Der Zauber des Romans entsteht nicht nur aus diesem unbestimmten Status zwischen Faktualität und Fiktionalität, sondern besonders aus der Undeterminiertheit der Erzählinstanz oder -instanzen. Die Erzählinstanz im "Berg der Seele" bleibt unbekannt; inwieweit die erzählten Ereignisse den tatsächlichen Ereignissen aus dem Leben Gao Xingjians entsprechen, ist dabei unklar.
Die Kapitel sind abwechselnd in Du-Form und in Ich-Form geschrieben, zum Teil auch in Sie‑ oder Er-Form. Die Motivierung der Geschehnisse in den Kapiteln ist durch die Reise gegeben, durch die verschiedenen Stationen des Protagonisten auf dem Weg zum Berg der Seele. Früher oder später fühlt man sich als Leser, der gewohnt ist, einem eindeutigen Erzähler in Ich-Form oder in Er-Form zu folgen, in die Irre geführt: sind das Ich und das Du zwei verschiedene Figuren des Romans oder ist es doch nur eine einzige Figur, und wenn, wer spricht diese Figur mit einem Du an?
Dieser Frage wird ausgehend vom Wesen des Erzählens in der zweiten Person, dem Anredepronomen, in dieser Arbeit nachgegangen.
Inhaltsverzeichnis
I. Gao Xingjian und Der Berg der Seele
II. Das Besondere des Erzählens in der zweiten Person
III. Das Du in Gao Xingjians Der Berg der Seele
IV. Abschließende Gedanken
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die komplexe Erzählstruktur und die Funktion der Anrede in der zweiten Person (das „Du“) in Gao Xingjians Roman „Der Berg der Seele“ und analysiert deren Auswirkungen auf die Identitätskonstruktion des Protagonisten sowie die Beziehung zum Leser.
- Narratologische Analyse der Du-Erzählung
- Die Rolle der Identitätsfindung zwischen Ich und Du
- Das Spannungsfeld zwischen Faktualität und Fiktionalität
- Wechselwirkungen von Nähe und Distanz durch Anredepronomina
- Verhältnis von Erzähler, Protagonist und Leser
Auszug aus dem Buch
Die Du-Form im Erzählkontext
Das allgemein weniger bekannte Erzählen in der Du-Form verzeichnet Ursula Wiest schon im 17. Jahrhundert, doch erst in den letzten Jahrzehnten hat das Interesse an der Du-Erzählung mit ihrer zunehmenden Verwendung auch in der literarischen Theorie zugenommen. Frank Zipfel ordnet diese Erzählform als narratologischen Sonderfall ein, weil dafür keine korrespondierende Erzählsituation in der Wirklichkeit aufzufinden ist und wertet sie daher als ein eindeutiges Signal für die Fiktionalität des Erzählens. Allerdings kann man mit Zipfel von einem Erzählen in der zweiten Person erst dann sprechen, wenn sie nicht punktuell auftritt, sondern einen längeren Textabschnitt einnimmt.
Die You-Form wird inzwischen allgemein akzeptiert als die durchgehende Anrede einer textinternen handlungstragenden Figur mit dem Pronomen der zweiten Person, mit weitreichenden Folgen für das Verhältnis dieser Figur zu Histoire und Erzählperson und mit gleichzeitig dadurch eröffneten Möglichkeiten der subtil verwirrenden und handlungsinvolvierenden Leseranrede.
Im Gegensatz zur ersten und dritten Person kann die zweite Person als direktes Anredepronomen sowohl auf Erzähler und Figur als auch auf den Leser/Hörer des Textes verweisen. Die Du-Form stellt daher in ihrer Mehrdeutigkeit am meisten den Leser/Hörer vor die Wahl zu entscheiden, wer angesprochen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Gao Xingjian und Der Berg der Seele: Einleitende Betrachtung des Autors, der Entstehungsgeschichte des Romans sowie der Unschärfe zwischen faktualem und fiktionalem Status des Textes.
II. Das Besondere des Erzählens in der zweiten Person: Theoretische Grundlagen und narratologische Einordnung der Du-Erzählweise sowie deren Wirkung auf das Verhältnis zwischen Leser, Erzähler und Figur.
III. Das Du in Gao Xingjians Der Berg der Seele: Konkrete Analyse der Anwendung der Du-Form im Roman, insbesondere im Hinblick auf die Identitätssuche und die Dialoggestaltung.
IV. Abschließende Gedanken: Resümee über die Ambiguität der Pronomina im Werk und die Feststellung, dass der Weg des Erzählens selbst das eigentliche Ziel des Romans darstellt.
Schlüsselwörter
Gao Xingjian, Der Berg der Seele, Du-Erzählung, Fiktionalität, Identitätsfindung, Narratologie, zweite Person, Erzählstruktur, Romananalyse, Homodiegese, Leseranrede, Identität, Sprache, Subjektivität, Ambiguität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die spezifische Erzählstruktur in Gao Xingjians Roman „Der Berg der Seele“, insbesondere den Gebrauch des Pronomens „Du“ und dessen narratologische Implikationen.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die narratologische Funktion der zweiten Person, die Konstruktion von Identität zwischen Ich und Du sowie das Spannungsfeld zwischen autobiografischen Elementen und Fiktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu ergründen, welche Auswirkungen der ständige Wechsel zwischen Ich- und Du-Perspektive auf die Identitätskonstitution des Protagonisten und auf die Einbindung des Lesers in das Geschehen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die narratologische Theorien, insbesondere zur Du-Erzählung, auf den konkreten Text von Gao Xingjian anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über die Du-Form in der Literatur und eine detaillierte Textanalyse, die untersucht, wie Gao Xingjian durch den Wechsel der Pronomina den Leser direkt anspricht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation?
Die wichtigsten Begriffe sind Du-Erzählung, Fiktionalität, Identitätsfindung, Narratologie, Sprache, Subjektivität und Gao Xingjian.
Wie unterscheidet sich die Du-Form in der Literatur von herkömmlichen Erzählweisen?
Anders als bei der Ich- oder Er-Erzählung erzeugt die Du-Form eine unmittelbare, oft mehrdeutige Anrede, die den Leser direkt in das Beziehungsgeflecht zwischen Erzähler und Protagonist einbindet.
Was schlussfolgert die Arbeit über das „Ich“ und das „Du“ im Roman?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das „Du“ und das „Ich“ im Roman nicht als feststehende Personen zu begreifen sind, sondern als fluide Identitätsfacetten fungieren, die durch das Erzählen selbst erst hervorgebracht werden.
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- Vanya Gheorghita (Author), 2006, Das Du in Gao Xingjians "Der Berg der Seele", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1359002