Tabus bestimmen den Lebensalltag in der Gesellschaft. Sie regulieren soziale Prozesse, manifestieren Normen, Normativitäten und universelle Rechte und Gesetze. Sie verhindern individuelle oder kollektive Übertretungen von moralischen Geboten und ethischen Bedenken. Sie verhindern in diesem Sinne die Anomie und führen zu Stabilität und Sicherheit in einer Gemeinschaft.
Es steht fest, dass manifestierte Tabus traditionell von Generation zu Generation weitergetragen werden, interessanterweise auch dann, wenn gar das Sprechen über das jeweilige Tabu selbst ein Tabu ist, wobei unter dem Stichwort „Grenzen setzen“ Tabus in weitesten Sinn Themen in der Sozialpädagogik, wie in der Erziehungswissenschaft sind. Fraglich bleibt in den jeweiligen pädagogischen Tabudiskursen, ob man mit Kindern und Jugendlichen über Tabus, z.B. über Inzest, Sex mit Tieren oder über brutale, blutige Gewalt reden sollte, sie über Tabus und über die Gefahren von Tabulosigkeiten aufzuklären hat? Insofern man das tut, steht die Frage im Raum, ob die jeweilige Aufklärung nicht schon ein Tabubruch ist, inwiefern man durch jene Aufklärung, die ggf. gar zu einer „Belehrung“ von „oben herab“ verkommen kann, Kinder und Jugendliche dazu bewegt, Erfahrungen mit Tabus machen zu wollen, was im Endeffekt kontraproduktiv wäre. So ist es z.B. häufig zu beobachten, dass, insofern man Kinder und Jugendliche vor Horrorvideos warnt, diese dann gezielt zu diesen greifen, weil sie den Horror und damit die Tabus selbst erfahren wollen.
Von Soziologen, wie z.B. Niklas Luhmann, wird behauptet, Erziehung sei sinnlos, da Kinder sich selbst aufgrund von Erfahrungen in sozialen Systemen lernen:
„Elementares Lernen vollzieht sich unabsichtlich-beiläufig aufgrund von Erfahrungen (…)“
Welche Erfahrungen machen Kinder und Jugendliche im 21. Jhd.? Fakt ist, dass wir in einer „Mediengesellschaft“ leben, d.h. alte und neue Medien beeinflussen das Leben von Kindern und Jugendlichen. War es für das Kind und für den Jugendlichen früher schwierig, an Horror- oder Sexvideos heranzukommen, da Videotheken Bereiche für Kinder und Jugendliche verschlossen hielten, ist es heute eine Leichtigkeit für Kinder und Jugendliche auf Internetportalen tabulose Inhalte herunterzuladen oder direkt anzusehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2.1. Was ist ein Tabu? – Tabus im weitläufigen Sinn
2.2. Was ist ein Tabu? – Tabus im engeren Sinn
3. Was gibt es da zu verstehen? – Sachanalytische Zugänge: Tabus und Tabubrüche in den neuen Medien im Vergleich zu den alten Medien
4. Bedingungsanalytische Vorüberlegungen für den Unterricht
5. Konsequenzen: Sollen Tabus und Tabubrüche im Unterricht behandelt werden, oder nicht?
6. Didaktische Reflexionen - Was kann Schule leisten, insofern Tabus und Tabubrüche in den neuen Medien thematisiert werden?
7. Methodische Überlegungen
8. Analyse einer Lehreinheit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Relevanz und die pädagogischen Möglichkeiten der Thematisierung von Tabus und Tabubrüchen in den neuen Medien innerhalb des Deutschunterrichts, wobei sie die Spannung zwischen Schutzbedürfnis und notwendiger Medienkompetenz analysiert.
- Verständnis von Tabus und deren gesellschaftliche Funktion
- Vergleich von Tabubrüchen in alten versus neuen Medien
- Die Medialisierungs- versus Individualisierungsthese in der Medienpädagogik
- Methodische Ansätze zur kritischen Medienreflexion im Unterricht
Auszug aus dem Buch
4. Bedingungsanalytische Vorüberlegungen für den Unterricht
In der Debatte, ob Tabubrüche im Internet zum Gegenstand des Unterrichts werden sollten oder nicht, ist zunächst die Frage zu stellen, inwiefern Tabubrüche in den Medien auf Kinder und Jugendliche wirken. Dazu ist es notwendig, zu hinterfragen, inwiefern Medien generell auf Menschen, im Speziellen auf Kinder und Jugendliche, wirken. In der Wirkungsforschung haben sich zwei grundlegende Denkschulen etabliert; Die „Medialisierung“ im Gegensatz zur „Individualisierung.“
Die Medialisierungsthese besagt: Die Medien haben den Menschen im Griff. Medien stimulieren Konsumenten, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Vor allem regen Medien Konsumenten an, Inhalte, z.B. Tabubrüche, in der Realität zu reproduzieren. Medien sind in dem Sinn Vorbilder und Modelle, was uns an Banduras Lerntheorie erinnert. Kinder, Jugendliche und Erwachsene imitieren Tabubrüche In dem Sinne verführen Medien. In dem Sinne manipulieren Medien. Medienkonsum ist daher als passiver Prozess zu verstehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in die Bedeutung von Tabus für die Gesellschaft und die Problematik des Medienkonsums bei Kindern und Jugendlichen.
