Schnitzlers Romanfigur Therese, die sich ihren Lebensunterhalt als Gouvernante verdient, weist in ihrer Funktion als Angestellte „eine merkwürdige und suggestive Nähe zu der einer Berufsgruppe, die Siegfried Kracauer in seiner 1930 erschienenen Untersuchung >Die Angestellten< beschrieben hat“ , auf. „Therese ist nur noch Angestellte und Lohnempfängerin“ , sodass die Austauschbarkeit ihrer Anstellung mit der Austauschbarkeit ihrer Person korrespondiere . Ebenso ergeht es auch den Angestelltenmassen im Berlin der 20/30er Jahre, wie Siegfried Kracauer sie beschreibt. Diese Massen zählten immer mehr Gemeine, die untereinander austauschbar seien.
Die auffälligen Parallelen, die sich in einem Vergleich zwischen der Gouvernante Therese und den Berliner Angestellten ergeben, sollen hier die Grundlage meiner Untersuchung sein, bei der ich aufzeigen möchte, wie die von außen bedingte Gleichschaltung der Angestellten in Physiognomie und Verhalten, sowie das Bewusstsein um ihre Austauschbarkeit, zu einer inneren Abgestumpftheit der Betroffenen und zu einem Persönlichkeitsverlust führen kann, von dem durch Zerstreunungskulte und Liebschaften am Wochenende abgelenkt werden soll.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Der Wunsch nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit
2. Auf Stellungssuche
3. Austauschbarkeit
3.1 In Stellung
3.2 Die Sklaverei
3.3 Dumpfheit, Müdigkeit, Stumpfheit
4. Das Erwachen und die Zerstreuung
4.1 Thereses Erwachen
4.2 Die Wochenendzerstreuung und Liebschaften
4.3 Der abgeschabte Samtkragen
5. Abschließende Beobachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Parallelen zwischen der Romanfigur Therese aus Arthur Schnitzlers „Therese. Chronik eines Angestelltenlebens“ und den von Siegfried Kracauer in seiner Studie „Die Angestellten“ (1930) beschriebenen Massenphänomenen der Zwischenkriegszeit. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie die sozioökonomische Gleichschaltung und das Bewusstsein über die eigene Austauschbarkeit bei Angestellten zu innerer Abgestumpftheit und Persönlichkeitsverlust führen, und wie diese durch Zerstreuung am Wochenende kompensiert werden.
- Die Auswirkungen von Arbeitszwängen auf Physiognomie und Verhalten
- Das Konzept der "modernen Sklaverei" in Angestelltenverhältnissen
- Die Ambivalenz von "Dumpfheit" als Selbstschutzmechanismus
- Der "Zerstreuungskult" und Liebschaften als kompensatorische Lebenspraxis
- Der soziale Abstieg und die Identitätskrise im Kontext des weiblichen Angestelltendaseins
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Sklaverei
In der Definition des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit fehlt das Wort Mensch. Vermutlich ist es vergessen worden, weil es keine so wichtige Rolle mehr spielt.
Wenn Kracauer über die Proletarisierung der Angestellten, wie sie bei Emil Lederer besprochen wird, schreibt, taucht an dieser Stelle auch noch ein weiteres interessantes Thema auf, das wiederum für Schnitzler von großer Bedeutung zu sein scheint, jenes der modernen Sklaverei. Therese muss sich von verschiedenen Seiten ob ihres Berufes rechtfertigen, bspw. wenn ihr Liebhaber Kasimir diesen als Sklaverei bezeichnet: „Sie sei doch keine Sklavin“ und die fremden Leute würden sie ausnutzen. Therese streitet dies zwar vor ihrem Liebhaber ab, „innerlich gab sie ihm jedoch recht“ und bezeichnet sich später auch selbst als Sklavin, sowie sie den Kopf schon automatisch bei dem Wort „Herrschaft“, welches wiederum das Verhältnis von oben und unten deutlich hervorhebt, beugt. Kasimir wiederholt seine Kritik an ihrer Arbeit, nennt sie „unwürdig“ und bezeichnet sie auch immer wieder als „Sklaverei“, ebenso wie es im weiteren Verlauf Thereses Leben auch Richard, ein anderer Liebhaber, tun wird, sowie ein weiterer Verehrer es „eine untergeordnete, ja, man dürfe wohl sagen dienende[n] Stellung“ nennt, in der sie sich befinde.
