Zentraler Forschungsgegenstand der vorliegenden Hausarbeit ist das 155. Rezept der in der Handschrift Cgm 415 eingepflegten anonymen Rezeptsammlung. Die Handschrift besteht aus zwei Faszikeln, die von zwei verschiedenen Verfassern stammen. Die erste der beiden Faszikel setzt sich aus vier verschiedenen Teilen zusammen, die jedoch thematisch eine gewisse Kohärenz aufweisen. Der erste Teil mit dem Titel "Das pitch von den chosten" klärt unter anderem nach den Regeln der Vier-Säfte-Lehre darüber auf, welche Lebensmittel in welcher Art und Weise konsumiert werden sollten, um bei Gesundheit bleiben, oder von Krankheiten geheilt werden zu können. Im zweiten Teil der Handschrift klärt die Abhandlung "De vindemiis" über die Lehre vom Weinbau auf.
Es folgt im dritten Teil jene anonyme Rezeptsammlung, die auch das in dieser Arbeit untersuchte Rezept beinhaltet. Insgesamt umfasst das Kochbuch mehr als 160 Kochrezepte.4 Den Abschluss der Handschrift bildet ein Heilmittellexikon, welches verschiedene Heilmittel in alphabetischer Reihenfolge auflistet und über deren Wirkungen und Anwendungen aufklärt.5 Die Handschrift wird in der Bayerischen Staatsbibliothek in München verwahrt. Eine nutzerfreundliche Lesefassung des darin enthaltenden Kochbuches wurde 2013 im Rahmen der Masterarbeit von Natascha Stefanie Chantal Guggi erstellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Hinführung
2 Inhaltliche Erschließung des Rezepttextes
3 Linsengerichte in anderen mittelalterlichen Quellen
3.1 Die Linse in ihren Eigenschaften als Nahrungsmittel
3.2 Arabische Kochrezeptsammlungen des Mittelalters
3.3 Europäische Kochrezeptsammlungen des Mittelalters und der Antike
4 Linsengerichte in der (frühen) Neuzeit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit widmet sich der systematischen Untersuchung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Rezepte für Linsengerichte, um deren Zubereitungsmethoden, medizinische sowie diätetische Einordnung und kulturelle Bedeutung zu ergründen.
- Analyse der ernährungsphysiologischen Bewertung von Linsen in der mittelalterlichen Humoralpathologie.
- Vergleichende Untersuchung arabischer und europäischer Kochrezeptsammlungen.
- Rekonstruktion und Übersetzung historischer Zubereitungsweisen inklusive der Verwendung ergänzender Zutaten wie Agrest oder Kräutern.
- Untersuchung der Kontinuität und Transformation von Linsengerichten bis in die frühe Neuzeit.
Auszug aus dem Buch
Die Linse in ihren Eigenschaften als Nahrungsmittel
Es wurden in verschiedenen ernährungsmedizinischen Schriften des Mittelalters Informationen über einzelne Nahrungsmittel, Speisen und Getränke gesammelt und systematisiert. Nahrungsmittel im Mittelalter zugleich den Status von Heilmitteln innehatten, wurden diese diätischen Schriften im Mittelalter als wichtige Ratgeber in medizinischen Fragen konsultiert. In der Humoralpathologie dienten Nahrungsmittel nicht nur der Nahrung des Körpers, sondern konnten durch ihre Qualitäten auch sein Temperament beeinflussen. »[D]as Temperament des menschlichen Körpers [wird] durch das Verhältnis der vier Kardinalsäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim bestimmt, denen je zwei der vier Primärqualitäten Hitze, Kälte, Feuchtigkeit und Trockenheit zugeordnet sind. Der Mensch ist gesund, wenn die vier Säfte mit ihren Qualitäten einander ausgleichen.«
Die Primärqualitäten der Linse sind kalt und trocken. Bisweilen gilt sie auch als ein Verhältnis zwischen Hitze und Kälte ausgeglichenes Nahrungsmittel. Für Sanguiniker, denen ein Übergewicht des Kardinalsaftes Blut nachgesagt wurde, soll der Verzehr von Linsen besonders gut sein. Von Melancholikern hingegen sei die Linse unbedingt zu meiden, da sie »schwarzgallige Krankheiten« hervorrufe. In den einschlägigen Quellen werden zahlreiche Schadwirkungen aufgezählt, die durch den Verzehr von Linsen auftreten können: Linsen gelten als schwer verdaulich und blähend, rufen schlechte Träume hervor, verursachen geistige Schäden und behindern die Sexualität. Ferner sei die Linse ein wenig nahrhaftes Lebensmittel, das den Körper nicht zu kräftigen, aber dafür den Magen gut zu füllen vermag. Um den Schadwirkungen der Linse entgegenzuwirken und die nützlichen Eigenschaften des Lebensmittels zu verstärken, wird empfohlen, Linsen zusammen mit Mangold, Spinat und viel Öl zuzubereiten. Insbesondere Pfefferminze soll der Blähwirkung der Linsen entgegenwirken. Gleich mehrere Quellen weisen darauf hin, dass der Verzehr von Linsen zusammen mit trockenem und gesalzenem Fleisch schädlich sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Hinführung: Das Kapitel führt in den Forschungsgegenstand ein, namentlich eine anonyme Rezeptsammlung in der Handschrift Cgm 415, deren Inhalt und Überlieferungsort kurz skizziert werden.
