Die monotheistischen Religionen haben im Laufe der Zeit Theorien aufgestellt, wie scheinbar sinnloses Leid mit einem gütigen, allwissenden und allmächtigen Gott in Einklang gebracht werden können. Der Versuch der Vereinbarung des Gottesbildes mit schwerem Leid wird als "Theodizee" bezeichnet. Doch können die traditionellen Theorien angesichts der schrecklichen Taten der Shoa überhaupt noch Antwortmöglichkeiten bieten?
Diese Frage hat sich auch der deutsch-jüdische Philosoph Hans Jonas gestellt. Er versucht in seiner Rede "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" eine Antwort auf die Theodizeefrage zu finden. Jonas geht zunächst auch von den Voraussetzungen der traditionellen Theodizeen aus, kommt aber, geprägt von der jüdischen Theologie und den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges, zu eigenen Erkenntnissen. Dieser Wandel der Beantwortung der Theodizee aus der Sicht des Judentums ist Gegenstand dieser Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEODIZEE
3. AUSERWÄHLUNG UND BUNDESCHLUSS DES VOLKES ISRAEL
4. TRADITIONELL JÜDISCHE THEOLOGIE
4.1 HIOBSFRAGE ALS BEANTWORTUNG DES LEIDENS DER GERECHTEN?
5. INNERJÜDISCHE ANTWORTVERSUCHE
5.1 DER GOTTESBEGRIFF NACH AUSCHWITZ. EINE JÜDISCHE STIMME
6. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel in der jüdischen Beantwortung der Theodizeefrage infolge der Shoa, wobei der Fokus insbesondere auf dem philosophischen Entwurf von Hans Jonas liegt, der Gott als ohnmächtig gegenüber seiner Schöpfung neu interpretiert.
- Grundlagen der Theodizee und das jüdische Gottesbild
- Die traditionelle jüdische Straftheodizee und ihre Krise nach Auschwitz
- Die Hiobsfrage als Auseinandersetzung mit Leiden ohne Sinn
- Der philosophische Entwurf von Hans Jonas: Gott nach Auschwitz
- Die radikale Neuinterpretation göttlicher Allmacht und Selbstentäußerung
Auszug aus dem Buch
Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme
Hans Jonas war ein deutsch – jüdischer Philosoph der 1984 in seinem Vortrag anlässlich der Verleihung des Dr. Leopold-Lucas-Preises der Evangelisch-theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen „Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ versuchte, eine Antwort auf die Theodizeefrage nach Auschwitz zu geben. Er gab diese Antwort als Philosoph des 20ten Jahrhunderts, aber auch als Jude, der das Leiden seines Volkes in der eigenen Familie durchlitt (Rommel, 2011, S.165).
In diesem Vortrag möchte Jonas einen Gott verstehen, der angesichts des Millionenfachen Mordes an den in Europa lebenden Juden nicht eingegriffen hat. Solch einen Gott kann Jonas nicht weiter als gut, allwissend und allmächtig ansehen. Trotzdem möchte er nicht vom Gottesbegriff an sich ablassen. Da Jonas mit den alten jüdischen Glaubensgrundsätzen zu keiner Klärung der Theodizeefrage kommt, entwickelt er einen eigenen „Mythos“ (Gross & Kuschel, 1992, S.170f.). Jonas selbst weiß, dass er nur ein „ein Stück unverhüllt spekulativer Theologie“ (Jonas, 1987, S.7) bieten kann. Er sieht das Leid in Auschwitz und das Scheitern der Erklärungsversuche der traditionellen theologischen Antwortversuche als einen Anlass, das Verhältnis von Gott zur Welt neu zu überdenken (Gross & Kuschel, 1992, S.174).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Shoa als radikalem Bruch, der die traditionelle Frage nach der Vereinbarkeit von Leid und einem allmächtigen Gott im Judentum neu stellt.
2. THEODIZEE: Definition des Theodizee-Begriffs und Erläuterung der klassischen drei Formen des Übels nach Leibniz sowie der logischen Problematik des monotheistischen Gottesbildes.
