Befasst man sich im Rahmen der Literaturwissenschaft mit dem deutschen Nachkriegsroman,
so gelangt man schnell zu Namen wie Heinrich Böll, Günther Grass und Wolfgang
Borchert. Was jedoch verbirgt sich hinter Schriftstellern wie Anna Seghers, Eduard
Claudius oder Stefan Heym? Es ist der Nachkriegsroman der von 1945-1949 existierenden
Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) und der 1949 auf dem gleichen Staatsgebiet
gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR), der sich hinter diesen Namen
verbirgt. Es ist, in Anlehnung an Wolfgang Emmerich gesprochen, der ,,andere deutsche“
1 Nachkriegsroman.
Diese Phase der DDR-Literatur, die Nachkriegsära, steht im Mittelpunkt der vorliegenden
Hausarbeit. Um die Hintergründe und Entwicklungen der DDR-Literatur im ganzen
besser verstehen zu können, werden in Abschnitt II) zunächst alle Phasen dieser Literatur
dargestellt. Anschließend werde ich in Abschnitt III) die DDR-Kulturpolitik der
Nachkriegszeit sowie zwei damit zusammenhängende wichtige Begrifflichkeiten näher
beleuchten. In Abschnitt IV) schließlich soll es exemplarisch um den Lebenslauf Uwe
Johnsons und sein Hauptwerk, den Roman Mutmaßungen über Jakob, gehen.
Im Schlussteil möchte ich wieder den Bogen zur deutschen Nachkriegsliteratur im ganzen
schlagen – mit der Frage, ob es eine deutsche (Nachkriegs-) Literatur oder zwei
deutsche (Nachkriegs-) Literaturen gab. Im nun folgenden Abschnitt geht es um die einzelnen Phasen der DDR-Literatur. Als
DDR-Literatur wird die zwischen 1949 und 1990 in der Deutschen Demokratischen
Republik entstandene Literatur bezeichnet. Darüber hinaus wird meist auch die Nachkriegsliteratur
in der SBZ zur frühen DDR-Literatur hinzugezählt.2 Oft bildet diese gar
die erste Phase der DDR-Literatur. So auch in der nun folgenden Darstellung, die vier
Phasen umfasst. Die ersten beiden Phasen reichen dabei von 1945 bis 1961. Diese Zeitspanne kann als
die unmittelbare Nachkriegszeit in der DDR aufgefasst werden, wobei der Blick hier
dennoch nicht enden darf. Denn einige Literaturwissenschaftler erkennen erst ab Mitte
der sechziger Jahre einen Anschluss der DDR-Literatur an die Moderne, weg von den
Aufbau- und Ankunftsthemen der ersten Jahrzehnte.3 [...]
1 vgl. Emmerich (1994), S. 9
2 Scherpe/Winckler, S. 5
3 Kroker (Phasen), S. 87
Inhaltsverzeichnis
I) Einleitung: Seghers, Claudius, Heym: Der andere deutsche Nachkriegsroman
II) Erneuerung, Aufbau, Ankunft: Die DDR-Literatur in Phasen
II.1) 1. Phase: Kein Nullpunkt, sondern antifaschistisch–demokratische Erneuerung (1945-1949)
II.2) 2. Phase: Literatur des sozialistischen Aufbaus (1949-1961)
II.3) 3. Phase: Ankunft im sozialistischen Alltag (1961-1971)
II.4) 4. Phase: Die Honecker-Ära – Literatur als Zivilisationskritik (1971-1989)
III) Nachkriegsliteratur der DDR: Die kulturpolitischen Hintergründe und wichtigsten Begrifflichkeiten
III.1) Erneuerung der deutschen Kultur? Die Kultur- und Literaturpolitik in der SBZ und der frühen DDR
III.2) Die verpflichtende Kunstdoktrin der DDR-Nachkriegszeit: Der sozialistische Realismus
III.3) ,,Greif zur Feder, Kumpel [...]“: Der Bitterfelder Weg
IV) Ein Autor der DDR-Nachkriegsära und sein Hauptwerk: Uwe Johnson und seine Mutmaßungen über Jakob
V) Fazit: Eine deutsche Nachkriegsliteratur oder zwei deutsche Nachkriegsliteraturen?
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und kulturpolitische Einbettung der DDR-Literatur in der Nachkriegszeit. Das zentrale Ziel ist es, die verschiedenen Phasen dieser Literatur zu analysieren, ihre ideologische Steuerung durch die SED zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen, ob nach 1945 tatsächlich von zwei eigenständigen deutschen Literaturen gesprochen werden kann.
