Aspekte der Moderne in Italo Svevos 'La coscienza di Zeno'


Hausarbeit, 2007

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Uberblick fiber die narratologischen Strukturen
2.1 Zeit
2.1 a) Ordnung
2.1 b) Dauer
2.1 c) Frequenz
2.2 Modus
2.2 a) Distanz
2.2 b) Fokalisierung
2.3 Stimme
2.3 a) Zeitpunkt
2.3 b) Ort S.
2.3 c) Stellung des Erzählers zum Geschehen
2.3 d) Adressat
Bedeutung von Dr. S.

3. Die wichtigsten narratologischen Mittel
3.1 Der Ich-Erzähler (das gedoppelte Ich)
3.2 Die chronologische Ordnung (assoziative Ordnung)

4. La coscienza di Zeno im Vergleich mit Senilita

5. Fazit: Die Modernit at von La coscienza di Zeno

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nachdem seine beiden ersten Romane Una Vita (1892) und Senility (1898) von Literaturkritikern und Lesepublikum weitgehend unbeachtet geblieben waren, hatte Italo Svevo die Literatur schon fast aufgegeben. Erst die Bekanntschaft mit James Joyce und dessen Ermunterung zum Schreiben veranlassten ihn schlieBlich dazu, 25 Jahre später einen weiteren Roman zu veröffentlichen: La coscienza die Zeno (1923). Joyce nennt diesen Roman Svevos bestes Werk und im Vergleich zu den beiden vorhergehenden, Una Vita und Senility sind deutliche Entwicklungen zu erkennen. Mit Recht gehört La coscienza di Zeno heute zu den groBen Romanen der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Im folgenden soll die Frage beantwortet werden, was die Modernität des Romans ausmacht. Zu diesem Zweck werden zunächst die wichtigsten narratologischen Strukturen analysiert. Danach soll ausf@hrlicher auf zwei ent-scheidende Punkte der Erzählsituation eingegangen werden, nämlich den Ich-Erzähler (bzw. das gedoppelte Ich) und die chronologische Ordnung. AnschlieBend soll ein kurzer Vergleich mit Senility die Weiterentwicklung in Italo Svevos Werk durch La coscienza di Zeno zeigen. Ausgehend von der vorhergehenden Uberlegungen beziiglich den narrativen Strategien des Romans sollen — mit besonderem Schwerpunkt auf die Bedeutung der Erzählinstanz — die Faktoren zusammengefasst werden, die die Modernität von La coscienza di Zeno ausmachen.

2. Uberblick fiber die narratologischen Strukturen

2.1 Zeit

2.1 a) Ordnung

Die zeitliche Abfolge richtet sich nicht nach der chronologischen Ordnung der Ereignisse. Die Kapitel sind nach verschiedenen Themen geordnet, die durch eine assoziative Vorgehensweise miteinander verbunden sind. Es treten immer wieder Analepsen und Prolepsen auf. Auf diesen Aspekt soll in 3.2 ausf@hrlicher eingegangen werden.1

2.1 b) Dauer

Die Dauer ist ebenfalls stark von den subjektiven Empfindungen geprägt. Das Verhältnis von erzählter Zeit und Erzählzeit gestaltet sich sehr unterschiedlich. Es finden häufige Wechsel statt zwischen zeitraffendem, zeitdeckendem und zeitdehnendem Erzählen, je nachdem, welchen Stellenwert ein Ereignis fir den Erzähler hat. Während Ereignisse wie der Tod von Zenos Vater oder sein vergebliches Werben um Ada und die anschlieBende Hochzeit mit Augusta oder seine Affäre mit Carla ganze Kapitel einnehmen, wird zum Beispiel die Geburt seiner Kinder nur am Rande erwähnt.

2.1 c) Frequenz

Uberwiegend findet singulatives Erzählen statt, die Ereignisse werden in der Regel einmal erzählt. Ausnahmen entstehen durch die assoziative Ordnung der Erzählung (siehe 3. 2), weil die Ereignisse nicht chronologisch erzählt werden, überschneiden sich die einzelnen Episoden, so dass einige Details mehrmals erzählt werden.

