Das "Great Ape Project" und die Probleme mit dem Geist der Affen


Hausarbeit, 2007

27 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung:

2. Denken und Sprache
2.1.: Denken, Überzeugungen und Begriffe
2.2: Sprache und Kommunikation

3.: Bewusstsein und Selbstbewusstsein
3.1: Bewusstsein der Grossen Menschenaffen
3.2: Selbstbewusstsein
3.3: Gedankenlesen

4.: Moralische Bedenken und Ethische Konsequenzen
4.1: Evolutionsbiologische Einwände
4.2: Ethische Einwände
4.3: Personenstatus

5.: Fazit

6.: Literaturverzeichnis

1. Einleitung:

Die folgende Hausarbeit befasst sich mit der Frage nach einem Geist der Grossen Menschenaffen (Schimpanse, Gorilla und Orang-Utan) und den daraus entstehenden Problemen für die Philosophie des Geistes und die angewandte Ethik.

Um die generellen Fragestellungen eines Geistes der nicht-menschlichen Tiere darzustellen und zu untersuchen, werden Aufsätze aus dem 2005 erschienenen Sammelband „Der Geist der Tiere“[1], herausgegeben von Dominik Perler und Markus Wild, herangezogen.

Die speziellen Fragen zum Geist der Grossen Menschenaffen und der daraus folgenden Konsequenzen für die Ethik und die praktische Behandlung dieser Tiere werden durch Einbezug des im Englischen erstmals 1993 erschienenen und von Paola Cavalieri und Peter Singer herausgegebenen Sammelbandes „Menschenrechte für die Großen Menschenaffen! „Das Great Ape Projekt““[2] untersucht, in dem Grundrechte für diese Lebewesen gefordert werden (das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf Schutz vor Folter).

Aufsätze aus beiden Werken sollen, um ein Gesamtbild zu ergeben, aufeinander bezogen werden.

Zunächst sollen Fragen der Definition des Denkens und der Sprache bei nichtmenschlichen Tieren unter Einbeziehung der Sprachprojekte mit Großen Menschenaffen und verschiedene Ansichten dazu dargestellt werden.

Dann werden Bewusstsein und Selbstbewusstsein der Tiere untersucht.

Zuletzt sollen eine Analyse der ethischen Konsequenzen für die Einstufung und Behandlung der Grossen Menschenaffen erfolgen sowie eine Einschätzung der von Cavalieri und Singer erhobenen Forderung einer Einbeziehung dieser Wesen in die „Gemeinschaft der Gleichen“.

2. Denken und Sprache

Wie Perler und Wild in der Einführung zum „Geist der Tiere“ bemerken, hat schon Pierre Bayle (Ein Schüler von René Descartes) um 1697 die Tiere als den Prüfstein für jede Theorie des Geistes bezeichnet, da sich an den Tieren ihre konkrete Tragfähigkeit zeige[3]. René Descartes sprach in seinen „Meditationen“ (1641) den Tieren jegliches Denken ab und bezeichnete sie als geistlose Automaten, da sie nicht in der Lage seien Sprache (anders als der Mensch) kreativ zu verwenden. Die Handlungen der Tiere beschrieb er als rein mechanisch. Diese Ansicht, so kontra-intuitiv sie auch scheinen mag, wirft wichtige Fragen zum Zusammenhang von Gedanken und Sprache auf und die Gewichtung wird von verschiedenen Philosophen ganz unterschiedlich eingeschätzt.

Zunächst soll untersucht werden, was überhaupt unter „Geist“, „Denken“ und besonders unter Denken bei Tieren verstanden wird.

2.1.: Denken, Überzeugungen und Begriffe

Perler und Wild liefern zunächst eine Zusammenfassung der Eigenschaften, die uns dazu bewegen, Menschen einen Geist zuzuschreiben und die als Leitfaden für die Konstruktion eines Geistes der Tiere dienen können[4]. Zunächst gehen wir demnach bei Menschen von einem Bewusstsein aus, welches als phänomenales Bewusstsein, also eine Wahrnehmung und Empfindung der Umwelt, die in uns eine „Innenwelt“ entstehen lassen, beschrieben wird.

