Türkisch-Islamische Vereinigungen in Deutschland und die Rolle des Islams in der Türkei im Vergleich


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB)
2.1 Selbstdarstellung und Internetpräsenz der DITIB

3. Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e. V. (IGMG)
3.1 Selbstdarstellung und Internetpräsenz der IGMG

4. Verband islamischer Kulturzentren e.V. (VIKZ)
4.1 Selbstdarstellung und Internetpräsenz der VIKZ

5. Alevitische Gemeinde Deutschland e.V. (AABF)
5.1 Selbstdarstellung und Internetpräsenz der AABF

6. Zusammenfassung

7. Islam im Osmanischen Reich
7.1 Atatürk und seine Reformen

8. Zusammenfassung der Rolle des Islam in der Türkei

9. Schluss

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die muslimische Bevölkerung bildet in Deutschland einen wichtigen Teil der Gesellschaft, mit ca. 3,5 Mio. Muslimen aus verschiedenen Herkunftsländern. Die Türken bilden unter diesen Muslimen die größte Gruppe und ein Großteil ist dem sunnitischen Islam zuzuordnen. Der Rest bekennt sich zum Alevitentum. Die türkisch- muslimischen Vereinigungen verstehen sich als Repräsentanten der türkisch-muslimischen Gesellschaft und konnten sich mit den Jahren hervorragend organisieren und ein europaweites Netzwerk aufbauen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den türkisch-muslimischen Vereinigungen, Islamische Gemeinschaft Milli Görüs e.V. (IGMG) , Verein islamischer Kulturzentren e. V. (VIKZ), Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) und der Alevitischen Gemeinde Deutschland e.V. (AABF). Die Vereinigungen werden zunächst anhand der Sekundärliteratur dargestellt und zusätzlich wird die Internetpräsenz der Vereinigungen als Vergleich herangezogen. Die türkisch-islamischen Vereinigungen sind wichtige Kooperationspartner der deutschen Integrationspolitik. Aber der IGMG und VIKZ sind dabei umstrittene Partner und werden oft als ein Hindernis für die Integrationsbemühungen betrachtet, da sie aufgrund ihrer Haltung dem islamistischen Flügel zuzuordnen sind. Die Vorstellung der Vereinigungen versucht gleichzeitig Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den aufzuzeigen und ihre historische Entwicklung zu verstehen. Auffällig ist, dass keiner dieser Vereine ein „deutsches Produkt“ ist, sondern mit der Türkei eng in Verbindung steht und vor ihrer Gründung in Deutschland, in der Türkei bereits existiert hat. Der erfolgreichste ist wohl die IGMG, obwohl laut statistischen Angaben die Mehrheit der Türken sich durch die DITIB repräsentiert fühlen. Im Jahre 2005 fühlten sich 51,5 % der Türken durch die DITIB vertreten und nur 3,0 % von der IGMG.

Die IGMG ist im Gegensatz zu DITIB viel repräsenter und der Zusammenhalt ihrer Mitglieder stärker. Sie ist jedoch aus der Sicht der deutschen Politik ein hemmender Part der Integration. Es wäre nicht falsch zu behaupten, dass die IGMG sogar systematisch die „selbstgewollte Ausgrenzung“ von Türken, insbesondere von Mädchen und Frauen unterstützt. Zum Beispiel wird Eltern geholfen, ihre Töchter und auch Söhne vom Schwimm- und Sportunterricht zu befreien, dabei beruft sich die IGMG gerne auf die Grundrechte. Anstatt die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu fordern und sich der deutschen Gesellschaft anzupassen, werden immer mehr Möglichkeiten gesucht um Mädchen vom sozialen Leben auszugrenzen. Als geeigneter Partner würde dann wohl eher die DITIB in Frage kommen, da sie dem laizistischen Grundprinzip des türkischen Staates folgen muss und liberalere Sichtweisen hat.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Entwicklung der Rolle des Islam in der Türkei. Dabei wird kurz auf das Osmanische Reich eingegangen und die Situation nach den beiden Weltkriegen dargestellt. Dieser historische Überblick ist hilfreich die komplexe Beziehung zwischen dem Laizismus und dem Islam zu verstehen. Außerdem wird auf die Situation der Aleviten eingegangen, die sowohl in Deutschland als auch in der Türkei einen absoluten Sonderstatus unter den Muslimen haben. Zuletzt wird auf die paradoxe Beziehung zwischen der Religion und dem Laizismus eingegangen und der Diyanet Isleri Baskanligi, das Staatsministerium für Religionsangelegenheiten in der Türkei dargestellt, welche auch für die DITIB in Deutschland zuständig ist.