2.1. Was ist ein Tabu? – Tabus im weitläufigen Sinn: Theoretische Herleitung des Tabubegriffs als Meidungsgebot und soziale Konvention.
2.2. Was ist ein Tabu? – Tabus im engeren Sinn: Differenzierung verschiedener Tabutypen wie religiöse, Eigentums- oder Sexualtabus.
3. Was gibt es da zu verstehen? – Sachanalytische Zugänge: Tabus und Tabubrüche in den neuen Medien im Vergleich zu den alten Medien: Analyse der Veränderung von Tabudurchbrechungen vom literarischen Kontext hin zum unreflektierten, voyeuristischen Konsum in digitalen Medien.
4. Bedingungsanalytische Vorüberlegungen für den Unterricht: Gegenüberstellung der theoretischen Ansätze der Medialisierung und Individualisierung hinsichtlich der Wirkung auf Jugendliche.
5. Konsequenzen: Sollen Tabus und Tabubrüche im Unterricht behandelt werden, oder nicht?: Abwägung der Argumente für und gegen die Thematisierung von Tabus im schulischen Kontext.
6. Didaktische Reflexionen - Was kann Schule leisten, insofern Tabus und Tabubrüche in den neuen Medien thematisiert werden?: Erörterung der Aufgaben der Schule zur Förderung der Medienkompetenz durch kritische Diskursanalyse.
7. Methodische Überlegungen: Empfehlungen für eine altersgerechte und distanzierte Bearbeitung von Tabuthemen mittels Exempeln statt persönlicher Betroffenheit.
8. Analyse einer Lehreinheit: Kritische Reflexion eines konkreten Unterrichtsentwurfs zum Thema Fernsehen und dessen Medialisierungstendenzen.
Schlüsselwörter
Tabu, Tabubruch, Neue Medien, Medienkompetenz, Medialisierung, Individualisierung, Deutschunterricht, Pädagogik, Medienkritik, Sozialisation, Jugendschutz, Reflexion, Werteverfall, Internet, Konsumverhalten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt den Umgang mit Tabus und Tabubrüchen in den neuen Medien und deren Integration in den schulischen Deutschunterricht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die theoretische Definition von Tabus, die medienpädagogischen Wirkungsmodelle und die Frage der Unterrichtbarkeit solcher brisanten Inhalte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Nutzen und die Notwendigkeit der Thematisierung digitaler Tabubrüche zur Förderung von Medienkompetenz gegenüber dem Schutzbedürfnis von Schülern abzuwägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden eine theoretische Fundierung durch soziologische und pädagogische Fachliteratur sowie eine kritische Analyse einer bestehenden Lehreinheit angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine medienethische Sachanalyse, die theoretische Debatte zwischen Medialisierungs- und Individualisierungsthese und eine kritische Auseinandersetzung mit didaktischen Ansätzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Tabu, Medialisierung, Medienkompetenz und den didaktischen Erziehungsauftrag.
Warum hält der Autor den Einsatz der analysierten Lehreinheit für problematisch?
Der Autor kritisiert die Lehreinheit als zu undifferenziert, da sie das Fernsehen einseitig als Medium der Verführung stigmatisiert und Chancen zur Reflexion ausblendet.
Wie unterscheidet sich der Medienkonsum laut Autor bei alten und neuen Medien?
Bei alten Medien sah der Autor eine literarische Rahmung und Reflexion gegeben, während er bei digitalen Inhalten eine Tendenz zur unreflektierten, voyeuristischen Konsumierbarkeit wahrnimmt.
- Quote paper
- Udo Lihs (Author), 2009, Schweigen oder Aufklärung? Tabus und Tabubrüche in den neuen Medien im Deutschunterricht , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138004