Städte lesen

Überlegungen zu einer hermeneutischen Sicht auf die Stadt als Text


Masterarbeit, 2001

67 Seiten, Note: MSc


Leseprobe

Inhalt

Dank

Kapitel I
Einleitung
I.1 These und Fragestellung
I.2 Relevanz des Themas
I.3 Hypothesen
I.4 Anschlussfähigkeit
I.5 Methodiken und Umsetzung

Kapitel II
Der Raum des Lesens
II.1 Die metaphysische Dimension des Raums
II.2 Die ontologisch Dimension des Raums
II.3 Die anthropologische Dimension des Raums

Kapitel III
Argumente des Lesens
III.1 Gestalt und Ganzheit
III.2 Sinn und Verstehen

Kapitel IV
Das Lesen
IV.1 Hermeneutik
IV.2 Semiotik im Vergleich zur Hermeneutik
IV.3 Lektüre

Kapitel V
Städte schreiben und lesen
V.1 Spekulation zum Verhältnis Welt-Stadt und Sprache-Text
V.2 Zeit lesen
V.3 Raum lesen
V.4 Stadt lesen

Resümee

Konsultierte Literatur

Dank

Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im engeren und weiteren Sinne bei der Anfertigung der Arbeit unterstützt haben

An erster Stelle stehen die zwei Betreuer, Prof.Dr.habil.phil. Dieter Hassenpflug und MA Frank Eckardt, seinerzeit wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrender beim Studiengang Europäische Urbanistik. In der Auseinandersetzung mit Prof. Hassenpflug wurde mir die ethische Dimension des Themas «Städte lesen» klarer. Frank Eckardt, heute Prof. Dr. Eckardt am Lehrstuhl Sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus Universität, räumte dem Thema seine Freiheit ein. Prof. Herman van Bergeijk konsultierte ich zur geschichtlichen Fragen der Renaissance. Kristin Weidmann und Torsten Müller mühten sich ab, das Skript durchzusehen. Die Abende bei ihnen waren sehr motivierend und entspannend in Phasen der Anspannung.

Diese Arbeit ist dem Andenken meiner römischen Professorin Gabriella Esposito Quaroni gewidmet, die im Juli des Jahres 2001 verstarb. Im Mai noch unterhielt ich mich mit ihr über das Thema dieser Masterarbeit - aber zu dem Zeitpunkt war noch unklar, was die Idee «Leggere la città» eigentlich bedeute. Die Vorlesungen von Professoressa Gabriella Esposito zur «Geschichte der Stadt und des Territoriums», die ich 1998 an der Universität «La Sapienza» mit wachsender Begeisterung besuchte, kamen mir für diese Arbeit indirekt sehr zu gute. Die Erinnerung an die Vorlesungen machten mir im Nachhinein klar, dass die Esposito bestimmt eine derjenigen war, die nicht nur über Städte lasen und viel wussten, sondern so, wie sie es verstand ihr Wissen zu vermitteln, gehörte sie selbst zu denjenigen, die in der Lage waren, Stadt zu lesen in einem tiefen inneren Verständnis von dem, was das ist:: die Stadt. Nie werde ich die lebendigen Schilderungen ihrer eigenen Erfahrungen mit Stadtplanung und Sozialwohnungsbau vergessen - zum Beispiel von «La Martella» in Matera – eine der ersten Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus im Italien der Nachkriegszeit, die sie zusammen mit Ludovico Quaroni, ihrem Mann, realisierte. Aber eins war vielleicht die wichtigste Lehre aus dieser persönlich Bekanntschaft (und allen Freunden, die ich zu ihr mitnahm, ging es ähnlich): Mit der Persönlichkeit Gabriella Esposito Quaronis verband sich ein unaufgesetztes, eindringliches, unhintergehbares, sozial engagiertes Berufsethos des Architekten und Planers nach einem fast antiken Muster von Ehrenhaftigkeit. Dieses Ethos durchzog ihre Lehre, die Praxis und jeden erbetenen Ratschlag.

Ich danke auch meinen Eltern und meiner Familie, welche mein Studienweg begleiteten und meinen Werdegang kontinuierlich unterstützten.

Steffen Ahl

Kapitel I

Einleitung

I.1 These und Fragestellung

Der industriellen Gesellschaft ist es bei aller Anstrengung nur mit großer Mühe und allgemein wenig gelungen, Stadtraum in komplexen Zusammenhängen zu begreifen und für die Menschen zu gestalten. Nicht nur in der Realität, sondern auch als Idee ist die Stadt als intaktes, ganzheitliches Gebilde verschwundenen (wie es in der Tat vielleicht allein die mittelalterliche Stadt gewesen sein mochte). An einer heute weitgehend wertfrei gewordenen Welt gibt es nichts mehr zu kritisieren und also im Hinblick auf eine Zukunft auch nichts tiefgründig zu gestalten. Unsere bürgerliche Gesellschaft ist keine Projektgesellschaft mehr und mithin die Stadt keine Konzept-Stadt (de Certeau 1988, S.182). Die Krise des Menschen stellt sich ungeschminkt dar und die bürgerliche Ideologie hält zum Verstehen dieser Existenz an, damit der Mensch seine Krise eigenverantwortlich meistere (Schreiter 1988, S.11). Die Stadt als seine figürlich-räumliche Lebenswelt hilft ihm dabei nur wenig. Stadtkritische Positionen sprechen von der Stadt als einer verloren gegangenen Utopie. Wie ist es da möglich, die alte Qualität der Stadt, Hort geistiger Imagines zu sein, neu zu beleben?

In der Realität steht heute eine Minderzahl durchaus gestalteter öffentlicher Räume (die zumeist historische Räume sind) einer Mehrzahl minder gestalteter, ja überhaupt ungestaltbarer Zwischen-Räume gegenüber. Die mangelnde Kapazität der Raumgestaltung geht einher mit einem abnehmenden Grad an Urbanität. Bereits die italienische Kunstströmung des Neorealismus der 1950er Jahre hatte den nicht mehr eindeutig begrenzten, verschwommen konturierten, ungestalteten und hauptsächlich leeren Raum als Lebensraum der Menschen in zweiten Hälfte der 20. Jahrhunderts filmisch entdeckt. Die Erfahrung von im Fordismus entstandenen öffentlichen Räumen drückt sich in der Grunderfahrung des Verlorenseins aus, wie der französische Anthropologe und Ethnologe Marc Augé zu Beginn der 1990er Jahre in seinem Buch «Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit» eindringlich darstellte.

Dennoch: für das Zusammenleben und das schöpferische Zusammen-Tätigsein kennt der Mensch zur Stadt auch in Zukunft praktisch keine Alternative – und zwar die Stadt nicht nur als ökonomisch-ökologischer Organismus, sondern vor allem als Ort von Sozialität und Humanismus.

„Unter dem Maßstab ökonomisch-technischen Fortschritts mag der Begriff der Entwicklung einen eindeutigen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Sinn haben. Aber daß das nicht alles ist, beginnt die heutige Welt gerade in den höchstentwickelten Ländern am meisten zu spüren.“

(Gadamer 1989, S.47)

Die Sozialgeschichte der Stadt betrachtend, bleiben Städte - insbesondere die alten historischen Stadtkerne - nach wie vor die einzigen Verortungs- und Akkumulationsorte von Sinn für menschliches Sein (Wästberg 1999, S.74). Auch aus der Sicht der Nachhaltigkeit ist die Beherbergung der Menschen in Städten anerkanntermaßen der in seiner Wirkung nachhaltigste aller Kompromisse. Die anhaltende Anziehung und Migration von Menschen in Städte (Hall 2000, S.29ff.) oder an deren Ränder spricht für das Zukunftsmodell der «Stadt», wenngleich als Siedlungslandschaft. Stadt kann global nicht ausgewichen werden, wenngleich sich seit Alexander Mitscherlichs 1965 erschienene Schrift über die «Unwirtlichkeit unserer Städte – eine Anstiftung zum Unfrieden» die Literatur der „öden Orte“ mehrt (vgl. Roth 1998).

