Erzählungen in der Erzählung „Erzähler der Nacht“

Überlegungen zu Rafik Schamis Gestaltung einer orientalischen Erzählsituation


Seminararbeit, 2007

9 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kurzbiographie zu Rafik Schami

III. Die Erzählungen in der Erzählung

IV. Schlussbemerkung

V. Literaturverzeichnis

Rafik Schami ist ein Erzähler, dem es hervorragend gelingt, seinen Lesern die Erzählungen aus dem orientalischen Damaskus äußerst bildreich und schmuckvoll näher zu bringen. Seine literarische Tätigkeit zwischen dem orientalischen Märchen- und Geschichtenerzählen und der Wiedergabe seiner Erfahrungen als Migrant in Deutschland bilden einen Brückenschlag zwischen Orient und Okzident, der den Leser in seinen Bann ziehen kann. Die gesellschaftliche Komponente sowohl in seiner syrischen Heimat als auch in seiner deutschen Wahlheimat betreffen viele und wecken das Interesse, sich näher mit diesen Erzählungen zu beschäftigen. Der „Erzähler der Nacht“ lässt sich zum einen unter dem abenteuerlichen Aspekt von Tausendundeiner Nacht lesen, der den Horizont des Orients öffnet und den Leser in die Geschichten Rafik Schamis eintauchen lässt.

Zum anderen lässt sich differenzierter lesen, wie Rafik Schami gerade diesen Effekt erzielt? Wie er den Leser / die Leserin in seine Erzählung mit hineinzieht und ihn zum Teil einer Erzählwelt werden lässt, in der die Ränder von Fiktion und Realität verwischen?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der in 1946 unter dem Namen Suheil Fadél geborene syrisch-deutsche Schriftsteller gründete schon mit 19 Jahren die Wandzeitung ‚Al-Muntalek’ im alten Stadtviertel von Damaskus. Mit 25 Jahren emigrierte er in die Bundesrepublik Deutschland und ging als Gastarbeiter diversen Tätigkeiten im Industrie- und Dienstleistungsgewerbe nach, studierte nebenbei Chemie und promovierte 1979 in Heidelberg. Sein Künstlernamen Rafik Schami ist eine Erfindung, die ihn als Freund (Rafik = Freund) seiner Heimatstadt Damaskus (Schami = Damaszener) ausweist. Seit 1980 veröffentlicht Schami seine Werke in deutscher und arabischer Sprache und war Gründungsmitglied der Literaturgruppe ‚Südwind’ und des ‚Polynationalen Literatur- und Kunstvereins’ (PoLiKunst) . Seine Mitarbeit drückt sich in der Mitherausgeber- und Autorenschaft der Reihe ‚Südwind-Gastarbeiterdeutsch’ und ‚Südwind-Literatur’ aus. Als freier Schriftsteller ist Schami seit 1982 tätig und wurde 2002 ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Seit 1985 hat Rafik Schami schon mehr als zwanzig Literaturpreise erhalten, darunter 1990 den Rattenfängerpreis der Stadt Hameln und den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar für den ‚Erzähler der Nacht’. Seine Bibliographie umfasst fünfundzwanzig epische Werke und drei dramatische Stücke.

Zu Beginn einer jeden Geschichte stellt sich die Frage: „Womit fängt die Erzählung an?“[1] Bei Rafik Schamis ‚Erzähler der Nacht’ wird dem Leser schon eingangs vermittelt, dass es sich um eine „seltsame Geschichte“[2] handelt. Schami wählt die Form des „erzählten Anfang(s)“[3], denn er vermittelt dem Leser nicht das Gefühl, dass er sich am Anfang der Erzählung befindet, sondern, dass ihm nun eine Geschichte erzählt wird, in die der Erzähler eingreift, Vorausdeutungen liefert und geschichtliche Rückgriffe vermittelt.

Es ist schon eine seltsame Geschichte: Der Kutscher Salim wurde stumm. Wäre sie nicht vor meinen Augen geschehen, ich hätte sie für übertrieben gehalten. Sie begann im August 1959 im alten Viertel von Damaskus. Wollte ich eine ähnlich unglaubliche Geschichte erfinden, so wäre Damaskus der beste Ort dafür.[4]

Schami spielt schon am Anfang seiner Erzählung mit dem Zwiespalt von Historizität und Fiktivität, in dem er den Erzähler als Augenzeugen anführt, der die Geschichte als Tatsachenbericht vermitteln möchte. Erst nach einer ausführlichen Einleitung und Beschreibung des Kutschers und der anderen Personen tritt der Erzähler selbst als „Kind der Nachbarschaft“[5] auf. Demgegenüber steht die Aussage, dass die Erfindung einer solchen Geschichte vom Erzähler ebenfalls nach Damaskus verortet werden würde, weil in dieser Stadt eine Vielzahl „sonderbare(r) Menschen“ fände, die mit vielen „Merkwürdigkeiten“[6] ausgestattet seien. Damaskus wird folglich als idealer Ort für fiktive Erzählungen angeführt und überlässt es dem Leser, diese Geschichte für wahr zu nehmen oder als Fiktion anzuerkennen.