Auch iteratives Erzählen findet statt, Gewohnheiten, die mehrmals geschehen, aber keinen besonderen Stellenwert in der Geschichte einnehmen, werden nur einmal zusammenfassend erzählt.

2.2 Modus

2.2 a) Distanz

In der berichtenden Erzählung ordnet und bewertet der Erzähler das Ereignisse immer wieder durch ausführliche Kommentare und Beschreibungen. Dadurch entsteht Distanz zum Geschehen, die ebenfalls in einer zeitlichen Distanz zwischen Erleben und Erzählen zutage tritt. Die zeitliche Distanz wird allerdings im Verlauf des Romans immer geringer, im letzten Kapitel ist der zeitliche Abstand zwischen Erleben und Erzählen am geringsten. Ereignisse werden überwiegend im narrativen Modus wiedergegeben.

Dialoge hingegen werden teilweise in direkt zitierter Rede übermittelt und tendieren daher eher zum dramatischen Modus. In Bezug auf die Wiedergabe von Dialogen muss allerdings auch die Unzuverlässigkeit des Erzählers bedacht werden, der keine tatsächlichen Dialoge, sondern seine Erinnerung daran aufschreibt und sich dabei nicht an den Wortlaut halten kann. Alle Dialoge unterliegen genauso wie auch die Erzählung von Ereignissen der subjektiven Wahrnehmung Zenos.

2.2 b) Fokalisierung

Es findet fast ausschlieBlich interne Fokalisierung statt, einzige Reflektorfigur ist der Protagonist Zeno Cosini, der auch der Erzähler der Geschichte ist und nicht über seinen eigenen Erfahrungshorizont hinaus über die Gedanken und Gefühle berichten kann. Die Innensicht der anderen Figuren kann also nur eine Spekulation Zenos sein.

Davon ausgenommen ist das fiktive Vorwort des Dr. S., was aber für den späteren Verlauf der Romans von geringer Bedeutung ist und daher in Bezug auf diese narratologische Kategorie vernachlässigt werden kann.

2.3 Stimme

2.3 a) Zeitpunkt

Die Ereignisse werden erst im Nachhinein erzählt, nicht in dem Augenblick, in dem sie geschehen. Es handelt sich also um späteres Erzählen. Wie viel Zeit tatsächlich zwischen Erleben und Erzählen liegt, lässt sich nicht genau sagen, da es dafür im Roman nur wenige Anhaltspunkte gibt und es oft unklar bleibt, wie viel Zeit die Ereignisse tatsächlich in Anspruch nehmen.

Erst im letzten Kapitel „Psico-Analisi" gibt es konkrete Zeitangaben („3 Maggio 1915"2). Aber auch hier macht sich die Unzuverlässigkeit des Erzählers bemerkbar, denn obwohl er anmerkt „[d]al Maggio dell'anno scorso non avevo piii toccato questo libercolo"3, ist der vorhergehende Eintrag datiert auf den 26. Juni4.

2.3 b) Ort

Es gibt zwei Ebenen der Erzählung. Das Vorwort des Dr. S. thematisiert den eigenen Schreibvorgang, der damit als intradiegetischer Erzähler fungiert. Dieser bildet die Rahmenhandlung fir die metadiegetische Erzählung, den Bericht von Zeno Cosini.

2.3 c)

Stellung des Erzählers zum Geschehen Zeno Cosini ist nicht nur ein homodiegetischer, sondern sogar ein autodiegetischer Erzähler, er ist der Protagonist der Geschichte. Dabei muss aber unterschieden werden zwischen erzählendem Ich und erzähltem bzw. erlebendem Ich. Durch diese Dopplung entfällt die Notwendigkeit eines weiteren extradiegetischen Erzählers der die Figuren von auBen kritisch betrachtet. Welche Folgen dies fir den Roman hat wird in 3. 1 noch ausfiihrlicher zur Sprache kommen.