Für das Leben der Menschen in Städten spielt der Begriff der Urbanität nach wie vor eine zentrale Rolle. Ohne Inhalt ist der Urbanitätsbegriff eine reine Form, zu der hin alles drängt (Lefébvre 1990, S.128). Urbanität, unter der der Volkswirtschaftler und Soziologe Edgar Salin (1892-1974) die von der Stadtkultur geprägte Lebensform des Menschen verstand (Sieverts 1997, S.32), wird dieser Arbeit als überwiegend positiver Wert vorangestellt. Zu den positiven Eigenschaften des urbanen Charakters gehören ein gesundes Maß an permanenter Neugierde und geistiger Beweglichkeit, eine prinzipielle Weltoffenheit und Toleranz gegenüber dem Fremden, das ein Schlüsselthema in der Arbeit Georg Simmels (1858-1918) darstellte. Der in der Regel wache Verstand des urbanen Menschen bildet sich überhaupt erst im ständigen Wechselverhältnis von Rezeption aller in der Stadt auf ihn einströmenden Reize bei gleichzeitiger Reaktion auf sie. Simmel hat neben einigen negativen Eigenschaften – darunter die Blasiertheit - diese typischen Charaktereigenschaften des Großstädters herausgearbeitet und erklärt, wie sie ihr Profil gewannen (Simmel 1995, 119f.). Neben dem persönlichen Umfeld ist das städtische die zweite Sozialisationsmaschine des Individuums. Wie kann der Einzelne aus dieser Hinsicht Stadt heute und künftig erfahren?

I.2 Relevanz des Themas

„Aus vielen [...] Gründen müßten sich Städte lesen lassen und weise sein wie weise Bücher.“

(Bogdanović 1993, S.50)

In dieser Arbeit geht es um die Untersuchung der theoretischen Möglichkeit einer ganzheitlichen Sicht auf die Stadt in ihrer Bedeutung als privilegierter Lebensraum des Menschen. Eine ganzheitliche Sicht kann dabei nicht anders vorgestellt werden, als in Form einer Imagination – eine Imagination wie ein Leitbild. Leitbilder dienen der Orientierung. Sie gehen von dem zukünftigen Vollkommenheitszustand eines Ganzen aus und vermögen der Entwicklung eine Richtung zu geben - wenngleich sie möglicherweise selbst unerreicht bleiben. Hier wird die Sicht auf ein städtisches Leitbild von hoher Komplexität imaginiert, das Aspekte von Irrationalität und Undurchschaubarkeit zurückgewinnt. An die Stelle des mit rationalen Mitteln Undurchschaubare wird das intuitiv Fühlbare als komplementäres Mittel des Erkenntnisgewinns über Stadt vorgestellt. Diese Arbeit schickt sich an, einer Idee nachzuspüren, die geeignet scheint, einen leitmotivischen, ganzheitlichen Blick auf die Stadt zu fördern: Es geht darum, die Stadt zu lesen.

Der Begriff des «Lesens» steht hier für Interpretieren, Deuten, Begreifen und Verstehen. Meiner Meinung nach stellt ein geschichtsbezogenes, aufmerksames «Lesen» von physisch-räumlichen Kontingenzen sozialer Zusammenhänge in der Stadt einen wertvollen, wenn nicht gar einzigen Zugang zur Gesellschaft dar – einen Zugang, der die in der Moderne in die Krise geratene Stadtplanung und -gestaltung künftig autorisieren könnte. Angesichts einer zunehmenden Materialisierung und Faktizität der in der Diskussion stehenden Stadt von heute sind Politiker, Unternehmer und Urbanisten in ihrer Verantwortung für die Gestaltung der Stadt als fundamentales, humanistisches Gut und als Lebensraum herausgefordert.

Bei der hier gemeinten, im einzelnen zu erläuternden und zu hinterfragenden Theorie des «Städtelesens» sollte es um die Sensibilisierung und Anregung besonders der raumkompetenten Akteure der Gesellschaft derart gehen, über eine ethische Haltung hinsichtlich der Stadt als Hort des Menschseins, nachzudenken. Es geht um die allgemeine Verantwortung des Städtebaus. In den Händen von Technokraten wäre diese Verantwortung schlecht aufgehoben, sondern besser in den Händen derjenigen, welche die personelle Fähigkeit rekultivieren, das jeweils Spezifische an einer Stadt und der Stadtgesellschaft lesend zu verstehen und so für den notwendig planerisch-gestalterischen Umgang mit der Stadt nutzbar zu machen. Der Schlüssen dazu liegt in der Vergangenheit der Stadt – in ihrer Geschichte.

„Es geht eben nicht bloß um die Abschilderung der uns fremden Stadt. Sind wir auf der Spurensicherung in die Vergangenheit hinein doch auch immer uns selbst auf der Spur, und begegnet uns in dem, was uns ansichtig wird, eine fremde Welt, die uns nur in dem Maße verständlich wird, wie wir sie verstehen, wie wir mehr wissen und mehr sehen, als der plane Anblick uns freigibt.“

(Schlögel 2000, S.29)

Architekt und Planer sind traditionell keine Intellektuellen. Sie sind keine Philosophen, sondern Pragmatiker. Sie sind deshalb auch traditionell auch nicht von Natur aus Leser, sondern denken in Bildern. Bilder erfassen immer nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Versuche der Rückgewinnung der Bildimagination von Stadträumen gab es in den 1970er Jahren mit Hilfe der Semiotik. Das war der Beginn des schwierigen Prozesses der Revision der funktionalistischen Stadtplanung der Nachkriegsmoderne. In den 1980er Jahren stützte sich dann die Bewegung der Postmoderne mit Nachdruck auf die Zeichenausdrücklichkeit des Inhalts baulich-architektonischer und städtebaulicher Formen. Heute gilt die Postmoderne bereits als überwunden. Das gewohnte Bild- und Elementdenken von Architektur- und Raumgestaltung befriedigt nicht mehr vollends. Aus dieser Erkenntnis resultieren gegenwärtig häufig unternommene Versuche, Bilder nachträglich zu vertexten. Ich halte das für keine echte Fortentwicklung. Meiner Meinung nach rührt die ganzheitliche Sicht auf die Stadt, in der die raumkompetenten Akteure heute und künftig gefragt sind, vornehmlich aus einer anderen, dem «Lesen» verwandten Praxis her. Die mit dem Thema Stadt umgehenden und verantwortlichen oder lediglich von einem persönlichen, kulturellen Erkenntnisinteresse an der Stadt geleiteten Menschen sollten jeder für sich den individuellen Gewinn erschließen, der daraus resultieren könnte, sich heute städtischen Zusammenhängen lesend anzunähern.

In der Nachmoderne muss für die problematischen Modelle der Moderne – wie Ästhetisierung, Spezialisierung und Funktionalisierung - über Ersatz nachgedacht werden, und zwar in der Hoffnung, letztendlich die sozialen Raumnachteile zu überwinden, wozu die bekannten Verfahren des symmetrischen Denkens nicht in der Lage ist. Ein zweckfreies, nachindustrielles «Lesen» nun halte ich für praktikabel, um die Mängel der Stadt intuitiv – also in dieser Mischung aus Wissen und Fühlen aufzuspüren. Es geht um die Wiederbelebung der alten kulturellen Begabung, Probleme zu «erfühlen» – zuerst als Mensch und dann als Professionist. Schelers «Verfehlungstheorie» folgend ist der praktisch größte Nutzen des Wissens beim Nachstreben nach Wissen als Selbstzweck garantiert (Scheler 1977, S.4). Vorausgesetzt also, dass Stadt durch den Planer zunächst grundsätzlich zweckfrei gelesen und er dadurch sozusagen das Städtische auf sich selbst reflektiert versteht, tut sich dem Planer vermittels des Modells «Stadt» ein breiter kultureller Hintergrund auf, welcher ihm die Chance bietet, eine persönliche, moralisch-ethisch orientierte Haltung zu gewinnen, die er ohnehin notwendig für seine Berufstätigkeit benötigt.

Die einer pragmatischen Planung vorhergehende, bewusste Zweckignoranz ist notwendig für die Schaffung eines neutralen Denkraums, in dem der Akteur sich seiner professionellen Haltung zunächst auf der menschlichen Ebene selbst vergewissern kann. Und erst aus diesem theoretischen Raum heraus gewinnt er die letztendlich notwendige, praktische Handlungsfähigkeit im Berufsleben. Könnte der Planer also zunächst zu einem intuitiven Leser der «Stadt als Text» werden, brächte ihm das den Kompetenzvorteil ein, als erster zu intuieren, wo die Stadt Mängel aufweist, denn an diesen Stellen würde die Kohärenz des Leseflusses ins Stocken geraten. Dort, wo sie ins Stocken gerät, könnte Planung schonend ansetzten. Und schließlich bietet das Verfahren die Möglichkeit der Überprüfung des realisierten Ergebnisses. Denn auch nach der Realisierung muss der soziale Erzähltext der Stadt fließen.

