Ziel dieser Arbeit ist es, die Frage zu beantworten, ob die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg dazu beitragen kann, die Fehlerkultur im Krankenhaus zu verbessern, um eine höhere Patientensicherheit zu erzielen. In der Methodik dieser theoretischen Grundlagenarbeit wurden das Fehlerkultur-Modell nach Löber und das Konzept der GFK aufeinander bezogen.
Die vier Schritte der GFK (Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte) tragen zu einer sicheren Informationsvermittlung bei. Die Anschlussfähigkeit der GFK lässt sich als hoch einschätzen, da sie an der Alltagssprache anknüpft. Die Integration der Sprach- und Denkmuster der GFK in das tägliche Umfeld erfordert Ausdauer, Zeit, Motivation und Geduld. Deswegen erscheint es zielführend, die GFK im Kontext Krankenhaus führungsseitig einzuführen, da nur so Wollen (Motivation und Bereitschaft der Mitarbeiter*innen), Können (Erwerb der Kompetenzen und Fähigkeiten) sowie Dürfen (ist die Anwendung im vorhandenen Kontext möglich?) sichergestellt werden können. Einschränkend ist, dass die zugrunde liegende GFK-Literatur überwiegend praxisorientiert ist und nur teilweise einem belastbaren wissenschaftlichen Standard genügt. Die gewonnenen Erkenntnisse können der weiteren Forschung als Grundlage dienen, um die theoretisch hergeleiteten Zusammenhänge empirisch zu überprüfen. Dazu gehören bspw. der Einfluss der GFK auf die Patientensicherheit, die Arbeitszufriedenheit und die Behandlungsqualität.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Ziel der Arbeit
1.2 Methodisches Vorgehen
1.3 Aufbau der Arbeit
2 Rahmenbedingungen und Herausforderungen für die Patientensicherheit im Kontext Krankenhaus
2.1 Das Gesundheitssystem in Deutschland
2.2 Das Unternehmen Krankenhaus
2.3 Das Team im Krankenhaus
2.4 Der/die Mitarbeiter*in als Individuum
2.5 Der/die Patient*in im Krankenhaus
3 Fehlergrundlagen
3.1 Definition von Fehlern
3.2 Die Klassifikation von Fehlern
3.3 Fehlerquellen im menschlichen Handeln
3.4 Der Fehler in der Sicherheits- und Unfallforschung
3.5 Der Behandlungsfehler
4 Die Bedeutung und Funktion der Unternehmenskultur
4.1 Was ist ein Unternehmen?
4.2 Der Terminus Unternehmenskultur
4.3 Die unterschiedlichen Perspektiven auf die Unternehmenskultur
4.3.1 Der Variablen-Ansatz.
4.3.2 Der Metaphern-Ansatz.
4.3.3 Das dynamischen Konstrukt.
4.4 Unternehmenskulturmodelle
5 Die Fehlerkultur als Teil der Unternehmenskultur im Krankenhaus
5.1 Begriffsklärung, Abgrenzung und Verortung
5.2 Das Fehlerkulturmodell nach Löber (2012) und dessen Ausprägungen im Kontext Krankenhaus
6 Grundlagen und Haltung der Gewaltfreien Kommunikation
6.1 Die vier Schritte des GFK-Prozesses
6.1.1 Beobachtung vs. Bewertung.
6.1.2 Gefühl vs. Interpretation.
6.1.3 Bedürfnis vs. Strategie.
6.1.4 Bitte vs. Forderung.
6.2 Die vier Ohren der GFK
6.3 Empathie und Selbstempathie aus Sicht der GFK
7 Einfluss der Gewaltfreien Kommunikation auf die Beurteilung und Reaktion von Fehlern im Krankenhaus
7.1 Die Sprach- und Denkmuster einer niedrig ausgeprägten Dimension Kommunikation
7.2 Übersetzung der Sprach- und Denkmuster einer niedrig ausgeprägten Dimension Kommunikation in die Haltung und Form der GFK
8 Diskussion des Einflusses der GFK auf die Ausprägung der Fehlerkultur im Krankenhaus
8.1 Der Einfluss der GFK auf die Dimension Kommunikation
8.2 Überlegungen zum Einfluss der GFK auf die Ausprägung der anderen Dimensionen des Fehlerkultur-Modells nach Löber (2012)
8.3 Der mögliche Einfluss der GFK auf die Ausprägung der Fehlerkultur
8.4 Kritische Würdigung der GFK
8.5 Limitationen der Arbeit
8.6 Implikationen für die Praxis und Anregungen für die weitere Forschung
9 Fazit/Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Masterarbeit ist die Untersuchung der Forschungsfrage, ob die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg dazu beitragen kann, die Fehlerkultur in deutschen Krankenhäusern zu verbessern und somit die Patientensicherheit zu erhöhen. Die Arbeit analysiert dabei theoretisch die Wechselwirkungen zwischen Kommunikationsmustern und der Fehlerkultur.