2. Die türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB)

Die DITIB wurde am 05. Juli 1984 in Köln gegründet. Sie ist eine Institution des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten, mit Hauptsitz in Köln-Ehrenfeld. Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten wurde am 03. März 1942 erstmals in der Türkei erschaffen. Diese Institution ist in der Türkei dem Ministerpräsidenten unterstellt. Die Aufgabe des DITIB ist die Definition der islamischen Lehre und ihre angemessene Umsetzung. Im Artikel 136 aus der 1982 verabschiedeten Verfassung wird der Aufgabenbereich des Instituts ausgeweitet. Es wird der unpolitische und unparteiische Charakter des DITIB betont und außerdem die Treue zum laizistischen Prinzip.

Obwohl die DITIB in ihren Grundsätzen sich von der Politik distanziert, ist sie trotzdem ein politisches Verfassungsorgran und wird oft wegen ihrer Staatsnähe kritisiert. Die DITIB zählt in Deutschland zur letzten gegründeten islamisch-türkischen Vereinigung. Vor der DITIB existierten zahlreiche andere Vereinigungen wie z.B. Milli Görüs. Die DITIB konnte nach ihrer Gründung sehr schnell die Mehrheit der türkischen Arbeitnehmer für sich gewinnen.[1] Deswegen entfachte aber ihre Gründung auch scharfe Diskussionen unter den bisherigen Vereinigungen. Denn die DITIB wurde vom Staat unterstützt und bekam dadurch viel Vertrauen von den türkischen Bürgern. Vor der Gründung der DITIB in Deutschland vor 1980, unterstützten türkisch-islamische Vereinigungen das Ministerium in der Türkei und verteidigten es gegen jede Kritik. Sogar zahlreiche Publikationen der DITIB wurden in den Vereinen verkauft. Diese Haltung änderte sich aber rasch, nach dem den bisherigen Vereinen die Basis entzogen wurde. Die heutige Zerrissenheit der türkisch-islamischen Vereine ist zum Teil darauf zurückzuführen. Mittlerweile grenzen sich die Vereine stark voneinander ab und sehen sich nahe zu als Feinde. Auch viele verschiedene Deutungen der Lehren des Korans resultieren aus diesem Konflikt. Zum Beispiel feiern manche Vereinigungen religiöse Festtage nach saudi-arabischen Anweisungen und nicht nach den Anweisungen des Ministeriums. Die DITIB zählt heute zur stärksten türkisch-islamischen Vereinigung in Deutschland und finanziert viele Moscheen.[2] Obwohl die DITIB die meisten türkischen Muslime in ihren Interessen und Einstellungen präsentiert, vertritt sie noch lange nicht alle. Die Alleinvertretung der Muslime durch die DITIB ist nicht realisiert. Dieser Gedanke des DITIB ist auf ihre Sonderstellung in der Türkei als Diyanet zurückzuführen. Aber solch eine zentrale Stellung sich in Deutschland zu erhoffen ist eine Illusion, bei dieser heterogenen Gesellschaft.[3] Die DITIB steht viel zu sehr unter dem Einfluss der politischen Geschehnisse in der Türkei. Dieser Einfluss wirkt sich folglich nicht besonders integrationsfördernd für die Türken in Deutschland aus und verbessert auch nicht das negative Islambild in der Gesellschaft und in den Medien. Gerade die DITIB und andere muslimische Verbände könnten jedoch das Islambild zum positiven beeinflussen. Aber diese wichtige Aufgabe scheitert an ihrem Organisationsdefizit.[4]

2.1 Selbstdarstellung und Internetpräsenz der DITIB

Die Internetpräsenz der DITIB ist sehr professionell gestaltet und in den Sprachen Deutsch und Türkisch abrufbar. Auf der Hauptseite sieht man ein Bild der DITIB Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld. Außerdem informiert die Seite seine Besucher ausführlich über Gebetszeiten und andere religiöse Fragen. Außerdem werden aktuelle Projekte des DITIB, z. B. über häusliche Gewalt oder auch Sport-Projekte präsentiert. Im Allgemeinen wirkt die Internetpräsenz modern und offen für alle gesellschaftlichen Schichten.[5] Unter der Rubrik Gründung und Struktur beschreibt sie sich als die „mitgliederstärkste Migrantenorganisation in der Bundesrepublik Deutschland“. Laut eigener Umfragen vertritt sie 70% der Muslime in Deutschland.[6] Unter dem Menüpunkt Grundsätze bekennt sich die DITIB zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und verfolgt seine Ziele nach den Richtlinien des Grundgesetzes. Die Organisation verbietet parteipolitische Aktivitäten in ihren Räumlichkeiten, da sie sich als überparteiliche Organisation sieht. Desweiteren wird der respektvolle Umgang der Menschen aller Glaubensrichtungen betont und jede Art von Gewalt abgelehnt, weil dies auch dem Islam widerspricht.[7] Eine Beziehung zur Türkei wird anhand der Internetseite nicht sichtbar. Alle Publikationen und Pressemitteilungen beziehen sich auf aktuelle Ereignisse in Deutschland und der Welt. Die DITIB äußert sich in ihren Pressemitteilungen stets diplomatisch.

