„Der Kaiser von China spricht:“ Hugo von Hofmannsthal und der ästhetische Fundamentalismus

Eine Gedichtanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Analyse: „Der Kaiser von China spricht:“
1. Konstituierung des Raumes
2. Konstituierung der Zeit
3. Eine vormoderne Gedichtwelt
4. Das Reich des ‚Ich’
5. Die Suche nach dem ‚Ich’ – Thesen der Forschung
5.1 Das historische ‚Ich’
5.2 Das biographische ‚Ich’
5.3 Das ‚Ich’ als poetische Existenz
6. Das kleine Welttheater
7. ‚Ich-Krise’
8. Fazit

III. Ausblick – Ästhetischer Fundamentalismus

IV. Anhang – Gedichttext „Der Kaiser von China spricht:“

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Ich glaub’ immer noch, daß ich imstand sein werde, mir meine Welt in die Welt hineinzubauen. Wir sind zu kritisch, um in einer Traumwelt zu leben wie die Romantiker... Es handelt sich freilich immer nur darum, ringsum an den Grenzen des Gesichtskreises Potemkinsche Dörfer aufzustellen, aber solche, an die man selber glaubt. Und dazu gehört ein Zentrumsgefühl, ein Gefühl von Herrschaftlichkeit und Abhängigkeit...“[1]

(Hofmannsthal an Beer-Hofmann, 1895)

Hugo von Hofmannsthal hat den Kampf um den Platz im Kanon der deutschsprachigen Literatur gewonnen. Die Lektüre seiner Gedichte hat ihren Platz im Deutschunterricht erhalten, die Verlage bieten Auswahlsammlungen der Gedichte an, in zahlreichen Anthologien sind sie ebenfalls enthalten und einschlägige ‚Leselisten’ geben Hinweise auf seine Lyrik. Er ist zum ‚Klassiker der Moderne’ geworden.[2]

Andererseits ist Hofmannsthal in den siebziger Jahren mehr und mehr in den Blickpunkt sozialwissenschaftlicher Fragestellungen gerückt und schließlich als konservativer Autor ‚geoutet’ worden[3]. Nicht nur wegen seiner späten Rede „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“[4] in der er die ‚konservative Revolution’ ausruft, sondern auch wegen des eingangs zitierten frühen Wunsches, sich eine ‚Welt in die Welt’ bauen zu wollen.

Was soll nun gelten? Ist Hofmannsthal modern oder konservativ oder gar beides?

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit einem Gedicht Hofmannsthals, welches genau in diesem Spannungsverhältnis angesiedelt ist: „Der Kaiser von China spricht:“. 1897 geschrieben, nimmt es die Stichworte des oben zitierten Briefauszuges wieder auf: Zentrumsgefühl, Herrschaft, Abhängigkeit, Gesichtskreise und den Wunsch, sich eine ‚Welt in die Welt’ zu bauen.

Inspiriert wurde die vorliegende Analyse durch die Beschäftigung mit der stofflich verwandten Lyrik Stefan Georges und der Lektüre von Stefan Breuers: „Ästhetischer Fundamentalismus“[5]. Breuer versucht, außerhalb der bestehenden literaturwissenschaftlichen Kategorisierungsbemühungen ein eher soziologisch geleitetes Verständnis für die „antimodernistische“ Literatur des Georgekreises zu entwickeln. Aus diesem Ansatz ergeben sich auch die Fragestellungen, die der Analyse des vorliegenden Gedichtes und damit dieser Untersuchung zu Grunde liegen: Welches Menschenbild wird in diesem Gedicht transportiert? Welche Bedeutung spielen dabei die Kunst und die Ästhetisierung der Natur? Wie wird die Lebbarkeit eines derartigen Konzeptes im Gedicht selbst thematisiert?

Für Hofmannsthal war die Aussage eines „großen Gedichts, in anderen Worten, ja in einer anderen Anordnung der gleichen Worte schlechthin unsagbar. Nicht Gedanke, nicht Gleichnis, nicht Wahrheit; nicht Bild, nicht Ton und Fall der Worte: nichts ist vom anderen zu sondern; aus dem allen ist die Einheit geschaffen.“[6] Mit dem Wissen, zwar nicht Hofmannsthal, dafür aber einer wissenschaftlich-rationalen Verständigung über das Gedicht gerecht zu werden, soll im Folgenden durchaus Gedanke, Gleichnis, Wahrheit, Bild, Ton und Fall der Worte gesondert und analysiert werden. Hierbei werden der Raum- und Zeitstrukturierung und der Figuration des Gedichtes besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Weiterhin werden anhand einer daraus entwickelten Fragestellung quasi verspätet die zentralen Positionen der Forschung erörtert, um schließlich nach Einbeziehung des Enstehungskontextes des Gedichtes zu einer zusammenführenden Deutung zu kommen. Als Ausblick sollen dann die gewonnenen Ergebnisse abschließend in den Zusammenhang des ‚ästhetischen Fundamentalismus’ eingeordnet werden.

