Das romantische Kunstmärchen

Am Beispiel von E.T.A. Hoffmann


Seminararbeit, 1995

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Romantik
1.1 Das Volksmärchen
1.2 Die Bedeutung des Märchens für die Romantik
1.3 Das romantische Kunstmärchen

2. E.T.A. Hoffmann
2.1 Das Kunstmärchen bei Hoffmann
2.2 Das Kunstmärchen Hoffmanns am Beispiel des "Goldenen Topfes"

3. E.T.A. Hoffmann "Das Majorat"
3.1 Elemente des Kunstmärchens im "Majorat"
3.2 Kunstmärchen oder Kriminalnovelle?

4. Ausblick: Vergleich Majorat - Goldener Topf

Literaturverzeichnis

1 . Die Romantik

Die Frühromantik wird eingeleitet durch ein einschneidendes Ereignis, die Französische Revolution 1789. Mit ihr endet die Aufklärung. Es entsteht die geistesgeschichtliche Revolution der Romantik. In der Aufklärung stand die Vernunft an erster Stelle, jetzt wird der Phantasie und den Gefühlen zu neuem Leben verholfen, indem das Unterbewusste im Menschen geweckt wird.[1]

Der Dichter ist frei, es gibt keine Instanz über ihm. Er kann seiner Phantasie freien Lauf lassen. Als Ziel wird die Einheit von Geist und Natur erstrebt, die aber immer Wunschvorstellung bleibt. Alle bisherigen dichterischen Formen werden aufgelöst, dadurch entstehen unendlich viele Literaturformen.

Ein beliebtes Mittel der Romantik ist die Phantastik, mit unerklärlichen, übernatürlichen Er­eignissen und Gestalten, wie sie in Märchen vorkommen. Die Aufklärer sehen das Wunderbare im Widerspruch zur Vernunft und deshalb sind für sie die Märchen nur Aberglaube. In der Romantik, als Reaktion auf die Aufklärung, kommt es deshalb zu einer Rückbesinnung auf die Märchen. Die menschliche Phantasie und der schon immer vorhandene Glaube an Wunder sollen dadurch wieder gestärkt werden. Deshalb wird das Märchen für die Romantiker zur wichtigen Literaturform.

1.1 Das Volksmärchen

Das Volksmärchen muss als die Wurzel aller Märchenformen angesehen werden. Es ist eine Prosaerzählung, die der Unterhaltung dient und nicht an Geschichte, Epik, Ort oder Zeit gebun­den ist. Für sie ist das Wunder selbstverständlich.

Allen Märchen liegt ein einfaches Schema zugrunde. Bei der Handlung geht es immer um Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen. Es werden Aufgaben gestellt, die gelöst werden. Dann findet ein Kampf statt, der mit dem Sieg des Helden endet. Am Schluss wendet sich das Märchen immer zum Guten.

Seine Handlung besteht aus unerklärlichen Begebenheiten. übernatürliche Gewalten greifen in das Alltagsgeschehen ein. Es gibt viele unnatürliche Erscheinungen, die erst durch das Märchen selbst wieder schlüssig werden.

Der Held ist der Hauptträger der Handlung. Er ist ein Mensch und der diesseitigen Welt zugehörig. Neben ihm gibt es noch andere Figuren, die aber alle auf ihn bezogen sind. Es sind Helfer, Gegner oder von ihm gerettete Personen. Die Helfer und Gegner stammen häufig aus der übernatürlichen Welt. Um die ihm gestellten Aufgaben zu bewältigen, braucht der Held Dinge, die ihm helfen. Das sind z.B. Lebenswasser, ein fliegender Teppich, u.s.w.. Die Helden tragen keine Alltagsnamen, sondern sie stehen für eine, für sie charakteristische Eigenschaft z.B.: Pechmarie, Schneewittchen, Rotkäppchen.[2]

Die Hauptfigur muss, um etwas Besonderes zu erleben, ihr gewohntes Umfeld verlassen und alle bekannten Dinge und Menschen zurücklassen. Das Wunderbare erfährt sie nur alleine und fern von der Heimat. Der Held ist nie von Anfang an auf Wanderschaft, für ihn gibt es immer einen guten oder wichtigen Grund warum er seine Heimat verlässt, z.B. eine Notlage oder der Mangel an wichtigen Dingen. Von Anfang an wird die Distanz zum Hier und Heute durch die, immer wiederkehrenden Formeln "Es war einmal", "Es lebten einmal", u.s.w. deutlich gemacht.