„Texte müssen fließen. Die geballten Buchstaben, Sätze und Absätze müssen lückenlos aufeinanderfolgen. Die Textpartikel müssen in eine Wellenstruktur eingebaut werden. Es geht um Rhythmus, um einander überlagernde Ebenen von Rhythmus. [...] sie müssen alle zusammenschwingen. Texte müssen «stimmen» [...]. Nur wenn ein Text stimmt, kann er den Leser zustimmen oder nicht zustimmen lassen, ihn in Sympathie oder Antipathie schwingen lassen.“

(Flusser 1992 b, S.43)

Worum es in dieser Arbeit nicht gehen kann, ist aufzuzeigen, wie man es denn nun praktisch macht, die Stadt zu lesen. Hier muss ich womöglich dahingehende Erwartungen des Lesers enttäuschen. Aus Gründen, die besonders im Abschnitt IV.3 betrachtet werden, kann es zum einen keine Anleitung für das Lesen geben – ebenso wenig für ein Buch wie für eine Stadt. Die Anleitungslosigkeit liegt in der Natur der Sache des Lesens. Zum andern würde eine Anleitung zum Lesen meinen gegenwärtigen, auf das Thema bezogenen Erkenntnisstand übersteigen und es wäre vermessen, darüber hinaus zu gehen. So konzentriert sich diese Arbeit auf die theoretische Umschreibung des Lesens, das Umkreisen seines Kerns ohne ihn zu treffen, dafür aber die Bedingungen wie ein Negativ streifend, die diesen positiven Kern konditionieren. Die Arbeit zieht es vor, das Umfeld in der Breite zu sondieren, anstatt in die Tiefe zu gehen. In die Tiefe des Kerns ginge meiner Meinung nach nur ein konkretes Stadtbeispiel. Ein konkretes Beispiel ist aber nicht Inhalt dieser Arbeit - es wäre ihre Fortsetzung. Als Entschädigung gibt es einige Beispiele wie Italo Calvino und Walter Benjamin imaginierte oder konkrete Städte lasen. An sie schließt ein Versuch an, besonders im Kapitel V allgemeine geschichtliche Zusammenhänge auf die Lesemetapher hin zu interpretieren.

I.3 Hypothesen

„Macht gegen die Übermacht der Welt besteht darin, in den Dingen nicht etwas von uns ganz und gar verschiedenes zu sehen, sondern das, was in emphatischer Sprache ein uns verwandtes, verborgenes Du sei.“

(Blumenberg 1983, S.274)

Die These, Städte zu lesen, ist eine Metapher, denn im wörtlichen Sinne lesen kann man nur geschriebenen Text. Wir müssen aber zugeben, dass alles, was der Mensch schafft und also in eine relativ eigenständige Existenz entlässt, Anlass bietet, in einem metaphorischen Sinne gelesen zu werden. Die lesende Zurkenntnisnahme seiner Taten, Schöpfungen und Phänomene als Ausdruckswerke und Leistungen menschlichen Seins und Weltverhältnisses unter den jeweiligen gesellschaftlichen Umständen einer Epoche ist eine positive Anerkenntnis von Kultur. Eine besondere Rolle, die Taten, Schöpfungen und Phänomene aufkommen zu lassen, festzuhalten sowie alle Teilzusammenhänge in einen umfassenden Zusammenhang zu überführen, kommt der Stadt zu.

„Die Stadt ist eine Metapher, ein Abbild des Menschen, sie hat wie er ein Selbstbewusstsein, ein Gedächtnis und eine Kontinuität, die man lesen kann, in der Architektur, der Geschichte, in einem System aus Artefakten, in der Stimmung, die man in ihr verspürt.“

(Schürmann-Emanuely 2001)

Die Metapher des Lesens ist an die ursprünglichere Metapher des Schreibens gebunden. Dadurch, dass alles menschliche Tun zusammenhängendes Tun ist, ist jede Handlung im übertragenen Sinne ein kulturgenetisches Formulieren, ein Schreiben, ein Einschreiben von Inhalten und Gedanken in den Ausdruck der Dinge, Räume und Phänomene. Menschliche Handlungen haben gebaute Städte wie einen Teppich gewoben, auf dem sich die europäischen Kulturen bis heute bewegen. Die Handlungen vergangener Generationen sind gewissermaßen in den Städten eingefroren. Jedes Tun und Schöpfen kann somit als ein Texten aufgefasst werden. Jede Eintragung, jedes Bau- oder Kunstwerk, jede Auslöschung oder Umformulierung in der realen Stadt komplettiert ihren kulturellen Text - selbst in seiner Lückenhaftigkeit. Raumproduktion ist die kulturelle, gesellschaftliche Praxis, und zwar in sofern sie Wirtschaft, Politik und Kultur in Kultur stadträumlich künstlerisch ausdrückt. Die Ausdrucksgestalt städtischer Räume und Phänomene sind der Gestaltausdruck der Gesellschaft. Die Stadt ist ein geschichtliches Kunst-Werk.

„Die spezifische Geschichtlichkeit von Kunstwerken ist [...] eine solche, welche sich nicht in «Kunstgeschichte» sondern nur in Interpretation erschließt.“

(Benjamin 1974, S.889)

Historisch übereinandergeschichtete Orte gleichen ineinandergeschriebenen Schichten (de Certeau 1988, S.306). Selbst die imaginierten, nicht gebauten Städte (die Utopien) sind feste Bestandteile unseres kulturellen Seins – sie sind Nekropolen des Denkens und als solche zuweilen gegenwärtiger und interessanter als die Realität. In einem erweiterten Verständnis des Lesebegriffs ist jeder Zusammenhang, der auf menschliches Handeln zurückgeht, die Verortung einer Texttheorie (Müller 1990, S.187). Die zeitlich versetzte Wiederauferstehung der Inhalte durch eine spätere Lektüre ist in jedem Fall eine Wiedergeburt, die einen hohen Anteil an neu Geborenem enthält, denn zu den Eigenarten der retrospekiven Interpretation gehört es, das im Text Ungehörte und Ungeschriebene – also das Immaterielle - zu deuten (Honold 2000, S.27). Besonders diese Differenz der Nichtübereinstimmung ist es, welche die Städte auf alten Ansichtskarten von ihrem heutigen, realen Pendant so stark entfernt – und zwar zum Teil so weit, dass sie wie völlig verschiedene Städte scheinen. Für Italo Calvinos erfundene Stadt Maurilia trifft zu, ...

„... daß zuweilen verschiedene Städte auf demselben Boden und mit demselben Namen aufeinander folgen, entstehen und vergehen ohne gegenseitige Mittelbarkeit. Manchmal bleiben auch die Namen der Einwohner und der Klang der Stimmen und sogar die Gesichtszüge die gleichen; doch die Götter, die unter den Namen und über den Orten thronen, sind wortlos gegangen, und an ihrer Stelle haben sich fremde Götter eingenistet. Unnütz zu fragen, ob sie besser oder schlechter sind als die alten, da es zwischen ihnen keinerlei Beziehung gibt, wie auch die alten Ansichtskarten nicht Maurilia darstellen, wie es war, sondern eine andere Stadt, die zufällig auch Maurilia hieß wie diese.“

(Calvino 2000, S.37)

Im Industriezeitalter wurde diese Kohärenz vielfach aufgebrochen. Heute ist der Text der Stadt nicht mehr der überkommene Diskus von gestern, sondern die Weiterentwicklung des heutigen Diskurses ins Morgen. Der französische Kunsttheoretiker Michel de Certeau versteht die Vielfältigkeit der Aktivitäten der Textproduktion in den heute hochentwickelten Gesellschaften als Bestreben, die Gesellschaft selbst in Form eines Textes zu reproduzieren. Er behauptete, Fortschritt trage den Charakter von Schrift (de Certeau 1988, S.245).

„... die Idee der Schaffung einer Gesellschaft durch ein Schrift-System [ist,] ständig mit der Überzeugung einhergegangen, daß die Öffentlichkeit mit mehr oder weniger Widerstand durch die (verbale oder ikonische) Schrift geformt wird, daß sie sich dem anpaßt, was sie aufnimmt, und daß sie durch den Text geprägt wird und wie der Text wird, den man ihr aufzwingt.

Früher handelte es sich dabei um einen Schultext. Heute ist der Text die Gesellschaft selber. Er stellt sich in urbanistischer, industrieller, kommerzieller und televisiver Form dar.“

(de Certeau 1988, S.296)

Obwohl vom Menschen im Grunde nicht abzulösen, scheinen die Artikulations- und die Kommunikationsformen der Gesellschaft (Sprache und Schrift) wie vom Menschen externalisierte Komplexe, die ein Eigenleben führen, eigene Gesetzlichkeiten aufweisen, eigenen Regeln gehorchen - Regeln, die sie selbst zum Teil erst in einer autopoietischen Zeugung hervorbringen. Die Praxis des Schreibens hat seit dem 16.Jahrhundert alle Bereiche des Lebens umorganisiert. Heute kann man besser und einfacher denn je scheinbar unzusammenhängende Sachen willkürlich zu begrifflichen Ordnungseinheiten künstlich, vielleicht computergestützt vertexten und so in neue Zusammenhänge bringen, deren Sinnerschließung zu völlig neuen Einsichten und Erkenntnissen führen. Aber nicht nur auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie. Im Computerzeitalter haben Formeln und Formen die Bedeutung von Matrizes gewonnen, nach denen letztendlich auch materielle Gestalt erzeugt werden kann.[1] Diese Verwandlung läuft Gefahr, eine imperiale Sprache zu kreieren, die lebens- und stadtbestimmend Einzug hält und das Lesen verhindert. Mit der Produktion einer Sprache geht Macht einher – eine Macht, die früher das Bürgertum innehatte und heute die Technokraten – die Macht, Geschichte zu machen (de Certeau 1988, S.252f.).

