Ziel dieser Arbeit ist es, Dammbruchargumente mithilfe der Werkzeuge der Argumentationsanalyse rational zu betrachten und darzulegen. Darauffolgend wird versucht, die Mythen und Horrorszenarien zu entschärfen, die sich mit den Dammbruchargumenten um das Thema der Keimbahneingriffe ranken. Um diese Argumente zu verstehen, sollen im nachfolgenden Kapitel zunächst die Funktionsweisen und die Möglichkeiten, die CRISPR bietet, dargelegt werden, sowie der aktuelle Umgang mit dieser Technik in Deutschland.
Während die Entdeckung der Genschere CRISPR/Cas9 im Jahre 2012 unter Wissenschaftlern und Forschern einen bahnbrechenden Schritt darstellte, blieben Stimmen in der breiten Gesellschaft zunächst ruhig - zu abstrakt für einen Normalbürger zu greifen, welche Revolution die Genschere für die Menschheit bedeutet. Als jedoch der chinesische Wissenschaftler He Jiankui einige Zeit später, im Jahre 2018, bekannt machte, dass genetisch modifizierte Zwillingsmädchen geboren wurden, welche durch CRISPR angeblich resistent gegen das HI-Virus waren, verbreitete sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer. Jedoch nicht im positiven Sinne - ganz im Gegenteil: Die weltweite Empörung war groß. Die Presse berichtete über die ethische Grenzüberschreitung hin zum Designerbaby. In Konsequenz erhielt der chinesische Forscher eine Geldstrafe und drei Jahre Freiheitsstrafe. Doch wie soll in Zukunft mit der neuartigen Technologie umgegangen werden? Das wirkungsmächtige Werkzeug CRISPR steht bereits in den Startlöchern. Dringlichkeit ist gefragt, eine Einigung über den moralischen Stand der Keimbahneingriffe zu treffen. Die Verantwortung liegt längst nicht mehr in den Händen der Wissenschaftler, sondern vorwiegend in denen der Ethiker.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Funktionsweise und Anwendungsperspektiven der Genschere
3. Rechtliche Rahmenbedingungen: Schutzzone für menschliches Erbgut
4. Der Argumentationstypus Dammbruchargument
4.1. Logische Dammbruchargumente
4.1.1. Form und Argumentationsstruktur der logischen Dammbruchargumente
4.1.2. Inhalt der logischen Dammbruchargumente
4.2. Empirische Dammbruchargumente
4.2.1. Form und Argumentationsstruktur der empirischen Dammbruchargumente
4.2.2. Inhalt der empirischen Dammbruchargumente
4.2.2.1. Das Risikoargument: Gefahr unerwünschter Mutationen
4.2.2.2. Diskriminierung genetisch benachteiligter Gruppen
4.2.2.3. Eugenik durch Selektion von Leben: Der Weg zum Designerbaby
5. Argumentationsanalyse der Dammbruchargumente
5.1. Analyse der logischen Dammbruchargumente
5.1.1. Formale Analyse
5.1.1.1. Die Grenze zwischen Therapie und Enhancement
5.1.1.2. Die moralische Grenze von Keimbahneingriffen
5. 2. Analyse der empirischen Dammbruchargumente
5.2.1. Formale Analyse
5.2.2. Inhaltliche Analyse
5.2.2.1. Geringe Risiken eingehen, um große Chancen zu ermöglichen
5.2.2.2. Schaffung von Chancen für manche, statt Verwehrung für alle
5.2.2.3. Verbesserung des Genpools als Chance und gesellschaftliche Folgen
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die rhetorische und rationale Struktur von sogenannten Dammbruchargumenten in der ethischen Debatte um Keimbahneingriffe mittels CRISPR/Cas9. Ziel ist es, die häufig undifferenziert verwendeten Schreckensszenarien dieser Argumente mithilfe der Argumentationsanalyse kritisch zu hinterfragen und deren Plausibilität in Bezug auf zukünftige medizinische Anwendungen zu prüfen.
- Argumentationstypus Dammbruchargument in der Bioethik
- Technikfolgenabschätzung von CRISPR/Cas9
- Unterscheidung von Therapie und Enhancement
- Ethische Bewertung von Eugenik und Diskriminierung
- Rechtliche Rahmenbedingungen und Moratorien
Auszug aus dem Buch
4. Der Argumentationstypus Dammbruchargument
„Wo kämen wir denn da hin?“ – Niemand kennt die genaue Antwort auf diese Frage. Es handelt sich vielmehr um eine rhetorische Frage, die aus Angst vor dem Ungewissen oft nicht beantwortet werden möchte und somit an alten Denkmustern festgehalten wird. Dieser Argumentationstypus ist weit verbreitet - er wurzelt häufig in den Sphären des Normenschutzes und wird überwiegend in Bereichen der Bio- und Medizinethik angewendet. Die verteidigten Normen können als schützenswert erachtet werden, was jedoch nichts über die Plausibilität der Dammbruchargumente aussagt. Diese hängt davon ab, ob die empirischen Annahmen richtig sind und die verhängnisvolle Zukunftsvision auf plausiblen Hypothesen beruht.
