Anliegen dieser Arbeit ist es, die Verse der Paulusbriefe, in denen homosexuelles Verhalten verurteilt wird, unter historisch- kritischen Gesichtspunkten zu untersuchen und dabei der Frage nachzugehen, ob man bei Paulus überhaupt von Homosexualität, so wie wir sie heute kennen, sprechen kann. Dafür soll zunächst der moderne Begriff Sexualität unter psychologischen, gesellschaftlichen und historischen Gesichtspunkten definiert und homosexuelles Verhalten in der paganen sowie jüdischen Umwelt des Paulus in den Blick genommen werden. Im weiteren Verlauf sollen der Apostel Paulus selbst vorgestellt werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf seiner missionarischen Tätigkeit und den von ihm verfassten Briefen. Anschließend werden die umstrittenen Verse der Paulusbriefe, in denen Paulus homosexuelles Verhalten thematisiert, genauer betrachtet und unter Berücksichtigung der Fragestellung ausgelegt. Abschließend soll, rückblickend auf die Ergebnisse dieser Arbeit, ein Fazit gezogen werden, welches die vorgestellte Fragestellung, ob man bei Paulus von Homosexualität sprechen kann, beantworten soll.
Dem ehemaligen Priesteranwärter wurde von der römisch-katholischen Kirche vorgeworfen, er würde durch das Veröffentlichen dieses Bildes mit Homosexuellen solidarisieren und auf diese Art Homosexualität propagieren. Diese Beispiele sollen aufzeigen, wie wichtig es ist, auch im Jahr 2021 über das Thema Homosexualität, insbesondere im Zusammenhang mit Kirche zu sprechen. Ist die Bibel tatsächlich ein Buch, das Homosexualität verurteilt? Da Jesus selbst sich nach neutestamentlicher Überlieferung nie zu homosexuellem Verhalten geäußert hat, finden sich Äußerungen gegen homosexuelles Verhalten lediglich in den Paulusbriefen, genauer gesagt in 1 Kor 6,9; 1 Tim 1,10 und Röm 1,26f.
Seither gilt Homosexualität als ein kontroverses Thema in der römisch-katholischen Kirche. So beschloss die Glaubenskongregation des Vatikans im März 2021, dass Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare in der römisch-katholischen Kirche kirchenrechtlich nicht möglich seien. So sei es nicht erlaubt, „[…] Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe [...] einschließen, wie dies bei Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts der Fall ist“.
Bereits in den Jahren 1986 und 2003 äußerte sich Papst emeritus Benedikt XVI - damals noch als Joseph Kardinal Ratzinger - ablehnend gegenüber homosexuellen Partnerschaften und kritisierte diese aufs Schärfste. Dabei berief er sich u.a. auf Röm 1,24-27 und betitelte homosexuelle Beziehungen in diesem Zusammenhang als „schwere Verirrungen“. Außerdem sei Männern und Frauen mit homosexuellen Tendenzen nach der Lehre der Kirche mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen, da homosexuelle Praktiken zu den Sünden gehörten, die schwer gegen die Keuschheit verstoßen würden.
Allerdings spiegelt die römisch-katholische Sichtweise auf Homosexualität nicht die der Gesellschaft wider. So gaben 86% der Deutschen bei einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2019 an, Homosexualität sollte gesellschaftlich akzeptiert werden. Selbes gilt für die katholisch geprägten Länder Spanien mit 89% und Italien mit 75%. Wohl merkt die Studie jedoch an, dass Menschen, die dazu neigen, zu behaupten, ihre Religion sei ihnen sehr wichtig, seltener dazu tendieren, Homosexualität zu akzeptieren. So geben 47% der Menschen, die in den letzten zehn Jahren aus der Kirche ausgetreten sind, an, dass der Grund dafür sei, dass sie mit den Moral- und Gesellschaftsvorstellungen der Kirche nicht mehr übereinstimmen würden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sexualität im historischen Rekurs
2.1. Sexualität und sexuelle Orientierung
2.2. Homosexualität und homosexuelles Verhalten
2.3. Gesellschaftliche Aspekte von Sexualität
2.4. Kultur- und religionsgeschichtlicher Hintergrund von homosexuellem Verhalten
2.4.1. Homosexuelles Verhalten in der heidnischen Umwelt des Paulus, speziell im griechischen und römischen Reich
2.4.2. Homosexualität in der jüdischen Umwelt des Paulus
3. Paulus und die Paulusbriefe
3.1. Der Apostel Paulus
3.2. Die Paulusbriefe
4. Ablehnung homosexuellen Verhaltens in den Paulusbriefen
4.1. Ablehnung homosexuellen Verhaltens in 1 Kor 6,9
4.2. Ablehnung homosexuellen Verhaltens in 1 Tim 1,10
4.3. Ablehnung homosexuellen Verhaltens in Röm 1,26f.
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Verse der Paulusbriefe, in denen homosexuelles Verhalten verurteilt wird, unter historisch-kritischen Gesichtspunkten, um der zentralen Forschungsfrage nachzugehen, ob bei Paulus überhaupt von Homosexualität im modernen Verständnis gesprochen werden kann.
- Definition und wissenschaftliche Einordnung des modernen Sexualitätsbegriffs
- Analyse des kulturellen und religionsgeschichtlichen Umfelds zu Lebzeiten des Paulus
- Exegese der relevanten Stellen 1 Kor 6,9, 1 Tim 1,10 und Röm 1,26f.