I.4 Anschlussfähigkeit

„Es mag von den meisten Beteiligten heute für nichts als poetische Ausdrucksweise gehalten werden, wenn wir Baudenkmäler, Einzelbauformen, Bildwerke höherer Art, kurz alles künstlerisch Geformte wie eine Sprache genommen wissen wollen, wenn wir sie wie Buchstaben, Worte, Sätze und Bücher der Schriftsprache als Versuch betrachten, höchst lebendige, für die Menschheit bedeutsame und in ihr wirksame geistige Wesen wahrnehmbar zu machen.“

(Andrae 1933, zit. in: Berndt 1978, S.65)

Der französische Philosoph Paul Ricœur behauptet, man könne jegliche kulturelle Ausdruckszusammenhänge analog wie Texte lesen (Lessing 1999, S.29ff.). Seit ein paar Jahren wird die Textmetapher geradezu inflationär auf alle möglichen Erklärungszusammenhänge angewandt. Das kommt zum einen daher, dass die Lesemetapher den Menschen immer schon in einen gewissen apriorischen Schutz gestellt hat, das noch Übermächtige, Unerklärliche und Unerforschte (einschließlich unserer Rolle dabei und gleichzeitig von uns selber Abstand nehmend) zu bezwingen. Die Lesemetapher impliziert zum anderen im Vergleich zu anderen Metaphern ein hohes Maß an Offenheit, da sie eine bestimmte Sichtweise nicht vorgibt, sondern eine Auffassung als «mögliche Welt» erst im Zuge des Verstehens erschafft. Das macht sie so undogmatisch, a priori an Sachverhalte setzbar, vielseitig verfügbar und dadurch recht weit verbreitet.

Die «Welt als Text» ist eine junge Metapher. Sie geht aus der weitaus älteren Metapher der «Welt als Buch» (vgl. Blumenberg 1999) zurück. Die Buchmetapher wurde von der Textmetapher abgelöst. Es scheint, dass die spätbürgerliche Philosophie geneigt ist, die Welt in Texte aufzulösen, denn sie „ging dazu über, soziale Handlungen nicht mehr analog zum Text, sondern als Text zu deuten“ (Schreiter 1988, S.12). Schritte auf dieser Entwicklungslinie sind die Theorie der Sprachspiele von Wittgenstein und die Traumdeutung Siegmund Freuds. Seit der Traumdeutung wird vieles unterbewusst „gelesen“, da - mit Freudscher Optik getrachtet -, vieles plötzlich eine unterliegende Textur aufzuweisen scheint. Mittlerweile bieten Sprach-, Schrift-, Text- und Lesemetapher allgemein neue Zugänge zum Verständnis gesellschaftlicher Sachverhalte, die aus Subtexten, Überschreibungen, Wörtern, Lauten und Geräuschen etc. bestehen. Die Zusammenhänge zu lesen ist entwirrend und anschaulich. Die «Praxis des Lesens» ist zu einem sehr bildlich gesprochen Terminus geworden, der dem heutigen Erklärungsbedürfnis entgegenkommt, intellektuell und gleichermaßen künstlerisch zu sein. In der Postmoderne erneuern Text- und Lesemetapher den alten Wunsch der Menschen, sich ...

„... in anderer Weise als der bloßen Wahrnehmung und [...] der exakten Vorhersehbarkeit ihrer Erscheinungen [...] im Aggregatzustand der Lesbarkeit als ein Ganzes von Natur, Leben und Geschichte sinnspendend [... zu, d.A.] erschließen.“

(Blumenberg 1983, S.10)

Die Stadt erscheint in der Schrift gespiegelt. Das Lesen ist das dem Schreiben umgekehrte Verfahren. Auf sozio-räumliche Zusammenhänge übertragen, geht es beim Lesen darum, auf den Stadtraum in seiner heutigen Präsenz wie durch eine literarisch-geisteswissenschaftliche Brille zu blicken. Diese Brille gestattet, die in der Figur von Stadt und Raum ausgedrückte kultur- und zeitspezifische Praktika, welche zur Raumentstehung führten, interpretatorisch auszubreiten. Wie einige Versuche zeigen[2], ist ein hermeneutischer Zugang zum «Phänomen Stadt» möglich und sinnvoll, um nicht unmittelbar erfassbare Inhalte zu entdecken - wie zum Beispiel das «Wesen» einer Ansiedlung.

Die Untersuchung der Stadt als Bedeutungsträger, die jüngst in der Schweizer Schule thematisiert wird, will Stadt nicht beschreiben, messen, vergleichen, sondern interpretieren und verstehen. Verstanden wird nur das, was in irgendeiner Form gelesen und ausgelegt werden kann. „Die Interpretation, das heißt die Erzeugung von Bedeutung, besteht darin, das Beziehungssystem zu erkennen, welchem das untersuchte Objekt angehört.“ (Corboz 2001, S.58) Einem solchen Interpretieren geht es praktisch um das Aufheben, Bewahren und Überliefern. Es stellt sich der These, nach welcher die kultureinschreibende Texturierung städtischer Bereiche in ihrer Subsummierung unter die Gesamtstadt zur Entstehung eines Metatextes führt – eines Metatextes, der zwar an die konkrete Materialität der Stadt gebunden ist, aber über die Realität hinausweist; darin ist er Schriftwerken ganz ähnlich. In ihrer Metatextualität ruht die autopoietische Veranlagung der Stadt, da (parallel zur Sprache) ein Metatext selbst ein Text ist. Früher bestand ein solcher Metatext in der metaphysischen Aura, dem Ruf oder dem Bild einer Stadt wie das der Legende nach untergegangene Vineta. Heute erleben wir nur noch den schwachen Abglanz einer dezimierten Autopoiesis - das Image.

Das Interpretieren von Stadt hat sich verändert, denn allgemein hat sich das Lesen verändert. Es ist aggressiver geworden. Es wird heute weniger metaphorisch und viel wörtlicher genommen. Text ist heute kaum hermeneutisch, sondern eher semiotisch gemeint. Die Metapher «Städtelesen» ist eine vordergründig poetische und in ihrer künstlerischen Verwendung freie Metapher geworden. Anstatt wie in klassischen Beispielen passiv, ist der Stadttext zu einem aktiven Text geworden, der sich den Einwohnern einschärft und sie erzieht (Bollerey 2001, S.366). Michel de Certeau äußert sich überzeugt von einer solchen Art der Textgleichheit und Lesbarkeit von Stadt (de Certeau 1988, S.179).

Der erste, explizite Leser von Stadt war der Flaneur. Ganz am Ende dieser Arbeit wird seine Praxis des Lesens untersucht und verglichen. Im Verständnis der Certeaus hat die Stadt lesen heute nichts mehr mit dem klassischen Flanieren zu tun. Wenn sich de Certeau vorstellt, vom obersten Stock des World Trade Centers auf das sich unter ihm ausbreitende Manhattan zu schauen, scheint sich ihm die Stadt so in ein Textgewebe zu verwandeln, das eine Fiktion heraufbeschwört, welche ihrerseits der Stadt-Text-Leser erst erschafft. Der Flaneur hat in diesem Sinne nichts erschafft. Diesen neuen Text hingegen stellt sich de Certeau vor als ein kakophones, lautes, monotones Rauschen von Tausend Schreibmaschinen, Verkehrszeichen, Leuchtreklamen und Videowänden. „Die Netze dieser vorausschreitenden und sich überkreuzenden «Schriften» bilden ohne Autor oder Zuschauer eine vielfältige Geschichte“ (de Certeau 1988, S.182). Das ist die Einstellung eines Künstlers, eines real gewordenen Ikarus, Poeten und Mystikers, der den Blick absichtsvoll, um der Kunst willen verfremdet.

