Der Orient wurde im christlichen Mittelalter des 12. und 13. Jahrhunderts größtenteils als ein „Reich der Antichristen, bevölkert von hässlichen, deformierten, mit (christlichen) Menschen kaum vergleichbaren Heiden“ angesehen. Diesen Menschen begegnete man, vor allem im Frühmittelalter, feindselig und intolerant. Dies spiegelt auch die Literatur der damaligen Zeit wieder. Exemplarisch kann hierfür das >Rolandslied< des Pfaffen Konrad (um 1170) stehen, in dem ein sehr verachtendes und negativ-eintöniges Bild der Andersgläubigen gezeichnet wird.
Wolframs von Eschenbach >Willehalm< (um 1217/1220), neben dem >Rolandslied< das zweite große epische Werk des Mittelalters, dem die Kreuzzüge als Hauptthematik zu Grunde liegen, erscheint im Vergleich geradezu als Ausnahmeerscheinung – klingen doch hier für diese Zeit bisweilen sehr versöhnliche Töne im Umgang mit Andersgläubigen an: Neben den obligatorischen Schlachtszenen finden sich wertneutrale, teils sogar wohlwollende, ehrwürdige Beschreibungen der Sarazenen. Darüber hinaus wird die Tötung von Heiden als Sünde dargestellt und zur Schonung von Andersgläubigen aufgerufen.
Im Rahmen dieser Arbeit wird das Bild der Andersgläubigen in Wolframs >Willehalm< untersucht. Zentral ist hierbei die Frage, in wie weit die Darstellung des Heidentums als tolerant definieren werden kann: Ist der >Willehalm< ein Toleranzroman des Mittelalters?
Anhand ausgewählter Textstellen wird das Toleranzdenken im Text untersucht, wobei auf die Kreuzzugsmotivation der Christen, auf die Darstellung der Andersgläubigen in der Erzählung und auf die als „Toleranzrede“ betitelte Ansprache der konvertierten Heidin Gyburc, in der sie zur Schonung der Andersgläubigen in der anstehenden Schlacht appelliert, eingegangen wird. Außerdem wird die Figur des auf christlicher Seite kämpfenden Heiden Rennewarts zur Bewertung herangezogen. Mit den Ergebnissen der Textanalysen wird dann in einem vierten Schritt ein Fazit gezogen, ob bzw. in wie weit man den >Willehalm< als Toleranzroman bezeichnen kann. Im Rahmen des ethisch-philosophischen Grundlagenstudiums im Staatsexamenstudiengang (EPG) enthält diese Arbeit einen Exkurs, in welchem auf das >Rolandslied< Bezug genommen wird. Es werden die Heidendarstellungen und die Kreuzzugsmotivation der beiden Romane miteinander verglichen und untersucht, auf welche kulturellen Veränderungen sich vorhandene Unterschiede im Umgang mit den Andersgläubigen im Mittelalter bzw. in ihrer Darstellung zurückführen lassen.