2.3 d) Adressat

Zeno Cosini schreibt seinen Bericht im Rahmen einer psychoanalytische Therapie. In diesem Kontext ist der Adressat eigentlich sein Therapeut, Dr. S., der die Schrift später, wie er im Vorwort erklärt, veroffentlicht, weil Zeno die Behandlung mangels Erfolg abgebrochen hat: „Le pubblico per vendetta e spero gli dispiaccia"5. Im Laufe des Romans wird aber mehr und mehr deutlich, dass Zeno auch fiir sich selbst schreibt, um sich und seine Probleme besser zu verstehen.

Bedeutung von Dr. S.

Die Figur des Dottor S. wird dem Geschehen als einleitende Instanz vorgeschaltet, die die Umstände der Veröffentlichung erklärt. Inhaltlich gesehen publiziert er, wie schon gesagt, Zenos Aufzeichnungen, die dieser fiir ihn im Rahmen einer psychoanalytischen Therapie verfasst hat, aus Rache, nach dessen Abbruch der Behandlung. Auf formaler Ebene ist er einerseits der Adressat der Aufzeichnungen, andererseits aber auch „l'unica voce che, oltre a Zeno, dica io"6. Er gehört aus erzähltechnischer Perspektive also sowohl in die Kategorie des Adressaten als auch der Stimme. Allerdings tritt er nach dem ersten Kapitel, seiner Einleitung, vollständig hinter der Erzählung Zeno Cosinis zuriick und hat keine Bedeutung mehr fiir den weiteren Verlauf der Geschichte. Der Leser hat vielmehr den Eindruck, dass Zeno die Erzählung fiir sich selbst verfasst, korrespondierend zu der Dopplung bzw. Vervielfachung seines „Ich" wendet er sich an sich auf der einen Seite an sein friiheres Ich und auf der anderen Seite benutzt er dessen Erfahrungen, um sich iiber seine eigenen Verhaltensweisen klar zu werden.

Obwohl es neben Zenos Erzählung eine weitere Erzählinstanz gibt, trägt diese nicht dazu bei die Subjektivität der Darstellung zu mindern. Nach seinem Vorwort iiberlässt er Zeno das Wort und tritt an keiner Stelle der Aufzeichnungen mehr hervor.

3. Uberschrift

3.1 Der Ich-Erzähler (das gedoppelte Ich)

Wie oben bereits erwähnt setzt sich der homodiegetische Erzähler zusammen aus einem erlebenden Ich und — in zeitlichem Abstand — dem erzählenden Ich, das das Erlebte niederschreibt. Es gibt keinen extradiegetischen Erzähler, der iiber den Figuren stiinde, vielleicht sogar mehr wiisste als sie und mehrere Perspektiven wiedergegeben könnte. Diese Aufgabe wird in La coscienza di Zeno vom Protagonisten selbst iibernommen, der dadurch automatisch zur einzigen Fokalisierungsinstanz wird und zwei Funktionen einnimmt, er ist sowohl Subjekt als auch Objekt der Erzählung: „[D]a un lato ê soggetto dell'enunciazione, dall'altro fa parte dell'enunciato come soggeto dell'azione narrata."7

[...]


1 Die folgende Darstellung orientiert sich an: Matias Martinez; Michael Scheffel: Einhrung in die Erz a hltheorie. Munchen 1999.

2 Italo Svevo: La conscienza di Zeno. Milano 2006. S. 335

3 ibid. S. 362

4 vgl. Svevo S. 253

5 Svevo S. 3

6 Adriano Bon: Come leggere la coscienza di Zeno di Italo Svevo. Milano 1977. S. 2

7 Carla Benedetti: La soggettivitiz nel racconto. Proust e Svevo. Napoli 198 4. S. 17

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Moderne in Italo Svevos 'La coscienza di Zeno'
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V132742
ISBN (eBook)
9783640447046
ISBN (Buch)
9783640447459
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moderne, Italo Svevo, Senilità, James Joyce
Arbeit zitieren
Martina Drautzburg (Autor), 2007, Aspekte der Moderne in Italo Svevos 'La coscienza di Zeno', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132742

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