Wassily Kandinsky (1866-1979) ist von allen russischen Künstlern des 20. Jahrhunderts der im Westen bekannteste und beliebteste. Er verbringt fast 30 Jahre seines schöpferischen Lebens in Deutschland (und Westeuropa) und entwickelt sich hier zum Pionier der Moderne und eigentlichen Begründer der Abstraktion. Seine Bilder werden nicht nur in seiner Heimat Russland ausgestellt, sondern auch in mehreren Städten Westeuropas sowie in den Vereinigten Staaten. Seine Lehrertätigkeit beeinflusst viele Künstler und seine theoretischen Texte über Kunst werden noch zu Lebzeiten in vielen anderen Sprachen übersetzt. Die frühen Schaffensjahren Kandinskys (1900-1910) werden von vielen Kritikern als eher unbedeutend bezeichnet. “Bis 1910 hinterließ Kandinsky keine außergewöhnlichen Spuren in der zeitgenössischen Kunst. Er war einer von vielen, es schien, als warte er noch auf seine Stunde und als sammle er einstweilen alles, was für seine künftigen Entdeckungen von Bedeutung sein würde.“ Doch die wunderschönen farbenfrohen Landschaftsbilder, die “Kleinen Ölstudien“, die zahlreichen Holzschnitte und die zauberhaften Märchenbilder mit ihrer mystischen Ausstrahlung und rätselhaftem Hintergrund fesseln bis heute den Betrachter. Wer ist diese russische Schönheit (Die Braut, 1903), die traurig auf der Wiese sitzt? Eine Prinzessin, die auf ihren Prinzen wartet? Oder eine feierlich geschmückte Braut, die bald heiratet? Und wer ist die geheimnisvolle Frau auf dem Holzschnitt Die Nacht (1903)? Ist sie eine Verkörperung der Nacht selbst in Menschengestalt? Oder trägt sie die Nacht in sich, den Kummer und den Schmerz eines Volkes zu kriegerischen Zeiten?
Diese märchenhaften Bilder verraten nicht nur die romantische Sehnsucht Kandinskys nach seiner Heimat. Sie sind auch eine konkrete Verarbeitung stilistischer und inhaltlicher Elemente der russischen Volkskunst, eine Mischung von Heidnischem und Christlichem. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Erste Berührungen mit der Malerei und der Volkskunst
2.1. Kandinsky und die Volkskunst von Vologda
2.2. Erfahrungen aus „Rückblicke“, die Kandinsky dazu bewegen, sich endgültig der Kunst zu widmen
3. Erste Jahre in München
4. Volkstümliche Motive
5. Die farbige Welt der Volkskunst: Märchenmotive
5.1. „Das bunte Leben“
5.2. „Die Braut“
5.3. „Die Nacht“
6. Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Hausarbeit untersucht die Einflüsse der russischen Volksmythologie und Volkskunst auf das frühe Werk von Wassily Kandinsky zwischen 1900 und 1910. Die zentrale Fragestellung analysiert, wie Kandinsky diese traditionellen, oft verschlüsselten Motive in seine künstlerische Bildsprache integrierte und welche Bedeutung sie für seine künstlerische Entwicklung hatten.
- Die Bedeutung der russischen Heimat und Kindheitserinnerungen für Kandinskys Kreativität.
- Die Auswirkungen der ethnographischen Expedition nach Vologda auf sein Verständnis für Symbole und Zeichen.
- Die Analyse ausgewählter Werke wie „Das bunte Leben“, „Die Braut“ und „Die Nacht“ hinsichtlich ihrer Symbolik.
- Die Rolle der Volkskunst als Inspirationsquelle für die Entstehung seiner abstrakten Malerei.
Auszug aus dem Buch
2.1. Kandinsky und die Volkskunst von Vologda
Als der Junge Forscher und Ethnologe seine Expedition in die Provinz Vologda unternimmt, die der Erforschung des Bauernrechts und der heidnischen Glaubensreste dienen soll, wird Kandinsky auf äußerst intensiven Art und Weise mit der ursprünglichen, unverfälschten Kunst der ostfinnischen Stämmen der Sysol- und Vecegda - Syrjänen vertraut. Sein Reisetagebuch beinhaltet nicht nur die reine Beschreibung des Reiseverlaufs und von den dabei entstandenen Eindrücken, sondern auch zahlreiche Skizzen von Kostümen, Möbeln, Ornamenten und weiteren volkstümlichen Gegenständen.10 In seinen „Rückblicken“ (24 Jahre später) beschreibt Kandinsky sein großes Staunen über die „Wunderhäuser“ in Vologda:
„ Die großen, mit Schnitzereien bedeckten Holzhäuser werde ich nie vergessen. In diesen Wunderhäusern habe ich eine Sache erlebt, die sich seitdem nicht wiederholt hat. Sie lehrten mich, im Bilde mich zu bewegen, im Bilde zu leben. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal in die Stube trat und vor dem unerwarteten Bilde an der Stelle stehen blieb. Der Tisch, die Bänke, der im russischen Bauernhause wichtige große Ofen, die Schränke und jeder Gegenstand waren mit bunten großzügigen Ornamenten bemalt. Auf den Wänden Volksbilder: ein Held in symbolischer Darstellung, eine Schlacht, ein gemaltes Volkslied. Die „rote“ Ecke („rot“ ist altrussisch gleich „schön“) dicht und ganz mit gemalten und gedruckten Heiligenbildern bedeckt, davor eine kleine rot brennende Hängelampe, die wie ein wissender, diskret leise sprechender, bescheidener für und in sich lebender und stolzer Stern glühte und blühte. Als ich endlich ins Zimmer trat, fühlte ich mich von allen Seiten umgeben von der Malerei, in die ich also hineingegangen war.“11
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Es wird der kulturelle und künstlerische Hintergrund Kandinskys umrissen sowie die Relevanz seines Frühwerks für seine spätere Abstraktion erläutert.
