Informations- und Telekommunikationstechniken als Entwicklungsinstrument in der Entwicklungszusammenarbeit

Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden in Peru?


Diplomarbeit, 2009

98 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die wachsende Bedeutung von Informations- und Kommunikationstech­nologien in der Entwicklungszusammenarbeit
1.1 ivation für eine Forschungsarbeit in Südamerika
1.2 Ziel und Fragestellung der Forschungsarbeit
1.3 Inhaltlicher Aufbau der Arbeit

2 Erklärung verwendeter Begriffe

3 IKT in der Entwicklungszusammenarbeit
3.1 Die Bedeutung von IKT in der Entwicklungszusammenarbeit
3.1.1 Information und Wissen
3.1.2 Die Informationsgesellschaft
3.1.3 Die Wissensgesellschaft
3.1.4 Die Informations- und Wissensgesellschaft
3.1.5 Technik in der Informations- und Wissensgesellschaft
3.1.6 Soziale Ungleichheit in der Informations- und Wissensgesellschaft
3.1.7 Die Digitale Spaltung in der Informations- und Wissensgesellschaft
3.1.8 Zusammenfassung
3.2 Voraussetzungen und Kriterien für gelungene Projekte der Entwicklungszusammen­arbeit
3.2.1 IKT als ein Werkzeug unter vielen
3.2.2 Die vier Richtlinien nach Heeks zum Einsatz von IKT
3.2.3 Ausbildung der Zielgruppe
3.2.4 Qualität von mit IKT angebotenen Informationen
3.2.5 Benutzerfreundlichkeit von mit IKT angebotenen Informationen
3.2.6 Der Zugangsregenbogen nach Kubicek
3.3 Einsatzbereiche für IKT in der Entwicklungszusammenarbeit
3.3.1 Bildung (E-Learning)
3.3.2 Wirtschaft/Ökonomie (E-Business)
3.3.3 Gesundheit (E-Health)
3.3.4 Politik und Verwaltung (E-Democracy and E-Government)
3.4 Schlussbetrachtung

4 Fallbeispiel: Der Einsatz von IKT in Peru
4.1 Peru in Kürze
4.2 Das Projekt Banda Ancha Rural (BAR)

5 Auswahl der Methoden und Umsetzung der Forschung
5.1 Auswahl der Untersuchungsgruppe
5.2 Auswahl der Erhebungsinstrumente
5.3 Ablaufder empirischen Untersuchung
5.3.1 Allgemeine Rahmenbedingungen der Untersuchung
5.3.2 Vorbereitungen und Feldzugang
5.3.3 Durchführung der Datenerhebung
5.4 Verwendete Auswertungsverfahren
5.5 Reflexion der Feldforschung

6 Darstellung der Ergebnisse
6.1 Die Besucher der Internetcafés
6.2 Bevorzugte Internetangebote
6.3 Interessen der Internetnutzer
6.4 Einstellungen der Befragten gegenüber dem Internet
6.5 Rückschlüsse aus Gesprächen und Beobachtungen

7 Diskussion der Ergebnisse
7.1 Die Besucher der Internetcafés
7.2 Bevorzugte Internetangebote
7.3 Interessen der Internetnutzer
7.4 Einstellungen der Befragten gegenüber dem Internet

8 IKT: Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden Perus

1 Die wachsende Bedeutung von Informations- und Kommunikationstech­nologien in der Entwicklungszusammenarbeit

Informations- und Telekommunikationstechnologien, die im folgenden unter der all­gemein gültigen Abkürzung IKT verwendet werden, haben den Ruf, eine Art „Wunderwaffe“ zur Bekämpfung der Armut auf der Welt zu sein. Prominentestes Bei­spiel ist das Projekt „One Laptop per Child“. Die Vision des Projektes ist, den ärmsten Kindern der Welt, durch die Bereitstellung eines Notebooks, für nicht mehr als 100 Dollar, neue Bildungsmöglichkeiten, durch gemeinschaftliches, vernetztes, eigenständiges Lernen zu eröffnen (vgl. Int. 1). Doch reicht die Verteilung moderner Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) tatsächlich schon aus, um Armut wirksam zu bekämpfen?

Ebenfalls zur Bedeutung von IKT in der Entwicklungszusammenarbeit dürfte der „World Summit of Information Society“, auch bekannt als „Weltgipfel zur Informati­onsgesellschaft“ beigetragen haben - eine von der UNO ausgerufene Weltkonferenz zu zentralen Menschheitsfragen.

Wie den Internetseiten zum World Summit of Information Society der Heinrich Böll Foundation zu entnehmen ist, waren die Beweggründe zur Initiierung des Gipfels, Debatten über die Entstehung einer neuen Gesellschaftsform. Vor allem von Wis­senschaftlern wurden diese ab den späten 1950er Jahren geführt. Sie diskutierten die Entstehung der Informationsgesellschaft, auf der Basis von Information und Kommunikation. Zukünftig werden, für wirtschaftlichen Erfolg, weniger die hand­werklichen Fähigkeiten oder der Besitz an Produktionsmitteln entscheidend sein, sondern das Wissen und die Verarbeitung von Information (vgl. Int. 2).

Anfang der 1990er Jahren wurde der Begriff „Informationsgesellschaft“ von der Poli­tik entdeckt und als mögliches Modernisierungskonzept überwiegend westlicher Gesellschaften verstanden. Wenig später sahen dann auch viele Entwicklungslän­der in Mängeln ihrer Informationsinfrastruktur ein großes Hindernis für die Armutsbekämpfung und den Aufbau einer modernen IKT-Infrastruktur als Vorausset­zung für Entwicklung (vgl. Int. 2).

Auf dem World Summit of Information Society wurde auch die Bedeutung der Infor­mations- und Telekommunikationstechnologie zur Erreichung der „Millenium Development Goals“ (MDG) der Vereinten Nationen diskutiert und der IKT das Potenzial zugesprochen, die Lebensqualität von Millionen von Menschen auf der Welt zu verbessern (vgl. Int. 3).

Dadurch verstärkte der World Summit of Information Society eine, schon fast eupho­rische Haltung gegenüber der IKT als Instrument zur Bekämpfung der Armut. Aber stimmt diese Einschätzung? Muss in den Entwicklungsländern wirklich nur eine Kommunikationsinfrastruktur aufgebaut werden, und Armut und Hunger verschwin­den automatisch? Diese Gedanken zu IKT sind die Grundlage der vorliegenden Arbeit und Ausgangspunkt einer genaueren Betrachtung von IKT als Entwicklungs­instrument in der Entwicklungszusammenarbeit.

