Zunächst wird in dieser Hausarbeit darauf eingegangen, welche Faktoren die beiden Erzählungen in der Forschung als Sterbenarrativ auszeichnen. Dabei wird sich zeigen, welche Elemente der sog. "Sterbeerzählung" sich in- und außerhalb der erzählten Welten finden lassen. Ob die beiden Kurzgeschichten als Darstellungen von Sterbeprozessen der Untergattung ‚Sterbeerzählung‘ zuzuordnen sind, muss im Fortgang der Arbeit anhand unterschiedlicher Aspekte und Betrachtungsweisen herausgearbeitet und einzeln im Detail untersucht werden. Den Platz, den die Sterbeerfahrungen selbst in den Erzählungen einnehmen sowie die besonderen Lebensläufe der Protagonisten und die damit einhergehende Gesellschaftskritik stehen dabei im Fokus der Untersuchung.
Die von Andreas Mauz angeführten Merkmale der Sterbeerzählung dienen dabei nicht nur zur Analyse von Kurt Martis "Neapel sehen", sondern auch dem Vergleich beider Geschichten. Dabei wird sich zeigen, dass sich die Präsentation des Erzählten zwar deutlich voneinander unterscheidet, sich die jeweiligen Protagonisten aber trotz dieser erzählerischen Kontraste stärker ähneln als sich auf den ersten Blick vermuten lässt. Dies wird anhand einer inhärenten Gesellschaftskritik sowie der literaturgeschichtlichen Einordnung verdeutlicht. Abschließend wird sich herausstellen, dass die erzählten Selbstreflexionen der "um ihr Leben Betrogenen" und die damit verbundene Gesellschaftskritik den Diskurs über das Sterben exemplarisch markieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Elemente der Sterbeerzählung
2.1. Diskurs vs. Präsentation
2.2. Gesellschaftskritik und Selbstreflexion
3. Die Darstellung des Sterbeprozesses
3.1. Der Tod in der Literaturgeschichte
3.2. Der Tod in Neapel sehen und der Spiegelschichte
4. Fazit
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Sterbeprozessen in Ilse Aichingers "Spiegelgeschichte" und Kurt Martis "Neapel sehen". Sie analysiert, inwieweit diese Erzählungen der Gattung der "Sterbeerzählung" zugeordnet werden können und wie die Protagonisten durch Selbstreflexion ihre Identität im Angesicht des Todes zurückerobern, anstatt nur als Objekte fremdbestimmter Lebensumstände zu fungieren.
- Analyse literarischer Sterbediskurse im 20. Jahrhundert
- Vergleich der Erzählweise (Diskurs vs. Präsentation)
- Untersuchung gesellschaftskritischer Aspekte (z.B. Akkordarbeit, Abtreibung)
- Rolle der Selbstreflexion als Mittel zur Identitätsstiftung
- Literarische Einordnung des "eigenen" Todes nach Kierkegaard und Heidegger
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Tod in der Literaturgeschichte
Die literarische Darstellung des Todes hat sich im Laufe vergangener Epochen in Korrelation zu den Ansichten der Menschen über den Tod gravierend verändert wie Sandra Poppe zeigt.70 Während der Tod von der Antike über das Mittelalter bis hin zur Neuzeit zwar vorwiegend mystifiziert und mit Metaphern wie ‚Schnitter‘ oder ‚Sensenmann‘ besetzt wurde, war dieser dennoch ein akzeptierter Bestandteil des menschlichen Daseins. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts setzte die gesellschaftliche und damit auch literarische Verdrängung des Todes ein. Sogar das Angsthaben vor dem Tod war im Zuge der Aufklärung zu einem Tabu erklärt worden, wie Thomas Anz bemerkt: „Denn Angst, so sehen es die Aufklärer, lähmt den Verstand“71. Die Schönheit und die Vernunft schienen als geeignete Mittel die Angst vor dem Tod und die Hässlichkeit des Sterbens zu bewältigen. Einige bekannte Euphemismen für das Sterben wie z.B. ‚friedliches Einschlafen‘ oder ‚sanftes Entgleiten‘ gehen auf die Epoche der Aufklärung zurück wie bereits Kierkegaard kritisiert:
[U]nd so hat man denn auch den Tod eine Nacht genannt, und die Vorstellung gemildert indem man ihn einen Schlaf nannte. […] Aber, mein Zuhörer, dies ist Stimmung, und den Tod auf diese Art zu denken ist kein Ernst.72
Die damit verbundene Ästhetisierung des Sterbeprozesses reicht weit über die Epoche der Aufklärung hinaus, wie man u. a. an dem romantischen Motiv der Todessehnsucht erkennen kann.73 Die „Häßlichkeit, Absurdität oder Inhumanität des Sterbens und des Todes“74 waren aus der westlichen Kultur weitestgehend verschwunden. Erst mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kamen die Todesbilder der Décadence bzw. des Fin de Siècle hinzu, die überwiegend durch den Verfall, die Desillusion und schließlich auch durch die Hässlichkeit des Sterbens geprägt waren. Die Verdrängung des Todes setzte sich aber weiterhin fort:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Sterbedarstellung ein und verknüpft die Analysen von Kurt Martis "Neapel sehen" und Ilse Aichingers "Spiegelgeschichte" mit existenzialistischen Ansätzen von Søren Kierkegaard.