Die stetige Entwicklung neuartiger Techniken stellt unsere moralische Urteilskraft immer wieder vor neue Entscheidungen. So beschwören Skeptiker Szenarien herauf, die einen Schwall an unerwünschten dramatischen Konsequenzen lostreten, sollte diese Technologie zugelassen werden und somit der Damm gebrochen werden. Die nach diesem metaphorischen Bild benannten Dammbruchargumente sind in bioethischen Debatten kein Novum. Sie werden in ethischen Debatten um aktive Sterbehilfe, Euthanasie oder dem therapeutischen Klonen seit jeher inflationär eingesetzt.
Die allgemeine Grundstruktur des Dammbrucharguments lautet wie folgt: Wird es Personen (rechtlich) erlaubt, Handlungen des Typs A auszuführen, wird dies unaufhaltsam oder zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass Handlungen des Typs B ausgeführt werden, die moralisch verwerflich sind bzw. für moralisch verwerflich gehalten werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die gesellschaftliche Debatte rund um CRISPR/Cas9, angestoßen durch erste Genom-Editierungen, und führt in die Problematik der Dammbruchargumente ein.
2. Funktionsweise und Anwendungsperspektiven der Genschere: Dieses Kapitel erläutert die technischen Grundlagen des Genome Editings und unterscheidet zwischen somatischer und Keimbahn-Gentherapie.
3. Rechtliche Rahmenbedingungen: Schutzzone für menschliches Erbgut: Hier wird der rechtliche Status von Keimbahneingriffen in Deutschland sowie internationale Forderungen nach Moratorien dargestellt.
4. Der Argumentationstypus Dammbruchargument: Das Kapitel definiert die Struktur und die verschiedenen Arten (logisch vs. empirisch) von Dammbruchargumenten und beleuchtet deren rhetorische Kraft.
5. Argumentationsanalyse der Dammbruchargumente: Der Hauptteil unterzieht sowohl die logischen als auch die empirischen Argumente einer formalen und inhaltlichen kritischen Untersuchung.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die untersuchten Dammbruchargumente einer rationalen Prüfung weitgehend nicht standhalten.
Schlüsselwörter
CRISPR, Genschere, Dammbruchargument, Keimbahntherapie, Argumentationsanalyse, Bioethik, Enhancement, Eugenik, Designerbaby, Genom-Editierung, Ethikrat, Medizinethik, Technikfolgenabschätzung, Gendiagnostik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Struktur und Plausibilität von Dammbruchargumenten, die gegen Keimbahneingriffe bei Menschen angeführt werden.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Zentrale Themen sind die ethische Debatte um das Genome Editing, die Unterscheidung von Therapie und Enhancement sowie die Analyse rhetorischer Strategien in bioethischen Diskursen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die als Dammbruchargumente bezeichneten Horrorszenarien rational zu dekonstruieren und zu prüfen, ob diese Argumente einer kritischen Analyse standhalten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird die Methode der Argumentationsanalyse verwendet, um logische Strukturen und empirische Voraussetzungen der Dammbruchargumente zu untersuchen.
Welche Inhalte stehen im Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine logische und eine empirische Analyse, wobei insbesondere die Grenze zwischen Heilung (Therapie) und Verbesserung (Enhancement) sowie die Ängste vor Eugenik betrachtet werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit kennzeichnen?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie CRISPR, Dammbruchargument, Keimbahntherapie, Ethik und Genom-Editierung charakterisieren.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen "logischen" und "empirischen" Dammbruchargumenten?
Logische Argumente berufen sich auf begriffliche Unschärfen (z. B. zwischen Krankheit und Gesundheit), während empirische Argumente von tatsächlichen oder vermuteten Ereignisketten in der Zukunft ausgehen.
Kommt die Verfasserin zu einem Ergebnis bezüglich des Verbots von Keimbahneingriffen?
Die Arbeit zeigt, dass die Dammbruchargumente als Totschlagargumente fungieren, und plädiert stattdessen für eine aktive, regulierte Grenzziehung durch Experten statt eines radikalen Verbots.
- Citar trabajo
- Lara Gasper (Autor), 2022, Ethische Debatte um die Keimbahntherapie. Argumentationstypus und Argumentationsanalyse der Dammbruchargumente, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1348525