Der zweite Faktor ist der der „intentionalen Zustände“, also Zustände, die sich auf etwas in der Welt beziehen.

Den dritten, und, wie wir an den folgenden Positionen sehen werden, einen strittigen und schwierigen Faktor, macht die Sprache aus, die es uns erlaubt, die Umwelt zu kategorisieren und uns darüber zu verständigen.

Als vierter Faktor wird unsere Fähigkeit zu logischem Denken genannt, also unsere Fähigkeit, korrekte Schlüsse zu ziehen.

Tieren einen Geist zuzuschreiben erfordert also, erhebt man die Minimalforderung, eine dieser Fähigkeiten, oder, erhebt man die Maximalforderung, alle vier davon.

Welche dieser Forderungen von den Grossen Menschenaffen erfüllt werden, soll später untersucht werden.

Zunächst werden einige Positionen, die sich mit dem Problem des Denkens befassen, vorgestellt.

Eine erste Definition des Gedankens liefert Norman Malcolm in seinem Aufsatz „Gedankenlose Tiere[5]. Er bezieht sich auf Descartes selbst, der eine Unterscheidung zwischen Gedanken als Bildern von Dingen und Gedanken als den Affekten, Wollungen oder Urteilen vornimmt. Malcolm legt Descartes hier so aus, dass es zwei Formen von Gedanken gibt, die zuerst beschriebene enthält eine „Idee“, die eine Repräsentation meint. Diese wird, so Malcolm, gewöhnlich als „Proposition“ oder „propositionaler Gehalt“ gesehen, Ideen können bejaht oder verneint werden, man kann eine Einstellung zu ihnen haben. Die zweite Form von Gedanken ist demnach eine Art Einstellung, die man gegenüber einem propositionalen Gehalt

einnimmt. Es handelt sich hierbei um eine „propositionale Einstellung“, die z.B. das Bejahen, Verneinen oder Wollen von etwas sein kann. Nach Malcolm wäre diese zweite Form von Gedanken heute auch als „mentale Verfassung“ zu bezeichnen.

Um diese beiden Formen zu verdeutlichen, bringt Malcolm das Beispiel eines Zusammentreffens mit einem Löwen an. Die Repräsentation wäre hier etwa „Der Löwe wird mich möglicherweise angreifen“, die mentale Verfassung dazu wäre Furcht. Beide Gedankenformen lassen sich in dem Satz „Ich fürchte, der Löwe wird mich möglicherweise angreifen“ verbinden.[6]

Obwohl Descartes auch beim Menschen viele Handlungen als durch die Maschinerie des Körpers verursacht beschreibt, schreibt er dem Menschen den Willen als entscheidende Instanz zwischen Wahrnehmung und Handlung zu. Den Tieren hingegen spricht er sowohl den propositionalen Gehalt als auch eine propositionale Einstellung ab. Sie bleiben der Stufe der Affekte verhaftet. Ihre Bewegungen sind demnach lediglich Reaktionen auf Reize, so als würde man einen Schalter betätigen. Tiere haben keine Ideen und nehmen keine Einstellungen zu ihnen ein, sie reagieren, ihre Reaktionen werden aber nicht von einem Willen gesteuert oder von Gedanken begleitet. Bei Descartes ist ein Gedanke das, dessen ich mir bewusst bin. Ohne Gedanken muss den Tieren also auch das Bewusstsein fehlen. Malcolm versteht Descartes so, dass er den Tieren dieses abspricht „weil sie nie an Propositionen denken[7].

