Die im Ausblick des Bologna Filmfestivals zusammengesteckten Begriffe der „Suffragette“ und der „Komikerin“ im Kontext der zeitlichen Periode von 1910 – 1915 scheinen im ersten Moment keine Einheit zu ergeben. Stand doch die Suffragette für den Kampf um das Frauenwahlrecht, während sich die weibliche Komikerin – im heutigen Gedächtnis eher unbekannt – wohl einen Spaß aus der Gesellschaft machte.
Auf meine Frage nach dieser Auswahl, entgegnete die Kuratorin Mariann Lewinsky, dass es natürlich ein zeitlicher Aspekt gewesen sei, der eine thematische Zusammenfassung der politisch-engagierten Frauen und der auf den ersten Blick unpolitischen Komikerinnen nahelegte. Ein weiteres Argument von ihr betraf die Verknüpfung der beiden Gruppen durch den Aufgriff der frauenrechtlichen Themen in den Komödien. Diese Hausarbeit wird sich vor allem mit der Untersuchung dieser Parallelen beschäftigen.
Hierzu werden die verschiedenen, in Bologna vorgeführten Kurzfilme, bei denen es sich teilweise um Originalaufnahmen und andernteils um inszenierte Komödien handelte, als Ausgangspunkt dienen. Grundsätzlich handelt es sich bei all diesem filmischen Material um Kurzfilme, deren Längen zwischen 35 Sekunden und 15 Minuten lagen. Gleichwohl existierte zu damaliger Zeit keine Tonaufnahme, weshalb die Filme in Bologna mit musikalischer Live-Begleitung vom Klavier dargeboten wurden. Leider ergab sich nicht die Möglichkeit Bildmaterial der gezeigten Filme zu erhalten, so dass ich mich auf anschauliche Beschreibungen einzelner Szenen stützen muss. Aufgrund ihrer diese Arbeit übersteigenden Fülle – an fünf Tagen wurde jeweils ein Block von ca. einer Stunde Länge präsentiert – sind hier die Filme gewählt, die am eindrucksreichsten in Erinnerung blieben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Suffragetten
2.1. Politischer Hintergrund
2.2. Dokumentaraufnahmen
3. Der Komische Kurzfilm um 1910 in Europa
4. Weibliche Komödien in Bologna 2008
4.1. „Brillanti, cattive, britanniche“
4.2. „Francia – Rosalie, Léontine e le altre…“
4.3. „Italia: Passo a due…tre…troppi“
5. Figurenbetrachtung
5.1. Körper und Kleidung
5.2. Gestik, Mimik, Taten
6. Film vs. Realität: Identifikation mit der Protagonistin
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die filmische Darstellung von Suffragetten und Komikerinnen in den 1910er Jahren, um Parallelen in ihrer Repräsentation und ihrem gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen. Dabei wird analysiert, wie komische Kurzfilme durch satirische Überzeichnungen oder die Darstellung unkonventioneller Frauenfiguren ähnliche gesellschaftliche Befreiungsprozesse thematisierten wie die reale Suffragettenbewegung.
- Historischer Kontext der Suffragettenbewegung (1903–1914)
- Die Entwicklung des komischen Kurzfilms in Europa um 1910
- Analyse weiblicher Rollenbilder und Körperkomik im Stummfilm
- Identifikationspotenziale für das damalige Kinopublikum
Auszug aus dem Buch
4.1. „Brillanti, cattive, britanniche“
Der oben angegebene britische Film, welcher im Kontext des Suffragetten-Blocks gezeigt wurde, hieß „Milling the militants: A comic absurdity“. Entgegen der meisten anderen Kurzfilme ist hier der Regisseur bekannt. „Milling the militants“ wurde 1918 unter Regie von Percy Stow abgedreht. Auffällig an dieser Humoreske ist die Verwendung des – in den 1910er Jahren oft für die parteiunabhängigen Suffragetten gebrauchten – Begriffs der „militants“. Dieser spricht die oben bereits bemerkte radikale Gewaltbereitschaft der britischen Frauenrechtlerinnen an. Im Kurzfilm ging es um ein Ehepaar, dessen Beziehung einer relativ neuen Rollenverteilung folgt. Sie verlässt das Haus um zu einer Suffragetten-Versammlung zu gehen, während er auf die Kinder Acht geben muss. Die eingeschobene Traumsequenz zeigte anschließend den Ehemann durch die Straßen flanierend und wahllos Feministinnen festnehmend. Weil Mariann Lewinsky eingangs großen Wert auf die Nennung des Frauenunterdrückers Herbert Asquiths legte, kann in der Person des Ehemanns eine Parallele zu jenem gezogen werden. Nachdem dessen Traum, den man anfänglich nicht als solchen wahrnimmt, geendet hat, steht er wieder dem Chaos des Haushalts gegenüber. Seine Überforderung und Verzweiflung lässt den Zuschauer lachen und eine Parodie über die Männerrolle, bzw. sogar Herbert Asquith entstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die thematische Verknüpfung von Suffragetten und weiblichen Filmkomikerinnen der 1910er Jahre und steckt den methodischen Rahmen der Untersuchung ab.
