Geographische Repräsentationen der Populärkultur: Tim im Kongo

Wie mit rassistischen Stereotypen wirksam Geographie gemacht werden kann


Hausarbeit, 2008

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 „’Tim und Struppi’ – Bestseller dank Rassismus-Vorwurf“

2 Wirkung und Wirksamkeit der geographischen Repräsentation im Comic
2.1 Der Schwarze und der Weiße Mann – Farben und ihre Wirkung im Raumbild
2.2 Der weiße Held erteilt Befehl – ‚Schwarz’ akzeptiert und führt aus
2.3 Tim erklärt den ‚afrikanischen Kindern’ die Welt
2.3.1 Lehrer Tim – das Vorbild für Mathematik und korrektes Sprechen
2.3.2 Der Kongo und seine infantilen Streithähne
2.3.3 Magier Tim und seine göttlichen Kräfte
2.4 Das Spiel mit der Emotion Angst
2.5 Achtung: Selbstbedienung! – Plünderung des Dschungels
2.6 Abklatsch der Realität: Die Figur Tim oder doch Henry Morton Stanley?

3 Rassistisches Raumbild als Verkaufserfolg

Abbildungsverzeichnis:

Literaturverzeichnis:

1 „’Tim und Struppi’ – Bestseller dank Rassismus-Vorwurf“

Passend zum 100. Geburtstag des bekannten Comic-Autors Hergé kommt es wegen einem seiner Werke zu einer Gerichtsklage: ‚Tim im Kongo’ enthalte rassistische Vorurteile, beanstandet der kongolesische Student Bienvenu Mbutu Mondondo im Sommer 2007 bei einem belgischen Gericht. Die britische „Comission for Racial Equality“ bestätigt den Vorwurf und fordert die Rücknahme des Comics aus den Verkaufsregalen, woraufhin in den USA und England mehrere Buchhandelsketten den Band aus der Kinderabteilung verbannen. Entgegen der beabsichtigten Wirkung, steigt indessen die Nachfrage nach der rassistisch gebrandmarkten Lektüre. Fazit: ‚Tim im Kongo’ platziert sich im Juli 2007 auf Platz acht der Bestsellerliste des Internethändlers Amazon.[1][2] Doch das Afrika-Abenteuer des Comic-Helden Tim war nicht immer mit derartigem Erfolg gekürt. In der Zeit der Entkolonialisierung erfährt der Band Tim im Kongo harsche Kritik und ist ab 1964 nicht mehr verlegt worden. Erst nachdem eine zairische (!) Zeitschrift im Jahre 1970 den Comic veröffentlicht, folgen von Seiten Europas Neuauflagen. In Großbritannien beispielsweise jedoch ist der Comic bis zum Jahr 2006 nicht im Handel erhältlich und eben genanntes Gerichtsurteil zeugt davon, dass sein Erfolg im vereinigten Königreich auch zukünftig verhalten bleiben mag. Selbst Autor Hergé beäugt sein Werk im Interview mit Peeters kritisch; er habe schlichtweg das gezeichnet, was man sich erzählte über Afrika und seine Bewohner und sozusagen den paternalistischen Geist in den Comic integriert, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschte.[3] Für den am 22. Mai 1907 in Etterbeek bei Brüssel geborenen Zeichner sei das Kreieren eines Comics immer das Erzählen einer Geschichte, wobei er stets den Anfang und das Ende im Voraus kenne, beim Weg zum Ziel lasse er sich von seinen ‚Augenblickseingebungen’ inspirieren.[4] Hergé – oder auch George Remi – besucht nie eine Zeichenschule, sondern beginnt seine Comic-Autor-Karriere als alleinverantwortlicher Leiter der Kinderbeilage „Le petit Vingtième“ der stark klerikal ausgerichteten und rechtskonservativen Zeitung „Le XXième Siècle“, der er im Jahr 1925 nach seinem Realschulabschluss beitritt. Drei Jahre später erfolgt die Erstausgabe der „Petit Vingtième“, in der am 10. Januar 1929 die Comichelden ‚Tim und Struppi’ Premiere feiern.[5] Journalistenfigur Tim, die im Großen und Ganzen, abgesehen von seiner blonden Haartolle, ohne persönliche Eigenheiten auskommt, erscheint als stets junggeblieben und vital. Tim ist das personifizierte Abstraktheitsprinzip der Neutralität und begibt sich als Art Beobachter ohne schlechtes Gewissen in politisch heiße Gefahrensituationen.[6] Er ist Sinnbild vernünftigen Handelns und erfüllt somit Vorbildfunktion, nicht zuletzt durch seine Entschlossenheit und Tapferkeit.