Theorie der sozialen (De-)Konstruktion von Geschlecht und die Bedeutung für die pädagogische Praxis


Hausarbeit, 2008

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung/ Fragestellung

2. System der Zweigeschlechtlichkeit

3. Ausgangspunkt für die Theorie der Sozialen De-/ Konstruktion von Geschlecht
3.1. sex und gender Unterscheidung
3.2. Theorie des „doing gender“
3.3. undoing gender
3.4. Dekonstruktion von Geschlecht nach Judith Butler

4. Dekonstruktivistische Ansätze in der pädagogischen Praxis
4.1 Vielfältige Lebensweisen
4.2. Thematisieren von Sexismus
4.3. „Wie im richtigen Leben“

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung/ Fragestellung

Ich stand neulich so vor der Universitätsbibliothek und wartete auf eine Mitkommilitonin. Da kam mir eine Person entgegen, kurze dunkle Haare, blaue Jeanshose, eigentlich sehr sportlich und legere gekleidet. Die Person, ich ging davon aus das sie auch ein/ e StudentIn der Universität Magdeburg war, sah auf den ersten Blick aus wie ein Mann, sie wirkte jedenfalls sehr maskulin. Doch als sie/ er näher kam, war ich mir doch nicht mehr so sicher. Sie hatte ziemlich feminine Gesichtszüge.

So stand ich noch eine Weile vor der Bibliothek und wunderte mich. Ich war ziemlich irritiert, da ich mich schon des Öfteren mit dem Thema der Zweigeschlechtlichkeit beschäftigt hatte und ja eigentlich wusste, das die Polarisierung in zwei Geschlechter historisch bedingt und sozial konstruiert ist. Dennoch blieb ich an jenem Tag in meinem Alltagsdenken verhaftet.

An diesem Tag begann ich auch diese Hausarbeit zuschreiben, welch ein Zufall?!

In dieser Arbeit möchte ich Handlungsmöglichkeiten für die pädagogische Praxis, vornehmlich im Schulalltag, aufzeigen. Dazu habe ich mir drei Konzepte herausgegriffen, die meines Erachtens Wertvoll für die pädagogische Praxis sind, um die Binarität der Geschlechterpolarisation schon im Kindesalter und in der Schule zu überschreiten.

Beispielhaft habe ich folgende Ansätze, auf die ich unter Punkt 4 genauer eingehe,

ausgewählt: Vielfältige Lebensweisen, die Thematisierung von Sexismus und die Methode „Wie im richtigen Leben.“.

Diesen praxisorientierten Konzepten stelle ich eine theoretische Einführung in das Themenfeld der Frauen und Geschlechterforschung voran.

Als eine Annäherung an das Thema meiner Arbeit: „Theorie der sozialen De-/Konstruktion von Geschlecht und die Bedeutung für die pädagogische Praxis“, wähle ich einen Zugang über den Begriff der Zweigeschlechtlichkeit. Stelle dabei die wichtigsten Aspekte und die Charakteristika vom System der Zweigeschlechtlichkeit heraus. Diesen Punkt habe ich unter Zweitens zusammengefasst, weil ich eine Art Annäherung an die folgenden theoretischen Konzepte liefern möchte. Diesen Konzepten ist das System der Zweigeschlechtlichkeit quasi vorausgeschaltet.

Unter Punkt drei gehe ich auf die Theoriegerüste ein, die für die Frauen und Geschlechterforschung von Bedeutung sind und waren.

Dabei gehe ich chronologisch vor, obwohl sich teilweise Überschneidungen nicht vermeiden lassen. Ausgehend von der sex/gender Unterscheidung, stelle ich die Theorie des „doing gender“ dar, die besagt das Geschlecht sozial konstruiert wird und als aktiver Prozess stetig reproduziert wird.

Im Anschluss beschäftige ich mich mit Ansatz von Stefan Hirschauer, der davon ausgeht, das Geschlecht auch vergessen werden kann, also nicht „omnirelevant“ ist.[1]

Im letzten theoretischen Abschnitt stelle ich die wesentlich Punkte von Judith Butlers Konzept der Dekonstruktion von Geschlecht heraus. Butler versteht Geschlecht, im Gegensatz zu den früheren VertreterInnen,als sozial konstruiert, sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht. Sie vertritt die Annahme, dass auch das biologische Geschlecht erst durch die kulturellen Vereinbarungen als etwas „naturhaftes“ erscheint.

Auf Grundlage der theoretischen Rahmung habe ich die praxisrelevanten Ansätze ausgewählt, sie versuchen (teilweise) eine binäre Klassifikation der Geschlechter zu durchbrechen und versuchen Geschlecht nicht in ein starres Gerüst zu pressen.

Meines Erachtens können die praktischen Konzepte zu einer Geschlechter-gerechtigkeit beitragen, bzw. die starren Denkmuster aufzulösen verhelfen.