1.1 Motivation für eine Forschungsarbeit in Südamerika

Die Diplomarbeit mit dem Thema: „Informations- und Telekommunikationstechnolo­gien in der Entwicklungszusammenarbeit. Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden in Peru“ war für mich eine gute Gelegenheit, meine vor dem Studium erworbene Qualifikation als Informations- und Telekommunikationssystemelektroni­ker in meine Abschlussarbeit der Sozialen Arbeit zu integrieren und zwei sehr unterschiedliche Interessensgebiete in einer Arbeitzu vereinen.

Der Wunsch, eine Forschungsarbeit in Südamerika zu schreiben, entstand während meiner Arbeit als Praktikant bei der FUDECONEC, einer Basisorganisation der Ent­wicklungszusammenarbeit in Ecuador. Die Arbeit in einer Schule der Hafenstadt Guayaquil gab mir einen Einblick in das harte Leben der Slumbewohner. In dieser Diplomarbeit sah ich nun die Möglichkeit, meine Sprachkenntnisse im Spanischen und Erfahrungen aus Ecuadorsinnvoll anzuwenden.

Ausschlaggebend für die Themenwahl dieser Arbeit war letzten Endes die Teil­nahme an einem Seminar während meines 6. und 7. Fachsemesters, in dem der Einfluss von IKT auf die Gesellschaft diskutiert wurde. In dem Seminar wurde die These aufgestellt, dass die Wettbewerbsfähigkeit und das Wirtschaftswachstum heutzutage im Wesentlichen auf der Verfügbarkeit von Wissen und Informationsaus­tausch beruhten und sich daraus die Bedeutung von IKT in der Gesellschaft ergab. Mir stellte sich sofort die Frage, ob dem wirklich so sei, und wenn ja, was dies für Entwicklungsländer bedeute, die aufgrund einer unzureichenden IKT-Infrastruktur nicht an der modernen Informations- und Wissensgesellschaft teilnehmen können,?

So hatte ich nicht nur ein spannendes Thema gefunden, sondern auch die Möglich­keit, Erfahrungen und Qualifikationen in meine Abschlussarbeit einfließen zu lassen.

1.2 Ziel und Fragestellung der Forschungsarbeit

Die vorliegende Arbeit hat den Anspruch, Theorie und Praxis in einer Abschlussar­beit des Studienfachs Soziale Arbeit zu verbinden. Demnach wird mit einer kritischen Bewertung von IKT als Entwicklungsinstrument begonnen, anschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse auf ein IKT-Projekt in Peru bezogen.

Am Anfang der Arbeit stand die gängige Annahme, dass allein schon der Aufbau von IKT ausreiche, um eine Entwicklung weg von Armut und Hunger zu erreichen, und meine Vermutung, dass diese Annahme so nicht stimmen kann.

„Technik“ lässt sich auf das griechische Wort „téchne“ zurückführen, welches Kunst­fertigkeit, Handwerk, Gewerbe und Kunst, aber auch List und Betrug bezeichnet (vgl. Zillien 2006, S. 14). Die vielfältige griechische Bedeutung erinnert daran, dass Technik weder eindeutig gut, noch eindeutig böse ist, sondern es stets darauf ankommt, was der Mensch mit ihr macht. Deshalb ist es mir wichtig, als erstes zu klären, warum IKT heute einen so hohen Stellenwert in der Entwicklungszusammen­arbeit eingenommen haben und überwiegend positiv bewertet werden. Erst wenn die Gründe dafür bekannt sind, können Kriterien identifiziert werden, die für den Erfolg eines IKT-Projektes entscheidend sind. Die grundlegende Betrachtung über das Zusammenspiel von Gesellschaft und Technik liefert das nötige Hintergrundwis­sen, um das Ziel erreichen zu können.

Ziel der Arbeit ist eine Antwort auf die Frage zu finden:

- „Sind IKT in der Entwicklungszusammenarbeit Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden in Peru?“

Eine Forschung im IKT-Projekt Banda Ancha Rural (BAR) der Rural Telecom in Peru soll eine Antwort aus der Praxis liefern. Das Projekt BAR hat zum Ziel, eine nachhal­tige Entwicklung auf dem Land zu fördern durch den Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur und die Schulung der Landbevölkerung in der Anwendung von IKT.

Mit einer Laufzeit von vier Jahren und über 3000 teilnehmenden Gemeinden ist das Projekt BAR ein Großprojekt und bietet viele spannende Forschungsfelder. Im Rah­men einer Diplomarbeit ist es deshalb zwingend erforderlich, sich auf einen kleinen Teilbereich zu beschränken.

Die Beschäftigung mit der Theorie und die Einarbeitung in das Projekt BAR machten deutlich, dass neben Schulungen für Nutzer im Umgang mit der Technik, durch IKT angebotene Inhalte und Dienstleistungen eine Schlüsselfunktion für den Erfolg eines IKT-Projektes darstellen. Die Bedeutung von Inhalten (Content) und Schulungen (Capacity) wird bereits von Niemann (Niemann 2007) betont und auch van de Pol (van de Pol 2004) gibt zu bedenken, dass der Zielgruppe relevante Inhalte zur Ver­fügung gestellt werden müssen. Aus diesen Gründen wurde der Schwerpunkt der Forschung auf, Internetinhalte und -dienstleistungen gelegt. Was unter Inhalten zu verstehen istwird in Kapitel 3.1.1 noch genauererklärtwerden.

Aus der Notwendigkeit heraus mich einzuschränken und mit dem Wissen über die Bedeutung von Inhalten entwickelte ich folgende Forschungsfrage:

- „Welche Inhalte und Dienstleistungen müssen im Projekt BAR für die ländlichen Gemeinden angeboten werden, damit sie zum Nutzer von IKT wird?“

Diese noch recht komplexe Forschungsfrage habe ich in vier Einzelfragen aufgeglie­dert, die im Verlauf meiner Feldforschung beantwortet werden sollen:

- „Wer besucht die Intemetcafés des Projekts BAR?“
- „Zu welchen Zwecken benutzt die Zielgruppe die IKT?“
- „An welchen Dienstleistungen und Inhalten hat die Zielgruppe Interesse?“
- „Was denkt die Zielgruppe grundsätzlich über das Internet, welche Bedeutung hatIKT für sie?“

Mit Hilfe der Antworten aus der Feldforschung soll eine Aussage darüber getroffen werden, ob IKT Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden in Peru bedeuten. Diese Beurteilung erfolgt dabei von einem an nachhaltiger ländlicher Entwicklung orientier­ten Standpunkt aus. Für den einzelnen Internetnutzer kann natürlich schon die Möglichkeit des Konsums von Onlinespielen ein Segen bedeuten.