Die Geschichte vom plötzlich verstummten Kutscher, der „zu allem eine Geschichte wusste“[7], entspricht in ihrer Zusammensetzung der Definition von „Rahmenerzählung und Binnenerzählung“[8] nach Klaus Kanzog. Die oben abgedruckte Sequenz führt den Leser in die Rahmenhandlung ein, die sich im alten Viertel von Damaskus im „August 1959“[9] zugetragen haben soll. Auch die Erwähnung von politischen Begebenheiten, wie die „Putsche der fünfziger Jahre“[10], lassen die Geschichte real wirken. „Jede Geschichte ist aus verschiedensten Begebenheiten (welche man auch als ‚Eventualitäten bezeichnen kann) gebildet, die sich ereigneten, obwohl sie sich auch nicht hätten ereignen könnten.“[11] So könnten im ‚Erzähler der Nacht’ die politischen Eckdaten real sein, die Geschichte des Kutschers der Fiktion des Erzählers entspringen. Um die Leser in seine Geschichte mit hinein zu nehmen, leitet der Erzähler zu dem Kutscher Salim über, der die Zentralfigur der Rahmenerzählung darstellt. Auch wenn Fritz Raddatz in seinem Artikel davon ausgeht, dass es in Schamis Werken „kein(en) Platz für Portraits“[12] gibt, lässt sich doch sagen, dass die Figuren der Rahmenerzählung, allen voran der Kutscher Salim, in ihren personalen Kontext eingebettet und dem Leser vorstellbar gemacht werden. Der Lebenslauf des Kutschers wird bis in die dreißiger Jahre zurückverfolgt und die Bedeutung des Märchenerzählens für sein Leben verdeutlicht. „Seine Stimme verzauberte jeden“[13] und die ausgemalten Worte zählten im Kampf um Fahrgäste mehr, als „die härtere Faust.“[14] Hierbei handelt es sich schon um die zentrale Thematik der Erzählung, in der der verstummte Kutscher nur durch die Macht der Worte, durch die Erzählungen seiner Männerfreunde geheilt werden könnte. Hierbei bringt Schami die gesellschaftliche Bedeutung des Erzählens im orientalischen zum Ausdruck. Diese im Kreis der Männer vorgetragenen Geschichten werden vom Erzähler aufgegriffen, die orale Tradition verschriftlicht. Er war der einzige neben den Männern, die den Unterhaltungen beiwohnte und somit als nachfolgende Generation die Märchen oral übernahm. „In der arabischen Tradition dient die Kunst des Märchenerzählens der Unterhaltung, ist ein Mittel der Sozialisation und Erziehung, vermittelt kulturelle Werte (und) weist auf soziale Normen hin [...].“[15] Diese gesellschaftliche Bedeutung entfaltet sich auch in der Erzählrunde der acht übersiebzigjährigen Herren: der Schlosser Ali, der Geographielehrer Mehdi, der Friseur Musa, der ehemalige Wirtschaftsminister Faris, der zurückgekehrte Emigrant Tuma, der Kaffeehausbesitzer Junis, der unschuldig für einen Mord inhaftierte Isam und der Kutscher Salim. Diese Zusammenstellung stellt einen sozialen Querschnitt dar, der das Kolorit des Orients verdeutlichen könnte. Das Erzählen über gesellschaftliche Grenzen hinweg, lässt die orale Tradition des Märchenerzählens als Kulturmerkmal erscheinen. Die Sprache wird hierbei zum „Humus der Kultur.“[16] Eine Kultur, die den LeserInnen im christlich geprägten Europa an manchen Stellen fremd ist, jedoch durch die „großflächig ausgemalte(n) Bilder eines Situationisten“[17] (hier: Schami) an Farbe und Kontur gewinnen und das Fremde mittels der Erzählung näher bringen. Schamis gesellschaftskritischen Anmerkungen verstecken sich in kleinen Einsprengseln, die wenig auffallen: „Die sieben Freunde kamen Abend für Abend. Ob es regnete oder die Armee putschte [...].“ Die ironische Kritik geht in eine beiläufige Alltäglichkeit über wie es die Abende der Herren waren. Nur der Umstand, dass der Kutscher seine Stimme verliert, unterbricht diese Alltäglichkeit: die Fee, die Salim seine verzaubernde Stimme verlieh, möchte sich zur Ruhe setzen. Eine neue Fee steht Salim aber nur zur Verfügung, wenn er „sieben einmalige Geschenke in drei Monaten“[18] bekommt. Die Freunde zweifeln selbst an dieser „unglaublichen Geschichte“ und versuchen, Salim eine Falle zu stellen, durch die er dazu gezwungen wird, seine Stimme zu nutzen. Doch Salim bleibt stumm. Nach langen Überlegungen, was diese sieben einmaligen Geschenke sein könnten, einigen sich die Herren darauf, dass es sich dabei um Geschichten handeln müsse. Für jeden Abend wird dann ein ‚Erzähler der Nacht’ mittels Kartenspiel ermittelt, der dann seine Geschichte vortragen soll.

[...]


[1] Waldenfels S. 21.

[2] Schami S. 5.

[3] Waldenfels S. 21.

[4] Schami S. 5.

[5] Schami S. 22.

[6] ebd.

[7] Schami S. 6.

[8] Kanzog zit. nach Fromm S. 27.

[9] Schami S. 25.

[10] Schami S. 6.

[11] Petricek S. 38.

[12] Raddatz in Die Zeit.

[13] Schami S. 9.

[14] Schami S. 8.

[15] Al-Slaiman S. 93.

[16] Waldenfels S. 19.

[17] Raddatz in Die Zeit.

[18] Schami S. 27.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Erzählungen in der Erzählung „Erzähler der Nacht“
Untertitel
Überlegungen zu Rafik Schamis Gestaltung einer orientalischen Erzählsituation
Hochschule
Universität Kassel  (Germanistik)
Veranstaltung
Gegenwartsautoren III
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
9
Katalognummer
V133290
ISBN (eBook)
9783640399574
ISBN (Buch)
9783640399406
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählungen, Erzähler der Nacht, Rafik, Schami, Orient
Arbeit zitieren
René-André Kohl (Autor), 2007, Erzählungen in der Erzählung „Erzähler der Nacht“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/133290

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