„Sie verwandelt die Welt, die einen behexte und von der man «besessen» war, in einen Text, den man vor sich unter den Augen hat. Sie erlaubt es, diesen Text zu lesen, ein Sonnenauge oder Blick Gottes zu sein [...] Ausschließlich dieser Blickpunkt zu sein, das ist die Fiktion des Wissens.“

(de Certeau 1988, S.180)

Unseren Zwecken der Untersuchung mag diese Einstellung weniger dienlich sein. Es interessiert uns hier eher „a gentle way of reading“ (Bollerey 2001, S.362ff.) – ein Lesen also, bei dem der Leser sein Maß an Passivität bewahrt, wie deas Hüten einer Tradition. Die häufig wiedergegebenen Zitate von Bogdan Bogdanović sprechen die Sprache eins solchen, sanften Lesers. Dieser Leser nähert sich kontemplativ der Autorität des Lesestoffes an – ein Text, der einfach immer schon da ist und darauf wartet, gelesen zu werden. Walter Benjamin verfuhr nach diesem Grundsatz. Er hob in seinen «Denkbildern» Schätze, die seit Urzeiten wie auf dem Grund des jeweiligen Phänomens zu schlummern scheinen (vgl.: Benjamin, 1974). Eine akribische Empirie würde diese Schätze nicht zu „illuminiertem“ Bewusstsein fördern – dies kann nur die Schau der Traumseite der Phänomene leisten (Hassenpflug 2001).

Die aktuelle Diskussion um eine aggressivere Textmetapher hingegen ist keineswegs gering zu schätzen. Auch wenn sie nur wenig gemein hat mit der Art des hier favorisierten, schauenden «Lesens», bereichert sie den Diskurs um die heute gültigen und allgemein praktizierten Leseerfahrungen von Wirklichkeit. Beim auf diese Weise entstandenen, gegenwärtigen Nachdenken über die Eigenmächtigkeit von Texten und über das, was man als «auf die objektive Realität gerichtetes Verständnis» bezeichnet, haben die neuen Aspekte der Betrachtung auch in den Diskurs der Hermeneutik Einzug gehalten. Die Arbeiten der in dieser Arbeit zum Teil mehrfach zitierten Persönlichkeiten wie Roland Bartes (1974), André Corboz (2001), Michel Butor (1992), aber auch Wim Wenders’, Hans-Magnus Enzensberger und andere gehen den Weg eines neuen, generativen Textverständnisses der menschlichen Realität. Ohne die modernen Tendenzen zu ignorieren, wird hier jedoch auf ein Verstehen fokussiert, das nicht im Künstler seinen Ursprung hat, sondern im Wesen der Dinge – in ihrer Seele. Diese Seele ist es, die in einem inneren Monolog des sanften Leser traumwandlerisch und treffsicher ans Licht gehoben wird. Ein Verstehen in diesem Sinne ist kein Verstehenmachen-Wollen, sondern ein Vorverstehen, denn es verlässt die Kontingenzen der objektbezogenen Wahrheit nicht. Dennoch wird es notwendigerweise vom Leser subjektiviert – ein entscheidendes Moment, ohne das Verstehen nicht abläuft. Und wenn es gelingt, ist es dem Anschein einer höheren Eingebung nicht fern.

„Als wahr empfinden wir die blitzartigen Erkenntnisse, die mit der Kraft der Intuition ins Wesen [...] einer Frage hineinleuchten und nicht die strengen, begrifflichen, wissenschaftlichen Feststellungen.“

(Lukács 1973, zit. in: Jung 1990, S.166)

In einer solchen Haltung habe ich das Thema «Städte lesen» wie folgt strukturiert:

I.5 Methodik und Umsetzung

Kapitel II Der Raum des Lesens. Methodisch werden in der vorliegenden Arbeit einige für das Thema «Städte lesen» relevante Argumente behandelt, um die Bedingungen, Chancen und Grenzen einer entsprechenden Möglichkeit des Lesens zu erfassen. Im Kapitel II werden zunächst die Kategorien des Raumes und des Ortes in einem Grundverständnis vorgestellt. Anliegen dieses Kapitels ist es, den Raum in kultureller und anthropologischer Hinsicht als einen grundbedingten Wert zu würdigen, denn nur als eingerichteter Raum erfüllt er die Grundbedingung, gelesen zu werden.

Kapitel III Argumente des Lesens. Die Argumente des Lesens «Gestalt und Ganzheit», die ein Verstehen möglich machen, werden im Kapitel III beleuchtet, um dann auf die Frage nach dem Verhältnis von «Sinn und Verstehen» zu sprechen zu kommen.

Kapitel IV Das Lesen. Im Abschnitt IV.1 steht das Lesen in seiner Bedeutung für den Menschen und die Entwicklung der Wissenschaft vom Verstehen - die Hermeneutik - im Mittelpunkt. Die Wissenschaften hatten im 19.Jahrhundert einen Kenntnis- und Entwicklungsstand erreicht, dem die klassische Monostrukturiertheit der Disziplinen Grenzen setzte. Es wird dargestellt, wie die Hermeneutik, und mit ihr viele andere Wissenschaften, wie auch die Semiotik, ihr angestammtes Wissenschaftsgebiet in der Absicht verlassen, die Probleme der Gesellschaft zu lösen, und wie in fremde Bereiche transferiertes Gedankengut zum Teil erfolgreich adaptiert wird. Wenn die erneuerten und erweiterten Wissenschaften die realen Widersprüche auch keineswegs zu lösen vermochten, trug die Fremdverwendung und die Übertragung der Erkenntnisse doch zur Entwicklung der eigenen Disziplinen bei und gestattete, einige innerdisziplinäre Widersprüche neu zu betrachten.

Ist die Stadt ein Zeichensystem, welches entschlüsselnd durchlesen werden kann? Der Einzug der Semiotik in die Architektur in der 2.Hälfte des 20.Jahrhunderts hat einige Erfolge gefeiert – zunächst in der Fachliteratur, aber dann auch in der Praxis. Schließlich ist die Postmoderne in den 1980er Jahren dezidiert semiotisch vorgegangen. Dagegen hat niemand daran gedacht, die Hermeneutik in die Architektur zu übertragen. Warum eigentlich nicht? Abschnitt IV.2 führt den Vergleich von Semiotik und Hermeneutik. Dazu werden die Charakteristika beider Ansätze einander gegenübergestellt sowie Chancen und Grenzen der Anwendbarkeit aufgezeigt, so dass klar wird, inwieweit die scheinbaren Ähnlichkeiten der Interpretation von Zeichen und der Interpretation von Texturen doch auf einem grundsätzlich verschiedenen Ansatz beruhen.

Stadt zu lesen ist theoretisch und nicht pragmatisch. Lesen ist in erster Linie Selbstzweck; die Frage des klaren Nutzens tritt dabei in den Hintergrund. Der Gewinn ist in erster Linie ein Erkenntnisgewinn. Darin liegt auch das Geheimnis begründet, warum das Vorhaben, Städte zu lesen, lediglich ein Verstehen will und deshalb so wenig direkt für Planungstätigkeit operationalisierbar ist. Denn es ist primär ein Anschauen, für das der mittelalterliche Satz gilt: „Für die Anschauung sind die Dinge Selbstzweck, für den Gebrauch sind sie Mittel.“ (Assunto 1997, S.44) Dass die Methode, Stadt zu lesen nicht auf eine direkte Verwertbarkeit abzielt – zum Beispiel für die Planung - ist kein Nachteil, denn Nichtoperationalisierbarkeit lässt unauffällig Kreativität ablaufen, unterwandert die Technik und entzieht sich der Verwaltbarkeit, die immer kollektive Kontrolle ist. Die Methode stellt sich der pragmatischen Funktionalisierung von Stadt(er)kenntnis entgegen und entzieht sich dadurch der Tendenz, aus der Denkform einer Sache zur Denkform über eine Sache zu werden (Frings, in: Scheler 1977, S.XV). Im Abschnitt IV.3 wird das mit dem Lesen und interpretierenden Verstehen verbundene Maß betrachtet, in welchem die «Lektüre» zwischen Objektivität und notwendiger, subjektiv bedingter Inobjektivierbarkeit schwankt, um auf die ethische Dimension des lesenden Verstehens von Stadt zu reflektieren.

Kapitel V Städte schreiben und lesen. An das theoretische Gerüst werde ich im Kapitel V auf die Stadt zu sprechen kommen. Nachdem die Sprachforschung um 1900 zur allgemeinen Zeichenlehre erweitert wurde, der Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) Sprache aus dem Gebiet der Linguistik in das Gebiet der Philosophie überführte, der Ethnologe Claude Lévi-Strauss (1908-1982) Völkerkunde strukturell mit Sprachkunde verknüpfte, Michele Foucault jüngst Untersuchungen über den sprachlichen Diskurs der Gesellschaft anstellte und Jaques Derrida ähnliches für die Schrift tat, treten die Komplexe von Sprache und mehr noch Schrift(!) in ihrer Eigenständigkeit nach Art eines Marx’schen Überbaus deutlich zum Vorschein. Abschnitt V.1 spekuliert über die enge textliche Verwobenheit der Idee der Stadt mit der Schrift und Sprache in Form eines widerstreitenden Prozesses zwischen Bejahung (Ver-Wirklichung) und Verneinung (Ent-Wirklichung) der Stadt als determinierte und determinierende, kulturelle und ethnische Lebensbedingung des Menschen. Dazu werden im Rahmen dieser Arbeit zwei historische Etappen näher betrachtet:

1. die praktische Geburt der Stadt der Neuzeit (Renaissance) aus dem Text der Antike
2. die theoretische Selbstreflexion der Stadt durch die Figur des Flaneurs (19.Jahrhundert)

In den Abschnitten V.2 und V.3 wird das Lesen von Zeit und Raum geschichtlich reflektiert. Für die Renaissance nimmt der Text antiker Schriftdokumente eine Schlüsselstellung ein. Es wird die These erörtert, nach der die Neuzeit nicht auf einem natürlichen, evolutionären Wege aus dem Hochmittelalter hervorging, sondern in willentlicher Negation der renitenten, mittelalterlichen Realität - und zwar unter medialer Zuhilfenahme wieder aufgefundener und wieder studierter Schriftstücke.