- Untersuchung der paulinischen Briefkultur und der Absichten des Autors
- Kritische Reflexion der Übertragbarkeit antiker Texte auf moderne Debatten
Auszug aus dem Buch
2.4.1. Homosexuelles Verhalten in der heidnischen Umwelt des Paulus, speziell im griechischen und römischen Reich
Griechenland und Rom waren männlich dominierte Gesellschaften, die Sexualität als natürlichen Teil des Lebens anerkannten. Die männliche Natur wurde dabei als bisexuell angesehen. So war männliches homosexuelles Verhalten sowohl in der griechischen als auch in der römischen Antike akzeptiert und selbstverständlich.
In der griechischen Kultur ging es bei der (männlichen) Sexualität nicht um das Geschlecht, zu dem Männer sich angezogen fühlten, sondern vielmehr darum, dass diese sich generell zu schönen Individuen angezogen fühlten. Jedoch wurden die männlichen Individuen i.d.R. für schöner gehalten. Trotz möglicher Altersunterschiede galten Männer als gleichrangig. Anders als in der römischen Kultur galt die erotische Beziehung zwischen einem erwachsenen Mann und einem Jüngling von angesehener Herkunft als Liebesideal und hatte einen hohen Stellenwert. Man spricht dabei von Päderastie, zu Deutsch: Knabenliebe.
Nichtsdestotrotz gab es dabei Einschränkungen und Warnungen vor männlicher Passivität. Der gleichgeschlechtliche Sex zwischen Männern und Knaben beschränkte sich auf bestimmte Positionen, die keine komplette Passivität oder Unterwerfung erforderten. Erlaubt war dementsprechend lediglich der Schenkelverkehr, nicht aber der Analverkehr, da dieser für den freigeborenen Mann als widernatürlich und demütigend galt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Relevanz des Themas im Kontext der römisch-katholischen Kirche und stellt die Forschungsfrage zur paulinischen Sichtweise auf Homosexualität vor.
2. Sexualität im historischen Rekurs: Dieses Kapitel definiert Sexualität als gesellschaftliches Konstrukt und untersucht, wie dieses Verständnis auf die griechisch-römische Antike und die jüdische Umwelt des Paulus übertragen werden kann.
3. Paulus und die Paulusbriefe: Nach einer Einführung in die Person des Apostels Paulus werden die Paulusbriefe als Kommunikations- und Instruktionsmedium im Kontext der frühen Briefkultur analysiert.
4. Ablehnung homosexuellen Verhaltens in den Paulusbriefen: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Exegese der umstrittenen Verse 1 Kor 6,9, 1 Tim 1,10 und Röm 1,26f. unter Berücksichtigung ihres historisch-kritischen Kontexts.
5. Fazit: Das Fazit beantwortet die Forschungsfrage negativ, da Paulus keine Konzepte von persönlicher Identität und sexueller Orientierung im modernen Sinne kannte und es ihm primär um soziale Hierarchien und Schöpfungsordnungen ging.
Schlüsselwörter
Paulus, Homosexualität, Sexualethik, Bibel, Römerbrief, 1. Korintherbrief, Päderastie, Schöpfungsordnung, Antike, Exegese, Sexualität, Geschlechterrollen, Heiligkeitsgesetz, Idolatrie, Kulturwesen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Bachelorarbeit untersucht die biblisch-paulinische Haltung zu homosexuellem Verhalten vor dem Hintergrund der antiken gesellschaftlichen Strukturen und vergleicht diese mit heutigen modernen Ansätzen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernpunkten zählen die antike Sexualethik, die jüdischen sowie paganen Traditionen zur Zeit des Paulus und die Rolle der Schöpfungsordnung in den paulinischen Briefen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach, ob man Paulus, der in einem völlig anderen kulturgeschichtlichen Kontext schrieb, überhaupt einen Diskus über „Homosexualität“ im heutigen Sinne zuschreiben kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden genutzt?
Es handelt sich um eine exegetische und historisch-kritische Analyse biblischer Texte, ergänzt durch soziologische und sexualwissenschaftliche Perspektiven.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der detaillierten Auslegung der einschlägigen Stellen 1 Kor 6,9, 1 Tim 1,10 und Röm 1,26f. inklusive deren Einordnung in Lasterkataloge.
Wie lässt sich die Arbeit zusammenfassend charakterisieren?
Sie ist eine interdisziplinäre exegetische Untersuchung, die moderne Begriffe wie „Homosexualität“ kritisch von antiken Vorstellungen der Päderastie und Geschlechterrollen abgrenzt.
Warum wird das Alte Testament in einer Arbeit über Paulus behandelt?
Die jüdische Umwelt und das Heiligkeitsgesetz im AT bilden das moralisch-theologische Fundament, das Paulus als Pharisäer und Theologe maßgeblich geprägt hat.
Welchen Stellenwert nimmt die Päderastie ein?
Die Untersuchung macht deutlich, dass antike „homosexuelle“ Praktiken wie die Päderastie im Zentrum der paulinischen Kritik standen, was jedoch fundamental von modernen, gleichberechtigten Partnerschaften zu unterscheiden ist.
- Quote paper
- Daniel Wiebe (Author), 2021, Die Paulusbriefe. Das Verhältnis der katholischen Kirche zu Homosexualität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1330440