Das Volksmärchen besitzt viel Handlung, dafür werden Figuren und das weitere Zubehör sehr knapp behandelt. Es spielt in einer unendlichen Zeit in einem unendlichen Raum. Ländernamen sind unbekannt, Zeitangaben gibt es nicht oder sie sind sehr unbestimmt. Der Held geht bis ans "Ende der Welt" oder hinter die "Sieben Berge". Die geographisch genaue Lage wird nie be­kanntgegeben.

Stilistisch ist das Märchen sehr einfach gehalten. Seine Handlung hat nur einen Strang, was ihm Klarheit und Bestimmtheit gibt. Andererseits erzeugt es damit ein weltfremdes Weltbild im Schwarz - Weiß Denken. Die Figuren treten immer einzeln auf. Jede Episode steht für sich alleine und entwickelt sich aus sich selber. Der Schluss bringt nicht die erwartete Steigerung der Handlung, sondern eine Wende. Erfolge gehen Misserfolge voraus. Erst ganz am Schluss ist der Held wirklich am Ziel. Das Märchen besitzt eine einheitliche Form. Sein liebstes Stilmittel ist die Wiederholung. Verse und wörtlich wiederholte direkte Rede tragen zum besseren Verständnis bei. Die einfachste Erklärung für den abstrakten, formelhaften Aufbau ist die mündliche Überlieferung. Es musste von jedermann verstanden und weitererzählt werden können.[3]

1.2 Die Bedeutung des Märchens für die Romantik

Für die Romantiker Ist das Märchen "(...) nicht mehr Zeitvertreib des Pöbels, 'Am­mengeschwätz', wie für die Aufklärer, sondern Ausdruck des Geistes, der Seele des Volkes."[4]

Die Volksdichtung[5] spielt für die Romantiker eine große Rolle, denn nach Ansicht Achim von Arnim kann diese ohne weiteres, durch Umformung zu eigenen Werken gemacht werden. Die Romantiker wollen die alten überlieferten Märchen den Menschen wieder nahebringen. Das erreichen sie teilweise durch schriftliche Fixierung der nur mündlich bekannten Stücke, teilweise durch neue Werke, die durch Umformung der alten entstehen.

Das Wunderbare steht für die Romantiker immer über der Wirklichkeit, es ist die höhere Wahr­heit. Diese kann aber nur der Dichter erkennen und es bleibt seine Aufgabe sie den anderen Menschen nahezubringen. Das versucht er durch das Märchen, denn hier gibt es keine Gesetze der Wirklichkeit und so wird das Märchen, für den Romantiker, zur wirklichsten Form der Poesie.[6]

1.3 Das romantische Kunstmärchen

Das romantische Kunstmärchen ist eine Neuschöpfung. Es geht aus den alten Volksdichtungen hervor, deren Motive von den Romantikern teilweise übernommen, in einen anderen Zusam­menhang gebracht oder sogar total umgekehrt werden. Insofern kann es als eine Deutung des Märchens verstanden werden. Das Kunstmärchen ist der Sage näher verwandt, als dem altbe­kannten Märchen. Sage, und Kunstmärchen spielen in der Realität und in der Unwirklichkeit. So wird eine Verbindung zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit hergestellt. Eine weitere Gemein­samkeit mit der Sage ist die Psychologisierung. Der Held kann nach eigenem Gewissen handeln und zeigt Einsicht oder Zweifel.