Die Stadt ist ein kultureller Text, den die Menschen über Jahrtausende kontinuierlich fortgeschrieben und permanent revidiert haben. Im Abschnitt V.4 wird ein Licht fallen auf die klassische Figur des sanften Stadtlesers, der dem hier intendierten Leseverständnis am nächsten steht: der Flaneur. Da es in der vorliegenden Arbeit um ein Plädoyer für die Kultur eines sanften, einfühlsamen und intuitiven Lesens geht, kann man vom Flaneur am meisten lernen, da die Aufmerksamkeit, die der Flaneur der Stadt entgegenbringt, dem unbequemen, klassischen Lesen von dicken Büchern ähnelt. Das Flanieren wird dem Wandern und dem heute üblichen Zu-Fuß-Gehen gegenübergestellt, um Parallelen und Differenzen aufzuzeigen. Ist der Wanderer der proletarische, ein wenig zum Kitsch neigende kleine Bruder des Flaneurs, ist die heutige Stadt dem Fußgänger symptomatische und kursorische Lektüre. Die würdige Schwere eines Buches wurde viel leichteren, informationsökonomischen Textbausteinen geopfert.

Resümee. Ein Resümee, bei dem es noch einmal um die Ethik des Stadtlesens geht, beendet diese Arbeit.

Ich Wende mich nun den Kategorien des Raumes und des Ortes in ihrem Grundverständnis zu.

Kapitel II

Der Raum des Lesens

II.1 Die metaphysische Dimension des Raums

„Insgesamt ist der Raum ein Ort, mit dem man etwas macht. So wird zum Beispiel die Straße, die der Urbanismus geometrisch festlegt, durch die Gehenden in einen Raum verwandelt. Ebenso ist die Lektüre ein Raum, der durch den praktischen Umgang mit einem Ort entsteht, den ein Zeichensystem – etwas Geschriebenes – bildet.“

(de Certeau 1988, S.218)

Das theoretische Fundament europäischen Denkens liegt in der Metaphysik. Die Metaphysik ist eine Philosophie, die im antiken Griechenland aufkam und sich von da aus über ganz Europa verbreitete. Sie geht von relativ geschlossenen, auf das Sein gerichteten Denkfiguren und Denkräumen aus. Zu den vier existenziellen Denkfiguren gehören Wahrheit (ständig begleitet von Skepsis), Vision, Drama und Ereignis (Rizzi 1999, S.13). Im metaphysischen Denken gehen Gegenstände und Phänomene über ihre körperlich-sinnliche Erfahrbarkeit hinaus und hinüber in Ideale wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit (Kant, vgl. dazu: Russell 1999, S.717).

Die Neuzeit beschwor einen Paradigmenwechsel mit räumlichen Konsequenzen herauf. Die Erkenntnisse von Geometrie und Perspektive, die am Beginn der Neuzeit stehen, ließen das ptolemäische, in seiner metaphysischen Typik geschlossene Raumsystem durch das offene, kopernikanische ersetzen. Der Raum wurde weithin über seine metaphysische Determiniertheit hinaus geöffnet (Bollnow 2000, S.83). Das Dispositiv der Perspektive gestattete dem Menschen, neuen Planungsraum nach optischen Regeln geometrisch zu entwerfen und zu projektieren. Architektur wurde den Menschen in der Renaissance zur „mathematischen Disziplin, die mit Raumeinheiten arbeitete; d.i. mit Ausschnitten jenes unendlichen Raumes, für dessen wissenschaftliche Erforschung sie einen Schlüssel in den Gesetzen der Perspektive entdeckt hatten“ (Wittkower 1969, S.29). Aber auch der vorhandene, aus dem Mittelalter überkommene öffentliche Raum konnte neu durchmessen, koordinatiert und somit in der Retrospektive neu erkannt, bewertet und verstanden werden. Nur richtete sich der Blick des neuzeitlichen Menschen nicht auf das Mittelalter, sondern in die zeitlich viel weiter zurückliegende Ferne der Antike. (Siehe die Abschnitte V.2 und V.3.)

Die neue Raumerkenntnis und das neue Raumverständnis zeigte am deutlichsten die Widersprüche des vordem endlich gedachten, metaphysischen Raums, denn potentiell führten die sich perspektivisch in der Ferne nie schneidenden Fluchtlinien in die Unendlichkeit. Jedoch wurde deshalb die Metaphysik als Grundannahme deswegen nicht in Frage gestellt. Vielleicht stellt die Metaphysik in Europa so etwas wie einen mentalen, denkhistorisch nicht revidierbaren, eher ethisch-moralisch motivierten Grundwert dar. Die nahezu metaphysische Ewigkeitskennzeichnung des Daseins als Entität unterstrich selbst im 20.Jahrhundert durch das ontologische Denken Martin Heideggers die Geschlossenheit dessen, was ist - wenngleich das, was ist prinzipiell als Möglichkeit da sei, so Heidegger[3] (Heidegger 1935, S.143ff.). Gerade durch Heidegger wurden Sein und Möglichsein als grundsätzliche Konstituenten auch des modernen, europäischen Weltverständnisses erneuert. Wenn wir Heidegger genau studieren, wird uns klar, dass seine Ontologie ein in seiner Existenzialität ethisches Anliegen verfolgt. Diese Erkenntnis legt uns nahe anzunehmen, dass Ethik, Moral, Humanität und Verantwortungsbewusstsein metaphysisch konnotiert sind – Grund genug, an den Werten metaphysischen Denkens festzuhalten und sie nicht im Zuge einer physikalischen Korrektur zu opfern.

Bauen und Wohnen arbeitete Heidegger als die grundlegenden Daseinskategorien des Menschseins heraus. Das Wohnen gilt Heidegger (und mit ihm anderen Existenzialisten, wie zum Beispiel Sartre) als Schlüsselbegriff, dem Menschen sein eigenes Weltverständnis begreiflich zu machen. Sofern der Mensch in der Welt sei, sei er in ihr wohnend, sagt Heidegger. Alles bewohne er: die Zeit, den Raum, die Dinge – kurz: das Sein. Als physischen Ausdruck des bewohnten Raums sieht Heidegger den «Ort». Dieser spielt eine existenzielle Rolle für das so In-der-Welt-Dasein. An den Ort und also in seine Nähe nämlich hole der Mensch die Dinge der unbekannten Welt und verwandle sie damit in potenziell bekannt sein könnende Dinge. „Die Sterblichen sind, das sagt: wohnend durchstehen sie Räume auf Grund ihres Aufenthaltes bei den Dingen und Orten.“ (Heidegger 1954, S.158) Der Ort in seiner Archetypik steht im Mittelpunkt des Heideggerschen Gevierts aus Erde, Himmel, den Göttlichen und den Sterblichen. In «Bauen Wohnen Denken» heißt es dazu feierlich und als verantwortungsvolle Aufgabe:

„Im Retten der Erde, im Empfangen des Himmels, im Erwarten der Göttlichen, im Geleiten der Sterblichen ereignet sich das Wohnen als das vierfältige Schonen des Gevierts. Schonen heißt, das Geviert in seinem Wesen hüten.“

(Heidegger 1954, S.151)

Mit der ontologischen Positionierung des Menschen in der Welt steht der humanitäre Aspekt des menschlichen Daseins über allen anderen Eigenschaften, die das Menschsein sonst noch ausmachen. Der Mensch trägt im Hinblick auf die Gestaltung seiner Umwelt zu seinem Lebensraum Eigenverantwortung. Die Freiheit des Menschen besteht darin, seine eigenen Existenzparameter zu konstruieren. Ausgangspunkte und Zielvisionen kommen ihm allein zu definieren zu - im Rahmen entsprechender Möglichkeiten.

Es ist sinnvoll, zu betrachten, was mit dem Lebensraum ganz am Anfang des Raums bei der Sesshaftwerdung passierte.