1.3 Inhaltlicher Aufbauder Arbeit

Am Anfang standen Überlegungen zur Bedeutung von Informations- und Telekom­munikationstechnologien in der Entwicklungszusammenarbeit, meine Beweggründe für die Arbeit und der Vorstellung von Ziel und Fragestellungen. Anschließend wer­den in 2. Kapitel häufig verwendete Begriffe definiert.

Kapitel 3 handelt über IKT in der Entwicklungszusammenarbeit. Um verstehen zu können, warum IKT in der Entwicklungszusammenarbeit derzeit so präsent sind, muss ein Verständnis über die Bedeutung von IKT in unserer Gesellschaft herge­stellt werden. Ferner müssen Kriterien für eine objektive Beurteilung von IKT Projekten in der Entwicklungszusammenarbeit aufgestellt werden. Die Erörterung dieser Punkte bilden den Rahmen der Diplomarbeit. Sie schaffen eine Wissens­grundlage, auf der die Ergebnisse der Feldforschung interpretiert und diskutiert werden können. Zudem stellt er einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Einflussfaktoren her, die auf ein IKT-Projekt in der Entwicklungszusammenarbeitwir­ken. Auch hilft ein theoretischer Rahmen, die Haupteinflüsse nicht aus den Augen zu verlieren. Deshalb werden in Kapitel 3.1 der Stellenwert von IKT in der Entwick­lungszusammenarbeit erörtert, in Kapitel 3.2 Kriterien für ein erfolgreiches IKT- Projekt aufgestellt und in Kapitel 3.3 Einsatzbereiche für IKT in der Entwicklungszu­sammenarbeit vorgestellt.

Das vierte Kapitel informiert über die wichtigsten Fakten zur Republik Peru aus den Bereichen Wirtschaft, Klima, Kultur und Soziales. Anschließend wird das Projekt BAR vorgestellt, welches besonders interessant aus sozialpädagogischer Sicht ist, da erstmals in einem Projekt der peruanischen Regierung, Schulungen der Ziel­gruppe und der Aufbau von zielgruppenorientierten Inhalten Teil des Projektes sind.

Kapitel fünf stellt Aufbau und Methoden der Forschungsarbeit da. Dem Leser soll ein Eindruck über die praktische Umsetzung der Arbeit vermittelt werden. Neben der Auswahl der Untersuchungsgruppe und Erhebungsinstrumente in den Kapiteln 5.1 und 5.2 wird vor allem der Ablauf der Untersuchung beschrieben. Genauer einge­gangen wird dabei auf die vorgefundenen Rahmenbedingungen, die Vorbereitungen des Feldzugangs und die Durchführung der Datenerhebung.

Kapitel 5.4 stellt die verwendeten Auswertungsverfahren vor, Kapitel 5.5 gibt eine abschließende Reflexion der Feldforschung wieder, bevor in Kapitel 6 die Ergeb­nisse vorgestellt werden.

Neben den Ergebnissen die sich aus der Auswertung der Fragebögen ergeben, wer­den in Kapitel 6 auch Beobachtungen und Erkenntnisse aus persönlichen Gesprächen aus dem Umfeld der Forschungsarbeit vorgestellt.

Anschließend werden in Kapitel 7 die Ergebnisse der Forschung mit der in Kapitel 3 erarbeiteten Theorie in Verbindung gebracht und zur Diskussion gestellt, bevor in Kapitel 8 ein zusammenfassendes Resümee gezogen wird, ob IKT in der Entwick­lungszusammenarbeit nun als Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden in Peru gesehen werden müssen.

2 Erklärung verwendeter Begriffe

Eine Definition der verwendeten Begrifflichkeiten ist notwendig, um ein einheitliches Verständnis für die in der Arbeit verwendeten Begriffe zu gewährleisten. Dabei möchte ich mich aufdie Definition derwichtigsten Begriffe beschränken. Sollten wei­tere Definitionen nötig werden, erfolgen diese direkt im Text.

Informations- und Telekommunikationstechnologie (IKT)

Der Begriff „Informations- und Telekommunikationstechnologie (IKT)“ wurde bereits häufig verwendet, ohne dass er genauer erklärt wurde.

„Die Informations- und Telekommunikationstechnologien (IKT) vereinen alle Techno­logien rund um die Kommunikation, Telekommunikation, Informatik und Telematik, die ihren Einsatz bei der Erstellung, Verarbeitung, Abspeicherung, Übertragung und Reproduktion von Information (Daten, Bilder und Ton) finden, sowie bei jeglicher Art der Kommunikation. Die Informations- und Telekommunikationstechnologien lassen sich in drei Komponenten unterteilen: Hardware, Software und Kommunikation. Aus der Kombination dieser drei Komponenten resultieren verschiedene Geräte und Dienste: Radio, Fernsehen, Video, DVD, Computer, Drucker, Internet, E-Mail, Inter­net, Digitalkameras, Telefone, Mobiltelefone und viele andere.“ (Int. 4, eigene Übersetzung JPF)

Ihren Ursprung hat die IKT in der Informationstechnik, die der Verarbeitung von Informationen dient und der Kommunikationstechnik, die der Übermittlung von Nachrichten dient. Erst durch das Zusammenwachsen der beiden Technologien wurden ideale Bedingungen für die Kommunikation von Information geschaffen. In der Fachpresse ist ebenfalls der englische Ausdruck ICT (Information- and Commu­nication Technology) gebräuchlich, während im Spanischen von TIC (Technologia de Información y Comunicación) die Rede ist.

Nachhaltige Entwicklung

Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen (vgl. Int. 5). Die Definition deutet an, dass Entwicklung nicht nur positiv ist. Dieser Erkenntnis wird Rechnung getragen, indem

an Entwicklung der Anspruch der Nachhaltigkeit gestellt wird. Jede Veränderung ist demnach nur dann gut zu heißen, wenn sie den folgenden Generationen nicht der Möglichkeit beraubt, ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Viele Entwicklungsprojekte eignen sich leider hervorragend als Negativbeispiele. Die Versorgung von abgelege­nen Dörfern mit Elektrizität mit der hilfe von Dieselmotoren mag auf den ersten Blick ein sinnvolles Projekt sein, wenn aber die Finanzierung des laufenden Betriebs nicht ausreichend geklärt ist (Kauf von Diesel, Reparatur, Wartung), kann sich die gut gemeinte Entwicklungshilfe schnell zum Negativen wenden.

