Jüdische Identität und Judentum in Aleksandar Tismas 'Kapo'


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsklärungen und Theorie
2.1 Judentum
2.2 Jüdische Identität/ jüdischer Geist
2.3 Jüdischer Selbsthass

3 Aleksandar Tismas „Kapo“
3.1 Jüdische Figuren in „Kapo“
3.1.1 Vilko Lamian
3.1.2 Vilko Lamians Eltern
3.1.3 Branka Frank
3.1.4 Isak Nahmijas
3.1.5 Helena Lifka
3.1.6 Julija Milec
3.2 Die jüdische Gemeinde in Tišmas „Kapo“
3.3 Vilko Lamian – Der Protagonist
3.3.1 Umgang mit dem Judentum – prägende Stationen
3.3.2 Vilko Lamian – ein Selbsthasser?

4 Schlussbemerkung

5 Bibliografie

1 Einleitung

Jude sein, das hieß für mich von diesem Anfang an, ein Toter auf Urlaub sein, ein zu Ermordender, der nur durch Zufall noch nicht dort war, wohin er rechtens gehörte, und dabei ist es in vielen Varianten, in manchen Intensitätsgraden bis heute geblieben.“[1]

Aleksandar Tišma stellt in seinem Buch „Kapo“ einen Protagonisten dar, der mit ähnlichen Empfindungen durch das Leben geht. Hin- und hergerissen zwischen jüdischer Identität und der Angst davor, als Jude entlarvt zu werden, lebt Vilko Lamian ein einsames Leben.

Wie der Protagonist aus „Kapo“ mit seiner jüdischen Herkunft umgeht und wie andere jüdische Charaktere von Tišma dargestellt werden, wird in der folgenden Arbeit beschrieben. Zu Beginn soll jedoch eine theoretische Grundlage geschaffen werden, indem die wichtigsten Begriffe zum Thema definiert und beschrieben werden. Es wird versucht, auf folgende Fragen eine Antwort zu geben: Was ist das Judentum und wer ist ein Jude? Welche Charakteristika weist der jüdische Geist bzw. die jüdische Identität auf? Was ist jüdischer Selbsthass?

2 Begriffsklärungen und Theorie

2.1 Judentum

Der Begriff Judentum, der keinen Plural besitzt, entstand aus dem hebräischen Wort Yehuda und dem Suffix – tum.[2]

Judentum ist der Überbegriff für die Religion, die Kultur und die Geschichte des Volkes der Juden mitsamt den Traditionen. Die Bezeichnung Judentum steht auch für die älteste monotheistische Weltreligion.[3]

Das Wort Jude kommt aus dem Hebräischen (jehudi) und bezeichnet ursprünglich die Bewohner Judas, eines Stammes von Israel. Der Begriff wurde später auf das ganze Volk Israels ausgedehnt.[4] Ein Jude ist jeder, dessen Mutter Jüdin ist. „ Jude sein bedeutet, die jüdische Religion zu leben, dabei ist es egal in welchem Land man lebt.“[5] Auch wer zum jüdischen Glauben konvertiert, ist ein Jude.

In der nationalsozialistischen Ideologie wurde dem Juden die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse angedichtet.[3]

2.2 Jüdische Identität/ jüdischer Geist

In der vorliegenden Arbeit werden die Bezeichnungen jüdische Identität und jüdischer Geist als Synonyme verwendet, obwohl diese Begriffe in der Fachliteratur auch unterschiedliche Phänomene benennen können.

Alphons Silbermann beschreibt in seinem Buch „Was ist jüdischer Geist?“ Faktoren, welche die Identität der Juden ausmachen. Er unterteilt diese in: sozio-religiöse, sozio-kulturelle, sozio-politische und sozio-psychologische Faktoren.[6] In der vorliegenden Arbeit werden nur die für das Thema relevanten Konstituenten des jüdischen Geistes nach Silbermann beschrieben.

Zu den sozio-religiösen Faktoren zählt Silbermann den Talmud, das wichtigste jüdische Werk, welches das gesamte religiöse, kulturelle, soziale und moralische Leben der Juden begleitet. Wichtig sind auch die Traditionen, die besonders von orthodoxen Juden gepflegt werden. Zu den Hauptereignissen im Leben eines Juden gehören: die Beschneidung und die Bar Mizwa der Jungen, die Eheschließung, das Begräbnis und zwei hohe Feiertage.[7]

Durch die zunehmende Emanzipation der Juden und deren „ Drang nach Freiheit[8] gehen die Traditionen aber immer mehr verloren.

Aus sozio-kultureller Sicht beschreibt Silbermann die „ Skepsis[9] als kollektive Eigenschaft der Juden. Er bezeichnet sie als Abwehrmechanismus „ einer am Rande der Gesellschaft lebenden ethnischen Minorität[10], der sich im Laufe der (Leidens-)Geschichte der Juden entwickelt hat.[11]

Zu den sozio-politischen Faktoren zählt Silbermann die Assimilation, die er als „ Prozess der Angleichung, bei der Übernahme sozialer Wertstandards, Orientierungs- und Verhaltensmuster auch [als] eine Umformung von Lebensinteressen sowie einen bewußten Wandel in der Gruppenzugehörigkeit[12] definiert.