- Kulturelle Rahmenbedingungen für die Patientensicherheit im Krankenhaus
- Grundlagen der Fehlerentstehung und Klassifikation von Fehlern
- Bedeutung der Unternehmenskultur für den Umgang mit Fehlern
- Konzept und Haltung der Gewaltfreien Kommunikation (GFK)
- Analyse des Einflusses der GFK auf Kommunikation und Fehlerkultur
Auszug aus dem Buch
3.1 Definition von Fehlern
Der Fehler kann als unerwünschtes Resultat einer Handlung angesehen werden (St.Pierre & Hofinger, 2020). Dies bedeutet, dass erst ein negatives Ergebnis in der Rückschau einen Fehler zum Fehler macht. Diese Sichtweise findet sich häufig im medizinischen Kontext, da meist erst im Falle von einer Patientenschädigung von einem Fehler die Rede ist (ebenda). Der Entstehungskontext wird dabei meist missachtet, vielmehr wird ein wertiger Zusammenhang abgeleitet zwischen der Schwere des Schadens und dem Fehler (Rall, Manser, Guggenberger, Gaba & Unertl, 2001; St.Pierre & Hofinger, 2020).
Eine weitere Sichtweise trennt die Konsequenz von der Handlung, indem die Handlung an sich als mangelhaft oder falsch bewertet wird (St.Pierre & Hofinger, 2020). Der Fokus richtet sich auf die Frage, warum so gehandelt wurde und nicht anders. Der Unfallhergang wird analysiert, um die Fehlerquellen zu identifizieren, wie bspw. die Informationsverarbeitung, kognitive Fähigkeiten, Wissen, Erfahrung oder die physische und mentale Verfassung (ebenda). Der Fehler wird hier dem Individuum zugeordnet (Rall et al., 2001; Rasmussen, 1990; St.Pierre & Hofinger, 2020). Eine Kritik dieser Herangehensweise ist die Gefahr „Fehlerhaftes mit Fehlerhaften“ zu erklären (St.Pierre & Hofinger, 2020, S. 41). Der fehlerhaften Handlung per se wird also eine Pathologie unterstellt, die möglichweiser gar nicht vorhanden war (St.Pierre & Hofinger, 2020). Vielmehr stellt die Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource dar, die in Abhängigkeit der jeweiligen Zielausrichtung der handelnden Person eingesetzt wird (Müller, 2003). Der ‚Fehler‘ kann aus dieser Sichtweise heraus auch eine völlig normale Funktionsweise des Menschen und seiner Intelligenz betrachtet werden (St.Pierre & Hofinger, 2020).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Fehler immer dann als solcher bewertet wird, wenn eine Handlungsabsicht bestand, ein Ziel verfolgt wurde und es in der Verkettung der Ereignisfolge mindestens zu einem Zeitpunkt eine Handlungsalternative gegeben hätte, sprich der Fehler potentiell vermeidbar gewesen wäre und das Ergebnis als ungünstig beurteilt wird (Hofinger, 2012; St.Pierre & Hofinger, 2020; Weingardt, 2004; Zapf, Frese & Broedbeck, 1999).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz der Fehlerkultur im Krankenhaus und die Bedeutung der Patientensicherheit, wobei die wissenschaftliche Wissenslücke bezüglich der GFK als Interventionsinstrument identifiziert wird.
2 Rahmenbedingungen und Herausforderungen für die Patientensicherheit im Kontext Krankenhaus: Dieses Kapitel erörtert die komplexen Ebenen des Gesundheitssystems, vom System selbst bis hin zum Individuum, die die Patientensicherheit maßgeblich beeinflussen.