Ländliche Entwicklung

Wenn in dieser Arbeit von Entwicklung gesprochen wird, so ist dabei die Rede von ländlicher Entwicklung. Oberstes Ziel ländlicher Entwicklung ist die Bekämpfung von Armut.

„Armut hat weltweit vor allem ein ländliches Gesicht. Drei Viertel der Armen leben im ländlichen Raum, oft in extremer Armut und ohne ausreichende Mittel, ihre Ernäh­rung und die ihrer Familien sicherzustellen. Einkommensmöglichkeiten sind beschränkt, die meisten Menschen im ländlichen Raum leben von der Landwirt­schaft.“ (Int. 6)

Deshalb sieht die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) den Zugang zu Land und Wasser für die ländliche Bevölkerung als enorm wichtig an, genauso wie eine den ländlichen Bedürfnissen angepasste Infrastruktur und ein Vorgehen gegen die Benachteiligung von Frauen und Mädchen. Ländliche Entwicklung stellt sich diesen Herausforderungen auf unterschiedlichste Art und Weise, weshalb sie einen spürbaren Beitrag zur Erreichung der Millennium Entwicklungsziele der Ver­einten Nationen (Millennium developmentgoals, MDG) leistet (vgl. Int. 6).

In der Praxis bedeutet ländliche Entwicklung eine gleichrangige Förderung ökonomi­scher, ökologischer, soziokultureller und politisch-institutioneller Aspekte, und so zielen die Ansätze ländlicher Entwicklung auf ein nachhaltiges und breitenwirksa­mes Wachstum ab (vgl. Int. 6). Ziel ist es, die Menschen im ländlichen Raum so zu unterstützen, dass sie eigenständige nachhaltige Lösungen finden. Eine Unterstüt­zung auf diesem Weg kann zum Beispiel auch der Ausbau der IKT-Infrastruktur bedeuten, die es den Menschen ermöglicht, sich zu informieren, politischen Einfluss zu nehmen und vom Wissen der Welt zu profitieren.

Entwicklungszusammenarbeit (EZ)

Entwicklungszusammenarbeit ist der Ausdruck eines neuen Verständnisses der Ent­wicklungshilfe. Während Entwicklungshilfe an das Bild von Helfern und „dankbaren“ Hilfsbedürftigen erinnert, wird mit Entwicklungszusammenarbeit eine neue Haltung eingenommen, die auf der Erkenntnis beruht, dass erfolgreiche Entwicklungszusam­menarbeit mit der gemeinsamen Lösung von Problemen beginnt, bei der die Zielgruppe als gleichberechtigter Partner wahrgenommen wird und nicht als demüti­ger Hilfesuchender.

Entwicklungszusammenarbeit bildet ein zentrales Handlungsfeld der deutschen Ent­wicklungspolitik, die wiederum die Gesamtheit aller Maßnahmen umfasst, die Entwicklungsländer positiv oder negativ beeinflussen können. Als Sammelbegriff fasst sie die Leistungen in Form von Finanztransfers (als Kredite oder Zuschüsse) oder Direktleistungen (z.B. durch Bereitstellung von fachlichem Know-how, Aus- und Fortbildung) zusammen (vgl. Int. 7).

Klassischerweise wird zwischen personeller, technischer und finanzieller Zusam­menarbeit unterschieden; die Grenzen zwischen diesen Formen der Entwicklungs­zusammenarbeit sind jedoch fließend. Für die GTZ stellt die Entwicklungszusam­menarbeit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe dar, die von privaten und öffentlichen Stellen in Industrie- und Entwicklungsländern geleistet wird (vgl. Int. 7).

Entwicklungsinstrument

„Entwicklungsinstrument“ bezeichnet ein Werkzeug, eine Methode, ein Konzept, das Anwendung in Projekten finden kann. In der vorliegenden Arbeit werden beispiels­weise IKT instrumentalisiertfürdie Erreichung von Entwicklungszielen.

Entwicklungsland

„Staaten, die im Vergleich zu den Industrieländern (Erste Welt) unter anderem ein deutlich geringeres Sozialprodukt pro Kopf, eine geringe Arbeitsproduktivität, eine hohe Analphabetenquote und einen hohen Anteil landwirtschaftlicher Erwerbstätig­keit aufweisen. [...] Entwicklungsländer, sind nach ihrer kulturellen Herkunft, ihren politischen und wirtschaftlichen Strukturen und ihrer sozialen Schichtung untereinan­der sehr verschieden, und diese Unterschiede haben in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen.“ (Int. 8)

Eine ähnliche Unterscheidung ist gemeint wenn von, Norden (Industierländer) und Süden (Entwicklungsländer) gesprochen wird. Mit Norden und Süden wird der Tat­sache Rechnung getragen, dass sich die reichen Länder der Erde überwiegend auf der Nordhalbkugel befinden. Auch soll der mit negativen Assoziationen verbundene Begriff „Entwicklungsland“ vermieden werden. Aufgrund seiner diskriminierenden Wirkung sollte der Begriff der Dritten Welt oder Dritteweltland nicht mehr verwendet werden.

3 IKT in der Entwicklungszusammenarbeit

3.1 Die Bedeutung von IKT in der Entwicklungszusammenarbeit

Den hohen Stellenwert von IKT sehe ich in der heutigen Gesellschaftsform gege­ben. Dabei gehe ich davon aus, dass wir in einer Informations- und Wissensgesellschaft leben, in der Information und Wissen zum entscheidenden Kri­terium für wirtschaftliche Entwicklung, Wohlstand und Erfolg werden. Da Information und Wissen heute überwiegend digital übertragen und gespeichert werden, sind IKT der Schlüssel zur Teilnahme an der Informations- und Wissensgesellschaft. Zudem werden die unterschiedliche Nutzung und Verfügbarkeit von IKT innerhalb von Gesellschaften, oder zwischen Nationen, als Ursache für neue soziale Ungleichhei­ten gesehen und unter dem Begriff „Digital Divide“diskutiert. Diese Behauptung lässt sich nur aufrechterhalten, wenn davon ausgegangen wird, dass wir in einer Gesell­schaft leben, in der das „Nicht-Nutzen“ von IKT zu einer gesellschaftlichen und kulturellen Benachteiligung führt. Dabei dient die im folgenden vorgestellte Theorie der Informations- und Wissensgesellschaft dazu, einen analytischen Zusammen­hang von sozialer Ungleichheit und der Verfügbarkeit und Nutzung neuer Technologien in ein entsprechendes Verständnis der aktuellen Gesellschaftsforma­tion einzubetten (vgl. Zillien 2006, S. 6).