Inhaltsverzeichnis
VORWORT
1. ZUM BEGRIFF DER TOLERANZ
1.1 Definition und Abgrenzung zu Akzeptanz
1.2 Toleranzdenken im Mittelalter des 11./12. Jahrhunderts
2. DER >WILLEHALM< WOLFRAMS VON ESCHENBACH
2.1 Zur Person Wolframs
2.2 Inhaltsübersicht und Entstehungsgeschichte
2.2.1 Der Prolog
2.2.2 Inhaltsübersicht
2.2.3 Entstehungsgeschichte
3. DAS TOLERANZDENKEN IM >WILLEHALM<
3.1 Kreuzzug als Verwandtenkampf
3.2 Das Bild der Andersgläubigen im >Willehalm<
3.2.1 Verwandtschaftliche Verbundenheit
3.2.2 Ebenbürtige Darstellung von Christen und Heiden
3.2.3 Gängige Vorwürfe und Stereotype im >Willehalm<
3.2.4 Die Matribleiz-Szene als Akt der Toleranz?
3.2.5 Keine ebenbürtige Darstellung der Heidenreligion
3.3 Die „Toleranzrede“ Gyburcs
3.4 Die Figur des Rennewart
4. DER >WILLEHALM< ALS TOLERANZROMAN?
5. EPG-EXKURS: KULTURELLE VERÄNDERUNGEN DES KREUZZUGGEDANKENS UND DAS TOLERANZDENKEN IM MITTELALTER
6. SCHLUSSBETRACHTUNGEN
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Bild der Andersgläubigen in Wolframs von Eschenbachs Roman >Willehalm< und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob das Werk als ein „Toleranzroman“ des Mittelalters klassifiziert werden kann. Dabei wird das ambivalente Spannungsfeld zwischen den noch vorherrschenden Kreuzzugsideologien und neuen, versöhnlicheren Ansätzen im Umgang mit dem „Fremden“ analysiert.
- Analyse des Toleranzbegriffs und dessen Abgrenzung zur Akzeptanz im mittelalterlichen Kontext
- Untersuchung der Kreuzzugsmotivation und der Darstellung der Heiden im >Willehalm<
- Interpretation der „Toleranzrede“ der Gyburc als zentralem Belegstück für ein verändertes Fremdbild
- Vergleichende Betrachtung der Figur des Rennewart als Symbol der Vermittlung zwischen den Kulturen
- Historischer EPG-Exkurs zum Vergleich des >Willehalm< mit dem >Rolandslied< des Pfaffen Konrad
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Verwandtschaftliche Verbundenheit
Während im >Rolandslied< heidnische Minneritter als „äußerst befremdlich“ dargestellt werden, sind diese im >Willehalm< als den christlichen Minnerittern ebenbürtig dargestellt: Heiden und Christen kämpfen nach wibe lon und umb ir gruoz (402,25). Das verwandtschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl der Heiden wird u.a. im zweiten Buch an der Figur des Tesereiz deutlich. Der Neffe Terramers, und damit Verwandter zu Willehalm, will anfänglich den Marktgrafen aufgrund der verwandtschaftlichen Verbundenheit durch Gyburc verschonen:
er sprach: ’ob du getoufet sis, so empfach eine tjost durh den pris. ob duz der marcgrave bist, half dir do din herre Christ daz dui Araboysinne Arabel durh dine minne richiu lant und werde krone diner minne gap ze lone [...] (86,5-12) ich wil durh dine werdekeit dich vor al den heiden nern benamen durh dine minne wern. (86,16-18)
Tesereiz, der zuvor als minnen kranz (86,3) bezeichnet wird, zeigt hier ähnliche Gefühle wie Gyburc gegenüber ihren Angehörigen in ihrer „Toleranzrede“. Dies steht in hartem Gegensatz zu Willehalms Verhalten, der kurz zuvor brutal den wehrlosen Bruder Terramers und Onkel seiner Frau, Arofel, trotz dessen Bitte um Gnade ermordet (80,27-81,18). Dies wird vom Erzähler mit den folgenden Worten negativ gewertet und kann als Parallele zum Erzählerkommentar in 450,15-20 gelesen werden, in welchem Heidenmord als Sünde dargestellt wird:
war umbe sold ichz lange sagen? Arofel wart alda erslagen. [...] (81,11f.) und dez houbet sin vür unbetrogen balde ab im geswenket [...] (81,16f.) da erschein der minne ein vlüstic tac. noch solden kristenlichiu wip klagen sinen ungetouften lip. (81,20-22).
Zusammenfassung der Kapitel
1. ZUM BEGRIFF DER TOLERANZ: Eine begriffsgeschichtliche Definition führt in die Thematik ein und unterscheidet Toleranz von Akzeptanz, während sie gleichzeitig die zeitgenössische Relevanz des Themas beleuchtet.
2. DER >WILLEHALM< WOLFRAMS VON ESCHENBACH: Dieser Abschnitt widmet sich den biographischen Informationen zu Wolfram von Eschenbach sowie der Inhaltsübersicht und der Entstehungsgeschichte des Romans.
