Der Tiefenkasus des Instrumentals

Semantische Rollen des Instrumentals im Russischen


Hausarbeit, 2008

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

1. Ereignisschemata und Teilnehmerrollen
1.1. Der Agens. Das Handlungsschema
1.2. Das Patiens. Das Vorgangs- oder Prozessschema
1.1.3. Das Essiv. Das Essivschema
1.4. Das Experiens. Das Erfahrungsschema
1.5. Der Besitzer und das Possessum. Das Besitzschema
1.6. Der Empf d nger oder das Ziel. Das Übertragungsschema
1.7. Das Ursprung-Weg-Ziel-Schema. Das Bewegungsschema

2. Die semantischen Rollen des Instrumentals
2.1. Die subjektive Bedeutung
2.2. Die objektive Bedeutung
2.3.Die Bedeutung der Adverbialbestimmung

Zusammenfassung

Literatur

1. Einleitung:

In der vorliegende Arbeit wird der Versuch unternommen, die Theorie des Tiefenkasus am Beispiel des Instrumentals darzusellen. Die Theorie des Tiefenkasus stellt eine Interaktion von Syntax und Semantik dar. Diese Theorie — vielleicht die meist diskutierte in den letzten Jahren — hat eine groBe Anhangerschaft gefunden. Den einflussreichsten Beitrag in der Theorie des Tiefenkasus in ihrer Anfangsphase hat Charles J. Fillmore mit seinem Aufsatz „The Case for Case" gemacht. AuBerdem haben eine groBe Anzahl beriihmter Sprachwissenschaftler, unter ihnen Chomsky, Lakoff, Radden, Janda, Ikegami diesem Thema zahlreiche Arbeiten gewidmet.

Der Tiefenkasus wird haufig als semantische Rolle bezeichnet. Ahnliche Begriffe sind Thematische Rollen, Thematische Relationen, Kasusrollen. Die Theorie des Tiefenkasus ist der wesentliche Bestandteil der Kasusgrammatik, der Satzsemantik sowie der Functional Grammar. Linguisten versuchen immer wieder semantischen Rollen wie Agens, Patiens oder Instrument zur Beschreibung von syntaktischen Verhaltnisse einzusetzen. Motiviert sind diese Bemiihungen von dem Versuch, eine Universal-Grammatik zu erarbeiten, die alle Sprachen erfassen kann.

In einem zweiten Schritt wird am Beispiel der russischen Sprache gezeigt, in welchen semantischen Rollen der Instrumental auftreten kann.

1. Ereignisschemata und Teilnehmerrollen

Gegenstand dieses Kapitel ist die Frage, wie die Teilnehmerrollen in verschiedenartigen Theorien und Ansatzen dargestellt sind.

John M. Anderson (1996: 19) bezeichnet Teilnehmerrollen mit dem Begriff „semanic relations or functions" und definiert sie folgendermaBen:

„functions which label the mode of participation of the denotata of arguments in the situation described by the predication in which they occur." (Anderson 1996:19)

Man sollte sich dariiber im Klaren sein, dass die semantischen Rollen keineswegs lexikalische Eigenschaften von Wortern sind. Peter von Polenz (1985: 73) behauptet, dass „die semantischen Rollen einen anderen Status als etwa die Angabe der Merkmals-Semantik haben, die man den Wortern als Eintrage in einem Worterbuchartikel beigeben kann. Die Rollen konstituierten sich erst im Satzinhalt durch die Kombination mit einem bestimmten Pradikat innerhalb eines Aussagerahmens."

Es wird versucht, diese Definition einfacher zu erkl aren. Die Teilnehmerrollen sind mit der Wirklichkeit verbunden. Ralf Poring (2003: 86) behauptet, dass man beim Beschreiben eines Ereignisses, nicht alle moglichen Personen, Dinge und kleinen Details nennen muss, sondern nur diejenigen Aspekte auswahlen muss, die man fiir die wichtigsten halt. Alle nebensachlichen Elemente kDnne man auslassen. Das Verhaltnis zwischen einem Ereignis und dem Satz, mit dem wir dieses Ereignis beschreiben, sei abstrakt. Dieser Zusammenhang wird an einem weiteren Beispiel erklart:

Christian wollte Katharina einen Kaffee anbieten. Der Lehrer hat den Klassenraum kurz verlassen. Katharina stand an der Tafel hinter dem Tisch des Lehrers. Christian wollte den Kaffee Katharina u bergeben und hat den Kaffee ungeschickt auf den Tisch vergossen. Der Tisch ist nass und pl tzlich kommt der Lehrer und fragt: „Was ist

passiert?" (Eigenes Beispiel)