Die Gesellschaft der Gegenwart treffend zu beschreiben, ist nie einfach, da viele Trends gleichzeitig für sich beanspruchen, die richtige Beschreibung der Gesell­schaft zu kennen. Deshalb verstehe ich die Informations- und Wissensgesellschaft als eine mögliche, aktuelle Selbstbeschreibung der Gesellschaft, ohne einen Anspruch darauf zu erheben, die einzige Beschreibungsmöglichkeit der modernen Gesellschaft darzustellen.

3.1.1 Information und Wissen

Ein Blick ins Wörterbuch der Synonyme verrät, dass die Verben „wissen“ und „über etwas informiert sein“ als Synonyme geführt werden. Auch wird zwischen den Nomen „Information“ und „Wissen“ im Alltagsverständnis wenig differenziert und doch existieren grundlegende Unterschiede.

„Information beseitigt Ungewissheit, beziehungsweise Nichtwissen, ermöglicht Ler­nen und (sofortige, spätere oder/und dauerhafte) Verhaltensänderung. [...] Wesentlich für eine Information ist, dass bestimmte Zeichen (Signale) von einem „Sender“ zu einem „Empfänger“ gelangen und von diesem dekodiert (entschlüsselt, entziffert, das heißt „verstanden“) werden. Die Mindestvoraussetzung dafür ist ein gemeinsamer, „Code“ genannter Zeichenvorrat.“ (Int. 9)

Sollen Daten übermittelt werden, müssen sie mit einem Datenträger verbunden wer­den. Medial zur Verfügung stehende Informationen stellen dann potenzielle Informationen dar, die erst durch Selektion Informationswert erhalten. Information ist erst das, was einen Informationsträger aus Sicht des Interpreten relevant macht (vgl. Zillien 2006, S. 6). Mit dieser Definition wird zugleich die Verbindung zum hier verwendeten Wissensbegriff hergestellt.

So soll Wissen für diese Arbeit verstanden werden als eine angeeignete, verwend­bare, in einen Zusammenhang gebrachte Information und als Fähigkeit, eine wichtige und richte von einer unwichtigen und unrichtigen Information zu unterschei­den (vgl. Thierse 1999). Zudem ist Wissen an Personen gebunden und der Erwerb von Wissen setzt einen persönlichen aktiven Aneignungsprozess voraus. Im Gegen­satz dazu sind Informationen meistens nicht an Personen gebunden und stehen medial zurVerfügung (vgl. Zillien 2006, S. 7).

Wissen besteht demnach auch aus individuell verarbeiteten Information und kann nicht einfach konsumiert werden. Auch ist eine direkte Übertragung von Wissen, da an Personen gebunden, nicht mehr möglich, weshalb Wissen mehr als Information ist.

Die beschriebenen Merkmale von Information und Wissen finden sich in den Theo­rien der Informationsgesellschaft und der Wissensgesellschaft wieder, die ich anschließend zur Theorie der Informations- und Wissensgesellschaft (IWG) zusam­menführe.

3.1.2 Die Informationsgesellschaft

Die Idee der Informationsgesellschaft lässt sich auf Herbert Marshall McLuhan zurückfürhen. In Bezug auf die technische Errungenschaft seiner Zeit, das Fernse­hen, zeichnete Marshall McLuhan das Bild von einem elektronisch geschaffenen globalen Dorf und prognostizierte die Auflösung von Raum und Zeit, von Arbeit und Freizeit im elektronischem Zeitalter (vgl. Marshall McLuhan 1962).

Wenn von der Informationsgesellschaft gesprochen wird, ist damit häufig eine umfassende Anbindung und Vernetzung der Gesellschaft (Schulen, Universitäten, Bibliotheken) über das Internet gemeint, wie zum Beispiel in der Initiative des ehe­maligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder,,Schulen ans Netz“ (vgl. Int. 10).

Wichtigstes Merkmal der Informationsgesellschaft ist die zunehmende Verfügbarkeit und Notwendigkeit von Information für das alltägliche Leben. „Informationen werden als Produktionsfaktor und Konsumgut, als Kontroll-, Herrschafts- und Steuerungs­mittel bedeutsamer.“ (Bühl 1997, S.39) Erst IKT ermöglichen eine hohe Verfügbarkeit von Information und lassen sie zu einem bedeutenden Teil der Gesell­schaft werden. IKT sind demnach die Voraussetzung für das Entstehen der Informationsgesellschaft. „Durch die Merkmale wie Mutlifunktionalität, Vernetzung, Diffusionsgewindigkeit und Diffusionsbreite prägen die IKT maßgeblich die technolo­gische Infrastruktur und bilden somit die Konturen der Informationsgesellschaft.“ (Zillien 2006, S.9)

Die Fixierung der Informationsgesellschaft auf Technik als beschreibende Größe ist dann auch die bedeutendste Schwäche der Theorie, da die Technik den Blick auf die sozialen Herausforderungen der Informationsgesellschaft verstellt. Deshalb bedarf es einer Erweiterung der Theorie, die den Menschen als sozial agierendes Wesen miteinbezieht.

3.1.3 Die Wissensgesellschaft

Durch die Fokussierung von Wissen rücken soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Aspekte der durch IKT angestoßenen Veränderungen ins Blickfeld wissen­schaftlichen Interesses, und so betont die Wissensgesellschaft die menschlichen Fähigkeiten, die zum Wissenserwerb, zur Wissensvermittlung und zur Wissenspro­duktion nötig sind (vgl. Zillien 2006, S. 10). Die Popularität von Erziehungsratgebern oder Elternfachzeitschriften sind nur ein Beispiel aus dem Alltag dafür, dass wissen­schaftliche Erkenntnisse in der Wissensgesellschaft zum wichtigsten Bezugspunkt wird und nicht wie früher etwa die Erfahrungen der Eltern, die Lehren der Bibel oder Lebensweisheiten. Gleichzeitig wird neues Wissen täglich in unendlicher Vielzahl produziert. Was heute gilt, ist morgen schon wieder veraltet. Wissen ist deshalb stets etwas Hypothetisches, Vorläufiges und stellt keinen objektiven Maßstab oder eine unstrittige Instanz dar. Deshalb wird die Fähigkeit, Informationen einzuordnen, zu interpretieren und als Wissen praktisch anzuwenden, zunehmend bedeutender (vgl. Zillien 2006, S. 10).

