Der Naturbegriff des jungen Schelling


Essay, 2009

11 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Friedrich Wilhelm Josef Schellings Zeit war geprägt von einem rasanten Fortschritt in den Naturwissenschaften. Newtons mechanische Physik und Kants Auffassung, die Natur bestehe nur aus miteinander verknüpften Folgeerscheinungen, bewirkte, dass man von einer Entzauberung der Natur sprach, der vor allem die literarische Gruppe der Romantiker entgegenwirken wollten.

Gleichzeitig zeigten entscheidende Fortschritte in der Elektrizitätslehre und der Chemie, dass es noch viel Rätselhaftes (wie zum Beispiel Fernwirkungen und polare Spannungen) gibt, welches den damaligen Wissenschaftlern Anreiz zu Spekulationen gab.

Auch Schelling wohnte das Sehnsuchtsbild einer natura naturans, einer schöpferischen All-Natur, inne. Wie diese für ihn beschaffen war, dass soll in dem folgenden Essay geklärt werden.

Folgende Frage steht also im Mittelpunkt: Welche Philosophie von der Natur entwickelt der junge Schelling in dem vorliegenden Textauszug? Schelling entwickelte seine wichtigsten Schriften zur Naturphilosophie um 1800.

In meinem Essay beziehe ich mich auf einen Auszug aus Schellings Werk Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie aus dem Jahr 1799. Die Kapitel I und II sollen Mittelpunkt meiner Ausführungen sein.

Zu Beginn des I. Kapitels deklariert Schelling, dass ein Gegenstand der Philosophie unbedingt sein muss, also auch die Natur als philosophisch zu untersuchende Entität.[1]

Nun stellt sich jedoch die Frage für Schelling, inwiefern der Natur Unbedingtheit zugeschrieben werden könne. Doch zunächst sei es notwenig, den Begriff der Unbedingtheit selbst zu klären.[2] Schelling zieht hierzu Sätze aus der Transzendentalphilosophie heran, die er als bekannt voraussetzt. Der erste Satz lautet:

Das Unbedingte kann überhaupt nicht in irgend einem einzelnen

Ding, noch in irgend etwas gesucht werden, von dem man sagen

kann, daß es ist. Denn was ist, nimmt nur an dem Sein Theil,

und ist nur eine einzelne Form oder Art des Seins. –

Umgekehrt kann man vom Unbedingten niemals sagen,

daß es ist. Denn es ist das Sein selbst, das in keinem

endlichen Produkte sich ganz darstellt, und wovon alles

Einzelne nur gleichsam ein besonderer Ausbrut ist.[3]

Schelling fügt an diesem Satz seine Erläuterungen an: Da in jeder Wissenschaft ihr Unbedingtes zu suchen ist, und die Naturphilosophie von Schelling als Naturphilosophie angesehen wird, findet man auch in ihr das Unbedingte. Jedoch solle man in keinem Naturding als solchem, also zum Beispiel in einer Blume oder in einem Stein, das Unbedingte suchen, „vielmehr offenbart sich in jedem Naturding ein Prinzip des Seins, das nicht selbst ist“[4].

Es wird klar, dass sich Schelling sich das Unbedingte als eine Art unsichtbaren Geist denkt, der alle Dinge erfüllt, selbst aber nicht ist, also in materieller Gestalt zu begreifen ist. An dieser Stelle drängen sich fast von selbst Parallelen zum Pantheismus auf. Dieser ist die Lehre, dass Gott und die Welt identisch ist; Gott ist in jedem Ding der Welt anwesend, aber dennoch als solcher nicht als Ganzes zu fassen. Nun möchte ich aber nicht soweit gehen, das Unbedingte und Gott gleich zu setzten, da ich nicht weiß, inwieweit dies Schellings Philosophie entspricht.

Im nächsten Abschnitt kommt er zu dem Schluss, dass das Sein „das Construieren selbst“[5] oder „die höchste construierende Thätigkeit“[6] ist. Auch diese sei kein Objekt, sondern ein Prinzip alles Objektiven[7]: „Diesen nach weiß die Transzendentalphilosophie von keinem ursprünglichen Sein. Denn wenn das Sein selbst nur Thätigkeit ist, so kann auch das einzelne Sein nur als eine bestimmte Form oder Einschränkung der ursprünglichen Thätigkeit angesehen werden.“[8]

Das Gleiche solle für die Naturphilosophie gelten, so Schelling. Das Sein in der Natur solle keinesfalls als Ursprüngliches aufgefasst, sondern eliminiert werden, und schließlich die Natur als unbedingt angesehen werden.[9]

Auf folgender Seite stellt Schelling eine Behauptung auf: „Alles Einzelne (in der Natur) sei nur eine Form des Seines selbst, das Sein selbst aber = absoluter Thätigkeit“[10], und schließt daran an: „das Naturprodukt selbst müssen wir uns allerdings unter dem Prädikat des Seins denken. Aber dieses Sein selbst ist von einem höheren Standpunkt angesehen nichts anderes als eine continuierlich – wirksame Naturthätigkeit, die in ihrem Produkte erloschen ist“[11].

Bedeutet dies also, das Sein ist ein übergreifendes Prinzip, dem eine immerwährende Schaffenskraft zugrunde liegt und in jedem Ding der Natur innewohnt? Ist mit dem Prädikat des Seins die Vergänglichkeit gemeint, die jedem Naturding eigen ist? Eine Blume verwelkt, Tiere und Menschen sind sterblich, selbst der massivste Berg ist der Erosion unterworfen. Aber in all diesen Dingen wohnt eine immer schaffende Naturtätigkeit, und so werden neue Blumen entstehen, Berge sich im Laufe der Jahrmillionen aus der Erde erheben, Tiere und Babys geboren; jedes von ihnen individuell, doch in jedem liegt die gleiche Idee der jeweiligen Spezies zugrunde.

[...]


[1] vgl., S. 11

[2] ebd., S. 11

[3] ebd., S. 11, Hervorhebungen im Originaltext vorhanden

[4] ebd., S. 12

[5] S. 12

[6] S. 12

[7] S. 12

[8] S. 12

[9] vgl. S. 12

[10] S. 13

[11] S. 13

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der Naturbegriff des jungen Schelling
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
11
Katalognummer
V136608
ISBN (eBook)
9783640482450
ISBN (Buch)
9783640482290
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Essay
Schlagworte
Naturbegriff, Schelling
Arbeit zitieren
Jana Richter (Autor), 2009, Der Naturbegriff des jungen Schelling, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136608

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