- Phasenmodell der DDR-Literatur von 1945 bis 1989
- Kulturpolitische Steuerung und Zensurpraktiken der DDR-Führung
- Der sozialistische Realismus als verbindliche Kunstdoktrin
- Der Bitterfelder Weg und die Instrumentalisierung von Kunst und Alltag
- Uwe Johnsons Roman "Mutmaßungen über Jakob" als literarisches Fallbeispiel
Auszug aus dem Buch
Die verpflichtende Kunstdoktrin der DDR-Nachkriegszeit: Der sozialistische Realismus
Unter dem sozialistischen Realismus ist zunächst die auf Beschluss des ZK der KPdSU vom 23. April 1932 in der Sowjetunion festgesetzte offizielle Kunstdoktrin für Literatur, bildende Kunst und Musik zu verstehen. Verbindlich definiert wurde die Doktrin erstmals im Jahre 1934 durch das sowjetische Politbüro-Mitglied Generaloberst Andrej Shdanow und im August 1946 ein weiteres Mal in Form von Erlassen der KPdSU.
Nach dieser Doktrin sollte der Künstler das Leben kennen, es nicht scholastisch, nicht tot, sondern als die objektive Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung darstellen. Zudem sollte die wahrheitsgetreue und historisch-konkrete künstlerische Darstellung mit der Aufgabe verbunden werden, die werktätigen Menschen im Geiste des Sozialismus ideologisch umzuformen.
Im Zentrum des literarischen Werkes hatte ein positiver, vorbildhafter Held zu stehen, der als zur Nachahmung einladendes Identifikationsangebot gemeint war.
Zusammenfassung der Kapitel
I) Einleitung: Seghers, Claudius, Heym: Der andere deutsche Nachkriegsroman: Diese Einleitung führt in die Thematik ein und definiert den "anderen deutschen" Nachkriegsroman der SBZ und frühen DDR.
II) Erneuerung, Aufbau, Ankunft: Die DDR-Literatur in Phasen: Die Kapitelabschnitte II.1 bis II.4 gliedern die DDR-Literatur in vier zeitliche Phasen, von der antifaschistisch-demokratischen Erneuerung bis zur Honecker-Ära.
III) Nachkriegsliteratur der DDR: Die kulturpolitischen Hintergründe und wichtigsten Begrifflichkeiten: Dieser Abschnitt beleuchtet die kulturpolitische Steuerung durch die SMAD und SED sowie die theoretischen Grundlagen der literarischen Produktion.
IV) Ein Autor der DDR-Nachkriegsära und sein Hauptwerk: Uwe Johnson und seine Mutmaßungen über Jakob: Das Kapitel analysiert Uwe Johnsons Roman im Kontext der sozialistischen Literaturdoktrin und untersucht Johnsons kritische Auseinandersetzung mit dem System.
V) Fazit: Eine deutsche Nachkriegsliteratur oder zwei deutsche Nachkriegsliteraturen?: Das Fazit resümiert die Unterschiede zwischen Ost und West und hinterfragt die These von zwei getrennten deutschen Literaturen kritisch.
Schlüsselwörter
DDR-Literatur, Nachkriegszeit, Sozialistischer Realismus, Bitterfelder Weg, SED, Kulturpolitik, Uwe Johnson, Mutmaßungen über Jakob, SBZ, Literaturgeschichte, Ideologie, Zensur, DDR, deutsche Teilung, Arbeiterliteratur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Geschichte der DDR-Literatur in der Nachkriegszeit, ihren politischen Rahmenbedingungen und ihrer Entwicklung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der sozialistische Realismus, der Bitterfelder Weg, die staatliche Kulturpolitik der SED sowie die literarische Auseinandersetzung mit der deutschen Teilung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der DDR-Literatur darzustellen und kritisch zu prüfen, ob die historische Entwicklung eine Einteilung in zwei getrennte deutsche Literaturen rechtfertigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die historische Kontexte sowie kulturpolitische Vorgaben in Bezug zu literarischen Werken setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Phasen der DDR-Literatur, die kulturpolitischen Hintergründe wie der sozialistische Realismus und der Bitterfelder Weg sowie das Werk von Uwe Johnson analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie DDR-Literatur, Sozialistischer Realismus, Bitterfelder Weg, Zensur und deutsche Teilung charakterisiert.
Warum spielt Uwe Johnsons Roman eine so zentrale Rolle?
Johnson wird als Fallbeispiel gewählt, da er sein Hauptwerk innerhalb der DDR schrieb, während es im Westen veröffentlicht wurde, was eine spannende Analyse seiner kritischen Haltung zur offiziellen Doktrin ermöglicht.
Wie bewertet die Autorin den Bitterfelder Weg?
Sie sieht darin zwar einen Meilenstein der DDR-Literatur, der viele Menschen zur Literatur brachte, stellt jedoch fest, dass das Scheitern des Projekts aufgrund der eintönigen und ideologisch starren Vorgaben inoffiziell eingestanden wurde.
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- Simone Schroth (Autor:in), 2003, Erneuerung, Aufbau, Ankunft: Der ostdeutsche Nachkriegsroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13623