2. System der Zweigeschlechtlichkeit

In der sozialen Welt sind die Kategorien Mann und Frau Symbole im sozialen Sinnsystem. Menschen werden in nur zwei Kategorien eingeteilt, männlich oder weiblich, die als kulturell, sich ausschließende Gruppen und voneinander getrennt wahrgenommen werden. Das ist anscheinend das Basiswissen unserer Alltagstheorie,[2] die für uns unumstößlich erscheint.

Im alltäglichen Handeln werden Personen in Männer und Frauen eingeteilt, dem männlich und weiblich sein, werden stereotype Eigenschaften zugewiesen, nach diesen Stereotypen werden Menschen beurteilt.

Geschlechterdichotomie, also die Zweiteilung der Geschlechter, gilt damit als Basis der polaren Gesellschaft.[3]

Was würde es für Irritationen geben wenn man einen Menschen weder als Frau noch als Mann einordnen kann?

In den Differenztheorien bildet die Frage nach der Differenz der Geschlechter den Ausgangspunkt theoretischer und empirischer Arbeiten.[4]

Diese Arbeiten basieren auf der Annahme, dass es genau zwei und nur zwei Geschlechter gibt, die sich gegenseitig ausschließen, entweder ein Mensch ist ein Mann oder einer Frau.

Differenztheoretische Ansätze vertreten verschiedene frauenpolitische Zielsetzungen. Auf der einen Seite existieren egalitäre Perspektiven, die die Differenz der Geschlechter als grundsätzliche Benachteiligung von Frauen sehen. Auf der anderen Seite existiert die dualistische Perspektive der Geschlechterdifferenz, hier wird die „Andersartigkeit der Frauen“ aufzuwerten versucht.

Die differenztheoretischen Ansätze gehen in ihrer Grundannahme von einer Zweiteilung der Geschlechter bzw. von einer symbolischen Geschlechterordnung[5] aus.

Folgende Merkmale sind charakteristisch für das System der symbolischen Geschlechterordnung.[6]

Die symbolische Geschlechterordnung geht grundlegend von einer Zweiteilung der Geschlechter aus, nämlich Mann und Frau.

Des Weiteren ist die symbolische Geschlechterordnung dichotom, also von Gegensatzpaaren bestimmt und diese Gegensatzpaare stehen in einem hierarchischen Bewertungszusammenhang.

Die symbolische Geschlechterordnung erscheit weiterhin als invariant und statisch, d.h. das die Merkmale die den Geschlechtern zugeordnet werden am „Wesen“ der Geschlechter festgemacht sind und sie erscheinen weder historisch noch kulturell bedingt.

Die symbolische Geschlechterordnung sowie deren Zuschreibung von Merkmalen werden „ … quasi zum Schicksal in der biographischen Entwicklung des Individuums.“[7]

Ein weiteres Charakteristikum symbolischer Geschlechterordnung ist die Grundannahme dass kein Wechsel zwischen den Geschlechtern möglich ist. Stiegler ergänzt weiter, dass die soziale Bedeutung von symbolischer Geschlechterordnung überhöht ist. Sie macht dies daran fest, dass Klarheit über das Geschlecht des Gegenübers herrschen muss, diese Klarheit ist die Grundlage sozialer Wahrnehmung.

Individuen müssen danach lernen, sich im symbolischen System der Zweigeschlechtlichkeit zu bewegen und sie werden zu Männern oder Frauen, nicht weil sie von Natur entweder Männer oder Frauen sind, sondern sie müssen sich die kulturelle Zweigeschlechtlichkeit aneignen.

Gegenüber den Differenztheorien stehen Theorieansätze, die dem Konstruktions- bzw. Dekonstruktionsansatz zuzuordnen sind, diese Theorien stellen den Prozess der Vergeschlechtlichung in den Mittelpunkt. Hier ist Geschlecht selbst eine Dimension die mensch sich aneignen, mit der mensch sich auseinandersetzen muss und die definiert und konstruiert wird.

In der Debatte um die soziale Konstruktion von Geschlecht geht es um die zentrale Frage wie Geschlecht gemacht wird.

Wie kommt es zu der Zweiteilung der Geschlechter in Männer und Frauen?

Der Anfang der Diskussion um diese Frage begann mit dem Buch von Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Hier warf sie das erste Mal die Frage auf: „Was ist eine Frau?“.[8] Damit Unterschied sie sich von anderen Schriften dieser Zeit, in denen sich über Frauen geäußert wurde.

Sie beschrieb nicht wie eine Frau ist, sondern fragte danach was eine Frau ist.

Der in der feministischen Theorie/ Tradition am meisten zitierte Satz von de Beauvoir: „Mann kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“[9] markiert den Beginn einer wissenschaftlichen Debatte um die Soziale Konstruktion von Geschlecht.

3. Ausgangspunkt für die Theorie der Sozialen De-/ Konstruktion von Geschlecht

Im folgenden Abschnitt werde ich auf verschiedene Theorieansätze, die für die Frauen- und Geschlechterforschung von großer Bedeutung waren und auch heute noch sind, näher eingehen. Die Reihenfolge 3.1. bis 3.4. stellt auch gleichzeitig eine zeitliche Abfolge dar, wobei dennoch Überschneidungen impliziert sein können.