Weitere sozio-politische Faktoren sind der „ Zwang[13] und die „ Freiheit der Wahl[14]. Juden waren in ihrer Geschichte schon immer vom Willen einer Autorität abhängig und die Selbstbestimmung wurde ihnen in der Vergangenheit nur selten zuteil.

Der Glaubensübertritt ist ein wichtiger Teil der jüdischen Identität. Nur selten stehen religiöse Gründe hinter einer Konvertierung. Viele Juden sehen darin eine Chance, Konflikten aus dem Weg zu gehen und ihre eigene Lebenssituation zu verbessern. Beispielsweise versuchten in der NS-Zeit viele Juden durch einen Übertritt zum Christentum ihr Leben zu retten.[15]

Aus sozio-psychologischer Sicht ist das Judentum durch seine „ Außenseiterposition[16], die nicht selten zur Assimilation führt, geprägt. Ein weiterer Faktor, der den jüdischen Geist seit langer Zeit mitdefiniert ist die „ Angst[17], welche durch all die Formen von Antisemitismus entstanden ist.

Silbermann kommt zu dem Schluss, dass jüdische Identität vor allem dem gemeinsamen Leiden entspringt, denn die Geschichte des Leidens berührt jeden Juden in seinem Jude-Sein.[18]

2.3 Jüdischer Selbsthass

Was ist Selbsthass?

Ganz allgemein geht es beim Selbsthass um die Verhaltensweise gegenüber dem Fremden. Eine von einer Autorität als fremd empfundene Person verleugnet seine Identität und denunziert selbst auch genau diese Fremdartigkeit bei anderen.[19]

Wie kommt Selbsthass zustande?

Eine dominante Gruppe erschafft sich aus ihrer Angst des Machtverlustes einen Feind – den Fremden – der bestimmte negative Eigenschaften besitzt.[20]

Der Fremde spürt, dass er von dieser Majorität abgelehnt wird, er akzeptiert dieses Fremdbild und macht es zu seinem eigenen Selbstbild.[20]

Er empfindet, dass tatsächlich etwas an ihm anders ist und spaltet diesen Teil von seiner Persönlichkeit ab.[20]

In der Folge fühlt er sich als ein Mitglied der dominanten Gruppe und beginnt selbst damit, diejenigen, die das als anders Empfundene an sich haben, auszugrenzen.[21]

Was ist jüdischer Selbsthass?

Der Mensch liebt es nicht, gehaJ3t zu werden; er liebt es vor allem nicht, diesen HaJ3 durch die vielen üblen Eigenschaften begründet zu sehen, die ihm, dem GehaJ3ten, angeblich anhaften sollen. Er empfindet das um so peinlicher, als er sich selbst für einen vortrefflichen Menschen hält; und wir Juden mögen uns noch so auffällig von anderen Menschengattungen unterscheiden: wir haben es mit ihnen gemeinsam, uns für vortreffliche Menschen zu halten, wenigstens jeder einzelne sich selbst.“[22]

Jüdischer Selbsthass wird auch als jüdischer Antisemitismus oder jüdischer Anti-Judaismus bezeichnet.[23] Er entsteht, „ wenn Juden aus der begründeten Angst davor, als solche behandelt zu werden, danach streben, sich mit dem Angreifer zu identifizieren[24].

Nicht nur ein Individuum, sondern auch eine ganze Gruppe kann als fremd oder als die Fremden behandelt werden. In diesem konkreten Fall geht es um die Juden, die als anders empfunden werden.[25]

Diese Art von Ausgrenzung ist besonders gefährlich, da sie gegen ethnische, soziale oder religiöse Eigenschaften gerichtet ist, welche schwer abzulegen sind bzw. sorgt die Majorität dafür, dass sie nicht abgelegt werden können.[25]

Wie entsteht jüdischer Selbsthass?

Hier wendet eine Majorität aus Angst vor Machtverlust ihren Hass gegen eine Minderheit: die Juden. Ein Mitglied dieser ausgegrenzten Gruppe hält sich selbst für eine Ausnahme und glaubt, sich durch das Ablegen von allem Jüdischen von seiner Gruppe distanzieren zu können. Für ihn wird das Nicht-Jüdische zum Maßstab seiner erhofften Aufnahme in die dominantere Gruppe. Folglich begegnet er anderen Juden mit der gleichen Abneigung, wie die Majorität, für deren Mitglied er sich hält.[26]

Jüdischer Selbsthass – Eine Gegenposition

Allan Janik kritisiert in seinem Aufsatz „Die Wiener Kultur und die jüdische Selbsthass-Hypothese. Eine Kritik.“ die Verwendung des Begriffes jüdischer Selbsthass. Für ihn ist diese Ablehnung der eigenen Herkunft ein Identitätsproblem, das auch in anderen gesellschaftlichen Gruppen auftritt, aber „ in anderen Zusammenhängen als dem jüdischen scheint der Begriff leicht entbehrlich[27] Weiters betont Janik: „ Eine Person mit dem Prädikat ‚Selbsthasser’ zu versehen, beschreibt und bewertet jenen Menschen in einer Weise, die jede weitere konstruktive Diskussion unterbindet.[28]