Das wichtigste Merkmal des DITIB sind seine, in der Türkei ausgebildete Imame, welche durch die Diyanet nach Deutschland geschickt werden. Mit der staatlichen Macht hinter ihrem Rücken konnte die DITIB viele extremistische, türkisch-islamische Vereinigungen schwächen. Die DITIB hat laut eigenen Aussagen 870 Mitgliederorganisationen und somit die größte Vereinigung in Deutschland. DITIB ist keiner religiösen Richtung deutlich zuzuordnen. Aus ihren eigenen Veröffentlichungen kann man aber eine sunnitische Ausrichtung der islamischen Lehre schlussfolgern. Obwohl die DITIB wegen ihrer politischen Nähe zur Türkei kritisiert wird, propagiert sie gleichzeitig die „Zusammengehörigkeit der türkisch-islamischen Gemeinschaft in Deutschland“ und betont auch die Bewahrung der religiösen und nationalen Identität.[8]

Die DITIB hat einen besonderen Platz innerhalb der islamischen Organisationen in Deutschland. Dem Laizismus Grundsatz des türkischen Staates muss die DITIB folgen. Wegen dieser Ausrichtung wird die DITIB, anders als Milli Görüs, nicht verfassungsfeindlich eingestuft. Aber die DITIB wird gleichzeitig auch wegen ihrer Türkei-Verbindung kritisiert, da sie ausdrücklich die türkischstämmigen Bürger „zur Pflege der nationalen Identität“ aufruft und somit nicht sonderlich integrationsfördernd ist und kollidiert mit dem Euro-Islam. Ein weiterer Kritikpunkt, der bereits erwähnt wurde, sind die Imame aus der Türkei. Diese Imame haben nur eine begrenzte Dienstzeit in Deutschland und sind weder mit der deutschen Sprache noch mit der Kultur des Landes vertraut. Aber die DITIB steht der Idee der Imamausbildung in Deutschland positiv gegenüber. Da die DITIB gemäßigt religiös ist spricht sie auch die Mehrheit der Türken in Deutschland an. Andere muslimische Vereinigungen sind wegen ihrer sektenhaften Organisation und ihrer extremistischen Weltanschauungen nicht besonders geeignet. Im Gegensatz zu anderen türkisch-islamischen Vereinen fehlt es der DITIB an Repräsentation und Zusammenhalt, da die DITIB die „Restkategorie“ der Muslime vereint. Obwohl es den Muslimen in Deutschland immer noch an einem zentralen Repräsentanten fehlt, ist sie trotzdem die Kontaktadresse für Politik und Behörden. Die DITIB ist in der heutigen Lage die einzige Organisation in Deutschland, die die Rolle eines Repräsentanten der Muslime übernehmen könnte. Andere Vereinigungen wie Milli Görüs kommen nicht in Frage. Die säkulare Ausrichtung der DITIB und die Loslösung von der Türkei wäre für die Integrationspolitik sehr fördernd.[9]

[...]


[1] Gür, Metin: Türkisch-islamische Vereinigungen in der BRD, Frankfurt a. M., 1993, S. 18-19.

[2] Ibid. , S. 26.

[3] Halm, Dirk: Der Islam als Diskursfeld, Bilder des Islams in Deutschland, Wiesbaden, 2008, S. 109.

[4] Ibid. , S. 110.

[5] http://www.ditib.de/detail1.php?id=131&lang=de

[6] http://www.ditib.de/default1.php?id=5&sid=8&lang=de

[7] http://www.ditib.de/default1.php?id=5&sid=9&lang=de

[8] Ende, Werner/ Steinbach, Udo: Der Islam in der Gegenwart, München, 2005, S. 592.

[9] http://www.migration-boell.de/web/integration/47_385.asp

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Türkisch-Islamische Vereinigungen in Deutschland und die Rolle des Islams in der Türkei im Vergleich
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Muslime in säkularen Rechtsstaaten Europas
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V139132
ISBN (eBook)
9783640489992
ISBN (Buch)
9783640489671
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Türkisch-Islamische, Vereinigungen, Deutschland, Rolle, Islams, Türkei, Vergleich
Arbeit zitieren
Ayca Aytekin (Autor), 2009, Türkisch-Islamische Vereinigungen in Deutschland und die Rolle des Islams in der Türkei im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/139132

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