[7] Hund Struppi ist vor allem an seinem schneeweißes Fell zu erkennen und fungiert als treuer Begleiter, der nie um einen Kommentar verwegen ist. Die erste Reise der Helden Tim und Struppi führt in die Sowjetunion und ist gekennzeichnet durch Witz, Chaos und Blutvergießen. Für die beiden offensichtlichen Anti-Kommunisten definiert sich das Reiseland als Katastrophengebiet. ‚Tim im Lande der Sowjets’ erscheint lediglich von 1929 bis 1930 in der Kinderbeilage „Le petit Vingtième“ und ist auf ausdrücklichen Wunsch Hergés nie als Album verlegt worden. Das erste ‚offizielle’ Album ‚Tim im Kongo’ erscheint erstmalig 1930 ebenfalls in der Kinderbeilage und ist mehr Idee Remis Vorgesetztem Abbé Wallez als von ihm selbst. Hergés Ziel, seinen Comichelden nach Amerika zu schicken wurde quasi ‚verschoben’ durch den Auftrag, eine „Rechtfertigung der riesigen belgischen Kolonie“[8] zu zeichnen.[9] Das 110 Seiten umfassende Werk wurde wegen Papierknappheit während des Zweiten Weltkrieges gekürzt und umgearbeitet bzw. koloriert. Die Grundelemente der nun 62-seitigen Geschichte bleiben erhalten: Es finden sich zahlreiche rassistische Klischees der damaligen Kolonialzeit, die in über 30 Sprachen übersetzt worden sind.[10] Die vorliegende Arbeit zieht für die Analyse der geographischen Repräsentation in ‚Tim im Kongo’ die 23. und somit aktuellste Auflage des Bandes aus dem Jahr 1997 heran. Wie bereits die Aufregungen im vergangenen Jahr um das Abenteuer ‚Tim im Kongo’ zeigen, dienen die zahlreich über den Ladentisch gereichten Comics nicht nur zur bloßen Unterhaltung, sondern auch als offensichtlich geeignetes Medium für die Kreation bestimmter Raumvorstellungen. Tim reist in den Kongo, in das ferne Land, das abseits des kolonialistischen Europa liegt, und legt dem Rezipient ein bestimmtes Bild über diesen geographischen Raum vor. Zunächst kann dieser Raum rein physisch definiert werden als Gebiet, das sich als drittgrößter Staat Afrikas in Äquatorialafrika befindet und somit durch den großen Äquatorialwald bedeckt ist. Der Kongo-Fluss, der einen äußerst hohen Anteil an Süßwasser aufweist, die noch 20 km von der Küste entfernt zu im Atlantik zu sehen ist, entwässert zusammen mit seinen Nebenflüssen die breite zentrale Ebene des Landes. Es herrscht aufgrund der geografischen gewaltigen Größe des Staates ein besonders abwechslungsreiches Klima. Der Kongo ist durch außerordentlichen mineralischen Reichtum gekennzeichnet.[11] Betrachtet man den Comic nicht nur aus dem Blickwinkel der physischen Geographie, sondern weitet man die Wahrnehmung auf den Bereich der Anthropogeographie aus, so lässt sich unweigerlich feststellen, dass ein spezifisches, Geographie produzierendes Raumbild durch den Comic an den Leser herangetragen wird. Als Teilbereich der Anthropogeographie versteht die handlungsorientierte Sozialgeographie unter eben genanntem Geographie machen eine Art Handlungskette. Raum kann dem Handeln von Menschen nicht vorausgehen, sondern vielmehr durch menschliches Handeln kreiert werden.[12] So entwirft ‚Tim im Kongo’ ein solches Raumbild, das in Folge mit dem Begriff ‚Kongo’ assoziiert wird. Es entstehen Assoziationsketten in jeglichen thematischen Zusammenhängen; der Leser verbindet nun möglicherweise den Begriff ‚Kongo’ unverzüglich mit jenem, von Hergé mit und durch den Comic entworfenem Raumbild.[13] Der Begriff Raum bedeutet in diesem Zusammenhang ‚soziales Konstrukt’[14], und weniger ein durch physische Grenzen definiertes Areal. Im Folgenden soll kritisch betrachtet werden, in welcher Art und Weise der Comic ‚Tim im Kongo’ Geographie macht. Im Rückschluss auf seine eigene Aussage kann konstatiert werden, dass Hergé beim Zeichnen seines Comics und somit bei der Produktion des von ihm klar definierten Raumbildes über den Kongo, zunächst seine eigene Wahrnehmung jenes Raumes zugrunde legt:

