Nestroys "Der Talisman" unter märchenhaften und heilsthematischen Aspekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997

26 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Die Posse im Wiener Volkstheater
1.2 Versteckte Anmerkung des Autors

2 Märchenhafte Züge im Talisman
2.1 Salome als Märchenfigur
2.2 Titus als Märchenfigur
2.3 Das Märchenschema des Volksmärchens im Talisman

3 Die Heilsthematik im Talisman
3.1 Titus der Retter
3.2 Spund als Vaterfigur
3.3 Salomes Rolle

4 Widersprüche in den Interpretationen
4.1 Märcheninterpretation
4.2 Heilsthematik

5 Schlußbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Um die Schwierigkeiten der Interpretation von Nestroys Stück „Der Talisman“ zu verstehen, muß man wissen, was für eine Art Theaterstück die Posse darstellt und in welchem Umfeld sie aufgeführt wurde.

Da Nestroy sein Leben lang gegen die Zensur der Restauration zu kämpfen hatte, mußte er Anspielungen und Anmerkungen so in Wortspiele verkleiden, daß nicht für jedermann das eigentlich Gemeinte auch sofort erkennbar war.

1.1 Die Posse im Wiener Volkstheater

Heute verstehen wir unter einer Posse im allgemeinen eine Form des komischen Dramas. Anfangs war der Name Posse lediglich die Bezeichnung für die komische Figur eines Stückes. Erst viel später wurde der Begriff auf den komischen Vorfall ausgeweitet. Zuerst waren Possen nur nachgespielte englische, französische oder niederländische Stücke.[1]

Am Ende des 17. Jahrhunderts entstehen die Stegreifstücke, auch Burlesken genannt. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Bezeichnung zu einem Synonym für Possen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzt sich zwar der fixierte Text durch, ihr Improvisationscharakter verschwindet aber nie ganz. Die Posse wird zu einer Komödie, die durch anspruchslose, derbe und primitive Komik zum Lachen anregt. Durch starke Übertreibungen überschreitet sie oft die Grenze zur Wahrscheinlichkeit.

Im Mittelpunkt steht die komische Figur als Träger des Humors bzw. Verkörperung der zu verspottenden Narrheit. Sie ist oft an den Aufführungsort gebunden und wendet sich direkt an den Zuschauer. Fast immer steht die Hauptfigur im Kontrast zur sehr einfachen Handlung. Das gesprochenen und gestaltete Wort tritt in den Hintergrund. Am wichtigsten ist die Improvisationskunst der Schauspieler, die sich vom Text freimachen müssen. Ein zusätzlicher Anreiz für das Publikum wird durch Untertitel wie z.B. „Mit Gesang und Tanz“ geschaffen. Die Handlungsvorgänge werden oft durch musikalische Einlagen unterbrochen.

Eine eigene Entwicklung erfährt die Posse in Wien. Dort wird sie erstmalig zum abendfüllenden Stück. Nestroy führt mit dem Talisman, ebenfalls wie Raimund mit seinen Zauberpossen, die Tradition der Altwiener Volkskomödie fort. Ihr geht eine hundertfünfzigjährige Entwicklung voraus. Seit 1712 Stranitzky das Komödienhaus am Kärntnertor übernahm, war er als „Hanswurst“ berühmt. Sein Nachfolger wurde Gottfried Prehauser. So folgten Stranitzkys „Hanswurst“ Laroche als „Kasperle“, Hasenhut als „Thaddädl“ und Schuster als „Staberl“. Der Wiener Volkskomödie drohte durch Gottscheds Verbannung des „Hanswurst“ das Aus. Gemeinsam kämpften alle damaligen Theaterbesitzer gegen die Kritik aus Leipzig und vor allem dagegen, daß sich sein Sieg über das volkstümliche Theater dort, bis nach Österreich ausbreiten konnte. Leider wurden diese Reformen von Maria Theresia unterstützt und so wurde, nach dem Tod Prehausers, das Kärntnertortheater zur Hofoper umfunktioniert. Johann Laroche, der Erfinder des „Kasperle“, mußte sogar für einige Jahre untertauchen, bis durch Kaiser Josef II. die Gründung eines Theaters für jedermann möglich wurde. Auf diese Weise konnte die Tradition der Volkskomödie in Wien bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fortbestehen.