In der Informationsgesellschaft werden wir konfrontiert mit einem Überangebot an Information, während uns das Konzept der Wissensgesellschaft auf die Verarbei­tung, Strukturierung und Filterung von Information aufmerksam macht. Wird die Notwendigkeit der Informationsverarbeitung unterschätzt, dann steuern wir auf eine immer informiertere, aber zugleich auch immer orientierungslosere Gesellschaft zu, die aus der Vielzahl an Informationen den Informationsmüll nicht mehr heraus filtern kann (vgl. Zillien 2006, S. 11).

3.1.4 Die Informations- und Wissensgesellschaft

Zentrale Annahme des Konzeptes zur Informations- und Wissensgesellschaft (IWG) ist die Bedeutungszunahme von Information und Wissen wie sie in den vorangegan­genen Kapiteln beschrieben wurde. Damit verbunden ist der Bedeutungszuwachs von Informations- und Kommunikationstechnologien, die als Schlüsseltechnologien der Informations- und Wissensgesellschaft gesehen werden müssen. Nur sie ermöglichen ständig und überall aktuell verfügbare Informationen. Die Bedeutungs­zunahmen von Informationen, Wissen und IKT führen zu gesellschaftlichen Veränderungen in Ökonomie, Politik, Bildung und Kultur.

Nach Bittlingmayer kommt es in der Ökonomie zu einem relativen Bedeutungsver­lust der warenproduzierenden Industrie, da sich um die Herstellung eines Produktes neue „wissensintensive“ Dienstleistungen gruppieren, wie zum Beispiel Forschung und Entwicklung, Design, Logistik, Marketing, Beratung und Service. IKT ermögli­chen globale Kommunikation und Austausch von Information in Echtzeit, was unter anderem die Auslagerung der Warenproduktion in so genannte „Billiglohnländer“ möglich macht, und nur noch die hochqualifizierten, „wissensintensiven“ Arbeitsplätze werden in den Industriestaaten gehalten. Auch der Bedeutungszu­wachs der Devisen-, Finanz- und Kapitalmärkte ist erst durch den Einsatz von IKT möglich geworden. Auf diesen Märkten werden aktuelle Informationen durch IKT übertragen und durch ausgefeilte Informationsselektion zur essentiellen Ressource für wirtschaftlichen Erfolg (vgl. Bittlingmayer 2001, S. 15f).

Durch die Möglichkeit der Kommunikation und Datenübertragung in Echtzeit machen IKT Unternehmen standortunabhängiger und fördern die Globalisierung. Diese Entwicklungen werden auf Seiten der Politik als Einschränkung politischer Handlungsspielräume gesehen, da ihre Möglichkeiten, Druck auf Unternehmen aus­zuüben, schwinden. Im Gegenteil, es wächst die Möglichkeit der Unternehmen Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen aufgrund ihrer dadurch gewonne­nen Flexibilität und dem Druckmittel der Arbeitsplatzverlagerung. Entscheidungen der Politik werden dabei zunehmend an wissenschaftliche Expertise rückgebunden, Deregulierung und Flexibilisierung werden zum vorherrschenden Leitbild der Politik in der IWG (vgl. Zillien 2006, S. 11 f).

Weiterhin gibt es einen Trend zur Stärkung der Eigenverantwortung der Individuen.

„Das konsensorientierte Modell des bürokratischen Vorsorgestaates wird ersetzt durch das konkurrenzorientierte Modell des neoliberalen schlanken Staates, der stärker auf die Eigenverantwortung der sozialen Akteure, mithin auf Selbstzuschrei­bung von Erfolg und Misserfolg abhebt.“ (Bittlingmayer2001, S. 16)

Die Forderung nach stärkerer Eigenverantwortung der sozialen Akteure kommt vor allem im Bereich der Bildung deutlich zum Vorschein. Keine persönliche Ressource scheint in der IWG so wertvoll zu sein wie ein hinreichender Zugriff auf Bildung (vgl. Bittlingmayer 2001, S. 17). Aktuelles, zeitgemäßes Wissen veraltet in der IWG immer schneller, woraus eine Differenz zwischen den Anforderungen des Arbeits­marktes und den in der Schule erlernten Qualifikationen resultiert. „Die Antwort auf dieses Dilemma ist lebenslanges, selbstgesteuertes Lernen.“ (Hönigsberger 2001, S. 12) Es reicht nicht mehr aus, einen formalen Bildungsabschluss zu erwerben. Nur wer sich kontinuierlich weiterbildet, wird seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt behal­ten.

Es wäre verwunderlich, wenn die Wandlungen von Ökonomie, Politik und Bildung die Alltagskultur unberührt ließen. Bittlingmayer bemängelt, dass Kultur häufig nur rückgebunden an die IKT diskutiert wird. Dabei wird dem Internet die Eigenschaft zugeschrieben, kulturelle Hierarchien oder Hegemonien zu nivellieren, weil der Zugriff auf den „Mega-Wissensspeicher“ Internet im Kern demokratisch sei (vgl. Bitt­lingmayer 2001, S. 17). Der Konsument von Kultur hat demnach die freie Wahl, an kulturellen Angeboten teilzunehmen. Dagegen spricht, dass nicht jeder ausreichend finanzielle Mittel und Freizeit zur Verfügung hat, um an den kulturellen Veranstaltun­gen seinerWahl teilzunehmen.

Darüber hinaus lässt sich nach wie vor ein Zusammenhang zwischen der milieuspe­zifischen sozialen Herkunft und den individuellen Präferenzmustern nachweisen. Die kulturellen Praktiken bleiben folglich an die soziale Lage der Menschen gekop­pelt und dokumentieren diesewiederum (vgl. Bittlingmayer 2001, S. 17).

Die beschriebenen Veränderungen zeigen, dass die IWG ohne IKT in dieser Form nicht denkbar wäre, womit sich auch der hohe Stellenwert von IKT in der IWG erklärt. Aus der Bedeutung von IKT in der IWG lassen sich bereits Anhaltspunkte für den Stellenwert von IKT in der Entwicklungszusammenarbeit erkennen. Klar ver­ständlich wird dieser aber erst, wenn die mit der gesellschaftlichen Veränderung zu

IWG verbundenen Probleme genauer betrachtet wurden. In der Entwicklungszu­sammenarbeit wurden diese unter dem Schlagwort „Digital Divide“ bekannt und resultieren aus dem Zusammenspiel von Technik und Gesellschaft, welches im fol­genden Kapitel beschrieben werden soll.