„Als ich (…) ‚Tim im Kongo’ zeichnete, war ich voll von den bourgeoisen Vorurteilen der Zeit, in der ich lebte… 1930 wusste ich nichts von dem Kongo als das, was sich die Leute damals erzählten: ‚Die Neger sind wie große Kinder… Ein Glück für sie, daß es uns gibt’, usw. Und nach diesen Kriterien habe ich die Afrikaner gezeichnet, in dem rein paternalistischen Geist, der zu dieser Zeit in Belgien herrschte.“[15]

Die Grundlage für Raumkreation bildet also die Wahrnehmung selbigem. Darauf aufbauend wird das Wahrgenommene subjektiv im Bewusstsein abgebildet und in eine ‚Bedeutungs-Skala’ eingeordnet. Diese Bedeutung der subjektiven Abbildung im Bewusstsein ist ausschlaggebend für das Verhalten, also das Handeln – im Falle Hergés, des Zeichnens – des Individuums.[16] Erweitert man diesen Ansatz der verhaltenstheoretischen Humangeographie hinsichtlich der Reproduktion von Raumbildern, so kann vermutet werden, dass der Raum Kongo, so wie ihn George Remi vor dem Entwurf seines Comics ‚Tim im Kongo’ wahrgenommen hat, wiederum bereits durch Belgien bzw. durch Einstellungen in der belgischen, kolonialistisch denkenden Gesellschaft produziert worden ist. „Hergés erstes ‚offizielles’ Tim-Album bietet kolonialistische Klischees in kaum zu übersehender Fülle“[17] und zeichnet somit ein wahrheitsverzerrtes, mit eindeutig rassistischen Inhalten gefülltes Bild über den Raum Kongo – eben wie es der Tradition nach im Europa der Kolonialzeit vorherrscht. Hergé nimmt die Ideologie der damaligen Zeit auf und bildet diese mit seinem Tim-im-Kongo-Band nicht nur originalgetreu ab, er liefert vielmehr eine Art Rechtfertigung und Apologisierung für die als ‚Hilfsaktion’ dargestellten Wesenszüge des Imperialismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ausbeutung, Sklaverei, europäischer Hochmut und Naivität der Afrikaner werden so thematisiert, wie im damaligen Alltag vorhanden: rassistisch. Durch die klare Trennung der heldenhaften, intelligenten, kulturtragenden ‚weißen’ Gruppe von den ‚schwarzen’, infantilen, dummen und kaum Kultur vorweisenden Kongolesen integriert Hergé den Rassengedanken in sein Werk. Durch „vererbliche, äußere Merkmale“[18] unterscheiden sich Rassen voneinander.[19] Rassismus erklärt sich des Weiteren dadurch, dass jene Merkmale in Bezug auf die eigene Rasse erhöht und in Bezug auf andere Rassen abgewertet werden. Es kommt zu Vorurteilen, Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber der fremden Rasse[20] – im vorliegenden Fall gegenüber dem Kongo bzw. den Kongolesen. Hergé macht durch die Darstellung solcher rassistischer Stereotype in seinem Comic ‚Tim im Kongo’ Geographie durch das Zeichnen des ideologisierten Raumbildes. Als Forschungsgegenstand dieser Arbeit sollen nun Wirkung und Wirksamkeit des Geographie-Machens Hergés - zum Erscheinungszeitpunkt des Comics sowie im heutigen Kontext - ergründet werden. Es soll dabei anhand ausgewählter Beispiele die These der rassistischen Darstellung im Comic begründet sowie die Frage nach den Ursachen des Verkaufserfolgs diskutiert werden.[21] Im Anschluss folgt eine Zusammenfassung über mögliche Gefahren des Geographie-Machens Hergés sowie die damit im Zusammenhang stehende Reproduktion eines Raumbildes. Die Arbeit schließt ein kurzer Überblick über eventuell zu ergreifende Maßnahmen gegen weiteres Transportieren solcher und ähnlicher rassistischer Raumbilder über den Kongo bzw. über Afrika und die dortige Bevölkerung ab.