Hier greift Malcolm Descartes an, da dieser versäumt, eine Unterscheidung zwischen „denken“ und „Gedanken haben“ zu treffen. Der Sinn, in dem wir „denken“ bei Tieren verwenden ist demnach der, dass wir keinen propositionalen Gehalt im Sinn haben, wenn wir z.B. einem Hund, der an einem Baum kratzt, Gedanken zuschreiben (er denkt, die Katze sei auf dem Baum…). Auf diese Weise benutzen wir „denken“ in manchen Fällen auch bei Menschen, wenn wir ihnen Gedanken zuschreiben, von denen wir nicht glauben, dass sie diese im Moment wirklich so haben (er dachte, dass…). Hier beruft sich Malcolm auf unsere Alltagssprache, in der derartige Verwendungen von „denken“ richtig sind.

Descartes hat nach Malcolm den Fehler gemacht, zu glauben, menschliches Denken sei immer propositional. Aufgrund der Erkenntnis, dass auch menschliche Empfindungen nicht immer Gedanken einschließen, schätzt Malcolm die Kluft zwischen Menschen und zumindest den höheren Tieren als weniger gravierend ein.

Allerdings verneint er, dass Tiere, obwohl wir ihnen Gedanken zuschreiben, tatsächlich Gedanken mit ihrem Verhalten ausdrücken, da sie keine Sprache besitzen.

Er sieht viele Bewusstseinsformen, die die Tiere mit den Menschen teilen (jene ohne propositionalen Gehalt und Gedanken) und obwohl wir den Tieren aufgrund der ihnen fehlenden Sprache (was, wie wir später noch anhand der Grossen Menschenaffen sehen werden, eine Frage der Definition von Sprache ist) keine Gedanken zuschreiben können, gibt es eine Kontinuität im Bewusstsein von Tier und Mensch.

Nun soll ein anderes Phänomen des Geistes behandelt werden, welches Stephen P. Stich anführt, wenn er die Frage stellt: „Haben Tiere Überzeugungen?[8].

Um diese Frage zu klären zieht Stich zunächst unsere informelle psychologische Alltagstheorie heran, die wir gebrauchen, um sowohl tierisches als auch menschliches Verhalten zu erklären. Die Grundpfeiler dieser Theorie sind Wünsche und Überzeugungen.

Eine bestimmte Klasse von Wünschen kann nach Stich Verhalten auslösen, Wünsche niedriger Stufe direkt (wenn z.B. der Wunsch besteht, den Körper in eine gewisse Richtung zu bewegen), Wünsche höherer Stufe durch Zusammenwirken mit Überzeugungen, was wiederum Wünsche niedriger Stufe und damit Verhalten bedingt.

Obwohl Stich dieses Wunsch-Überzeugung Modell selbst nicht für überzeugend hält, so sagt er doch, dass, wenn Menschen Überzeugungen haben, (höhere) Tiere diese auch haben müssen, da wir ihr Verhalten mit dieser Theorie auf die gleiche Weise erklären.

Gegen die Zuschreibung von Tierüberzeugungen spricht nach Stich allerdings die Tatsache, dass wir Überzeugungen bei Tieren niemals konkret benennen können, da wir ihnen Begriffe zuschreiben müssten, die sie nicht besitzen. Auch David Armstrong, dessen Position Stich referiert, kommt zu dem Schluss, dass, soviel wir auch über Tierbegriffe herausfinden mögen, wir ihren Gehalt doch niemals spezifizieren können.

Also kommt Stich zu dem Schluss, dass, wenn wir unseren Begriff von Überzeugung der Problematik anpassen wollen, der Gehalt eine der ersten Eigenschaften sein muss, die entfernt werden[9]. Unser derzeitiger Begriff von Überzeugung ist demnach nicht geeignet, die Frage nach Tierüberzeugungen zu klären. Dadurch, dass jetzt auf den Gehalt von Überzeugungen zu sprechen gekommen ist, sind wir bei dem Problem des Zusammenhangs von Sprache und Gedanken angelangt.

