Luthers Geist, bestehende, festgefahrene Strukturen zu kritisieren, ruhte ggf. in Hans Robert Jauß, der in der Vorlesung „Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft“ versucht, die Vorstellung von Literaturgeschichte seiner Zeit zu kritisieren; Literaturgeschichte, mit dem Ziel, „an der Geschichte der Dichtwerke die Idee der nationalen Individualität auf ihrem Weg zu sich selbst darzustellen“ (Jauß, 1970: S. 144, vgl. auch: S. 149, S. 152) scheint in Vergessenheit zu geraten, so Jauß. Die als antiquiert eingestufte Literaturgeschichte wird durch die Veröffentlichung von „pseudohistorischen Sammelwerken“ (Enzyklopädien, Handbüchern, Interpretationsreihen) verdrängt. Jauß bemängelt, dass, insofern Literaturgeschichte betrieben wird, so beschränkt sich diese lediglich auf die die ideale, objektive und chronologische Ordnung und Sortierung der Werke nach Gattung oder Autor („und dann und wann ein weißer Elefant“3). Die Literaturgeschichte seiner Zeit beschränkt sich häufig auf die Kanonisierung von Werken Diese traditionellen Ansätze der Literaturwissenschaft, sind „keine Geschichte“4, sondern „Pseudogeschichte“5, so Jauß. Jauß will die Literaturgeschiche nicht neu schreiben, aber ein Umdenken hervorbringen, eine neue Perspektive in die Literaturgeschichte einbringen, die Perspektive des Lesers. Die Dimensionen Rezeption, Wirkung und Nachruhm eines literarischen Werkes werden, so Jauß, in der Literaturgeschichte vernachlässigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft
2.1 Thesen von Hans Robert Jauß (1967) für eine Rezeptionsästhetik
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit setzt sich kritisch mit Hans Robert Jauß' bahnbrechendem Aufsatz „Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft“ auseinander. Ziel ist es, die zentralen Thesen der Rezeptionsästhetik darzulegen und aufzuzeigen, wie ein literarisches Werk durch die Interaktion mit dem Leser erst geschichtliche Relevanz erlangt.
- Kritik an traditionellen, kanonisierten Literaturgeschichtsschreibungen.
- Die Rolle des Erwartungshorizonts bei der Werkrezeption.
- Unterscheidung zwischen literarischer Provokation und trivialer Unterhaltung.
- Rezeptionsgeschichtliche Einordnung am Beispiel von Anne Franks Tagebuch.
Auszug aus dem Buch
2.1 Thesen von Hans Robert Jauß (1967) für eine Rezeptionsästhetik
Jauß betont eine „Rezeptions- und Wirkungsästhetik“ in der Literaturgeschichte, wie in der Literaturtheorie und begründet damit die Konstanzer Schule. Literaturgeschichte soll neu geschrieben werden, dazu muss sie neu fundiert werden. Dazu verfasst Jauß sieben Thesen:
Die „Produktions- und Darstellungsästhetik“ in der Literaturgeschichte ist in einer „Rezeptionsästhetik“ zu fundieren. Ein literarisches Werk ist kein „objektives“ Werk, seine Rezeption verändert sich durch den Leser, durch seine Vorerfahrung, im Lauf der Zeit. Der Literaturhistoriker ist selbst Leser und versteht ein Werk nur von seinem Standort in der historischen Reihe der Leser aus. Das bedeutet, dass ein Werk nur dann historisch verstanden werden kann, wenn der Leser nicht nur in den Blick genommen wird, sondern die jeweiligen Leser in der jeweiligen Epoche, im jeweiligen historischen Zeitgeist.
Die Literaturgeschichte muss Erwartungen des Lesers objektiv aus dem Vorverständnis des Lesers heraus beschreiben können, aus dem, was für den Leser schon bekannt ist. Für den Leser sind Normen, Gattungen, Beziehungen zu bekannten Werken und eine Vorstellung von Fiktion und Wirklichkeit bekannt. Der Leser liest kein Buch ohne ein Vorverständnis von der Gattung. Wenn jemand heute ein Roman liest, wird er das Buch mit der Erwartung, eine Erzählung präsentiert zu bekommen, lesen. Wenn der Leser von Aufklärung etwas liest, wird der Leser ggf. den Begriff „Aufklärung“ mit Kant assoziieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die traditionelle Literaturgeschichtsschreibung in Frage und führt in Luthers Wirken als historisches Beispiel für literarische Provokation ein.
2. Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft: Hier wird Jauß’ Kritik an der rein chronologischen und autorzentrierten Literaturgeschichte beleuchtet, die zugunsten einer stärkeren Leserperspektive überwunden werden soll.
2.1 Thesen von Hans Robert Jauß (1967) für eine Rezeptionsästhetik: Dieser Abschnitt erläutert Jauß’ Kernkonzepte, insbesondere die Bedeutung des Erwartungshorizonts und die Dynamik zwischen Werk, Autor und Leser.
Schlüsselwörter
Rezeptionsästhetik, Hans Robert Jauß, Literaturgeschichte, Erwartungshorizont, Konstanzer Schule, Wirkungsgeschichte, Leserrolle, Literaturtheorie, Provokation, Literarisches Werk, Kanon, Rezeption, Anne Frank, Pseudogeschichte, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturtheoretischen Wende durch Hans Robert Jauß und dessen Forderung, die Literaturgeschichte von einer fixierten Historie zu einer dynamischen Rezeptionsgeschichte umzugestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Kritik an der Kanonisierung, die Rolle des Lesers bei der Konstituierung von Sinn und die wissenschaftliche Rekonstruktion von Erwartungshorizonten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Thesen von Jauß zur Rezeptionsästhetik verständlich zu machen und ihre Anwendung anhand von Beispielen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse und Interpretation der theoretischen Schriften von Jauß sowie deren exemplarische Anwendung auf historische und literarische Texte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Notwendigkeit einer neuen Literaturgeschichtsschreibung und expliziert die methodischen Thesen zur „Rezeptions- und Wirkungsästhetik“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Rezeptionsästhetik, Erwartungshorizont, Literaturgeschichte, Provokation und Leserperspektive.
Warum betrachtet Jauß eine reine chronologische Ordnung als „Pseudogeschichte“?
Weil eine rein chronologische Reihung die aktiven Bezüge zwischen den Werken und ihre Wirkung auf den Leser ignoriert und das Werk als isoliertes, objektives Objekt missversteht.
Wie unterscheidet sich „triviale Unterhaltung“ laut Jauß von Literaturgeschichte?
Triviale Unterhaltung bestätigt bestehende Erwartungen des Lesers lediglich, während Literaturgeschichte durch das Brechen dieser Erwartungen eine Provokation erzeugt, die neue Erkenntnisse anstößt.
Welche Rolle spielt das Beispiel „Anne Frank“ in dieser Arbeit?
Anne Franks Tagebuch dient als praktisches Beispiel, um zu verdeutlichen, wie die Rezeption eines Werkes über verschiedene Epochen und politische Systeme (BRD vs. DDR) hinweg variiert.
Was versteht man unter dem „virtuellen Sinn“ eines Werks?
Der virtuelle Sinn ergibt sich aus der Gesamtheit der Leserreaktionen und der Art und Weise, wie ein Werk auf die Fragen seiner Zeit geantwortet hat.
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- Udo Lihs (Author), 2008, Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft - Thesen von Hans Robert Jauß (1967) für eine Rezeptionsästhetik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138008