2 Wirkung und Wirksamkeit der geographischen Repräsentation im Comic

Wie bereits festgestellt, beläuft sich die geographische Repräsentation in ‚Tim im Kongo’ auf das Zeichnen rassistischer Stereotype bzw. durch die bildliche Wiedergabe und den Rechtfertigungsversuch der kolonialistischen Denk- und Handlungsweisen. Wie nun im Einzelnen das vom afrikanischen Land Kongo und den dortigen Gegebenheiten entworfene Raumbild wirkt, d. h. primär, das durch Hergé bildlich dargestellte ‚Zusammenspiel’ zwischen Natur, Kongolesen und Europäern, wird in Folge anhand ausgewählter Themenbereiche erläutert. Zudem soll auf den Begriff der Wirksamkeit eingegangen werden, die sich in der vorliegenden Arbeit als Analyse der Autorenabsicht definiert.

2.1 Der Schwarze und der Weiße Mann – Farben und ihre Wirkung im Raumbild

Zwar erscheint die noch über 100-seitige Erstauflage des Bandes ‚Tim im Kongo’ in Schwarz-Weiß-Druck und eine Aussage über Farbwirkung ist somit kaum möglich; im Jahr 1946 jedoch wird der Comic, neben der Kürzung auf 62 Seiten und der partiellen Umgestaltung, koloriert. Hergé nimmt keine wesentlichen Inhaltskürzungen vor, er fügt vielmehr der bisherigen ideologistischen Darstellung der Kongolesen ein weiteres wesentliches ‚Rassen-Merkmal’ hinzu: Er zeichnet die Haut der Afrikaner schlichtweg schwarz. Zwar sind Schattierungen erkennbar, jedoch bedient sich Hergé keinerlei Brauntöne, was einer wahrheitsgemäßen Abbildung der Haut der Afrikaner entspräche. Schwarz ist im europäischen Kulturkontext die Farbe des Negativen und des Unglücks[22], des Unheils und des Bösen.[23] Hergé bedient sich des in der Gesellschaft verbreiteten Verständnisses von der Farbe Schwarz, vor allem in Bezug auf die „sozialpsychologisch bedingte Hautfarbenlehre“[24]. Die schwarze Haut des Negers ist „kein Produkt der Natur, sondern ein ideologisches Erzeugnis“[25] und somit Schöpfung des wissenschaftlichen Bedürfnis’ nach eindeutiger Klassifikation von „Rassen“. Die Selbstverständlichkeit, mit der Europäer sich selbst auch heute oftmals noch als ‚weiß’ und alle anderen als ‚farbig’ bezeichnen, ist jener rassistischen Farbenlehre zuzurechnen, die dem Bedürfnis entspringt, sich selbst von ‚den anderen’ zu distanzieren.[26] Jene Ablehnung und Abneigung wird im Comic dadurch verdeutlicht, dass die Hautfarbe der Figuren europäischer bzw. amerikanischer „Herkunft“ zum einen sehr realitätsgetreu – in einem zarten rosa – dargestellt wird, zum andern Hund Struppi sowie die Kleidung der Missionare oder Tims provokativ weiß gehalten sind. Weiß und Schwarz werden direkt gegenübergestellt; eine klare Abgrenzung und sogar Hierarchisierung der Farben ist erkennbar. Im Gegensatz zu schwarz ist weiß im europäischen Kulturkontext kaum mit negativen Eigenschaften belegt. Völker mit heller Hautfarbe sehen die unbunte Farbe weiß als die vollkommenste aller Farben an. Sie ist Sinnbild für Reinheit, der Wahrheit und Unschuld[27]. Weiß gilt als die höchste Farbe in der katholischen Kirche und wird darüber hinaus als magisch angesehen[28]. Als Extrem der Schwarz-Weiß-Konfrontation kann das Titelbild des Comics ‚Tim im Kongo’ gesehen werden. Auf der Fahrerseite ist Tim in ‚schneeweißer’ Kleidung positioniert, zu seiner Linken der Terrier Tim, ebenfalls mit makellos wirkendem, weißem Fell. Er ist erkennbar größer dargestellt als Coco, sein ‚Boy’, der rechts neben Tim auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. Diese Über-/Unterordnung wird weiterhin betont durch das Abbilden des Kongolesen nach dem klischeehaften Kindchenschema: große Augen, breites Grinsen[29] und – schwarzer Hautfarbe.[30] Ein weiteres Indiz, das für die Aufstellung einer Rangordnung zwischen Weiß und Schwarz spricht, ist die Schlüsselszene des Comics, das Aufdecken einer Gangsterbande Al Capones, der sich die afrikanische Diamantenproduktion unter den Nagel reißen will. Sowohl Gangster als auch Protagonisten sind weiße Europäer bzw. US-Bürger. Auch die wohl spannendsten Bildfolgen im ganzen Comic sind jene, in denen Tim gegen den – ebenfalls weißen – Banditen Tom um Leben und Tod kämpft. Hergé kombiniert geschickt die Wirkung der Farben im Einzelnen bzw. im Zusammenspiel und nutzt zudem die gesellschaftlich verbreiteten Einstellungen und Vorurteile gegenüber Afrikanern. Er kreiert ein von Rassismus geprägtes Bild über den Raum Kongo, in dem Weiß eindeutig über Schwarz steht.

