Diese Arbeit beschäftigt sich mit der auffällig mittelalterlichen Gestaltung des „Alexander“ Ulrichs von Etzenbach und der These, dass damit vom Autor intendiert war, Ottokar II. mit Alexander dem Großen auf eine Stufe zu stellen, um so Machtansprüche des böhmischen Königs im Deutschen Reich zu untermauern. Um deutlich zu machen, warum Ulrich so verfahren haben sollte, ist es nötig, zunächst auf das Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter und vor allem auf die Vier-Reiche-Lehre und die Idee der translatio imperii einzugehen.
Die Neuausrichtung des „Alexander“ wegen der Umwidmung auf Wenzel II. nach dem Tod seines Vaters Ottokar II. 1278 und wegen der aus der Niederlage auf dem Marchfeld resultierenden Verminderung der Macht der Přemysliden soll ebenfalls dargestellt werden.
In der Forschung besteht durchaus keine Einigkeit darüber, ob sich die oben genannte These, dass der „Alexander“ primär den politischen Zielen des böhmischen Hofes dienen sollte, anhand des Textes bestätigen lässt oder nicht. Starker Verfechter dieser These ist Hans-Joachim Behr der dies in mehreren Aufsätzen und in seiner Monographie „Literatur als Machtlegitimation“ deutlich ausführt. Scharfe Kritik an dieser These hat Werner Schröder in seinem Aufsatz „Die Rolle der Mäzene und der wahre Patron Ulrichs von Etzenbach“ formuliert.
Weitgehende Einigkeit besteht in der Forschungsliteratur jedoch darin, dass der „Alexander“ Ulrichs von Etzenbach sehr stark an das höfische Leben des 13. Jahrhunderts angepasst ist, da z.B. mehrmals Ritterspiele veranstaltet werden und Alexander auch den Regeln der Minne folgt und Ulrichs Werk deshalb auch der Fürstenlehre diente.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter
2.1 Vier-Reiche-Lehre und die Idee von der translatio imperii
3. Die Darstellung Alexanders als Repräsentant des mittelalterlichen höfischen Wesens
4. Translatio imperii ad Bohemos – Legitimation der böhmischen Macht durch Parallelen zu Alexander dem Großen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, ob Ulrich von Etzenbach mit der mittelalterlichen Gestaltung seines „Alexander“ beabsichtigte, den böhmischen König Ottokar II. durch die Parallelisierung mit Alexander dem Großen in seinem Machtanspruch zu legitimieren. Dabei wird analysiert, wie historische Geschichtskonzepte und eine Anpassung des antiken Stoffs an höfische Ideale als politisches Instrument dienten.
- Geschichtsverständnis und Heilsplan im Mittelalter
- Bedeutung der Vier-Reiche-Lehre und translatio imperii
- Höfisierung Alexanders des Großen als literarische Strategie
- Politische Legitimation der Přemysliden-Dynastie
- Rezeption und Forschungsdebatte zur politischen Intention des Werks
Auszug aus dem Buch
3. Die Darstellung Alexanders als Repräsentant des mittelalterlichen höfischen Wesens
Wie bereits angedeutet ist der Alexander Ulrich von Etzenbach eher ein höfischer Ritter als ein antiker Herrscher, „bei Ulrich vergißt man, daß der Held vor eineinhalb Jahrtausenden gelebt hat – er könnte für einen mittelalterlichen Eroberer […] durchgehen“.11 Im Folgenden sollen einige Beispiele für diese mittelalterliche Gestaltung Alexander gegeben werden und auch darauf eingegangen werden, welchen Zweck Ulrich damit verfolgte, gerade auch nach der Umwidmung auf Wenzel II. Auf die These der Machtlegitimation durch die Gleichsetzung Ottokar II. mit Alexander geht der nächste Abschnitt näher ein.