Diese Vorgehensweise erscheint notwendig, will man nicht wie zahlreiche andere Interpreten, die Grenzen zwischen dem Autor Hugo von Hofmannsthal und seinen lyrischen Texten unreflektiert verwischen lassen. Fast entschuldigend klingt es deshalb bei Breuer, wenn er konstatiert: „Für eine Auswertung der rein literarischen Texte [...] fehlte mir die literaturwissenschaftliche Kompetenz...“[7]. Dies zeigt, wie wichtig Textanalyse auch für diskursive Methoden ist, und unterstützt den gewählten Arbeitsansatz dieser Untersuchung.

II. Analyse: „Der Kaiser von China spricht:“

1. Konstituierung des Raumes

„In der Mitte aller Dinge

Wohne ich der Sohn des Himmels.“ (1/2)[8]

Ein verbaler ‚Urknall’ konstituiert das Gedicht und seine Raumbeziehungen: durch eine Inversion gerät „die Mitte aller Dinge“ (1) an den Anfang des ersten Verses und wird so zur bestimmenden Kategorie des Raumes, der Zeit, der Motive, aber auch der Syntax des Gedichtes. Denn das Muster der Inversion, die das Prädikat vor dem Subjekt stehen lässt, finden wir in neun von elf Hauptsätzen des Gedichtes wieder[9]. Und in den meisten Fällen rückt dadurch eine Adverbiale des Ortes an die erste Stelle, so dass die Kategorie des Raumes sinnbildlich die Rolle des Subjektes, also des Handlungsträgers übernimmt.

Von der „Mitte“ aus schauend wird nun der Aufbau der Welt beschrieben. Denn dass das „Reich“ (41) ein universales ist und kein begrenztes ‚nationales’, wird schnell deutlich: vom „Herz der Welt“ (11), von der „weiten Erde“ (18) und „allen Edlen dieser Erde“ (31) ist da die Rede. Durch Mauern wird die ganze Welt dem Zentrum zugeordnet: es gibt „die erste Mauer“ (5), „äußere Mauern“ (34) und „neue Mauern“ (37), bis das Meer, als „letzte Mauer“ (40) die Welt und damit das Gedicht abschließt. Die Mauern haben integrierende Funktion, denn sie ‚umgeben’ (41) die Dinge und konstituieren durch Inklusion erst ein ‚Reich der Mitte’.

Dieses Reich der konzentrischen Kreise wird nun weiter strukturiert, denn mit scheinbar exakter geometrischer Genauigkeit gehen vom Nullpunkt aus „gleichgeteilte Ströme osten-, west- und süd- und nordwärts“ (15,16). Zwar wird die Funktion der Flüsse benannt, sie „bewässern“ (17) die Erde, jedoch der Sinn der strengen räumlichen Ordnung bleibt, als wäre sie selbstverständlich, unreflektiert.

Zu dieser zweidimensionalen ‚Scheibenwelt’ gesellt sich allerdings noch eine dritte Dimension hinzu, denn die „Mitte“ ist im Gedicht auch die Mitte zwischen oben und unten. Der „Himmel“ (2) und die „Sterne“ (24) werden so mit dem „Drunten“ (6) und den „Gewölben“ (10) vermittelt, die „hinunter“ (11) führen.

Die Welt des Gedichtes entfaltet sich also als dreidimensionales Koordinatensystem[10] mit einem Nullpunkt in der ‚Mitte’. Die ‚Dinge’ der Welt, von denen das Gedicht erzählt, gruppieren sich um diese ‚Mitte’. Ihr Wesen ist dadurch von ihrem Verhältnis, also ihrer Entfernung, zur Mitte gekennzeichnet.[11] Diese strenge Ordnung der Dinge spiegelt sich im äußerst regelmäßigen trochäischen Metrum des Gedichtes wider.

2. Konstituierung der Zeit

Ganz im Gegensatz zur Analyse der Raumkategorien lässt sich im ganzen Gedicht keine einzige adverbiale Bestimmung der Zeit finden. Ein scheint so, als sei die Bewegung der Zeit in dieser Welt ausgeschaltet[12]. Einzig zwei Hinweise deuten eine zeitliche Konstituierung der Gedichtwelt an.