3.1.5 Technik in der Informations- und Wissensgesellschaft

Spätestens seit der industriellen Revolution ist Technik zu einem der wichtigsten gesellschaftsbestimmenden Faktoren geworden - aber wie spielen Technik und Gesellschaft zusammen? Im Wesentlichen gibt es zwei unterschiedliche Ansichten. Zum einen kann Technik als Verfestigung gesellschaftlichen Handelns gesehen wer­den. Diese Sichtweise steht in der Tradition von Durkheims Begriff des soziologischen Tatbestandes (vgl. Zillien 2006, S. 16). In der Programmierung, Bedienung und dem Aussehen der Technik sind gesellschaftliche Werte und Nor­men eingeschrieben worden oder eben verfestigt worden. Diese wiederum beeinflussen das Handeln des Einzelnen im Umgang mit der Technik. Die Entwickler haben eine kulturabhängige Vorstellung, wie ihre Technologie „angenehm“ zu bedie­nen ist. Diese Vorstellung zwingt nun den Einzelnen, die Technik auf eine bestimmte Art zu bedienen. Zum anderen wird in der Tradition Max Webers argumentiert, dass Technik ihre soziale Bedeutung erst im Handeln erlangt. Technik ist demnach ledig­lich deutbar aus dem Sinn, den ihr menschliches Handeln verleiht (vgl. Zillien 2006, S. 16).

Während bei der ersten Sichtweise menschliches Handeln durch Technik determi­niert wird, bestimmt in derzweiten Sichtweise menschliches Handeln die Bedeutung und Verwendung von Technik. Meiner Ansicht nach haben beide Sichtweisen ihre Gültigkeit. Bei der Programmierung und Gestaltung von Technik fließen zwangsläu­fig kulturelle Aspekte des Entwicklers mit ein. So Erleichtert beispielsweise die Dominanz der englischen Sprache im Internet englischsprachigen Nutzern den Zugang und Umgang mit Angeboten und Dienstleistungen im Internet. Aufder ande­ren Seite finden aber Nutzung und Umgang der Menschen mit der Technik wieder Einzug in deren Weiterentwicklung. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie der Umgang der Nutzer mit der Technik wieder in die Entwicklung einfließt, beschreibt der Artikel „Can the Cellphone Help End Global Poverty? (Corbett, 2008)“ über einen Anthropologen, der im Auftrag von Nokia durch die Welt reist, Menschen beobachtet und befragt wie sie das Mobiltelefon nutzen. Aus diesen Informationen entwickelt er Vorschläge für die Entwicklung von neuen Mobiltelefonen. So zeigt sich,,,[...] dass sowohl die Entwicklung und Nutzung, als auch die Auswirkungen von neuen Technologien vom sozialen und technologischen Kontext abhängig sind und wiederum auf diesen zurückwirken.“ (Zillien 2006, S. 19)

Zillien schreibt, dass Technik stets nach festen Mechanismen, regelgeleitet und vor­hersagbar funktioniert, das heißt, sie bietet für jeden Nutzer gleichermaßen eine Entlastungsfunktion, entwertet aber dadurch persönlich angeeignete Kompetenzen. So stellt beispielsweise ein Taschenrechner das Können und Wissen, das zum Rechnen nötig ist, vergegenständlicht zur Verfügung. Diesem Gedankengang fol­gend, wirkt der Taschenrechner durch seine vorhersagbare technische Funktionsweise egalisierend. Jedoch ist die Nutzung von Technik nicht vorausset­zungslos, die Anwendung und Ausdeutung ist dispositionsabhängig. Wer ohne Taschenrechner nicht in der Lage ist, die Wurzel aus 49 zu ziehen, für den stellt das Ergebnis 7 auf dem Taschenrechner bestenfalls eine Information, keinesfalls jedoch weiterführendes Wissen dar (vgl. Zillien 2006, S. 22 f).

Nicht primär Technik, sondern deren unterschiedliche Nutzung, stellt die Grundlage sozialer Unterschiede dar. Diese sozialen Unterschiede sollen im folgenden Kapitel näher beschrieben werden.

3.1.6 Soziale Ungleichheit in der Informations- und Wissensgesellschaft

Mit dem Begriff „soziale Ungleichheit“ wird in der Soziologie die unterschiedliche Verteilung und Teilhabemöglichkeit von Einzelnen oder Gruppen, an materiellen und immateriellen Ressourcen beschrieben. Soziale Ungleichheit beschreibt die Tatsa­che, dass manche Menschen aufgrund ihrer sozialen Stellung von der Gesellschaft regelmäßig mehr erhalten als andere.

„Soziale Ungleichheit im weiteren Sinne liegt überall dort vor, wo die Möglichkeiten des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/oder zu sozialen Positionen, die mit ungleichen Macht- und/oder Interaktions­möglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebenschancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beein­trächtigt bzw. begünstigt werden.“ (Kreckel 2004, S. 17)

Soziale Ungleichheit meint stets gesellschaftlich verankerte Formen der Begünsti­gung oder Benachteiligung. Wichtig ist, dass soziale Ungleichheit kein zufälliges Phänomen darstellt, sondern ihrem Auftreten eine Systematik zu Grunde liegt.

IKT führen in der IWG zu sozialen Ungleichheiten, da Information und Wissen in der IWG zum Kriterium für Erfolg und Wohlstand erhoben worden sind. Die intellektuelle Leistung der Selektion und Verarbeitung von durch IKT zur Verfügung gestellten Informationen zu Wissen und Bildung setzen aber eine solide Grundbildung voraus. Bildung wird zur Voraussetzung für eine erfolgreiche Teilnahme an der IWG und zu einem entscheidenden Faktor für soziale Ungleichheiten. Bildung wird in der IWG möglicherweise zu derjenigen Ressource, die zur Ordnung von Information und Wis­sen am dringendsten gebraucht wird, an der es aber am meisten mangelt (vgl. Hönigsberger, S. 3). Bildung stellt in vielen Ländern ein Gut dar, das direkt vom sozialen und finanziellen Status abhängig ist. Bereits Bourdieu erklärte in seiner Studie „Die feinen Unterschiede“, 1982, den Bildungsmarkt zum Hauptschlachtfeld im Klassenkampf (vgl. Zillien 2006, S. 33). Für Deutschland wurde der Zusammen­hang von sozialem Status und Bildung erst vor wenigen Jahren durch die PISA­Studien (Programme for international Student Assessment) bestätigt. Die PISA-Stu­dien bescheinigen dem deutschen Bildungssystem eine stark selektive Wirkung auf Grund dersozialen Herkunft.