Wie oben bereits angedeutet, empfindet auch Therese immer wieder ein Gefühl innerer Auflehnung und zeigt sich geradezu verärgert darüber, dass auf ihre seelische Verfassung oder auch auf ein körperliches Unwohlsein ihrerseits niemals Acht genommen wird. Vor allem kann sie es schwer ertragen anderen Menschen gehört zu haben, quasi keine andere Wahl gehabt zu haben und statt sich um den eigenen Sohn kümmern zu können, sich stets um andere Kinder mütterlich bemühen zu müssen. Denn im Gegensatz zu ihrer Arbeitsgenossin Sylvie empfindet sie ihre Stellung „als ein ihrer nicht ganz würdiges“. Aus all dieser äußeren Härte folgt nun die bereits erwähnte innere Härte, die sich in eine Art Stumpfheit verwandelt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit stellt die These auf, dass die Romanfigur Therese als exemplarisches Beispiel für die von Kracauer analysierten Angestelltenphänomene der 1920er Jahre fungiert.
1. Der Wunsch nach wirtschaftlicher Selbstständigkeit: Dieses Kapitel thematisiert Thereses Streben nach Unabhängigkeit durch Erwerbsarbeit, das jedoch stets durch soziale Zwänge und die Stigmatisierung als „weibliche Angestellte“ begrenzt bleibt.
2. Auf Stellungssuche: Es wird analysiert, welche physischen und sozialen Auswahlkriterien für Angestellte gelten und wie vor allem Kleidung und äußeres Auftreten über beruflichen Erfolg entscheiden.
3. Austauschbarkeit: Der Abschnitt beleuchtet die strukturelle Austauschbarkeit des Angestellten, die in Sklaverei-ähnlichen Arbeitsverhältnissen mündet und zur psychischen Abstumpfung führt.
4. Das Erwachen und die Zerstreuung: Hier wird der Zerstreuungskult am Wochenende untersucht, der als kompensatorischer Versuch dient, dem trüben und entfremdeten Arbeitsalltag zu entfliehen.
5. Abschließende Beobachtungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass Therese durch die Verantwortung für ihren Sohn und ihren Stolz auf ihre Berufstätigkeit eine Individualisierung erfährt, die sie von der bloßen Masse der Kracauerschen Angestellten abhebt.
Schlüsselwörter
Siegfried Kracauer, Arthur Schnitzler, Angestellte, Austauschbarkeit, Zerstreuungskult, soziale Identität, weibliches Angestelltendasein, Entfremdung, Stumpfheit, moderne Sklaverei, soziale Realität, 1920er Jahre, Arbeitsalltag, Selbstständigkeit, Existenzängste.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Übereinstimmungen zwischen der Lebensrealität von Arthur Schnitzlers Romanfigur Therese und der soziologischen Analyse des Angestelltenlebens in den 1920er Jahren, wie sie Siegfried Kracauer formulierte.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit konzentriert sich auf die Entfremdung, die soziale Austauschbarkeit des Individuums in der Arbeitswelt, die Bedeutung von Konsum und Zerstreuung sowie die spezifische Rolle der Frau im Angestelltenmilieu.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie die äußeren Zwänge der Angestelltenarbeit (Gleichschaltung) zu einer inneren Abstumpfung der betroffenen Personen führen und inwieweit die Romanfigur Therese diese Prozesse exemplifiziert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der den Roman „Therese“ mit Kracauers soziologischer Studie „Die Angestellten“ in Beziehung setzt und durch theoretische Ansätze ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden Themen wie die Stellungssuche, die soziale Austauschbarkeit, das Phänomen der Abstumpfung sowie die Rolle von Liebschaften und Freizeitverhalten detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Entfremdung, Austauschbarkeit, Zerstreuungskult, Angestelltenkultur und soziale Identität.
Inwiefern unterscheidet sich Therese von der Masse der Angestellten bei Kracauer?
Die Autorin argumentiert, dass Therese durch ihre adlige Herkunft, ihren Stolz auf ihre Berufstätigkeit und vor allem die emotionale Bindung zu ihrem Sohn eine stärkere Individualisierung erlebt, die sie vor der vollständigen Abstumpfung bewahrt.
Warum spielt die Abtreibung in der Analyse eine Rolle?
Das Thema der Abtreibung wird als Symptom der prekären sozialen Lage der Angestellten gewertet, die keine Rücksicht auf die Bedürfnisse des Individuums nimmt und die Notwendigkeit des Überlebenskampfes unterstreicht.
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- Laura Gemsemer (Author), 2008, Schnitzlers Romanfigur Therese. Chronik eines Angestelltenlebens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134415