2. Erste Berührungen mit der Malerei und der Volkskunst: Dieses Kapitel thematisiert die frühen Kindheitserinnerungen an Moskau sowie die prägenden ethnographischen Erfahrungen in Vologda.
2.1. Kandinsky und die Volkskunst von Vologda: Hier wird detailliert die Expedition beschrieben, bei der Kandinsky tiefen Einblick in die ursprüngliche Volkskunst der Syrjänen gewann.
2.2. Erfahrungen aus „Rückblicke“, die Kandinsky dazu bewegen, sich endgültig der Kunst zu widmen: Das Kapitel analysiert die entscheidenden Erlebnisse, die Kandinsky dazu motivierten, seine juristische Laufbahn zugunsten der Malerei aufzugeben.
3. Erste Jahre in München: Die Zeit der künstlerischen Neuorientierung in München und der Einfluss der lokalen Märchenwelt auf sein Schaffen werden beleuchtet.
4. Volkstümliche Motive: Es wird untersucht, wie russische Künstler dieser Zeit, darunter Kandinsky, die Volkskunst als Inspiration gegen das Literarische nutzten.
5. Die farbige Welt der Volkskunst: Märchenmotive: Dieses Kapitel widmet sich der symbolträchtigen Bildsprache in Kandinskys frühen Werken.
5.1. „Das bunte Leben“: Eine Analyse dieses zentralen Temperabildes hinsichtlich seiner motivischen Komplexität und folkloristischen Elemente.
5.2. „Die Braut“: Die Deutung des Gemäldes unter Berücksichtigung altrussischer Symbole und Interpretationen der „russischen Seele“.
5.3. „Die Nacht“: Untersuchung der verschlüsselten Botschaften und der rätselhaften Darstellung in diesem spezifischen Holzschnitt.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Kandinskys frühe Werke eine Brücke zwischen traditioneller Volksmythologie und seiner wegweisenden modernen Bildsprache bilden.
Schlüsselwörter
Wassily Kandinsky, Volkskunst, Volksmythologie, Russische Avantgarde, Symbolismus, Vologda, Märchenmotive, Das bunte Leben, Die Braut, Die Nacht, Rückblicke, Malerei, Moderne Kunst, Folklore, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Einflüssen der russischen Volksmythologie auf das frühe Werk von Wassily Kandinsky im Zeitraum von 1900 bis 1910.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Verbindung von Kindheitserinnerungen, ethnographischen Studien, dem Symbolismus und der Verarbeitung russischer Volkskunst in Kandinskys frühen Gemälden und Holzschnitten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kandinsky volkstümliche Motive, Symbole und Riten in seiner Bildsprache verarbeitet hat und inwiefern diese frühen Arbeiten bereits den Grundstein für seine spätere künstlerische Entwicklung legten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer kunsthistorischen Analyse, die sich primär auf autobiographische Schriften Kandinskys wie die „Rückblicke“ sowie auf fachwissenschaftliche Literatur zu Kandinsky und der russischen Volkskunst stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Biografie der frühen Berührungen mit Kunst und Volkskunst, den Übergang zum Maler in München sowie die detaillierte Interpretation ausgewählter Schlüsselwerke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören neben dem Namen Kandinsky vor allem Volkskunst, Volksmythologie, Symbolismus, russische Avantgarde und spezifische Werktitel wie „Das bunte Leben“.
Warum war die Reise nach Vologda so wichtig für Kandinsky?
Die Reise konfrontierte ihn mit der unverfälschten Kunst der Syrjänen. Diese Erfahrung lehrte ihn, „im Bilde zu leben“ und ein Verständnis für das Verborgene und Symbolische zu entwickeln.
Wie interpretiert die Autorin den Holzschnitt „Die Nacht“?
Die Autorin diskutiert die Figur als Verkörperung der Nacht oder als Allegorie für ein leidendes Volk in Kriegszeiten, stellt jedoch fest, dass eine präzise Deutung aufgrund der bewusst rätselhaften Gestaltung offen bleibt.
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- Raliza Petrova (Author), 2007, Die Faszination der Volksmythologie im frühen Werk Kandinskys, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138283