2. Suffragetten: Dieses Kapitel behandelt den politischen Hintergrund und die historische Entwicklung der Suffragettenbewegung sowie die Bedeutung zeitgenössischer Dokumentaraufnahmen.
3. Der Komische Kurzfilm um 1910 in Europa: Hier wird die Entwicklung der europäischen Filmkomödie um 1910 dargelegt, wobei insbesondere die clownesken Wurzeln und die Rolle der „Groteske“ betrachtet werden.
4. Weibliche Komödien in Bologna 2008: Dieses Kapitel stellt spezifische Kurzfilme und Komödien aus Großbritannien, Frankreich und Italien vor, die während des Filmfestivals präsentiert wurden.
5. Figurenbetrachtung: Hier werden die stereotypen weiblichen Figuren hinsichtlich ihrer Körperlichkeit, Kleidung sowie ihrer Mimik und Gestik analysiert.
6. Film vs. Realität: Identifikation mit der Protagonistin: Dieses Kapitel erörtert, inwieweit das zeitgenössische Publikum eine Verbindung zu den Filmfiguren aufbauen konnte und welche Funktionen die Komik dabei erfüllte.
7. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Verbindung zwischen dem fiktiven Widerstand der Filmkomikerinnen und der realen politischen Aktivität der Suffragetten.
Schlüsselwörter
Suffragetten, Komikerinnen, Stummfilm, 1910er Jahre, Bologna Filmfestival, Körperkomik, Groteske, Emanzipation, Rollenbilder, Identifikation, Filmgeschichte, Satire, Gender-Kodierung, Kino, Frauenbewegung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Zusammenhänge zwischen realen Suffragetten und fiktiven Komikerinnen im europäischen Film der 1910er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die politische Frauenemanzipation, die Entwicklung komischer Kurzfilme sowie die Analyse von Geschlechterrollen und Körperinszenierungen im frühen Kino.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Parallelen zwischen den dokumentarisch aufgezeichneten Suffragetten-Demonstrationen und den komischen Kurzfilmen herauszuarbeiten, um deren gemeinsame Funktion der gesellschaftlichen Kritik aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine filmwissenschaftliche Analyse, die durch soziologische Studien (z.B. Emilie Altenloh) und lachtheoretische Ansätze (z.B. Henri Bergson) ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung länderspezifischer Komödien (Frankreich, Italien, Großbritannien), eine systematische Figurenanalyse und die Erörterung von Identifikationsmechanismen beim damaligen Publikum.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Suffragetten, Filmkomik, Emanzipation, 1910er Jahre und Gender-Kodierung.
Wie unterscheidet sich die Rolle von „Gigetta“ von anderen Filmfiguren?
Im Gegensatz zu den anderen, eher chaotischen oder kindlichen Filmkomikerinnen wirkt Gigetta emanzipierter, ist sozial besser situiert und verfolgt zielgerichtete Handlungen in männerdominierten Berufen.
Warum spielt das Lachen eine zentrale Rolle im Film?
Das Lachen fungiert als tragendes Element des Humors und dient gleichzeitig als Bindeglied zwischen der Filmhandlung und dem Kinopublikum.
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- Marlen Richter (Author), 2008, Zur Verbindung zwischen Suffragetten und Kurzfilmkomikerinnen der 1910er Jahre in Anlehnung an das Programm des „Cinema Ritrovato“ in Bologna 2008 , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137683