Ein Beispiel an dem man verschiedene für das höfische Wesen typische Elemente in Ulrichs „Alexander“ wieder erkennen kann, ist die Belagerung und Eroberung Thebens. (vv. 3177-3922). Hier hat Ulrich abweichend von seiner lateinischen Vorlage mehrere Elemente hinzugefügt. So lässt Alexander bei Ulrich vor den Mauern der Stadt viele prächtige Zelte aufbauen (vv. 3334-3386), geht auf Beizjagd (vv. 3394-3432) und lässt ein Festessen und ein Ritterspiel veranstalten. (vv. 3461-3506) Zudem kommt es vor der Eroberung der Stadt zu einem Zweikampf zwischen dem Herzog von Theben und einem Fürsten Alexanders (vv. 3579-3618), was eher dem Bild eines mittelalterlichen Ritters entspricht.12
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die These ein, dass der „Alexander“ zur Stärkung der Machtansprüche Ottokars II. diente, und umreißt die wissenschaftliche Debatte dazu.
2. Geschichtsverständnis der Menschen im Mittelalter: Dieses Kapitel erläutert, wie das mittelalterliche Weltbild durch göttliche Vorbestimmung und die Einordnung in historische Gliederungssysteme geprägt war.
2.1 Vier-Reiche-Lehre und die Idee von der translatio imperii: Hier wird die biblische Grundlage der Weltherrschaftsfolge und deren Bedeutung für die mittelalterliche Machtlegitimation dargelegt.
3. Die Darstellung Alexanders als Repräsentant des mittelalterlichen höfischen Wesens: Das Kapitel belegt die Modernisierung der Alexanderfigur durch höfische Verhaltensweisen wie Minne und Rittertum.
4. Translatio imperii ad Bohemos – Legitimation der böhmischen Macht durch Parallelen zu Alexander dem Großen: Dieser Teil analysiert die bewusste Verknüpfung von Alexander und Ottokar II. durch Symbole wie Wappen und geographische Anspielungen.
5. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die politische Intention des Werks in der Forschung umstritten bleibt, während die Einbettung in höfische Ideale als gesichert gilt.
Schlüsselwörter
Ulrich von Etzenbach, Alexander der Großen, Ottokar II., Mittelalter, translatio imperii, Vier-Reiche-Lehre, Höfisierung, Machtlegitimation, Rittertum, Minne, Geschichtsverständnis, Přemysliden, Wenzel II., höfische Dichtung, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den „Alexander“ des Autors Ulrich von Etzenbach im Kontext des 13. Jahrhunderts und fragt nach dessen Funktion als politisches Machtlegitimationsinstrument für den böhmischen König Ottokar II.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die mittelalterliche Geschichtsschreibung, die höfische Kultur, die biblische Vier-Reiche-Lehre sowie die politische Propaganda durch literarische Parallelisierung historischer Herrscher.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die auffällige „Höfisierung“ der Alexanderfigur dazu diente, den Anspruch des böhmischen Herrscherhauses der Přemysliden auf die deutsche Kaiserkrone historisch zu untermauern.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext (Ulrichs „Alexander“) mit historischen Quellen und der aktuellen Forschungsliteratur (u.a. Behr, Schröder) vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Modernisierung antiker Motive, die Instrumentalisierung des Geschichtsbildes und die spezifischen Identifizierungssignale (wie Wappen und Schlachtenorte), die den Vergleich zwischen Alexander und Ottokar II. stützen sollen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt von Begriffen wie translatio imperii, Machtlegitimation, höfische Literatur und dem historischen Kontext der böhmischen Großmachtpolitik unter Ottokar II.
Warum wird Alexander der Große bei Ulrich von Etzenbach als höfischer Ritter dargestellt?
Die Darstellung dient dazu, Alexander als zeitloses Vorbild für eine „gute Herrschaftsführung“ zu etablieren, die den Erwartungen und dem Wertekanon des 13. Jahrhunderts entsprach.
Wie bewertet der Autor den Streit zwischen den Forschern Behr und Schröder?
Der Autor stellt beide Positionen neutral gegenüber: Während die einen die politische Intention des Werkes betonen, verweisen die anderen auf die literarische Konvention des Herrscherlobs und die Unwahrscheinlichkeit einer so weit reichenden politischen Propaganda in diesem Romanumfang.
- Arbeit zitieren
- Fabian Rühle (Autor:in), 2006, Translatio imperii ad Bohemos und die Höfisierung Alexander des Großen in Ulrichs von Etzenbach „Alexander“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/135933