Moralisches Handeln aus Selbstinteresse

Gibt es rein altruistische Handlungen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warum handeln wir moralisch?

3. Moralisches Handeln aus Selbstinteresse
3.1. Ethischer Egoismus

4. Altruismus

5. Gibt es eine rein altruistische Handlung?

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man davon ausgeht, dass es moralisch gute und moralisch schlechte Handlungen gibt, stellt sich die Frage, was genau eine bestimmte Handlung zu einer guten beziehungsweise schlechten Handlung macht. Des Weiteren ist eine Handlung, die nicht moralisch verwerflich ist, nicht automatisch moralisch gut. Eine andere Person zu bestehlen oder beispielsweise ihr physisches sowie psychisches Wohl zu verletzen ist ohne Frage eine moralisch schlechte Handlung. Jedoch ist es im Umkehrschluss keine gute Handlung, dies nicht zu tun. Man kann sich, völlig berechtigter Weise, nicht damit rühmen, eine andere Person nicht bestohlen oder verletzt zu haben. In dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass jede Person grundsätzlich bestrebt ist moralisch richtig zu handeln. Allerdings steht dabei nicht immer ausnahmslos das Wohl der anderen im Vordergrund. Häufig wird nach konventionellen Schemata gehandelt, weil sich dies so gehört oder es von der Gesellschaft vorrausgesetzt wird, um sich selbst gegenüber ein reines Gewissen zu haben oder zumindest kein schlechtes. Was genau aber macht eine Handlung zu einer rein altruistischen und warum ist es nicht moralisch gut, wenn man in seinen eigenen Interessen handelt? Ist nicht jede gute Handlung auch in einem gewissen Maße ein erstrebenswertes Ziel, welches es zu erreichen gilt? Nach einer tugendhaften Handlung, wird seitens des Akteurs meist auch selbst eine Art von Glück oder Befriedigung empfunden. In der vorliegenden Arbeit wird von der These ausgegangen, dass es keine moralisch guten Handlungen gibt, ohne dass ein minimaler Anteil an Selbstinteresse verfolgt wird. Es wird zuerst der Versuch einer Definition der moralisch guten Handlung an sich unternommen, auf die ich mich auf den darauffolgenden Seiten beziehe. Anschließend wird auf die Theorie von moralischem Handeln aus Selbstinteresse und des ethischen Egoismus eingegangen und diese anhand der Ausführungen von Anton Leist und Julia Annas dargestellt und diskutiert. Um die Grenze zwischen einer rein altruistischen Handlung und einer „nur“ guten Handlung zu präzisieren werde ich versuchen den Begriff Altruismus als solches zu analysieren und anknüpfend prüfen inwiefern dieser mit einer moralischen Handlung gleichzusetzen ist. Abschließend steht Frage, ob es rein altruistische Handlungen gibt.

2. Warum handeln wir moralisch?

Der konsequentialistischen Grundidee zufolge, kommt es für die moralische Richtigkeit bzw. Falschheit von Handlungen auf den Wert der Handlungsfolgen an. Das heißt, eine Handlung ist dann moralisch richtig, wenn der Wert ihrer Folgen maximal ist. Der Kerngedanke des Utilitarismus geht davon aus, dass der Wert der Handlungsfolgen sich nach deren Nutzen bemisst. In diesem Fall ist für den individuellen Nutzen das Maß der Erfüllung relevant. Nun schließt sich die Frage an, ob es nicht meist ein Abwiegen der eigenen Interessen ist, die eine Person zu einer Handlung bewegen.

Julia Annas geht davon aus, dass alle Personen darum bemüht sind großzügig, tapfer und fair zu handeln.[1] Demnach haben wir alle bestimmte Neigungen anderen zu helfen, sie bezüglich ihrer Rechte zu unterstützen und einzugreifen, wenn jemand in Not gerät. Sie wirft die Frage auf, ob es moralisch richtig ist, sich für andere in einer Art und Weise einzusetzen, die unseren persönlichen Neigungen entstammt und ob man sich, im Gegenzug dazu, zu sehr auf sich selbst konzentriert, wenn man sich darum bemüht, tugendhaft zu handeln. Annas` Theorie des ethischen Egoismus besagt, dass der sich ergebende Wert einer Handlung für die handelnde Person den Standard dafür bildet, was diese für richtig hält, wie sie handelt und welche Neigungen sie haben sollte. Das heißt, um so höher der Wert einer Handlung ist, desto größer ist die Neigung der Person diese Handlung auszuführen, um zu einem Gefühl von Freude und Zufriedenheit zu gelangen.