II.2 Die ontologische Dimension des Raums

Im Unterschied zur Künstlichkeit der vom Menschen sich zu eigen gemachten Welt ist in die Natur alles gleichwertig eingebettet. In der Natur kommt die Heraushebung einem Gegenstand gegenüber einem anderen nicht zu. Aber bereits im aufrechten Gang, mit dem sich der Urmensch von den anderen Tieren unterschied, stand er gegenüber all seinen Mitwesen privilegiert und aus dem selbstgenügsamen Eingebettetsein in die Natur herausgehoben da. Eine horizontale Körperlage, wie sie den Tieren gemeinsam ist, neigt einer flächigen, streunenden Bewegung zu. Im aufrechten Gang hingegen steckt eine Veranlagung zur Ortbildung und die Abkehr von diffusen Streunen zu relativem Aufenthalt. Noch bevor der erste Mensch ein Werkzeug greift - einen Stab – und dieses senkrecht in den Boden steckt und also zu bauen begann, war der aufrecht gehende Mensch selber „das einfachste Modell für den existenziellen Raum [...:] eine horizontale Ebene, die von einer vertikalen Achse durchschnitten wird“ (Norberg-Schulz 1982, S.40). Um seine eigene, senkrechte Achse herum, spannt der Mensch gleichsam «Ort» auf (Bollnow 2000, S.44). Kurz verweise ich an dieser Stelle auf die strukturelle Ähnlichkeit dieses physischen mit dem narrativen Raum: eine Erzählebene spannt sich zwischen Autor und Leser auf, die von einer transversalen Achse durchschnitten wird, welche den Erzählraum zu einem dreidimensionalen Raum macht (Wenz 1997, S.146). (Dazu ausführlicher im Abschnitt IV.3.)

Vorerst gilt festzuhalten: Die bis vor 10.000 Jahren herumziehenden Sammler und Jäger wohnten noch nicht - sie hausten. Erst mit der Sesshaftwerdung fing der Mensch an zu wohnen. Wohnen heißt (mit Heidegger gesprochen), all den in die Nähe geholten Dinge im Nahraum einen Platz zuzuweisen. So der Mensch in der Welt wohnt, ordnet er. Dazu macht es sich ganz wie von selbst erforderlich, einige Dinge gegenüber anderen zu bevorzugen und sie aus ihrer natürlichen Gleichwertigkeit herauszuheben. Gewissermaßen überträgt der Mensch den Status seiner eigenen Ungleichwertigkeit auf die sein Interesse erregenden Dinge – vielleicht auch, damit ihm die Dinge gleichberechtigte Gesellschaft leisten. Noch ursprünglicher als die Abschätzung auf eine mögliche Verwendbarkeit hin lässt den Menschen eine emotionale Anziehung oder Abscheu, die von den Dingen ausgeht, sich den Dingen zu- oder eben abwenden. In einer zweiten Phase sind Dinge, die interessant sind, solche Dinge, die sich im Hinblick auf eine bestimmte Benutzung bearbeiten lassen. Aber die emotionale Zu- oder Abwendung geht der pragmatischen voraus. Die Wissenschaft der Semiotik widmete sich explizit der Untersuchung der „Bedingungen für die Interaktion zwischen uns und etwas, das uns gegeben und dessen Konstruktion gewissen Zwängen unterworfen ist“ (Eco 1990, S.21).

Durch das Ordnen, das die Dinge einrichtet, werden Bereiche zu aus der Natur herausgeschnittenen Orten. Sie werden umfriedet (Heidegger 1954, S.147; Norberg-Schulz 1982, S.22f.). Orte sind somit immer künstliche Produkte. In ihnen fließt ein Strang von Handlungen zusammen. Gleichzeitig entstehen Handlungen aus den Orten heraus oder finden an ihnen statt. Handlungen verwandeln den diffusen Raum in konkreten Ort (Norberg-Schulz 1982, S.6). Indem die Stadt aus dem weiten Land herausgeschnitten, Natur und Kultur voneinander getrennt und also geordnet wurde, entstanden Welt und Zeit - und Sinn! (Bollnow 2000, S.144) Wenn durch die Stadt Welt entsteht, entsteht sie immer schon dualistisch angelegt: ein Gegenüber von Natur und Kultur (Lefébvre 1997, S.87f.). Ein homogenes Weltganzes hat es demnach im Prinzip nie geben - lediglich ein vorstädtisches und vorweltliches Naturganzes. Aber es herrschte noch über lange Zeit danach eine Harmonie zwischen den beiden Seiten Natur und Stadt, welche die antike Welt bis zum Mittelalter zusammengehalten hat. Als mit der Stadt die Welt entstand und gleichzeitig Sinn in ihr Einzug hielt, kristallisierte Welt sofort in die Unmittelbarkeit von Wirklichkeit aus – in ein Hier und Jetzt! Im Bauen kristallisiert menschliches Handeln dauerhaft derart aus, einen zeitlich-räumlichen Ort zu schaffen, der den Genius loci enthüllt (Norberg-Schulz 1982, S.18).

„Der existenzielle Zweck des Bauens ist es [...], aus einer Stelle einen Ort zu machen, das heißt den potentiell in einer gegebenen Umwelt vorhandenen Sinn aufzudecken.“

(Norberg-Schulz 1982, S.18)

In einem geordneten Raum bewegt sich der Mensch sinnvoll. Ein um sich herum sinnvoll eingerichteter Raum kommt aber nicht nur dem Einzelnen, sondern der Gemeinschaft zu Gute. Wenn eine Ordnung einsehbar ist, kann ihr verallgemeinertes Verständnis im Prinzip von jedem Mitmenschen geteilt werden. Ein nach bestimmten kulturellen Regeln einsehbar geordneter Ort erfüllt die Funktion eines die Gemeinschaft umhüllenden Schutzraums – und zwar nicht so sehr vor Feinden, sondern im Sinne eines die Gemeinschaft behütenden Raums. In ihm findet der Mensch existenziellen Halt (Norberg-Schulz 1982, S.19 – mit Heidegger). Dieser Schutzraum, den sich die Stammesgemeinschaft willentlich in Form einer Zusammensiedlung schafft, ist Kulturraum. Die Ansiedlung - die potentiell Stadt (Stätte) ist - ist ein Hort. Die räumlich figurierte Ordnung ist jedem „ein gemeinsames Medium, in dem wir uns mit Sicherheit bewegen und in dem uns alles «von Kindesbeinen an verständlich» ist“ (Bollnow 2000, S.210).

Vom zum Hort gewordenen Raum kann der Wohnende die ganze Welt beobachten. Er kann verstehen, „worumwillen“ (Heidegger 1935, S.147) etwas in der Welt da ist. „Von hier aus versteht er, als was er die Dinge zu nehmen und wie er sie in der rechten Weise zu gebrauchen hat.“ (Bollnow 2000, S.210) Im gerahmten Raum scheidet eine dünne ontologische Linie die Bedingung, überhaupt verstehen zu können, von der ganz dicht daneben liegenden Weite der Möglichkeit, potenziell alles verstehen zu können. Er erlangt Lese- Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit. Denn das Lesen setzt den Blick auf eine erkennbare Ordnung voraus. Die Entdeckung der Landschaft in der Renaissance ist nur ein Beispiel für die unbewusst wachsende menschliche Befähigung zum Lesen aus dem immer komfortabler und komplexer geordneten städtischen Schutzraum heraus. (Siehe dazu besonders Abschnitt V.1.) Bereits zu Beginn der Entstehung der Städte im Zweistromland war nur geordneter Raum potentiell lesbarer und damit sinnvoller Raum. Aus der (Kenntnis der) Stadt heraus vermochte der Mensch im Buch der Welt zu lesen – einen «Naturkosmos» (Panofsky 1996, S.11), der ihm bis dahin mysteriös und chaotisch ohne Struktur gewesen ist. In der Stadtschöpfung (wie vorher schon im Hausbau) vollzog der Mensch den göttlichen Schöpfungsakt nach: Er gründete - mit Buchstaben, Zahl und Maß - einen Kosmos aus dem Chaos (Bollnow 2000, S.144). „Galilei hatte noch angenommen, die mathematische Verschlüsselung des Textes der Natur sei die Sprache, in der Gott seine Wahrheit über die Natur den Fachleuten vorbehalten wissen wollte.“ (Blumenberg 1999, S.402).