3 Fehlergrundlagen: Es erfolgt eine wissenschaftliche Fundierung der Fehlerbegriffe, deren Klassifikation sowie die Ursachen menschlichen Handelns in komplexen Systemen.
4 Die Bedeutung und Funktion der Unternehmenskultur: Hier wird die Unternehmenskultur als übergeordneter Rahmen für die Fehlerkultur theoretisch hergeleitet und verschiedene systemtheoretische Modelle vorgestellt.
5 Die Fehlerkultur als Teil der Unternehmenskultur im Krankenhaus: Das Kapitel definiert Fehlerkultur als Subkultur und detailliert das Fehlerkulturmodell nach Löber (2012).
6 Grundlagen und Haltung der Gewaltfreien Kommunikation: Einführung in das Konzept der GFK nach Marshall Rosenberg, inklusive Prozessschritte und grundlegender Haltungen.
7 Einfluss der Gewaltfreien Kommunikation auf die Beurteilung und Reaktion von Fehlern im Krankenhaus: Analyse dysfunktionaler Sprachmuster und deren Übersetzung in die GFK-Haltung im Kontext von Fehlerreaktionen.
8 Diskussion des Einflusses der GFK auf die Ausprägung der Fehlerkultur im Krankenhaus: Kritische Diskussion, wie durch GFK die Dimensionen Kommunikation, Lernen und Flexibilität positiv beeinflusst und die Fehlerkultur nachhaltig verändert werden kann.
9 Fazit/Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ableitung von Impulsen für die weitere Forschung sowie Praxisimplikationen.
Schlüsselwörter
Fehlerkultur, Sicherheitskultur, Patientensicherheit, Fehler, Behandlungsfehler, Gewaltfreie Kommunikation, Kommunikation, Unternehmenskultur, Empathie, Fehlerlernen, Krankenhausmanagement, Konfliktfähigkeit, Personalmanagement, Risikomanagement, Prozessqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Methode der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) nach Marshall Rosenberg dazu beitragen kann, die Fehlerkultur in Krankenhäusern konstruktiver zu gestalten, um die Sicherheit für Patienten zu erhöhen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentral sind die Analyse der Rahmenbedingungen in Krankenhäusern, die theoretischen Grundlagen der Fehlerforschung, Konzepte der Unternehmenskultur sowie die Anwendung der GFK zur Verbesserung der interprofessionellen Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das primäre Ziel ist es, eine Wissenslücke zu schließen und aufzuzeigen, wie durch eine wertschätzende, empathische Kommunikation ein offenerer Umgang mit Fehlern erreicht werden kann, anstatt an einer traditionellen "Schuldkultur" festzuhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Grundlagenarbeit. Das Fehlerkultur-Modell nach Löber (2012) und das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation werden aufeinander bezogen und auf ihre Wirkungsweise hin theoretisch analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Fehlergrundlagen, eine Analyse der Unternehmenskultur als Rahmenbedingung, die Vorstellung des Fehlerkulturmodells sowie eine detaillierte Diskussion der Anwendung von GFK-Mustern auf Fehlerreaktionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fehlerkultur, Patientensicherheit, Gewaltfreie Kommunikation, Behandlungsfehler, interprofessionelle Zusammenarbeit und psychologische Sicherheit charakterisiert.
Wie trägt die GFK konkret zur Fehlerkultur bei?
Die GFK hilft dabei, von einer urteilenden Sprache (Wolf-Sprache) zu einer bedürfnisorientierten Kommunikation (Giraffen-Sprache) zu gelangen. Dies reduziert Schuldzuweisungen, fördert die psychische Sicherheit im Team und ermöglicht faktenbasierte Analysen anstatt defensiver Rechtfertigungen.
Warum ist die Arbeit insbesondere für Krankenhaus-Führungskräfte relevant?
Die Arbeit zeigt auf, dass eine konstruktive Fehlerkultur eine Führungsaufgabe ist. Führungskräfte sind Schlüsselpersonen, um durch GFK-basierte Kommunikation die notwendigen Räume und Strukturen für ein sicheres und lernorientiertes Arbeitsumfeld zu schaffen.
- Arbeit zitieren
- Ursula Frentzel (Autor:in), 2021, Einfluss der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) auf die Fehlerkultur im Krankenhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1356811