3.1.) sex und gender Unterscheidung

In den 50 er Jahren wurde erstmals, im angelsächsischen Sprachraum, die Verkopplung von Geschlecht mit Natur und Biologie durchbrochen, mit der Trennung von „sex“ und „gender“[10] Mit „sex“ war das „biologische Geschlecht“ gemeint, also Anatomie, Physiologie, Morphologie, Hormone und Chromosomen. Der Begriff „gender“ zielt auf das „soziale Geschlecht“ hin, im Sinne seiner sozialen und kulturellen Prägung.

Durch diese Unterscheidung wurde versucht die Ungleichheit der Geschlechter nicht als Folge körperlicher Differenzen zu begreifen, sondern als Ursache von sozialen Normierungen zu sehen.

Im Fokus der Forschung lag nun nicht mehr die Frage was die Geschlechter unterscheidet, sondern wie es zu einer Zweiteilung der Geschlechter kommt und welches die Reproduktionsweisen für deren Entstehung/ Konstruktion sind.

Ausgangspunkt für die Theorie der sozialen Konstruktion von Geschlecht lieferte Harold Garfinkel in seiner klassischen Studie (1967) über den Geschlechtswechsel von Transsexuellen.

Die Studie beschreibt den Geschlechtswechsel der Transsexuellen „Agnes“.

Diese zeigt erstmals wie die Geschlechtszugehörigkeit von Personen in Alltagsinteraktionen fortlaufend hergestellt wird.

Das besondere dieser Studie für die Geschlechterforschung war, das Geschlecht nicht einfach da war, sondern das ein Geschlechtswechsel vollzogen wurde bzw. angestrebt war.

Garfinkel wollte mit dieser Studie etwas über die Konstruktionsweisen von Normalität erfahren und was geschieht wenn diese Normalität durchbrochen wird.

Er hat herausgefunden das auch transsexuelle Menschen der Idee der Zweigeschlechtlichkeit unterliegen. „Agnes“ hat sich schon immer als Frau gesehen, nur als eine Frau mit Penis und dieser Penis muss korrigiert werden.

„Die Zweipoligkeit der Geschlechter stellt eines der grundlegenden Typisierungsmuster dar, in denen die soziale Welt sich ordnet.“[11]

Nach diesen Typisierungen handeln die Akteure, die Zweigeschlechtlichkeit ist für sie soziale Wirklichkeit. Lässt sich ein Mensch nicht in diese Kategorien einordnen, geschehen Ausgrenzungsmechanismen oder es wird ein drittes anormales Geschlecht geschaffen.

Aber die Kategorisierungen von Zweigeschlechtlichkeit werden niemals hinterfragt.

Deshalb spricht Garfinkel auch von einer „Omnirelevanz“ der Kategorie Geschlecht.[12] Die Kategorie Geschlecht ist eine unhinterfragbare und unbemerkter Hintergrund von allen Menschen. Geschlecht ist ständig präsent. Dabei weißt Garfinkel auch darauf hin, dass das Wissen um Zweigeschlechtlichkeit nicht auf Körperlichkeit oder Hormonen beruht. Es geht immer um Darstellungsleistungen und Interpretationen dieser Darstellungen.

[...]


[1] Angelehnt an Garfinkels Begriff der „omnirelevanz“, Vgl.:Gildemeister, Regine: Doing gender : Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung. 2004, S.135

[2] Vgl.: Hagemann – White 1984

[3] Vgl.: Bublitz 2000

[4] Vgl.: Stiegler, 1994; S.6

[5] Nach Jacques Lacan, der den Begriff der symbolischen Ordnung prägte. Er sagt, dass die sprachlich strukturierte Matrix als unhintergehbare Voraussetzung der Subjektbildung fungiere. (Vgl.: Hanna Meissner 2004), d.h. das die Zweiteilung der Geschlechter eine unumstößliche Grundannahme sei

[6] Vgl.: Stiegler, Barbara: Berufe brauchen kein Geschlecht. 1994

[7] Stiegler, Barbara: Berufe brauchen kein Geschlecht. 1994, S.8

[8] Konnertz, Ursula: Simone de Beauvoir. Das andere Geschlecht. 2005

[9] Beauvoir, 1951, S. 8

[10] Vgl.: Gildemeister, Regine: Soziale Konstruktion von Geschlecht. 2008

[11] Gildemeister, Regine: Doing Gender. Soziale Praktiken der Geschlechterordnung. 2004, S. 134

[12] Vgl.: Gildemeister, Regine: Doing Gender. Soziale Praktiken der Geschlechterordnung. 2004, S. 135f

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Theorie der sozialen (De-)Konstruktion von Geschlecht und die Bedeutung für die pädagogische Praxis
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
29
Katalognummer
V136984
ISBN (eBook)
9783640446537
ISBN (Buch)
9783640446827
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Geschlecht, Bedeutung, Praxis
Arbeit zitieren
Aline Felger (Autor), 2008, Theorie der sozialen (De-)Konstruktion von Geschlecht und die Bedeutung für die pädagogische Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/136984

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