherche bildeten die Online-Datenbanken des Statistischen Bundesamtes Wiesbaden und des Thüringer Landesamtes für Statistik. http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb04_jahrtab50.asp

[2] http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb04_jahrtab50.asp

[3]The real world is taken as the starting point“ (Downs 1970, S. 84, Herv. im Original, zit. n. Scheiner 2000, S. 48).

[4] „Das behavioristische Reiz-Reaktions-Schema beherrschte die Geographie des behavioral approach unange- fochten“ (Scheiner 2000, S. 57).

[5] Wir erfuhren später, dass die Schulleitung mehrfach schlechte Erfahrungen mit wissenschaftlichen Studien in der Vergangenheit machte.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Imagerekonstruktion konkreter Orte
Untertitel
Wahrnehmung und Bewertung der Stadt Jena als Hochschulstandort
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Sozialgeorpahie III
Note
1,3
Autoren
Jahr
2006
Seiten
33
Katalognummer
V130963
ISBN (eBook)
9783640382491
ISBN (Buch)
9783640382811
Dateigröße
945 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Imagerekonstruktion, Orte, Wahrnehmung, Bewertung, Stadt, Jena, Hochschulstandort
Arbeit zitieren
Benjamin Egerer (Autor)Sven Tassotto (Autor), 2006, Imagerekonstruktion konkreter Orte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/130963

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