1.2 Versteckte Anmerkung des Autors

Um seinem Publikum mitzuteilen, wie es sein Stück verstehen soll, bedient sich Nestroy ungewöhnlicher Methoden. Er benützt gerne ungewöhnliche Wortfelder, um dem Publikum Einzelheiten zu beschreiben. Das soll an folgendem Beispiel gezeigt werden.

So ist Titus, bei seiner ersten Begegnung mit Salome, weniger von ihr, als von dem großen Laib Brot beeindruckt, den sie bei sich trägt. Titus sieht in erster Linie nicht die rothaarige Frau, sondern nur jemanden, der ihn mit Nahrung versorgen kann. Trotzdem begrüßt er sie mit der Anrede „Grüß dich Gott, wahlverwandtes Wesen!“[2]. Mit dieser Anrede erhofft er ihre Aufmerksamkeit und damit ein Stück Brot. Salome versteht seine Absicht nicht sofort, was auf seine hochtrabende Redeweise zurückzuführen sein könnte. „Wenn ich einen Versorgungsmantel hätt’, der mich vor dem Sturm der Nahrungssorgen schützet (...)”[3] Sie denkt in erster Linie daran, ihm Arbeit beim Bäcker zu beschaffen. Titus muß zudringlicher werden, um ein Stückchen Brot zu bekommen.[4] So bezeichnet Titus das Brot als ,verfaßt’. Damit wird das Brot gleichgesetzt, mit dem literarischen Werk. Stroszeck bezeichnet das als Wink des Autors, der sich an sein Publikum wendet:

„Mögen die sprachlichen Effekte, die dieses Werk macht, zunächst auch munden wie die ersten Bissen dem ausgehungerten Titus, so wird doch entsprechendes konsumieren nicht ganz den Künsten eines Verfassers gerecht, der hier preisgibt, es auf tiefere Linien angelegt zu haben und beharrlicheres Unterscheiden und ‘Durchschmecken’, als es sie theatralische Situation selbst wohl je gestattet.“[5]

Im weiteren Verlauf des Stückes geht Titus noch weiter, mit dem Ausspruch „Um ein Werk zu beurteilen, muß man tiefer eindringen.“[6] Er meint damit, als Sprachrohr des Autors, daß man erst das ganze Stück gesehen haben muß, um den Verfasser zu loben und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.

2 Märchenhafte Züge im Talisman

Bei der genaueren Betrachtung erkennt man, daß der Talisman mehr ist, als nur ein netter Zeitvertreib, über den man lächeln kann und ihn dann schnell wieder vergißt. Dringt man in die Tiefe ein, entdeckt man schnell, daß noch mehr hinter dieser einfach aufgebauten Fassade steckt. Unter anderem lassen sich im Talisman märchenhafte Züge entdecken.

2.1 Salome als Märchenfigur

Betrachtet man Salome Pockerl, die Gänsehüterin, die von allen Weggestoßene, findet man schnell ihre Entsprechung in der Märchenwelt, nämlich die Gänsemagd. Im Volksmärchen begegnet sie uns als sozial Benachteiligte und von der Gesellschaft Verachtetet. Für sie bleibt nur noch eine niedere, gemeine und erniedrigende Beschäftigung. Bei Nestroy ist Salome die Überzählige, denn nicht einmal der häßlichste Bursche möchte mit ihr tanzen. Trost kann sie nur bei ihren Gänsen finden.

„(...) - da spotten wieder die Madeln über mich, lachen und schnattern. Ich geh zu meine Gäns’, die schnattern doch nicht aus Bosheit, wann s’ mich sehn, und wann ich ihnen ‘s Futter bring, schaun s’ mir auf d’ Händ’ und nit auf ‘n Kopf.“[7]

Hier wird schnell die Absicht Netsroys erkennbar, für das Publikum eine Figur zu schaffen, die ohne weiteres wiederzuerkennen ist.[8] Salome erinnert stark an die Grimmsche Gänsemagd z.B. im Märchen „Die Gänsemagd“, die mit keinem Menschen über ihr Leid sprechen kann, außer mit einem sprechenden Pferdekopf.

Neben der Tatsache, daß sie eine niedere Arbeit verrichtet, kommen noch die Vorurteile gegen ihre roten Haare hinzu. Für die Anderen ist sie die Häßliche, weil sie eben rote Haare trägt. Im Volksglauben der Zeit gab es viele Vorurteile gegen rote Haare.