3. AUSERWÄHLUNG UND BUNDESCHLUSS DES VOLKES ISRAEL: Analyse der Bedeutung des Bundes zwischen Gott und Israel sowie die daraus erwachsende, verschärfte Perspektive auf das radikale Leid der Shoa.
4. TRADITIONELL JÜDISCHE THEOLOGIE: Untersuchung klassischer jüdischer Deutungsmuster wie der Tun-Ergehen-Theodizee und der Straftheodizee im Kontext der biblischen Überlieferung.
4.1 HIOBSFRAGE ALS BEANTWORTUNG DES LEIDENS DER GERECHTEN?: Betrachtung des Buches Hiob als Verkörperung des Leidens-Problems, das keine einfache Antwort liefert, sondern klagendes Ringen zulässt.
5. INNERJÜDISCHE ANTWORTVERSUCHE: Überblick über verschiedene Ansätze innerhalb des modernen Judentums, auf die Erfahrung des Holocaust theologisch zu reagieren.
5.1 DER GOTTESBEGRIFF NACH AUSCHWITZ. EINE JÜDISCHE STIMME: Darstellung des philosophischen Ansatzes von Hans Jonas, der Gott als leidenden, aber nicht allmächtigen Schöpfer begreift.
6. FAZIT: Zusammenfassende Einschätzung, dass Auschwitz eine eindeutige Theodizee-Antwort verunmöglicht und der Versuch von Jonas als philosophischer Diskussionsbeitrag zu verstehen ist.
Schlüsselwörter
Theodizee, Shoa, Hans Jonas, Judentum, Auschwitz, Gottesbegriff, Allmacht, Bundesschluss, Leid, Hiobsfrage, Straftheodizee, Selbstentäußerung Gottes, TaNaCH, Religion, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie die Theodizee – also die Rechtfertigung Gottes angesichts des Leids in der Welt – nach dem Zivilisationsbruch durch die Shoa innerhalb des Judentums neu gedacht werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der jüdische Gottesglaube, die Idee des Bundes, traditionelle Konzepte der Straftheodizee sowie die philosophische Auseinandersetzung mit der Ohnmacht oder dem Rückzug Gottes in der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hans Jonas durch eine radikale Neuinterpretation göttlicher Eigenschaften versucht, das jüdische Gottesbild angesichts der Shoa zu bewahren, ohne es zu verharmlosen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Publikation ist eine geisteswissenschaftliche Analyse, die philosophische Texte und theologische Diskurse, insbesondere die Schriften von Hans Jonas, interpretiert und in den Kontext der jüdischen Tradition setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Grundlagen der Theodizee sowie traditionelle jüdische Vorstellungen erläutert, bevor der Fokus auf die Versuche gelegt wird, die Shoa theologisch zu verarbeiten, gipfelnd in Jonas’ Entwurf eines mit-leidenden Gottes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Theodizee, Shoa, Hans Jonas, Judentum, Allmacht, Leid, Hiobsfrage und Selbstentäußerung Gottes sind die bestimmenden Kernbegriffe.
Wie begreift Hans Jonas die göttliche Allmacht nach Auschwitz?
Jonas revidiert den traditionellen Allmachtsbegriff und stellt die These auf, dass Gott durch die Schöpfung bewusst auf seine Eingriffsmöglichkeit verzichtet hat, um dem Menschen Freiheit und Eigenverantwortung zu gewähren.
Warum reicht die traditionelle Straftheodizee laut der Autorin nach der Shoa nicht mehr aus?
Die Autorin argumentiert, dass die ungeheure Dimension und Sinnlosigkeit der Shoa nicht durch menschliches Fehlverhalten oder kollektive Schuld erklärt werden kann, da dies das Leid der Opfer zusätzlich abwerten würde.
Gilt das Buch Hiob als direkte Lösung für das Leid in Auschwitz?
Nein, das Buch Hiob bietet keine rationale Erklärung für das Leid an. Vielmehr dient es als Vorbild dafür, dass der leidende Mensch Gott gegenüber klagen und ihn ansprechen darf, ohne eine einfache Antwort zu erwarten.
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- Julia Möller (Author), 2020, Wo war Gott in Auschwitz? Wandel in der Beantwortung der Theodizeefrage im Judentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1324889