2.2 Der weiße Held erteilt Befehl – ‚Schwarz’ akzeptiert und führt aus

Doch nicht nur Farben kreieren Hierarchie in ‚Tim im Kongo’. Auch die heldenhafte Darstellung der weißen Europäer gegenüber den feige und dümmlich wirkenden Kongolesen schafft ein klares Rangverhältnis, worin ein weiteres wichtiges Betrachtungsfeld bei der Analyse der Raum- bzw. Geographie-Produktion besteht. Was mit dem Sinn und Zweck des Comics an sich zusammenhängen mag, ist das heldenhafte Auftreten des Protagonisten Tims und seinem Begleiter Struppi. Doch ist Tim eindeutig auch besserwisserischer Befehlshaber, der den Kongo-Bürgern klare Weisungen vorgibt und sich dadurch eine gewisse Machtposition schafft. Kurz nach der Ankunft im fernen Land begrüßt Protagonist Tim sogleich Coco, seinen Safari-Begleiter, mit erhobenem Zeigefinger (S.13). Coco wird im ganzen Comic als inferior im Bezug auf Tim und Struppi dargestellt, was durch fortwährende Befehle von Seiten Tims besonders deutlich wird. „Warte hier und pass auf…“ (S. 14) oder die etwas forschere Aufforderung „Mach uns lieber die Antilope zurecht“ (S. 20) sollen zwei ausgewählte Beispiele der zahlreichen Instruktionen des Helden in Bezug auf Coco sein. In der Realität standen Befehle in direktem Zusammenhang mit Zwangsarbeit. So auch beim Umbau der Eisenbahnlinie zwischen Matadi und Leopoldville, die für den Transport der Hauptprodukte des Kongo[31] – Kautschuk, Elfenbein, Diamanten, Kupfer und Coltan – diente. Die Streckenverbesserung fand zwischen 1921 und 1931 statt und forderte mehr Menschenleben als beim Neubau der Linie, der etwa 35 Jahre davor stattgefunden hatte. Michael Farr geht davon aus, dass Hergé sich bei ‚Tim im Kongo’ einer Fotografie von eben dieser Eisenbahnlinie bedient haben muss. Hinzu kommt, das detaillierte Landkarten die Kreuzung der Bahnstrecke mit einer Straße zeigen und die Fahrt im Comic in „Bruzzelville“ (S. 23) endet, was als Synonym für „Leopoldville“ stehen könnte.[32] Betrachtet man nun die ‚Befehlslage’ in dieser Szene, fällt auf, dass sich die Anweisungen Tims beim Zusammenstoß der Afrika-Erkunder mit einem kongolesischen Zug äußerst emotionsgeladen sind. Nachdem Fahrer Tim beim Versuch die Eisenbahngleise zu passieren, mitten auf den Gleisen stehenbleibt, wird sein Safari-Jeep vom Zug gerammt. Ironischerweise stürzt der Zug mit den kongolesischen Fahrgästen um, das Auto bleibt unversehrt. „Willst du jetzt mit anfassen, ja oder nein?“ (S. 22) raunzt Tim den afrikanischen Fahrgästen zu, um den Zug wieder auf die Bahngleise zu hieven. Auch Struppi meldet sich diesmal befehlend mit dem Ausspruch „Los, ans Werk, ihr Faulpelze!