2. Elemente der Sterbeerzählung: In diesem Kapitel werden theoretische Merkmale der Sterbeerzählung erarbeitet und kritisch hinterfragt, ob die gewählten Kurzgeschichten klassische Beispiele dieser Gattung darstellen oder eher andere narrative Schwerpunkte setzen.
2.1. Diskurs vs. Präsentation: Dieser Abschnitt differenziert anhand der Kriterien von Andreas Mauz zwischen der präsentativen und reflexiven Form der Sterbeerzählung.
2.2. Gesellschaftskritik und Selbstreflexion: Hier wird untersucht, wie die Protagonisten durch Gesellschaftskritik – etwa im Kontext von Abtreibung oder Arbeitsbedingungen – ihre eigene Wahrnehmung verändern.
3. Die Darstellung des Sterbeprozesses: Dieses Kapitel stellt einen Bezug zum literaturgeschichtlichen Wandel im Umgang mit dem Tod her.
3.1. Der Tod in der Literaturgeschichte: Eine historische Einordnung, die aufzeigt, wie Verdrängung, Ästhetisierung und Euphemismen den literarischen Diskurs über den Tod über Jahrhunderte geprägt haben.
3.2. Der Tod in Neapel sehen und der Spiegelschichte: Eine vergleichende Analyse, wie beide Protagonisten durch den Sterbeprozess ihre Individualität und Selbstbestimmtheit zurückgewinnen.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Befund, dass der Akt des "eigenen Todes" als Überwindung von Fremdbestimmtheit im 20. Jahrhundert zu verstehen ist, stark beeinflusst durch das existenzialistische Denken Heideggers.
5. Literatur: Dieses Verzeichnis listet sämtliche verwendeten Quellen und weiterführende wissenschaftliche Darstellungen zur Analyse auf.
Schlüsselwörter
Sterbeerzählung, Ilse Aichinger, Kurt Marti, Spiegelgeschichte, Neapel sehen, existenzialistische Philosophie, Sterbeprozess, Selbstreflexion, Gesellschaftskritik, Eigentlichkeit, Kierkegaard, Heidegger, Literaturgeschichte, Wahrnehmungsentwicklung, Fremdbestimmtheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie in den Kurzgeschichten "Neapel sehen" und "Spiegelgeschichte" der Sterbeprozess dargestellt wird und welche philosophischen sowie gesellschaftskritischen Dimensionen damit verbunden sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der literarische Umgang mit dem Tod, existenzialistische Fragestellungen zur Selbstbestimmung und eine fundamentale Gesellschaftskritik an den Lebensverhältnissen des 20. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu untersuchen, ob die beiden Erzählungen als "Sterbeerzählungen" klassifiziert werden können und wie die Protagonisten durch den Tod ihre verlorene Individualität zurückgewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Primärtexte mit philosophischen Diskursen (insbesondere Heidegger und Kierkegaard) und literaturtheoretischen Kategorien zur Sterbeerzählung kontrastiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Definition von Sterbeerzählungen, vergleicht die Erzählweise der beiden Texte und betrachtet die Rolle der Selbstreflexion als Widerstand gegen Fremdbestimmtheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sterbeerzählung, Selbstreflexion, existenzialistische Philosophie, Gesellschaftskritik und die Abgrenzung von Präsentation und Diskurs.
Wie spielt die Metapher des Spiegels eine Rolle in Aichingers Werk?
Der "blinde Spiegel" dient als Metapher für den Selbstreflexionsprozess, durch den die Protagonistin ihr Leben spiegelverkehrt betrachtet und versucht, ihren unfreiwilligen Lebensweg ideell zu korrigieren.
Was bedeutet die "Bretterwand" in Kurt Martis Neapel sehen?
Die Bretterwand symbolisiert zunächst die Abschirmung von der entfremdeten Arbeit; ihre sukzessive Entfernung durch den Protagonisten markiert das Wiederfinden des eigenen Lebens und der Individualität im Sterben.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2021, Sterbeprozesse in Ilse Aichingers "Spiegelgeschichte" und Kurt Martis "Neapel sehen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1331594