Es gibt viele verschiedene Arten von Kunstmärchen. Jeder Autor sieht das Volksmärchen aus einer anderen Sicht. Das erkennt man deutlich in der verschiedenartigen Verarbeitung der Motive im Kunstmärchen.

Auch der romantische Märchenheld begibt sich auf Wanderschaft und verläßt alles Bekannte und Vertraute. Er wird von einer inneren Sehnsucht und Unruhe getrieben und für ihn gibt es keinen wirklichen, greifbaren Grund seine Heimat zu verlassen, wie bei den Volksmärchen. Das Kunstmärchen entwickelt einen eigenen Charakter der Helden. Sie denken und zeigen Gefühle. Im Gegensatz dazu steht im Volksmärchen die Handlung im Vordergrund und man erfährt nichts über das Innere der Helden. Die Charaktere sind im Volksmärchen einheitlich. Gut und Böse werden genau voneinander abgegrenzt und man weiß immer, wer auf der guten und wer auf der bösen Seite steht.

Die Märchennovellen der Spätromantik sind viel phantastischer und farbiger als die Volksmär­chen. Sie besitzen oft zwei Handlungsstränge die sich teilen und erst am Schluß wieder zusammenfinden. Die Handlung ist meist kompliziert und ein Handlungsstrang greift in den anderen über. Dadurch wird dem Leser die Phantasie des Autors in einer farbigen Wunderwelt offenbart. Das Volksmärchen arbeitet nicht mit solchen Mitteln. Es ist sehr viel einfacher im Aufbau und bleibt immer übersichtlich. Auch die Sprache ist einfach und sehr kindlich.[7]

[...]


[1] vgl. Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, 7. verbesserte und erweiterte Auflage, Stuttgart 1989, Seite 793 ff.

[2] vgl. Lüthi, Max: Die Erschließung des Idealtyps, in: Märchen (Themen - Texte- Interpretationen, Band 1), Bamberg 1981. Seite 43 ff.

[3] vgl. Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur, 7. verbesserte und erweiterte Auflage, Suttgart 1989. Seite 547.

[4] vgl. Moser, Hugo: Sage und Märchen in der deutschen Romantik, in: Die deutsche Romantik, hrsg. von Hans Steffen, Göttingen 1970. Seite 254. (künftig: Moser: Märchen)

[5] Die Romantiker zählten zur Volksdichtung nicht nur alte überlieferte Märchen und Sagen, sondern auch den mittelalterlichen Minnesang und das Nibelungenlied. (vgl. auch Moser: Märchen. Seite 255.)

[6] vgl. Lobeck, Helmut: Artikel: "Kunstmärchen", in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Erster Band, Berlin 1958. Seite 910.

[7] vgl. Jehle, Mimi Ida: Das deutsche Kunstmärchen von der Romantik zum Naturalismus, University of Illinois 1935. Seite 21 ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das romantische Kunstmärchen
Untertitel
Am Beispiel von E.T.A. Hoffmann
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Lehrstuhl für NDL)
Veranstaltung
Proseminar: Erzählte Verbrechen in Werken des 19. Jahrhunderts
Note
1,3
Autor
Jahr
1995
Seiten
21
Katalognummer
V13736
ISBN (eBook)
9783638193061
ISBN (Buch)
9783638758055
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstmärchen, Beispiel, Hoffmann, Proseminar, Erzählte, Verbrechen, Werken, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Christiane Debray (Autor), 1995, Das romantische Kunstmärchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13736

Kommentare

  • Gast am 18.11.2005

    Nur Grundlagen.

    Die Arbeit eignet sich noch als Einführung für einen Grundkurs, da sie gewisse Aspekte des Themas benennt, aber nicht weiter eigenständig analysiert. Abgesehen vom "Tismar" wird hauptsächlich mit Lexikonartikeln gearbeitet, wodurch die Arbeit auf der Übersichtsebene verbleibt. Wer sich schon ansatzweise mit der Thematik befaßt hat, wird hier nichts Neues erfahren.

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