In dieser Arbeit sollen verschiedene Aspekte aus Brochs 1888. Pasenow oder die Romantik und aus Fontanes Irrungen, Wirrungen gegenübergestellt und verglichen werden, um Gemeinsamkeiten, doch vor allem etwaige Unterschiede festzuhalten. Dabei werden Vollhardt im Sinn habend die Figurenkonstellation, aber auch die Zeit, in der der Roman spielt, sowie einzelne spezielle Aspekte, wie die der Liebesbeziehungen betrachtet.
Kurze Zeit nach der Veröffentlichung seines Werkes Die Schlafwandler wurde Broch aus diversen Seiten vorgeworfen, dass seine Arbeit stark an 1888. Pasenow oder die Romantik von Fontane erinnern würde. Einer der Kritiker, und zwar Paul Fechter, schreibt 1931 diesbezüglich in der Deutschen Allgemeinen Zeitung, dass der Roman "in der Welt Fontanes spielt." Die Kritik über die Anlehnung an Fontane trifft insofern zu, dass die Beobachtung in der Tat teilweise gerechtfertigt und daher nicht gänzlich falsch ist, denn Pasenow erinnert wirklich an Fontane und ist auch wohl erkannt der einheitlichere Teil der Trilogie.
War es womöglich die Absicht Brochs den "gefälschte[n] Künstler" nachzuahmen, ja sogar zu übertreffen? Doch kann man hier von einem Unvermögen des Autors Eigenes zu erschaffen sprechen, der deshalb Andere imitieren muss, der aber auch gleichzeitig in einem seiner Briefe schrieb, dass er "tagelang an einem einzigen Satz oder an einem architektonischen Aufbau" arbeitet, da er davon überzeugt sei, "dass jeder Ausdrucksmangel, sei er auch nur ein stilistischer, auf eine Unreinheit des Gedankens zurückzuführen" sei?
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. BROCHS 1888. PASENOW ODER DIE ROMANTIK & FONTANES IRRUNGEN, WIRRUNGEN
2.1. ZEIT & FIGURENKONSTELLATION
2.2. LIEBESBEZIEHUNGEN
2.3. ORDNUNG
2.4. PERSPEKTIVENWECHSEL
3. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit vergleicht Hermann Brochs Roman "1888. Pasenow oder die Romantik" mit Theodor Fontanes "Irrungen, Wirrungen", um Ähnlichkeiten sowie Unterschiede in der Figurenkonstellation, der Darstellung von Liebesbeziehungen, der Ordnungssuche der Protagonisten und der erzähltechnischen Perspektivenwahl herauszuarbeiten. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, ob die stilistischen Anlehnungen Brochs an Fontane auf ein Unvermögen zur Eigenständigkeit hindeuten oder gezielte erzählerische Mittel zur Darstellung einer "wertentfremdeten" Welt sind.
- Vergleichende Analyse von Figurenhierarchien und sozialen Milieus
- Untersuchung der Liebeskonzeptionen und der Rolle gesellschaftlicher Konventionen
- Analyse der Sehnsucht nach Ordnung und Festigkeit bei Joachim von Pasenow
- Erarbeitung der erzähltechnischen Funktion des Perspektivenwechsels
- Gegenüberstellung des Scheiterns bzw. Gelingens der Ordnungssuche beider Autoren
Auszug aus dem Buch
2.4.Perspektivenwechsel
Über Konventionen und althergebrachte Sitten muss Herr v. Pasenow sich wie sein Sohn oder auch Botho keine Gedanken machen, da sie für ihn eine Selbstverständlichkeit darstellen, die über alle Zweifel erhaben sind. Den besagten Herrn von Pasenow lernt der Leser aus verschiedensten Blickwinkeln kennen, die unvermittelt aufeinander folgen:
Im Jahr 1888 war Herr v. Pasenow siebzig Jahre alt, und es gab Menschen, die ein merkwürdiges und unerklärliches Gefühl der Abneigung verspürten, wenn sie ihn über die Straßen Berlins daherkommen sahen [...]. Klein aber von richtigen Proportionen, kein hagerer Greis, aber auch kein Fettwanst: er war sehr richtig proportioniert [...]. [...]; sogar das Haupthaar, kaum gelichtet, wies bloß einige weiße Fäden auf; trotz seiner siebzig Jahre hatte es sich die Blondheit seiner Jugend erhalten, jenes rötliche Blond, das an faulendes Stroh erinnert und einem alten Manne, den man sich mit würdigerer Behaarung dächte, eigentlich nicht ansteht. Aber Herr v. Pasenow war an seine Haarfarbe gewöhnt, und auch das Einglas erschien ihm keineswegs zu jugendlich. [...] Mochte dies stimmen oder nicht, es war jedenfalls die Meinung seiner beiden Söhne, und es versteht sich, daß er diese Meinung nicht geteilt hätte.