Eine moralisch gute Handlung, davon wird in dieser Arbeit ausgegangen, ist nicht durch das unterlassen des Gegenteils gewährleistet. Wie also schon einführend erwähnt wurde, kann man sich nicht damit rühmen, jemanden nicht bestohlen, verletzt oder betrogen zu haben. Eine gute Handlung zeichnet sich demzufolge also durch einen erkennbaren Wert, ein erstrebenswertes Ziel oder positives Ergebnis aus.

Wie aber verhält es sich, wenn der guten Handlung ein persönliches Ziel beiwohnt? Ist sie dann immer noch moralisch oder hat sie in diesem Fall den Mehrwert einer tugendhaften Handlung vertan und ist nur noch eine nicht weiter lobenswerte Geste? Wenn man diesen Gedanken nun weiterverfolgt und davon ausgeht, dass in jeder Handlung ein gewisses Selbstinteresse liegt, wäre alle ehrenamtliche Arbeit, jede Spende und jede Beteiligung zum Umweltschutz oder dergleichen nur eine belanglose Selbstverständlichkeit, die zwar für die Mehrheit von Vorteil ist, die aber aufgrund ihrer nicht ausreichend moralischen Motivation nicht weiter ehrenwert ist. Es muss also zum einen geklärt werden, was ein gewisses Maß an Selbstinteresse in einer Handlung legitimiert, so dass diese trotzdem als moralisch erachtet werden kann und zum anderen, was eine rein altruistische Handlung ausmacht und diese als solche auszeichnet.

3. Moralisches Handeln aus Selbstinteresse

Da Selbstinteresse ein Antonym zu Altruismus darstellt, dürfte beides in keiner Form miteinander vereinbar sein. Jedoch gibt es Handlungen, die moralisch gut sind und dem Akteur trotzdem zu einem Nutzen verhelfen. Meist ist dies lediglich ein gutes Gefühl, welches wiederum zum eigenen Wohlbefinden beiträgt und somit zum persönlichen Glück. Kann man aber behaupten, dass wirklich ausnahmslos jeder Akteur einer moralisch guten Handlung einen gewissen Anteil an Selbstinteresse verfolgt?