„Christoph (mit Beziehung auf ihre Haare). Aber ‘s ist weg’n der Feuersg’fahr!

Hans (ebenso). ‘s der Wachter dort -

Christoph (wie oben). Und der hat ein’ starken Verdacht auf dich; du hast deine Gäns’ beim Stadl vorbei’trieben, der vorgestern ab’brennt ist.“[9]

Bei Nestroys Stück läßt sich die Außenseiterrolle nicht von den roten Haaren trennen, wobei das eine sogar das andere verstärkt. Vorurteile werden oft deutlich im Märchen herausgestellt. So trägt z.B. der „Däumling“ das Attribut seiner Außenseiterrolle mit sich herum, er ist nur daumengroß.

Andererseits ist die Heldin in den Märchen immer diejenige, die wegen eines sichtbaren äußeren Mangel, dafür über inneren Reichtum verfügt. Sie wird zur Auserwählten und so zur Einzigen, die durch ihre andere Sichtweise die Möglichkeit hat, aus ihrem Schattendasein hervorzutreten.[10] Die Hauptfigur ist immer ein alltäglicher Mensch, mit dem sich jeder leicht identifizieren kann, nicht wie in der Mythologie ein Halbgott. Meistens handelt es sich sogar um benachteiligte Menschen, die arm sind oder sonst zurückstehen müssen: die schlecht behandelte Stieftochter oder der arme Handwerksbursche.[11] Mit Salome verhält es sich ähnlich. Sie ist die Ausgestoßene, die niedere Arbeit verrichtet muß. Durch ihre Bekanntschaft mit Titus findet sie einen Gleichgesinnten, und hofft mit seiner Hilfe mehr erreichen zu können. Damit entspricht sie der Märchenprinzessin aus dem Volksmärchen, die durch den Prinzen erlöst wird.

Betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte kann man Salome noch mit einer weiteren Märchenfigur vergleichen. Wie Aschenputtel gewinnt sie am Ende die Zuneigung des Helden, der sie aus ihrer Außenseiterrolle erlösen wird. Zuvor muß sie aber einigen Prüfungen erdulden, da der Held zunächst andere Frauen vorzieht. Nestroy überzeichnet hier die Aschenputtelfigur insofern, als die anderen Frauen schon bald aufeinander eifersüchtig werden. Jede befürchtet, durch den Verlust von Titus, an eine gesellschaftlich höher gestellte Frau, einen persönlichen und materiellen Verlust. Die Gärtnerin Flora, sieht Titus als ihren neuen Gatten und den Retter ihres Betriebes. In dem Moment, als sie ihn an die Kammerfrau Constantia verliert, glaubt sie ihren Betrieb nicht mehr in Schuß halten zu können. Der Autor greift hier sehr stark die Gesellschaft seiner Zeit an, die von Scheinwerten und gesellschaftlichen Zwängen dominiert wird. Salome dagegen ist, wie die Heldin im Märchen, bereit zu verzichten und abzuwarten. Am Schluß gewinnt auch hier, wie im Märchen, die verzichtbereite, geduldige Heldin, die dem Helden nichts weiter, als sich selbst geben kann.[12]

[...]


[1] Vgl. Posse S. 220ff

[2] Talisman S. 11, Z. 26f

[3] Talisman S. 13, Z. 27f

[4] Vgl. Talisman S. 13, Z. 40 - S. 14, Z. 9

[5] Stroszeck S. 10f

[6] Talisman S. 14, Z.16f

[7] Talisman S. 6, Z. 14-19

[8] Vgl. Jansen S. 250f

[9] Talisman S. 5, Z. 11-16

[10] Vgl. Jansen S. 252

[11] Vgl. Poser S. 252

[12] Vgl. Jansen S. 253

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Nestroys "Der Talisman" unter märchenhaften und heilsthematischen Aspekten
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar: Biedermeier. Kultur und Literatur einer zwiegesichtigen Epoche
Note
1,5
Autor
Jahr
1997
Seiten
26
Katalognummer
V13734
ISBN (eBook)
9783638193047
ISBN (Buch)
9783638733298
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nestroys, Talisman, Aspekten, Hauptseminar, Biedermeier, Kultur, Literatur, Epoche
Arbeit zitieren
Christiane Debray (Autor), 1997, Nestroys "Der Talisman" unter märchenhaften und heilsthematischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13734

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