Hervorstechend ist der Wechsel vom Präsens ins Präteritum, den das Gedicht in Zeile 26 vollzieht. In Nebensätzen wird von der Schöpfung der ‚Edlen’ erzählt. Die Welt des Gedichtes scheint dementsprechend zwei Zeitebenen zu besitzen: eine kurze Zeit der Schöpfung und eine unbegrenzte Zeit der Gegenwart, die durch ein quasi iteratives Präsens repräsentiert wird. Ein Geschehen der Gegenwart wird somit nie Vergangenheit, sondern geschieht immer wieder von Neuem: „Vergangenheit und Gegenwart [sind] im Gefühl einer zeitlosen Dauer vereinigt“[13].

Ein zweiter Hinweis auf unterschiedliche Zeitebenen impliziert der Begriff „Ahnen“ (6). Während eine ‚Schöpfungsvergangenheit’ notwendig jeder Welt zu Grunde liegt, bedeutet die Existenz von Ahnen durchaus eine Gefahr für die Gedichtwelt: gibt es Ahnen, also tote Vorfahren, so gibt es auch das Phänomen der Vergänglichkeit, welche die streng geordnete Räumlichkeit in Gänze gefährden könnte. Das Gedicht entwickelt deshalb Gegenstrategien: es integriert die Ahnen in die Unendlichkeit der Gegenwart, indem es sie „wohnen“ (10) lässt, „wie es einem jeden ziemt“ (9) und es weist ihnen einen Platz im Koordinatensystem der Welt zu – „drunten“ (6).

Es bleibt festzuhalten, dass das Gedicht eine klare Dominanz des Räumlichen über das Zeitliche etabliert. Dies wird verständlich, wenn man annimmt, dass oberster Wert in der Gedichtwelt die Konservierung der geschaffenen streng geometrischen Ordnung ist. Zeit bedeutet Vergänglichkeit, also Bedrohung für die Ordnung. Da sich ein Fortschreiten der Zeit stets nur im Wandel der Materie, also des Raumes, bemerkbar macht, bedeutet die absolute Kontrolle über den Raum auch die Kontrolle über die Vergänglichkeit.

[...]


[1] zitiert nach Zelinsky, Hartmut: Brahman und Basilisk – Hugo von Hofmannsthals poetisches System und sein lyrisches Drama „Der Kaiser und die Hexe“, München 1974, S.74.

[2] Vgl. Ryan, Lawrence: Jahrhundertwende, in: Hinderer, Walter (Hrsg): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart 1983, S.387.

[3] z.B. Rudolph, Hermann: Kulturkritik und konservative Revolution, Tübingen 1971.

[4] Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden, Band 10, Reden und Aufsätze 3, Hrsg. von Bernd Schoeller, Frankfurt a.M. 1979.

[5] Breuer, Stefan: Ästhetischer Fundamentalismus - Stefan George und der deutsche Antimodernismus, Darmstadt 1995.

[6] zitiert nach Mayer, Mathias: Hugo von Hofmannsthal, Stuttgart/ Weimar 1993, S.15.

[7] Breuer, S.6.

[8] Im Folgenden wird hinter allen Gedichtzitaten in einer Klammer die Nummer der Verszeile angegeben. Diese korrespondiert mit der Numerierung im Anhang.

[9] Vgl. Derungs, Werner: Form und Weltbild der Gedichte Hugo von Hofmannsthals in ihrer Entwicklung, Zürich 1960, S.148.

[10] Vgl. Rey, William H.: Die Drohung der Zeit in Hofmannsthals Frühwerk, in: Bauer, Sibylle (Hrsg.): Hugo von Hofmannsthal, Darmstadt 1968, S. 197.

[11] Vgl. Derungs, S.148.

[12] Vgl. Rey, S.198.

[13] Rudolph, S.29.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
„Der Kaiser von China spricht:“ Hugo von Hofmannsthal und der ästhetische Fundamentalismus
Untertitel
Eine Gedichtanalyse
Hochschule
Universität Hamburg  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
„Lyrik 1850-1910“
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
18
Katalognummer
V134908
ISBN (eBook)
9783640455676
ISBN (Buch)
9783640456123
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hugo von Hofmannsthal, Ästhetischer Fundamentalismus, Lyrik, Gedichtanalyse, Klassische Moderne
Arbeit zitieren
Stephan Bliemel (Autor), 2002, „Der Kaiser von China spricht:“ Hugo von Hofmannsthal und der ästhetische Fundamentalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134908

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