Es gibt verschiedene Moglichkeiten diese Situation zu beschreiben. Poring (2003: 86) vertritt die Ansicht, dass wir die Welt anthropozentrisch wahrnehmen. Unsere anthropozentrische Orientierung beruht auf der Tatsache, dass wir in erster Linie an unseren Mitmenschen interessiert sind, an ihren Handlungen, ihren Gedanken, ihren Erfahrungen, ihren Bewegungen usw. Natiirlich fallen uns solche Teilnehmer ins Auge, die wir als uns ahnlich wahrnehmen oder zu denen wir in einer Beziehung stehen.

Diese Szene nennt Poring ein Ereignis. Darunter versteht er in einem sehr weiten Sinne: „einen Zustand, einen Vorgang, eine Handlung, eine Erfahrung, eine Besitzrelation, eine Bewegung oder eine Ubertragung" (Poring 2003: 86). Um zu illustrieren, wie ein Ereignis dargestellt werden kann, beschreiben wir die oben vorgefiihrte Situation auf unterschiedliche Art und Weise:

(1) 3To Bce KpHcmax BHHOBaT. - Christian ist schuld. (Zustand)
(2) KpHarHaH pa3JIHJI Kocl)e.- Christian hat den Kaffee vergossen. (eine Handlung)
(3) 3,4eCb HeMHOTO HamycopHJIH. - Hier wurde etwas schmutzig gemacht. (Vorgang)
(4) KOcl)e pa3JIHJIC51. - Der Kaffee kippte aus. (Vorgang)
(5) IIpoJIHJIH Kocl)e. - Der Kaffee wurde vergossen. (eine Handlung)
(6) KpHcmax XOTeJI yrOCTHTb KarepHxy Kocl)e. - Christian wollte Katharina den Kaffee anbieten. (Erfahrung)
(7) Y KpHarHaHa 6MJI Kocl)e. - Christian hatte Kaffee. (Besitzrelation) (Eigene Interprätation)

Die in einem solchen Ereignis involvierten Einheiten bezeichnet Poring als Teilnehmer dieses Ereignisses. Des Weiteren f;hrt Poring einen Begriff fir die Konstruktion von Ereignissen vor, den er als Ereignisschema bezeichnet. Eine Ereignisschema ist das konzeptuelle Muster von Ereignissen. Abhängig von der Beschreibung des Ereignisses gibt es verschiedene Schemata. Diese Schemata umfassen eine oder mehrere semantische Teilnehmerrollen.

Wenn wir zum Beispiel nur ein intransitives Verb haben, brauchen wir nur einen Teilnehmer. Nehmen wir zu Illustration das Verb paanueambo0 'sich ergieBen':

(8) KOcl)e pa3JIHJIC51.

Der Kaffee wurde vergossen.1 (Eigenes Beispiel)

Wenn wir ein transitives oder ditransitives Verb haben, benotigen wir zwei Teilnehmer oder sogar drei:

(9) KpHarHaH palJIHJI Kocl)e.

Christian hat den Kaffee vergossen. (Eigenes Beispiel)

Es gibt eine Reihe grundlegender Ereignisschemata. Sie lassen sich durch grundlegende Verben erfragen: se i n, geschehen, tun, h i en, sehen, bewegen, geben.

Poring unterscheidet die folgenden prototypischen Ereignisschemata (Poring 2003: 87):

1. Essivschema: Wie ist was? Was ist was?
2. Vorgangsschema: Was geschieht (gerade)?
3. Handlungsschema: Was tut jemand?
4. Erfahrungsschema: Was erfährt, f;hlt, sieht jemand?
5. Besitzschema: Was hat jemand?
6. Bewegungsschema: Wohin bewegt sich jemand?
7. Ubertragungsschema: Wer gibt wem was?

In jedem solchen Handlungsschema bekommen die Teilnehmer sehr unterschiedliche Rollen zugewiesen. Es gibt Teilnehmer, die aktiv handeln, und diejenigen, die von einer Handlung betroffen sind. Jeder Teilnehmer hat seine Bezeichnung.

In der Forschung ist umstritten, ob es notig ist, die Handlungsschemata hervorzuheben. Trotzdem hat Fillmore (1970) kognitive Strukturen bestimmt, die er als „Frames" bezeichnete (Anderson 1996: 25).