“ zu Wort, um die Kongolesen zur Hilfestellung beim Aufstellen der umgestürzten Lokomotive zu mobilisieren. Zu beachten ist hierbei die ausdrucksstarke Mimik der Figuren. Tim und Struppi zeigen eine äußerst verärgerte Miene, der ihren forschen Aufforderungen bildliche Unterstützung leistet. Die Gesichter der Afrikaner hingegen zeigen nach einer ersten Aufgeregtheit eher einen Gesichtsausdruck der Verwunderung oder des Nicht-Verstehens. Neben der Aufstellung einer Weiß-Schwarz-Hierarchie via Befehlsgeber und Befehlsempfänger, sind in dieser Szene weitere rassistische Anspielungen erkennbar an den Aussagen der Kongolesen: „Ich muss mal!“ oder „…ich werden schmutzig!“ (S. 22). Hergé stellt sie als Drückeberger dar, die nur widerwillig bereit sind, mit anzupacken. Gegenteilig dazu ist Tim derjenige, der den Zug schließlich an sein Ziel bringt; er schleppt die Eisenbahn mit seinem Safari-Wagen ab. Durch seine klare Rollenzuweisung – Afrikaner als dümmlich-faule Befehlsempfänger, Tim und Struppi als heldenhafte Kommandanten – produziert Hergé nicht nur rassistische Stereotype, er lässt die Figuren zudem in einem bestimmten Machtverhältnis zueinander stehen. Nach Max Weber ist Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“[33] Ein Machtverhältnis definiert sich durch ein zweiseitiges Austauschverhältnis, bei dem eine Seite über Macht verfügt und die andere Seite diese akzeptiert.[34] Nach kaum vernehmbarem Widerspruch von Seiten der Kongolesen äußert sich deren ‚Akzeptanz’ besonders überschwänglich. Schon bei ihrer Ankunft werden sie verehrt und gefeiert mit lauten „Hoch Tim! Hoch Struppi“-Rufen (S. 11); als Abschluss des Bandes findet der Leser ein 2/3 der Seite einnehmendes Bild, auf dem Tim und Struppi sogar als Götzenstatuen dargestellt sind, vor denen die Bewohner des Kongos als Zeichen der Ergebenheit niederknien. Ähnliche Unterwürfigkeit zieht sich durch den ganzen Comic, beginnend mit der Begrüßung des afrikanischen Schiffspersonals mit „mein Herr“ (S. 3), über den Kniefall eines Kongolesen vor dem Helden mit den Worten „Weisser grosser Medizinmann…er können schwarze Magie“ (S. 30), bis hin zum Angebot TseTseGobars an Tim „Jetzt ich dein dingsbums Sklave“ (S. 34) oder der Ernennung des Hundes Struppi zum Stammeshäuptling. Die Anerkennung von Macht gilt als Grundlage für die Ausführung der Befehle der ‚weißen Helden’, die als rangmäßig über den Afrikanern stehend vom Autor dargestellt werden. Eine solche Präsentation entspricht einem weiteren rassistischen Stereotyp im Comic und macht dementsprechende Geographie im Hinblick auf den Raum Kongo. Doch nicht nur durch Unterordnung lässt Hergé die Kongolesen dümmlich erscheinen, er schreibt ihnen zudem Infantilität und Kulturfremdheit zu. Wie Tim versucht, dieser Kindlichkeit Abhilfe zu verschaffen, ist Inhalt des folgenden Absatzes.

[...]


[1] Voi (2007): „Tim und Struppi“-Bestseller dank Rassismus-Vorwurf, http://www.20min.ch/unterhaltung/kult/story/28229075 (05.03.2007)

[2] ebd.