Donald Davidson bezieht sich ebenfalls auf Überzeugungen, wenn er über „rationale Lebewesen[10] schreibt, um eine Überzeugung zu haben, sei es notwendig, einen Begriff von „Überzeugung“ zu haben, den man aber wiederum nur haben könne, wenn man über Sprache verfügt. Sein Kriterium für Rationalität sind propositionale Einstellungen, die ein komplexes Netz bilden und Sprache bedingen. Sprache wiederum ist nach Davidson notwendig, um eine geteilte Welt mit anderen zu haben, die einen Wahrheitsbegriff teilen und somit erst Überzeugungen (die wahr oder falsch sein können) einen Sinn geben. Für Davidson ist klar, dass „Rationalität ein soziales Merkmal ist. Nur Kommunikationspartner haben sie.[11] Diese Auffassung von Sprache als notwendiger Bedingung für Denken ist eine extreme Position, die nicht von allen Philosophen geteilt wird.

So ist für John R. Searle Sprache nicht konstitutiv für Überzeugungen. Er unterscheidet zwischen intentionalen Zuständen, die keiner Sprache bedürfen und die deshalb auch Tieren möglich sind, und solchen, die Tieren unmöglich sind. So können Tiere Überzeugungen durch Sinneseindrücke gewinnen („…und sehen und riechen ist glauben.[12] ).

Hier bringt er auch, was die Diskontinuität zwischen Mensch und Tier angeht, die oft in Bezug auf Denken angenommen wird, die biologische Ähnlichkeit der Gehirne von Menschen, höheren Tieren und vor allen Dingen Primaten zur Sprache, die derartige Annahmen fragwürdig erscheinen lassen. Seine Argumentationsrichtung setzt sich in Form eines biologischen Naturalismus fort, wenn er, um dem Dualismus (Körper und Geist) zu entkommen, die geistigen Phänomene als „biologische Vorgänge, die in menschlichen und bestimmten tierischen Gehirnen vorkommen[13] bezeichnet.

Hans Johann Glock, der sich dem Problem von Tierbegriffen noch einmal explizit zuwendet,

bemerkt, dass „bislang kein Argument gegen die Möglichkeit nicht-sprachlicher Begriffsbildung und damit nicht-sprachlicher begrifflicher Gedanken vorliegt[14].

Er verwehrt sich allerdings Searles rein biologistischem Ansatz und betont, dass Bewusstsein zunächst begrifflich identifiziert werden muss, was wiederum eine explizit philosophische Aufgabenstellung ist. Auch wendet er sich gegen Davidson indem er einräumt, der Besitz von Gedanken setze den Besitz von Begriffen nicht voraus und stimmt mit Searle darin überein, dass bei Tieren die sensorische Wahrnehmung der Umwelt entscheidend ist und sich dadurch eine nicht-sprachliche Entsprechung von Intentionalität konstruieren ließe.

[...]


[1] Perler, Dominik & Wild, Markus (Hrsg.): Der Geist der Tiere: Philosophische Texte zu einer aktuellen Diskussion. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2005

[2] Cavalieri, Paola & Singer, Peter (Hrsg.): Menschenrechte für die Großen Menschenaffen! „Das Great Ape Projekt“, München: Wilhelm Goldmann Verlag, 1996

[3] Der Geist der Tiere, S. 28

[4] ebd., S. 10-12

[5] Der Geist der Tiere, S.77

[6] ebd., S. 81

[7] ebd., S. 86

[8] Der Geist der Tiere., S.95 ff.

[9] Der Geist der Tiere, S. 116

[10] ebd., S. 117

[11] ebd., S. 131

[12] ebd., S. 141

[13] ebd., S. 144

[14] Der Geist der Tiere, S. 182

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das "Great Ape Project" und die Probleme mit dem Geist der Affen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Philosophie)
Veranstaltung
Bewusstsein und Evolution
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V132458
ISBN (eBook)
9783640385980
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Great, Project, Probleme, Geist, Affen
Arbeit zitieren
Thomas Höller (Autor), 2007, Das "Great Ape Project" und die Probleme mit dem Geist der Affen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132458

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