In den folgenden Abschnitten werden diese Schemata und die Teilnehmerrollen ausf;hrlicher dargestellt. Jedoch muss sofort einschränkend hinzugef;gt werden, dass es keine allgemeine Ubereinstimmung zur Anzahl der semantischen Rollen gibt. Einige Sprachwissenschaftler bestimmen Dutzende davon, andere dagegen reduzieren sie auf zwei oder drei Hauptrollen.

1.1. Das Agens

Das Handlungsschema

Einen Teilnehmer, der aktiv handelt, nennt man Agens. Poring (2003: 86) definiert Agens als „eine Entität, die im prototypischen Fall vom eigenen Willen geleitet wird und aus eigenem Antrieb die mit dem Verb bezeichnete Handlung ausf;hrt." Der Agens ist ein Ursprung der Energie in einem Handlungsschema. Poring bestimmt drei verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten fir das Handlungsschema. Ein Agens kann mit intransitiven Verben auftreten.

(10) OH ITpoI'ym4BaeTCm.

Er geht spazieren. (Eigenes Beispiel)

In diesen S ätzen ist kein direktes Objekt moglich, obwohl es konzeptuell vorhanden ist, denn um sich selbst zu bewegen, muss man eigene Energie aufbringen.

Trotzdem kann der Agens seine Energie auf eine andere Entität ubertragen. Es gibt Handlungen, bei denen ein Objekt sowohl implizit, als auch explizit genannt werden kann.

(11) IIeTp mTraeT.

Peter liest. (Eigenes Beispiel) (11) IIeTp mTraeT KHHI'y.

Peter liest ein Buch. (Eigenes Beispiel)

Am anderen Ende des Kontinuums stehen Handlungen, bei denen ein Objekt obligatorisch ist.

(12) AHHa pBeT ITHCbM0.

Anna zerreiBt den Brief. (Eigenes Beispiel)

Der zweite Teilnehmer im Satz (12) bringt keine Energie auf, sondern wird von der Handlung des Agens betroffen. Je nach dem Verb kann dieser Teilnehmer unterschiedlich bezeichnet werden. Nach Poring (2003: 86) ist der zweite Teilnehmer im Satz (12) ein Patiens.

Fillmore (1999) bestimmt solch eine Rolle als Counter-Agent. Darunter versteht er „the force or resistance against which the action is carried out" (in Anderson 1996:25).

Maggie Tallerman (2005: 41) erweiterte das Handlungsschema und prägte den Begriff des Instruments. Im Unterschied zum Agens ist ein Instrument ein unbelebter Teilnehmer.

Das folgende Beispiel soll die semantische Rolle des Instruments erl äutern helfen:

(13) 3Ta HOBa51 IHXU X0p0III0 IHJIHT.

This new saw cuts well. (Tallerman 2005: 41)

Tallerman erkl ärt dieses Beispiel folgendermaBen: „The NP this new saw is termed an Instrument: since it isn't animate, it can't be the agent of the cutting action" (Tallerman 2005: 41).

1.2. Das Patiens

Das Vorgangs- oder Prozessschema

Unter dem Patiens versteht Poring „diejenige Rolle, die am geringsten in jede Art von Beziehungen involviert ist (Poring 2003: 86) [...] und nicht aktiv den Ablauf des Prozesses bestimmt" (Poring 2003: 88). Das Patiens kann in unterschiedlichem MaBe an einem Prozess beteiligt werden. In der Forschung ist umstritten, in welchen MaBe ein direktes Objekt als Patiens bezeichnet werden kann. Einige Sprachwissenschaftler unterscheiden Patiens vom Thema. Das Patiens ist „the thing effected". (Tallerman 2005: 40) Zum Beispiel ist Kim das Patiens im folgenden Satz:

(14) JIHH Im`X KHma.
Lee kicked Kim.

Lee gibt Kim einen Tritt. (Tallerman 2005: 40)

[...]


1 Die ohne Quelle aufgefuhrten Beispiele stammen von der Verfasserin und sind zum Teil der vorigen Arbeiten entnommen.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Der Tiefenkasus des Instrumentals
Untertitel
Semantische Rollen des Instrumentals im Russischen
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Slavistik )
Veranstaltung
Lexikon und Syntax im Russischen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
31
Katalognummer
V138763
ISBN (eBook)
9783640482504
ISBN (Buch)
9783640482375
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tiefenkasus, Instrumentals, Semantische, Rollen, Instrumentals, Russischen
Arbeit zitieren
Magister of Philology Yana Movchan (Autor:in), 2008, Der Tiefenkasus des Instrumentals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138763

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