Erhält man zu Anfang des ersten Satzes Einsicht in die Betrachtung einer einzelnen, neutralen Person, ändert sich das bereits im zweiten Teil und der einzelne Beobachter räumt seinen Platz für viele andere. Daraufhin wechselt der Beobachter wieder und des Herrn v. Pasenow äußere Erscheinung wird von einem hypothetischen Erzähler beschrieben und bewertet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung thematisiert die zeitgenössische Kritik, die Hermann Brochs Werk "Die Schlafwandler" eine zu starke Anlehnung an Theodor Fontane vorwarf, und formuliert die Zielsetzung, diese vermeintliche Imitation durch eine vergleichende Analyse zu untersuchen.
2. BROCHS 1888. PASENOW ODER DIE ROMANTIK & FONTANES IRRUNGEN, WIRRUNGEN: Das Hauptkapitel vergleicht detailliert die Figurenkonstellationen, Liebesdarstellungen, das Streben nach einer festen Ordnung sowie die erzählerischen Perspektivverfahren in beiden Romanen.
2.1. ZEIT & FIGURENKONSTELLATION: Es wird die gesellschaftliche Einordnung der Protagonisten im 19. Jahrhundert sowie die Parallelen in den sozialen Strukturen und den problematischen Liebesverhältnissen zwischen Adel und Bürgertum dargestellt.
2.2. LIEBESBEZIEHUNGEN: Dieses Unterkapitel analysiert, dass die Liebesbeziehungen bei Fontane, trotz gesellschaftlicher Schranken, auf echten Gefühlen basieren, während sie bei Broch, insbesondere in Joachims Ehe, als bloße Konvention ohne emotionale Erfüllung scheitern.
2.3. ORDNUNG: Es wird untersucht, wie Joachim von Pasenow verzweifelt nach einer festen "Ordnung" sucht, diese jedoch aufgrund seiner persönlichen Unsicherheit und der als "brüchig" wahrgenommenen Welt nicht erreichen kann.
2.4. PERSPEKTIVENWECHSEL: Die Analyse zeigt, dass der exzessive Perspektivenwechsel bei Broch dazu dient, eine "wertentfremdete" Welt darzustellen, während Fontane dieses Mittel moderater zur Charakterisierung seiner Figuren einsetzt.
3. SCHLUSS: Im Fazit wird festgehalten, dass Joachim von Pasenow als "Schlafwandler" letztlich an seiner Suche nach einer erlösenden Ordnung scheitert, da er im Gegensatz zu Fontanes Figuren in einer trügerischen Scheinwelt gefangen bleibt.
Schlüsselwörter
Hermann Broch, Theodor Fontane, 1888. Pasenow oder die Romantik, Irrungen Wirrungen, Vergleich, Figurenkonstellation, Liebesbeziehungen, Ordnung, Konventionen, Perspektivenwechsel, Schlafwandler, Gesellschaftsroman, literaturwissenschaftliche Analyse, Erlösung, Individualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einem komparatistischen Vergleich zwischen Hermann Brochs Roman "1888. Pasenow oder die Romantik" und Theodor Fontanes "Irrungen, Wirrungen", wobei insbesondere die Erzählstrukturen und gesellschaftlichen Kontexte untersucht werden.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Die Untersuchung fokussiert sich auf die Themen der Figurenkonstellation, die Art der Liebesbeziehungen, das Bedürfnis nach einer festen gesellschaftlichen Ordnung sowie die erzähltechnischen Aspekte des Perspektivenwechsels.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage geht der Vermutung nach, ob Brochs Anlehnung an Fontanes Stil auf ein mangelndes eigenes Vermögen zurückzuführen ist oder ob es sich um eine bewusste Strategie handelt, um die Zerbrechlichkeit der modernen Welt darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine literaturwissenschaftliche, vergleichende Methode, die den Text durch Sekundärquellen (wie u.a. Vollhardt, Brinkmann, Martens) stützt, um Gemeinsamkeiten und signifikante Unterschiede in der Darstellung von Wirklichkeit und Ordnung aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die oben genannten Themenbereiche unter verschiedenen Unterpunkten detailliert gegenübergestellt, wobei vor allem der Gegensatz zwischen einer "funktionierenden" Welt bei Fontane und einer "brüchigen", unsicheren Welt bei Broch herausgearbeitet wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Ordnung, Konvention, Perspektivenwechsel, Schlafwandler, Gesellschaftsroman, Individuum sowie der Vergleich der beiden Autoren Broch und Fontane.
Warum betreibt Broch laut der Arbeit den exzessiven Perspektivenwechsel?
Dieser dient demnach nicht einer genaueren Charakterisierung, sondern fungiert als Sinnbild für eine Welt, die keinen zentralen, ordnenden Wert mehr besitzt und in unzählige, subjektive Teilwahrheiten zerfallen ist.
Wie unterscheidet sich das Scheitern Joachims von der Resignation Bothos?
Während Botho sich bewusst den gesellschaftlichen Normen fügt und in seiner Resignation eine Art Glück findet, bleibt Joachim ein "Schlafwandler", dessen Suche nach Erlösung durch Konventionen letztlich als trügerisch und erfolglos entlarvt wird.
- Arbeit zitieren
- Osman Taskiran (Autor:in), 2018, Brochs Schlafwandler. Ein Vergleich von "Pasenow. 1888 oder die Romantik und Irrungen, Wirrungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1373495