„Das Universum der jüdisch-christlichen Tradition stellt sich als eine Schrift aus Buchstaben und Zahlen dar; der Schlüssel zum Verständnis des Universums liegt in unserer Fähigkeit, die Buchstaben und Zahlen richtig zu lesen, ihre Kombinationen zu beherrschen und somit einen kleinen Teil des gewaltigen Textes zum Leben zu erwecken – in Nachahmung des Schöpfers.“

(Manguel 1999, S.18)

Das von der Plattform des Städtischen aus unbewusste In-die-Welt-Hineinleben offenbarte dem Menschen nicht nur die Zusammenhänge der äußeren Umwelt; es offenbarte ihm auch sein eigenes In-der-Welt-Sein. In der städtischen Gemeinschaft kam er zu Selbstbewusstsein, Identität, Autonomie gegenüber seinen Mitmenschen und wurde sich seines Ursprungs bewusst, denn in der Stadt berührte er überall die Sinnfrage.

II.3 Die anthropologische Dimension des Raums

Wie die anthropologische Schule der Philosophie des 20.Jahrhunderts feststellte, hat der Mensch von vornherein gute Chancen auf den Zugang zum äußeren Raum, denn ihm ist das Vermögen eigen, sich vom subjektiven Raum loszulösen und eine Leerform von Raum und Zeit zu imaginieren (Scheler 1995, S.45). Im Gegensatz zum Tier, das seinen Handlungsraum ständig mit sich herumschleppt, ist der Handlungsraum des Menschen ein feststehender Raum! Während beim Tier Sinnes- und Handlungsraum zusammenfallen, scheidet sich beim Menschen der Sinnes- vom Handlungsraum. Im Handlungsraum kann er seinen Sinnesraum frei umherbewegen. Da der Mensch ein intentionales Wesen ist, ist der Sinnesraum ein intentionaler Raum (Bollnow 2000, S.272). Im Zentrum dieses Sinnesraums steht das erwachsene Subjekt wie im Mittelpunkt eines individuellen Kosmos. Die amerikanischen Architekten Bloomer und Moore haben das sehr schön am Beispiel des Körperschemas deutlich gemacht (Bloomer, Moore 1980, S.53ff.). Aus dem Sinnesraum heraus agiert der Mensch hinein in den objektiven, feststehenden Handlungsraum. Die freie Bewegung in diesem Raum macht es möglich, den Handlungsraum zu durchmessen und Dimension und Gestalt sowohl des Raumes zu erfahren, wie auch sich selbst – noch vor der Wissenschaft!

„Der Mensch allein – sofern er Person ist – vermag sich über sich – als Lebewesen – emporzuschwingen und von einem Zentrum gleichsam jenseits der raumzeitlichen Welt aus alles, darunter auch sich selbst, zum Gegenstand seiner Erkenntnis zu machen.“

(Scheler 1995, S.47)

Zu Max Schelers (1874-1928) Verständnis der Person muss hier eine Ergänzung vorgenommen werden: Eine solche Person hätte nicht in der Natur heranreifen können! Zwar gibt es „einen Raum nur, insofern der Mensch ein räumliches, d.h. Raum bildendes und Raum gleichsam um sich aufspannendes Wesen ist“ (Bollnow 2000, S.23). Aber in der Natur wäre es letztendlich unmöglich gewesen, Handlungs- und Sinnesraum voneinander zu scheiden. Um diese Trennung vorzunehmen und Raum zu fixieren, benötigte er den künstlich zum festen Stand gebrachten Raum der Stadt! Die Stadt ist die physische Fixierung des Handlungsraums. Ihm steht das Land wie ein großer, ursprünglicher Sinnesraum gegenüber, welcher in letzter Instanz und etwas romantisch betrachtet alles aus sich heraus hervorbringt.

In der Stadt bewegt sich das Individuum frei. Potentiell ist der ganze Weltenraum sein Handlungsraum. Städtischer Raum bleibt dem Menschen sinnlich nahe, denn trotz seiner relativen Objektivität als Handlungsraum weist dieser Raum Eigenschaften von Innenraum auf. So definierte der italienische Kunst- und Architekturgeschichtler Bruno Zevi (1918-2000) Raum als «Gesamtheit der Leere» (in: Boudon 1991, S.27). Was für den Innenraum sofort einleuchtet, fand Zevi gleichermaßen für den Außenraum zutreffend. Nach seiner Definition verpacken Fassaden nicht einen dahinterliegenden Innenraum, sondern umgekehrt: sie geben dem hohlen Außenraum, der ja ein Leerraum ist, Gestalt – das eigentlich sei Architektur (Boudon 1991, S.28). Durch das unterbewusste Als-ein-Innen-Denken des Außen besitzt der Mensch einen anthropologischen Zugang zum Raum. Denn in sofern der Außenraum auch Sinnesraum ist, hat das Innen eine Substanz: das Innere des menschlichen Körpers selbst.

Auch wenn der Mensch in der Stadt lebt, gibt er seinen subjektiven Sinnesraum nicht auf. Er bleibt in soweit Tier, als dass er sich stets in die unmittelbare Präsenz einer individuellen, um sich herum aufgespannten, raumzeitlichen Einheit der Wirklichkeit eingehüllt findet. Der Sinnesraum ist beim Menschen selbstverständlich ungleich ausgereifter als beim Tier. In der Kategorie des Sinnesraums übernimmt der Körper des Menschen eine aktive Rolle.

„Es ist kein Zweifel, daß das, was der natürliche Sprachraum «Empfindung» nennt, gewisse wechselnde erlebte Zuständlichkeiten sind, die wir als Modifikation unseres Leibes und unmittelbar auf ihn bezogen erleben“ [... in dem Sinne, daß, d.A.] „das natürliche Bewußtsein aufgrund vager Erfahrungen annimmt, daß der [...] Gegenstand in strengem Raum- und Zeitkontakt zu einem Teil unseres körperlichen Organismus stehe.“

(Scheler 1977, S.128f.)

Da sich dem Kind der Handlungsraum als Sinnesraum einprägt, erinnert sich der Erwachsene emotional oft an seinen als Kind durchlebten Raum. Das Kind liest den objektiven Raum als subjektiven Raum, da es vornehmlich sinnlich vorgeht und ihm aus allem Äußeren eine subjektive Bedeutung hervorgeht oder es dem objektiven Raum eine solche verleiht. „Die erste, egozentrische Lokalisation dominiert in den frühen Lebensjahren, die zweite, exozentrische gewinnt dann mit zunehmendem Alter an Bedeutung.“ (Salzmann 1985, S.21) Wird das Kind erwachsen, nimmt die subjektive Bedeutung des egozentrischen Sinnesraums in dem Maße ab, wie die objektive Bedeutung des exozentrischen Außenraums zunimmt. Am Außenraum hängt zunehmend weniger persönliche Bedeutung und der Raum offenbart sich immer weniger durch sich selbst, wie das der kindliche Wahrnehmungsraum noch tat. Ganz anders als bei einer Person, die sich infolge des Bewusstseins durch Gebärde, Handlung und Sprache sinnesräumlich selbst zu offenbaren vermag, wächst die Einsicht, dass Steine und Phänomene kein Bewusstsein besitzen, das sie zu einer Selbstoffenbarung befähigen könnte. Damit sich jemandem die Außenwelt erschließt, bedarf sie der Interpretation. Abschnitt V.4 führt diesen Gedanken weiter und untersucht das Wechselverhältnis von Sinnes- und Handlungsraum bei den Raum explizit lesendes Figuren.

[...]


[1] Hier sei auf den tschechischen Kommunikations- und Medienwissenschaftler Vilém Flusser (1920-1991) verwiesen, der aus seiner phänomenologischen Betrachtung heraus einige Beiträge geliefert hat. (Siehe zum Beispiel: Flusser, 1993 a.)

[2] Der Architekturprofessor an der Belgrader Universität und spätere Bürgermeister von Belgrad Bogdan Bogdanović „... lehrte das Stadtlesen, denn nur wer stadtlesen kann, kann schlußendlich auch stadtschreiben.“ (Schürmann-Emanuely, 2001). Siehe auch: Chtouris (u.a.) 1993, S.55ff.: „Das Athener Grundstück und die hermeneutische Frage“ etc.

[3] Leicht kann Ontologie in Dogmatismus enden, wie die biographische Episode Heideggers zeitweiliger Sympathie mit dem Faschismus belegt.

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Städte lesen
Untertitel
Überlegungen zu einer hermeneutischen Sicht auf die Stadt als Text
Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Veranstaltung
Masterstudiengang Europäische Urbanistik
Note
MSc
Autor
Jahr
2001
Seiten
67
Katalognummer
V136791
ISBN (eBook)
9783640590469
ISBN (Buch)
9783640590315
Dateigröße
919 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die hier vorliegende Arbeit wurde von Mai bis August 2001 angefertigt. Sie ist die Abschlussarbeit des von mir belegten postgradualen Masterstudiengangs Europäische Urbanistik an der Bauhaus Universität Weimar.
Schlagworte
Städte lesen
Arbeit zitieren
Steffen Ahl (Autor:in), 2001, Städte lesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136791

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