2 Inhaltliche Erschließung des Rezepttextes: Hier wird der Untersuchungsgegenstand in Form eines konkreten Rezepttextes für Linsen vorgestellt und eine philologische Einordnung vorgenommen.
3 Linsengerichte in anderen mittelalterlichen Quellen: Dieses Kapitel vergleicht die im Fokus stehende Rezeptur mit verschiedenen anderen mittelalterlichen und antiken Quellen, um das diätetische Verständnis der Linse zu kontextualisieren.
3.1 Die Linse in ihren Eigenschaften als Nahrungsmittel: Es wird die medizinische Bewertung der Linse im Kontext der Humoralpathologie untersucht und aufgezeigt, wie durch spezifische Zubereitungsweisen Schadwirkungen minimiert werden sollten.
3.2 Arabische Kochrezeptsammlungen des Mittelalters: Dieser Abschnitt analysiert arabische Kochbücher des Mittelalters, insbesondere das Kanon al-fawii’id, und arbeitet dortige Linsenzubereitungen heraus.
3.3 Europäische Kochrezeptsammlungen des Mittelalters und der Antike: Hier wird die Kochtradition von Apicius bis hin zum Liber de coquina betrachtet, um die Verwendung der Linse in europäischen Kochbüchern dieser Zeit zu erfassen.
4 Linsengerichte in der (frühen) Neuzeit: Dieses Kapitel widmet sich der Fortführung und Variation von Linsengerichten in frühneuzeitlichen Kochbüchern und zeichnet die Kontinuitäten in der kulinarischen Praxis nach.
Schlüsselwörter
Linse, Linsengerichte, Mittelalter, Ernährung, Humoralpathologie, Kochrezeptsammlungen, Diätetik, Kulinarik, Handschrift Cgm 415, Frühe Neuzeit, Rezeptanalyse, Nahrungsmittelqualität, Zubereitungsmethoden, Medizingeschichte, Ernährungsgewohnheiten.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische Zubereitung und kulturelle Einordnung von Linsengerichten vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die medizinhistorische Bewertung der Linse, kulinarische Rezepte in alten Handschriften und die vergleichende Analyse internationaler Kochtraditionen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Entwicklung von Linsenzubereitungen nachzuvollziehen und aufzuzeigen, wie medizinische Vorstellungen des Mittelalters die Rezepturgestaltung beeinflussten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Methodisch erfolgt eine philologische und historische Auswertung von Rezepttexten sowie eine vergleichende Analyse einschlägiger Literatur und Kochbuchquellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die medizinischen Eigenschaften der Linse, arabische und europäische Kochbuchtraditionen des Mittelalters sowie die weitere Entwicklung der Linsengerichte in der frühen Neuzeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Linsengerichte, Humoralpathologie, Diätetik, mittelalterliche Kulinarik sowie Rezeptüberlieferung.
Welche besondere Rolle spielt die Handschrift Cgm 415?
Die Handschrift dient als zentrales Fallbeispiel, anhand dessen die mittelalterliche Anleitung zur gesunden Linsenzubereitung detailliert analysiert wird.
Warum wird im Mittelalter vor Linsen gewarnt?
Aufgrund der Humoralpathologie wurden Linsen als "kalt und trocken" bewertet, was bei falscher Zubereitung als gesundheitsschädlich und schwer verdaulich galt.
Wie unterscheidet sich die frühneuzeitliche Sicht auf Linsen?
In der frühen Neuzeit wird eine stärkere regionale Ausdifferenzierung und eine zunehmende Standardisierung der Rezepte in Kochbüchern erkennbar, wenngleich Grundmuster bestehen bleiben.
- Quote paper
- Jonathan Mettke (Author), 2023, Ein Rezepttext aus der anonymen Handschrift Cgm 415. Linsen mit Essig und Minze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1365220