Anton Leist fasst Moral als eine Institution auf, die zur Lösung von Interessenkonflikten dient und bezeichnet moralische Normen als eine Kategorie sozialer Normen.[2] In seiner, auf zwei Argumenten basierenden, Sozialthese der Begründung, stellt er die Behauptung auf, Moralbegründungen seien nur ein Ausweisen gegenüber Interessen.[3] Als Belege für eine Divergenz von Moral und Interessen stellt er das Motivations-Argument und das Selbstinteresse-Argument auf.[4] Erstes besagt, dass die Moral Forderungen an uns stellt, wir nur aufgrund unserer Motive zu praktischen Forderungen Stellung nehmen können und die Begründung aus Interessen, also aus der Motivation heraus, die einzig mögliche ist. Mit dem Selbstinteresse – Argument will Leist zum Ausdruck bringen, dass die Moral Ansprüche und Forderungen zu Gunsten von anderen erhebt, und deshalb dies die Art der Begründung ist, bei der man von seinen eigenen Interessen ausgeht. Dieses Argument ist so zu verstehen, dass die Begriffe rein auf der semantischen Ebene in diesem Zusammenhang überhaupt nicht vereinbar sind.[5] Moral fordert, so Leist, eine Rücksichtnahme auf andere. Aus dem Begriff Selbstinteresse jedoch lässt sich bereits ableiten, dass es im Interesse eines jeden selbst liegt, etwas bestimmtes zu erreichen. Ausgeschlossen werden sollte hier nicht, dass jemand, der an sich selbst interessiert ist, nicht auch zugleich ein Interesse an anderen aufbringen kann. Jedoch will Leist Selbstinteresse nicht als ethischen Egoismus bezeichnen und unterscheidet zwischen Egoismus und Selbstinteresse. Egoismus stellt für Leist bereits eine moralische Bewertung dar, während Selbstinteresse moralisch wertfrei ein umfassender Begriff für die Art von Interessen ist, die einer Person dienlich sind. So nennt er als Beispiel das Interesse am eigenen Leben, welches zweifelsfrei ein Selbstinteresse darstellt, man aber nicht als egoistisch bezeichnen würde, selbst wenn in Extremsituationen starke Konflikte entstehen.[6] Hier spielt Leist auf Konflikte der Art Moralische Dilemma an, wie zum Beispiel ob es moralisch gerechtfertigt ist, in einer lebensrettenden Situation zuerst die Person zu retten, die einem näher steht, auch wenn die andere dann keine Chance mehr auf Überleben hat. Oder wenn es um die Frage der Verteilung eines Medikamentes geht, mit dem zwangsläufig nicht alle Betroffenen versorgt werden können. Leist geht in seinen Ausführungen weniger von Tugenden aus, sondern von Fällen in denen ein Verbot missachtet wird oder moralische Konflikte auftreten, wie die eben genannten Beispiele. Diese Missachtungen und Konflikte stehen immer im Zusammenhang mit einer wechselseitigen Abhängigkeit, die Leist unter dem Begriff des Abhängigkeitsargumentes zusammenfasst.[7] Dieses bedeutet, dass das Erwidern von moralischen Forderungen nur dann in meinem eigenen Interesse steht, wenn von meinem Erwidern abhängig ist, dass auch andere ihrerseits moralisch Forderungen erwidern, und mir dies wiederum einen Vorteil verschafft. Daraus ergibt sich ein weiteres Problem der Moralbegründung als ein kollektives Problem, welches niemals individuell ist, sondern immer einer Interaktion bedarf und somit einer Kette von Reaktionen, die sich aufeinander beziehen. Wenn man also beispielsweise abwägt ein Verbot zu missachten, aus dem Grund dass andere dies auch tun, versucht man demzufolge eine Legitimation zu erwirken um dies moralisch zu rechtfertigen. An dieser Stelle entgegnet Leist, dass es aber eine Gültigkeits- und eine Befolgensfrage gäbe, die einer kollektiven und einer individuellen Sicht entsprechen.[8] Moralische Normen würden aus der Sicht der Gesellschaft ermittelt und aus der Sicht des einzelnen die Motive, warum gerade diese befolgt werden sollten. In dieser Ausführung befindet sich ein impliziter Widerspruch, denn die Relevanz des Selbstinteresses wird abgeschwächt, die Abhängigkeit aber bleibt bestehen. Wenn man also davon ausgeht, dass man x tut, weil man y erreichen will bzw. getan haben möchte, würde die Abhängigkeit ohne einen ausschlaggebenden Teil an Selbstinteresse keinen Sinn mehr ergeben.

[...]


[1] Annas, Julia. Virtue Ethics and the Charge of Egoism. S. 205

[2] Leist, Anton. Die Gute Handlung. S. 138

[3] Leist, Anton. Die Gute Handlung. S. 137

[4] Leist, Anton. Die Gute Handlung. S. 139

[5] Leist, Anton. Die Gute Handlung. S. 140

[6] Ebenda.

[7] Ebenda.

[8] Leist, Anton. Die Gute Handlung. S. 141

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Moralisches Handeln aus Selbstinteresse
Untertitel
Gibt es rein altruistische Handlungen?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Moralische Praxis und ethische Begriffe
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V136758
ISBN (eBook)
9783640445080
ISBN (Buch)
9783640467983
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moralisches, Handeln, Selbstinteresse, Gibt, Handlungen
Arbeit zitieren
Anika Nagel (Autor:in), 2009, Moralisches Handeln aus Selbstinteresse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136758

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Titel: Moralisches Handeln aus Selbstinteresse



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