„Das mit schulischem Misserfolg verbundene Armutsrisiko ist eben nicht gesell­schaftlich kontingent, sondern herkunftsbedingt sozial ungleich verteilt. Trotz Bildungsexpansion bleibt ein Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und wahr­scheinlichem Bildungserfolg.“ (Bittlingmayer2001, S. 20)

Das bedeutet, je umfassender die Grundbildung ist, desto besser ist man in der Lage, die durch IKT zur Verfügung gestellten Informationen in gewinnbringendes Wissen und schließlich in Bildung umzuwandeln. Damit erweisen sich IKT auf den ersten Blick jedoch als unbrauchbar, um soziale Ungleichheiten zu beseitigen, da sie auf vorhandenen Ungleichheiten aufbauen und diese noch verstärken.

Wenn Bildung und Wissen zu Kriterien des sozialen Status in der IWG erhoben wer­den, liegen in den Zugangsmöglichkeiten zu Informations- und Kommunikationskanälen sowie in der Fähigkeit, das „Richtige“ oder wenigstens das dem jeweiligen Kontext angemessene Wissen herauszufiltern eigenständige Dimen­sionen sozialer Ungleichheit begründet. (Berger 1999, S. 149, vgl. nach Zillien 2006, S. 57)

Auch wenn Informationen, vor allem im Internet, prinzipiell jedem offen stehen, bleibt die Fähigkeit, diese gewinnbringend zu nutzen, ungleich verteilt. So sieht auch Zillien, dass die Fähigkeiten, IKT zu nutzen und anzupassen, zu entscheidenden Faktoren werden, um Reichtum, Macht und Wissen hervorzubringen und Zugang dazu zu erhalten. Dies hat zur Folge, dass die Bedeutung von Wissen zweiter Ord­nung, also das Wissen über die richtige Informationsbeschaffung und Informationsverwendung gegenüber Wissensinhalten zunehmend gewinnt (vgl. Zil­lien 2006, S. 62 f). Das vor allem im Internet in Datenbanken zurVerfügung gestellte Wissen erfordert also ein hohes Maß an intelligentem, selektivem Umgang mit die­sem Wissen. Als Nutzer der IKT muss man wissen, wo und wie man am schnellsten an die benötigte Information herankommt, andernfalls läuft man Gefahr, sich in der Informationsflut und langwierigen Recherchen zu verlieren. Dies zeigt, dass zur erfolgreichen Aneignung des Internets technische Bedienkompetenzen allein nicht ausreichend sind.

Die Möglichkeit zur Teilhabe an der Informations- und Wissensgesellschaft ist dem­nach an Voraussetzungen geknüpft, vor allem an eine solide Grundbildung. Auch wenn die Anforderungen zur Teilhabe an der IWG aus einer westlichen Perspektive beschrieben worden sind, so leben wir in einer globalisierten Welt. In dieser Welt sind grundlegende Veränderungen einer gesellschaftlichen Ordnung nicht mehr lokal beschränkt, sondern wirken sich auf den gesamten Globus aus. So ist der Wandel zur IWG ein globaler Prozess und auch in Entwicklungsländern zu spüren. Diese haben jedoch mit wesentlich größeren Anpassungsschwierigkeiten zu kämp­fen, da weder die Kommunikationsinfrastruktur, noch die Bildung großer Teile der Bevölkerung ausreichend ist, um den Anforderungen zu genügen. Unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu durch IKT zur Verfügung gestellten Informationen und die daraus resultierenden Konsequenzen werden in der Entwicklungszusammenarbeit unter den Schlagwörtern „Digital Divide“ oder „Digital Gab“ diskutiert. Im deutschen Sprachraum auch unter „Digitale Spaltung“ oder „Digitale Kluft“ und im spanischen Sprachraum unter „Brecha Digital“. Da der Digital Divide bedeutend ist für die Begründung, IKT in der Entwicklungszusammenarbeit einzusetzen, soll er im folgen­dem Kapitel erläutert werden.

3.1.7 Die Digitale Spaltung in der Informations- und Wissensgesellschaft

Die Theorie der digitalen Spaltung hat ihren Ursprung in der Wissensklufttheorie. Die These der Wissenskluft bezweifelt die Annahme, dass die Zunahme der mas­senmedialen Berichterstattung zur Angleichung von Information und Wissen führt und somit als Korrektiv sozialisations- und bildungsbedingter Ungleichheiten dienen kann (vgl. Zillen 2006 S. 71). Statt dessen wird davon ausgegangen, dass die wach­sende Zahl zur Verfügung stehender Informationen die Wissenskluft eher vergrößert, da viele Menschen mit der Komplexität und Unübersichtlichkeit der Infor­mationen nicht mehr zurecht kommen. Diese Phänomene führten die Wissenschaftler Tichenor, Donohue und Olien 1970 auf die Faktoren Medienkompe­tenz („Communications Skills”), Wissensniveau („Amount of stored Information“), Sozialbeziehungen („Relevant social Contact“), selektive Informationssuche und -verarbeitung („Selective exposure, acceptance and retention of Information“), und Art des Mediums („Nature of the mass media system“) zurück (vgl. Zillen 2006, S. 72). Allen Kategorien ist gemein, dass sie mit dem Grad der Bildung zusammenhän­gen. Dies ist auch der Hauptkritikpunkt an der Wissenskluftforschung, nämlich dass andere Einflussfaktoren, wie etwas der Zugang zu Informationsmedien, außer Acht gelassen werden und einzig die Bildung als erklärende Grundgröße herangezogen wird. Zudem treten Wissensklüfte nicht in allen Bereichen des Alltags gleich stark auf.

Zillien ist der Ansicht, dass es zu differenzieren gilt nach Themen (Aktualität und Relevanz), Wissensform (Faktenwissen oder Strukturwissen)

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Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Informations- und Telekommunikationstechniken als Entwicklungsinstrument in der Entwicklungszusammenarbeit
Untertitel
Fluch oder Segen für ländliche Gemeinden in Peru?
Hochschule
Hochschule München
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
98
Katalognummer
V134933
ISBN (eBook)
9783640433797
Dateigröße
3280 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit von Herrn Frank ist im Grenzgebiet von Sozialinformatik und internationaler Sozialer Arbeit angesiedelt
Schlagworte
Informations-, Telekommunikationstechniken, Entwicklungsinstrument, Entwicklungszusammenarbeit, Fluch, Segen, Gemeinden, Peru
Arbeit zitieren
Jan-Philip Frank (Autor), 2009, Informations- und Telekommunikationstechniken als Entwicklungsinstrument in der Entwicklungszusammenarbeit , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/134933

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