3 Aleksandar Tismas „Kapo“

3.1 Jüdische Figuren in „Kapo“

3.1.1 Vilko Lamian

Vilko Lamian, der Protagonist, ist ein katholisch getaufter Jude und wird von seinen Eltern streng nicht-jüdisch erzogen. Im Laufe seines Lebens versucht er sich vollkommen von seiner jüdischen Herkunft zu entledigen oder sie wenigstens zu verheimlichen. Mit anderen Juden will er nichts zu tun haben, sie sind für ihn minderwertig und verabscheuenswert.

Dennoch muss er einsehen, dass er seinem Jude-Sein nicht entkommen kann und schließlich entwickelt er sogar eine gewisse Toleranz dafür.

3.1.2 Vilko Lamians Eltern

Lamians Eltern sind Juden aus dem Kleinbürgertum von Bjelovar. Sie bleiben der Synagoge fern, feiern die christlichen Feste und verhalten sich auch sonst sehr unauffällig.

Ihren Sohn wollen sie durch die Taufe vor dem Jüdischen beschützen, „ hängen das aber nicht an die große Glocke – zumal sie selbst Israeliten blieben, weil sie meinten, bei ihnen sei es für einen Glaubenswechsel zu spät[29]. Schließlich werden sie, wie unzählige andere Juden, als solche registriert und in ein KZ gebracht.

[...]


[1] AMÉRY, Jean: Jenseits von Schuld und Sühne: Bewältigungsversuche eines Überwältigten. Stuttgart 1977, S. 141.

[2] vgl.: 2006: Judentum. Wikitionary. Das freie Wörterbuch. In: http://de.wiktionary.org/wiki/Judentum <17.01.2007>.

[3] vgl.: o.J.: Judentum – Was ist das ? Jüdische Geschichte und Kultur. In: http://www.judentum-projekt.de/religion/judentumwasistdas/index.html <17.01.2007>

[4] vgl.: 2007: Jude. Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. In: http://de.wikipedia.org/wiki/Jude <17.01.2007>

[5] o.J.: Judentum – Was ist das ? Jüdische Geschichte und Kultur. In: http://www.judentum-
projekt.de/religion/judentumwasistdas/index.html <17.01.2007>

[6] vgl.: SILBERMANN, Alphons: Was ist jüdischer Geist? Zur Identität der Juden. Zürich: Edition Interfrom 1986, S. 42ff.

[7] vgl.: SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S.51.

[8] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S.52.

[9] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 61.

[10] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 62.

[11] vgl.: SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 61f.

[12] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 64.

[13] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 65.

[14] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 68.

[15] vgl.: SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 70ff.

[16] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 98.

[17] SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 103.

[18] vgl.: SILBERMANN, Alphons: a.a.O., S. 116.

[19] vgl.: GILMAN, Sander, L.: Jüdischer Selbsthaß. Antisemitismus und die verborgene Sprache der Juden. Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag 1993, S. 11.

[20] vgl.: GILMAN, Sander, L.: a.a.O., S. 14.

[21] vgl.: BERNSTEIN, Fritz: Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung. Versuch einer Soziologie des Judenhasses. Königsstein: Jüdischer Verlag 1980, S. 217.

[22] BERNSTEIN, Fritz: a.a.O., S. 7.

[23] vgl.: GILMAN, Sander, L.: a.a.O., S. 11.

[24] GILMAN, Sander, L.: a.a.O.; S. 38.

[25] vgl.: GILMAN, Sander, L.: a.a.O., S. 16.

[26] vgl.: BERNSTEIN, Fritz: a.a.O., S. 214ff.

[27] JANIK, Allan: „Die Wiener Kultur und die jüdische Selbsthass-Hypothese. Eine Kritik“. In: Eine zerstörte Kultur. Jüdisches Leben und Antisemitismus in Wien seit dem 19.Jahrhunder t. Hrsg. v. BOTZ, Gerhard; OXAAL, Ivar; POLLAK, Michael; SCHOLZ, Nina (Hg.). Wien: Czernen 2002, S. 123.

[28] JANIK, Allan: a.a.O., S. 116.

[29] TIMA, Alexandar: Kapo. München: DTV 1999, S. 49.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jüdische Identität und Judentum in Aleksandar Tismas 'Kapo'
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
PS Poetik und Gedächtnis: Literarische Darstellungen von Faschismus und Holocaust
Note
Gut
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V134659
ISBN (eBook)
9783640426874
ISBN (Buch)
9783640424658
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Kapo, Jüdische Identität, Selbsthass, Aleksandar Tisma
Arbeit zitieren
Mag. Sylvia Jungmann (Autor), 2007, Jüdische Identität und Judentum in Aleksandar Tismas 'Kapo', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134659

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