3. DAS TOLERANZDENKEN IM >WILLEHALM<: Das Kernkapitel analysiert die Darstellung der Heiden anhand zentraler Motive wie der Verwandtschaft, der „Toleranzrede“ der Gyburc und der Figur des Rennewart.
4. DER >WILLEHALM< ALS TOLERANZROMAN?: Hier erfolgt die kritische Auseinandersetzung mit der Forschungsfrage, ob der >Willehalm< tatsächlich als Toleranzroman bezeichnet werden kann oder eher als „toleranzvorbereitend“ einzustufen ist.
5. EPG-EXKURS: KULTURELLE VERÄNDERUNGEN DES KREUZZUGGEDANKENS UND DAS TOLERANZDENKEN IM MITTELALTER: Ein Exkurs vergleicht das >Willehalm<-Epos mit dem >Rolandslied<, um den Wandel des Fremdbildes im Kontext der Kreuzzugsbewegung zu verdeutlichen.
6. SCHLUSSBETRACHTUNGEN: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass der Roman zwar keine einfache Toleranzlösung bietet, aber einen wichtigen Diskurs über die Menschlichkeit jenseits religiöser Grenzen einleitet.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Willehalm, Toleranz, Akzeptanz, Kreuzzugsideologie, Rolandslied, Interkulturalität, Fremdbild, Heiden, Gyburc, Rennewart, Religionskonflikt, Verwandtschaftsmotiv, Mittelalterliche Literatur, Toleranzrede.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Nicht-Christen („Heiden“) im mittelhochdeutschen Epos >Willehalm< von Wolfram von Eschenbach im Vergleich zu zeitgenössischen Epen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Fragen nach religiöser Toleranz, die stilisierte Verwandtschaft zwischen Christen und Heiden sowie die kritische Reflexion des mittelalterlichen Kreuzzugsgedankens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, ob >Willehalm< als „Toleranzroman“ des Mittelalters gelten kann, angesichts seiner teils wohlwollenden Schilderungen der heidnischen Charaktere.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die zentrale Textpassagen (insbesondere die „Toleranzrede“ und Erzählerkommentare) philologisch auswertet und sie in den literaturhistorischen Kontext einbettet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Heidenbildes, die Rolle der Verwandtschaftsbeziehungen, die Analyse der „Toleranzrede“ der Gyburc und die Figur des Rennewart.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Toleranz, Akzeptanz, Kreuzzugsideologie, >Willehalm<, Fremdbild, Heiden und das Verwandtschaftsmotiv.
Welche Rolle spielt das >Rolandslied< für diese Arbeit?
Das >Rolandslied< dient als Kontrastfolie, um das „intolerante“ Standardbild der Heiden im 12. Jahrhundert aufzuzeigen und damit den innovativen Charakter von Wolframs >Willehalm< hervorzuheben.
Wie ist die Figur der Gyburc für das Thema relevant?
Gyburc fungiert als zentrale Vermittlerfigur, deren „Toleranzrede“ die Christen zur Schonung der heidnischen Feinde aufruft und die gemeinsame Abstammung aller Menschen von Gott betont.
Inwiefern beeinflusst der Begriff des „Verwandtenkampfes“ die Bewertung der Kreuzzüge?
Durch die Stilisierung des Krieges als Kampf zwischen Verwandten problematisiert Wolfram die Tötung von Feinden, da diese aus christlicher Sicht als moralisch fragwürdig oder gar sündhaft dargestellt wird.
Was ist das Fazit der Arbeit bezüglich der „Toleranz“?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass der >Willehalm< kein Toleranzroman im modernen Sinne ist, sondern eher als „toleranzvorbereitendes“ Werk bezeichnet werden sollte, das Denkmuster hinterfragt, ohne die religiöse Trennung aufzuheben.
- Arbeit zitieren
- Henry Mayer (Autor:in), 2008, Der "Willehalm" Wolframs von Eschenbach im Spannungsfeld zwischen Toleranz und Akzeptanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138868