[3] Peeters, S. 43

[4] ebd., S. 24

[5] ebd., S. 9-22

[6] ebd., S. 1

[7] Nasab, S. 97

[8] Peeters, S. 41

[9] Klebes, S. 1-5

[10] Peeters, S. 41-50

[11] Idongo-Imbanda (2008), Geografie, http://www.kongo-kinshasa.de/geografie/index.php

[12] Werlen, S. 392 ff.

[13] Beispiel für eine Assoziationskette: Kongo – Comic – Tim und Struppi – amüsant – Neger schwarz und dumm – Tim und Struppi als Held.

[14] Werlen, S. 392 ff.

[15] Peeters, S. 43

[16] Werlen, 392 ff.

[17] Klebes, S. 1

[18] Schubert, Rasse/Rassismus, http://www.bpb.de/wissen/A02P76,0,Das_Politiklexikon.html (04.03.2008)

[19] So zeichnet Hergé die Kongolesen im Comic einheitlich mit dicken Lippen, großen Augen, runden Nasen und unterlässt weitgehend – zumindest auf den ersten Seiten – das Zeichnen von Mimik in den Gesichtern der Afrikaner.

[20] Schubert, Rasse/Rassismus, http://www.bpb.de/wissen/A02P76,0,Das_Politiklexikon.html (04.03.2008)

[21] Analysegegenstand der Arbeit: Vollständig überarbeitete und kolorierte Neuauflage aus dem Jahr 1946. Sämtliche Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Auflage und finden sich in Klammern der jeweiligen Thematik im Textverlauf zugeordnet. Einzeln zu diskutierende Bildfolgen aus dem Originalband von 1931 finden sich im Abbildungsverzeichnis.

[22] Lexikalisierte Ausdrücke im Deutschen als Ausdruck von Unheil: „schwarz malen“, „schwarzer Freitag“, „schwarzer Peter“; ~ im Englischen: „black ice“ (Glatteis), „blackmail“ (Erpresserschreiben)

[23] Bartel, S. 33

[24] Kattmann, S. 8

[25] Hund, S. 1005ff.

[26] Kattmann, S. 8

[27] Bilder im Kulturkontext Deutschlands: „weiße Lilie“ für unbefleckte Empfängnis, „weiße Weste“ für untadeliges Verhalten

[28] Bartel, S. 28

[29] Kindchenschema: „Bezeichnung für die Kombination verschiedener Körper- und Verhaltensmerkmale, die für das Kleinkind charakteristisch sind und beim Erwachsenen als Schlüsselreiz den Pflegeinstinkt ansprechen und entsprechendes soziales Verhalten auslösen. Nach Konrad Lorenz gehören zum K. neben einer kleinen Köpergestalt rundliche Körperformen, ein im Verhältnis zum übrigen Körper großer Kopf, eine hohe vorgewölbte Stirn, große Augen, rundliche Wangen (…). Hinzu kommen (…) die zaghaften bis tollpatschigen Bewegungen“ (http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/projekte/PLEX/Plex/lemmata/K-Lemma/Kinchen.html)

[30] Ergänzend zu erwähnen wäre hier die gewählte Farbkombination rot (Cocos Hemd) mit schwarz (Cocos Hautfarbe). Schwarz-Rot birgt folgende gängigen Farb-Assoziationen: Brutalität, Bosheit, Hölle, negativ, provokativ, Gefahr

[31] Hartmann, S. 4

[32] Die französische Aussprache von „Bruzzel“ ist lautmalerisch fast identisch mit „Bruxelles“

[33] Weber, S. 28

[34] Schubert, Macht, http://www.bpb.de/wissen/A02P76,0,Das_Politiklexikon.html (04.03.2008)

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Geographische Repräsentationen der Populärkultur: Tim im Kongo
Untertitel
Wie mit rassistischen Stereotypen wirksam Geographie gemacht werden kann
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl Anthropogeographie)
Veranstaltung
Geographische Repräsentationen der Populärkultur
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
34
Katalognummer
V132773
ISBN (eBook)
9783640395729
ISBN (Buch)
9783640396207
Dateigröße
1369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geographische, Repräsentationen, Populärkultur, Kongo, Stereotypen, Geographie
Arbeit zitieren
Jeanine Findeis (Autor), 2008, Geographische Repräsentationen der Populärkultur: Tim im Kongo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/132773

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